
Vom 2. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt die Sonderschau „Anna Hulačová. Abundantia“ anlässlich des tschechischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse. Es ist die erste Einzelausstellung der tschechischen Künstlerin Anna Hulačová (geb. 1984 in Sušice) in Deutschland.
„Wir nutzen das sehr gerne, den Gastlandauftritt des entsprechenden Gastlandes für einen Anhaltspunkt als Anker, als die Anlaufstelle für unser Ausstellungsprogramm aufzugreifen.“ Und in diesem Jahr ist das Gastland Tschechien. So „haben wir ja ortsspezifisch in Halle 2 einen, kann man sagen, zweiten tschechischen Pavillon eingerichtet, zu dem, was die Besucher auf der Messe finden werden.“
Es gehe der Schirn darum, ähnlich wie der internationale Buchmarkt von literarischen Neuentdeckungen lebe, als internationale Kunsthalle zu zeigen, was andernorts vielleicht schon bekannt, hier aber noch unbekannt sei, unterstreicht der Schirn-Direktor.
Aus der Geschichte der Schirn sei bekannt, dass im Hause zudem schon etliche Schauen zum Thema „Zentral-Osteuropa“ und auch zur Geschichte der Kunst in der postsowjetischen Ära gezeigt wurden, mit Ausstellungen wie „Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit“ (2003), „Die große Utopie. Die russische Avantgarde 1915–1932“ (1992) oder 2008 „Die totale Aufklärung. Moskauer Konzeptkunst 1960–1990“. Damit habe man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die weltpolitische und kulturpolitische Lage in Europa und um Europa verändert habe: vor dem Fall der Mauer und nach dem Fall der Sowjetunion. Insbesondere gehe es darum, welche Konsequenzen diese Prozesse für die Künste gehabt hätten.
Anna Hulačovás Ausstellung „Abundantia“ passe bestens in diesen Reigen. Denn „dieses Thema wird Ihnen auch in dieser Ausstellung begegnen. Es sind Skulpturen, in deren Topos uns ‚Surrealismus‘ und ‚Sozialistischer Realismus‘ zugleich begegnen und uns fragen lassen: ‚Wie kann es denn zusammenpassen?‘“
Aber „genau diese Frage nach Hybridität, nach einem sogenannten Mixtape, nach einer Vermischung, die steht im Ausdruck und Vordergrund dieses Werkes“, vertieft Baden. Hulačová greife zudem auf Elemente tschechischer Volkskunst zurück und schaffe somit „eine lokale und eine globale Verbundenheit im Werk“.
Diese gelte es in der Ausstellung zu entdecken: eine Verbindung von Einflüssen von Surrealismus, Sozialistischem Realismus und tschechischer Volkskunst zu einem eigenständigen Kosmos. Und wenn man sich daran erinnere, was die sozialistischen Bildtraditionen wollten – eine Ideologie voranzubringen mit einer Kritik an anderen Ideologien, wie zum Beispiel dem westlichen Kapitalismus –, dann könne man aus diesem binären Modell als Künstler und Institution natürlich nur lernen und bringe hier die umgekehrte Frage in die Welt: „Wie kann man diesen alten Ideologien eine neue reflektierte und offene Position entgegenstellen?“
Zum Werk – Neue reflektierte und offene Position altem Sozialistischem Realismus gegenübergestellt

Anna Hulačová (geb. 1984 in Sušice) präsentiert in ihrer Schau eine der interessantesten Positionen der jüngeren Generation tschechischer Künstler. Hulačová, die auf einem Bauernhof aufwuchs, verbindet in ihren figurativen Skulpturen die Einflüsse von Surrealismus, Sozialistischem Realismus und tschechischer Volkskunst zu einem eigenständigen Kosmos, wobei sie ihre Kunst aus einer tiefen Verbundenheit mit Pflanzen und Tieren und nicht aus der Doktrin des die künstlerische Freiheit einengenden Sozialistischen Realismus mit verordnetem Optimismus schöpft.
Dies durchschaut der Betrachter aber erst auf den zweiten Blick, woraus sich ein Teil der Spannung in ihrem Werk ergibt, nämlich ihre subversiven Botschaften mit surreal leicht verzerrten Stilelementen in einer realsozialistisch anmutenden Formensprache zu präsentieren.
Ein Wandtext erläutert Hulačovás Werk, etwa wie die Künstlerin das Verhältnis von Mensch, Natur und Technologie untersucht und so erkenntnisreich ihre Skulpturen erschaffen habe. Sie sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. Und so basiere ihre Vision auf einer tiefen Verbundenheit mit Pflanzen und Tieren, aber auch auf einem ausgeprägten Bewusstsein für drängende Themen wie die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Folgen der Monokultur oder die Verarmung der Biodiversität.
Auf dem Land, ihrem Lebensmittelpunkt, „entstehen ihre Arbeiten in einem ungewöhnlichen Prozess der Ko-Kreation mit mehreren Bienenvölkern in ihrem Garten. Sie platziert jeweils ein Werkstück in einen leeren Bienenstock und bringt ein Volk zum Schwärmen. Ihre Skulpturen sind meist aus Beton oder Lindenholz und bieten Hohlräume, die die Bienen mit Waben füllen. Dadurch ergänzen sie die Werke und bereichern sie mit neuen Formen. Hart trifft auf Weich, Beton auf Wachs, Künstliches auf Natürliches. Nicht von ungefähr stellt Hulačová die Biene als kraftvolle Metapher ins Zentrum ihrer Arbeit. In der Geschichte der Kunst ranken sich vielfältige Erzählungen, philosophische und religiöse Konzepte um die Biene.
Als staatenbildendes Insekt steht sie für (weiblichen) Fleiß, für das sozialistische Arbeitskollektiv, symbolisiert aber auch Mystisches. So fasziniert die Künstlerin die antike Vorstellung, dass Bienenkolonien aus den Kadavern von Stieren geboren wurden und Unsterblichkeit symbolisierten“, so der Text.
„In unserer Ausstellung wirft Anna Hulačová einen Blick auf die komplexen Gegebenheiten rund um den landwirtschaftlichen Status quo. Zwischen Dystopie und Utopie, Antike und Gegenwart, Mythos und Realität siedelt die Künstlerin ihre Science-Fiction-Tableaus einer ökofeministischen Zukunft an“, erläutert Kuratorin Martina Weinhart, die die in Tschechien sehr bekannte Künstlerin entdeckte und nach Frankfurt brachte.
Die Künstlerin bringe in ihren Werken drei verschiedene Referenzsysteme zusammen: den Surrealismus, den Sozialistischen Realismus und die tschechische Volkskunst – allen gemein ist die figurative Tradition.
Für den Titel der Ausstellung wählte Hulačová die Figur der Abundantia, die in der römischen Mythologie für Wohlstand und Überfluss stand. Das Wachstum und die Fülle scheinen unbegrenzt. Doch sind die Arbeitsbienen hier ebenso wenig sichtbar wie die Ressourcen, die Mühe oder die tägliche Arbeit, auf die sich ein solcher Wohlstand stützt – gezeigt wird nur das Füllhorn der Abundantia, das seinen Reichtum auf magische Weise ausschüttet.
Saal 1

Die Werke im Saal 1 präsentieren Werke aus Hulačovás Welt. In dieser sind Mensch und Maschine untrennbar miteinander verbunden. Die Künstlerin verknüpft in ihren Skulpturen Landwirtschaft und Technologie vor dem Hintergrund ihrer eigenen Sorge um die Umwelt, die durch die Industrialisierung und insbesondere durch die Folgen der sozialistischen Landwirtschafts-Kollektivierung in Tschechien hochgradig gefährdet ist.
Obgleich zunächst realsozialistisch anmutend, wirken die Werke im Eingangsraum der Ausstellung zugleich futuristisch, mitunter surreal. Hier verteilen sich wuchtige Beton-Maschinen wie Engine (2026) oder Big Machine (2026). Sie sind stark abstrahiert, doch scheinen auch sie irgendwie der Landwirtschaft zu dienen.
In der Tschechoslowakei waren viele Bauten mit sozialistischen Motiven aus Beton dekoriert. Von der Decke hängen ebenfalls aus Beton gegossene Reliefs, die mit feinen Zeichnungen aus Grafit versehen und mit geschnitztem Lindenholz kombiniert oder durch Bienenwaben ergänzt werden.
Hulačová bezieht sich hier auf vielfach an sozialistischen Bauten anzutreffende Reliefs und verwendet aus diesem Kontext vertraute Motive oder Formen wie etwa aufstrebende Ähren. Schwungvolle organische oder vegetabile Formen sind nicht selten mit dem aus dem Kommunismus vertrauten Vokabular verziert.
So vermitteln sie etwas von dem verordneten Optimismus des Systems, brechen diesen aber zugleich. Andere Reliefs kombinieren das graue Industriematerial mit natürlichem Lindenholz. Hier und dort sind kleine Inseln aus Wachs zu erkennen, wie Zungen hängen sie zwischen den Blättern und Zweigen – eine scheinbar perfekte Symbiose.
Vielleicht sind diese Waben Spuren der fremdartigen Wesen, die zwischen den Arbeitsmaschinen erscheinen. Unheimliche insektenhafte Gestalten schauen uns mit großen Augen an. Sie haben übergroße kahle Köpfe, chitinartige Körper und scherenartige Extremitäten, die denen von Gottesanbeterinnen ähneln, so als wären sie einem Comic der 1950er-Jahre entsprungen oder einem Science-Fiction-Film.
In der Schirn verbindet die Künstlerin diese mit den Skulpturen Alien Bees (2021 und 2026) – insektenhafte Gestalten, die humanoide Merkmale tragen und an Comics der 1950er-Jahre oder Science-Fiction-Filme erinnern.
Saal 2

Im zweiten Ausstellungsraum ist die Neuproduktion Still Life / Still Alive (2026) zu sehen, ein Lebensmittel-Förderband vor metallischen, klinisch wirkenden Wänden. Figurinen von Arbeiterinnen sind im Raum verteilt. Am Ende des Förderbandes haben sich Früchte zu einem Berg aufgestaut, eine Arbeiterin versucht, der Fülle der Produkte mit einem Quirl beizukommen.
Es sind auch Referenzen auf Darstellungskonventionen der westlichen (männlichen) Kunstgeschichte, in denen Frauen vielfach mit einer üppigen Fülle von Früchten verbunden wurden, wie etwa in Marktszenen des 16. Jahrhunderts. Zugleich verweist die Künstlerin auf die nicht nur historische Dimension der Ausbeutung (weiblicher) Arbeitskraft in der arbeitsteiligen und maschinengestützten Produktionskette der Lebensmittelerzeugung bis hin zur Lebensmittel verarbeitenden Verbraucherin.
Die zweite Arbeit im Raum, After Bugonia (2025), adressiert die Milchwirtschaft. Drei Arbeiterinnen mit Gummistiefeln, Arbeitskitteln und Kopftüchern erinnern in Habitus und Ästhetik an die Figurativität des Sozialistischen Realismus. Die totalitäre Kunst propagierte den Archetypus der Mutter mit Begriffen wie Land, Erde, Fruchtbarkeit.
Die Köpfe der Arbeiterinnen sind gesichtslos oder mit Bienenwaben ausgefüllt. Der Titel After Bugonia entstammt dem antiken Mythos, dem zufolge Bienenvölker aus den toten Körpern von Stieren geboren wurden (Bugonie). Über das Motiv der Biene entsteht ein vielschichtiger Referenzkreis.
Nicht zuletzt steht die Biene als weibliches Kollektiv mit Redewendungen wie „tüchtig wie eine Biene“ auch für die unsichtbare weibliche Arbeitskraft vieler Frauen in den unterschiedlichsten Gesellschaften.
Ein Erlebnis für alle Sinne
Im Foyer lädt eine multisensorische Station dazu ein, einzelne Materialien und Motive der Ausstellung über Tast-, Hör- und Geruchseindrücke kennenzulernen.
Das Angebot richtet sich an alle Besucherinnen und Besucher – an sehende und sehbehinderte Menschen, Erwachsene und Kinder – und ermöglicht einen inklusiven Zugang zu ausgewählten Aspekten der Ausstellung.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
