Das ZIN in Brüssel gewinnt den Internationalen Hochhaus Preis 2026/27 – Hier liegt die höchste Dachterrasse der Stadt. © DAM Foto: Kirsten Bucher

Bei einer Pressekonferenz in den Räumlichkeiten der DekaBank im FOUR, T1, im 53. Obergeschoss, wurde heute im Vorfeld der feierlichen Verleihung des mit 50.000 Euro dotierten 12. Internationalen Hochhauspreises 2026/27 der Gewinner bekannt gegeben: das Mixed-Use-Hochhaus ZIN in Brüssel. Die Architekturbüros 51N4E, l’AUC und Jaspers-Eyers Architects überzeugten die internationale Jury mit einem außergewöhnlichen Transformationsprojekt, das beispielhaft für einen Paradigmenwechsel im Hochhausbau steht. Statt vollständigem Abriss und Neubau setzt ZIN auf die Weiterentwicklung vorhandener Bausubstanz, Ressourcenschonung, flexible Nutzungsmöglichkeiten und eine neue Verbindung zwischen Architektur und Stadtgesellschaft.

In luftiger Höhe, rund 230 Meter über Frankfurt, begrüßte Daniela Gniss, Pressesprecherin der DekaBank, die Vertreter der Medien. Der Veranstaltungsort im 53. Obergeschoss des T1 sei durchaus angemessen, wenn es darum gehe, das weltweit beste Hochhaus auszuzeichnen, bemerkte sie augenzwinkernd. Zugleich nahm sie die Gelegenheit wahr, zunächst einen Blick auf die Geschichte des Internationalen Hochhauspreises (IHP) zu werfen, der seit 2004 alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt, dem Deutschen Architekturmuseum und der DekaBank gemeinsam ausgelobt wird.
Auf dem Podium standen dazu die drei Partner des Preises: Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, Birgit Dietl-Benzin, Vorständin der DekaBank, und Peter Cachola-Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums. Gemeinsam beleuchteten sie die Entstehungsgeschichte des Wettbewerbs, seine internationale Bedeutung und die veränderten Anforderungen an den Hochhausbau.

Pressekonferenz zum Internationalen Hochhauspreis im FOUR (v.l.): Daniela Gniss, Pressesprecherin DekaBank, Kulturdezernentin Ina Hartwig, Birgit Dietl-Benzin, Vorständin der DekaBank, Peter Cachola-Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, und die Architekten des Gewinnerprojekts Alessandro Gess und Johan Anrys. © Foto: Diether v. Goddenthow

Ein international anerkannter Architekturpreis mit Frankfurter Wurzeln
Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig erinnerte daran, dass die Idee zu dem Preis 2003 gemeinsam mit der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth und der DekaBank entwickelt worden war. Die damalige Leiterin des gesellschaftlichen Engagements der DekaBank, Frau Schuster-Müller, habe die Entwicklung und Organisation von Anfang an mit großem Engagement und Herzblut begleitet. 2004 wurde der Internationale Hochhauspreis erstmals in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Dass die Preisverleihung bis heute an diesem Ort stattfindet, empfinde sie als besonders passend.
Die Paulskirche sei schließlich nicht nur ein bedeutender historischer Ort, sondern Frankfurts Ort der Demokratie. Hier habe sich 1848 das erste deutsche Parlament konstituiert. Auch Hochhäuser hätten etwas mit Demokratie zu tun, deutete Hartwig an und verwies damit auf die gesellschaftliche Verantwortung, die mit der Entwicklung und Gestaltung urbaner Räume verbunden sei.

Inzwischen habe sich der Preis in der internationalen Fachwelt großes Ansehen erworben. Dazu habe insbesondere auch das Deutsche Architekturmuseum unter der langjährigen Leitung von Peter Cachola-Schmal beigetragen. Er habe das Nominierungssystem eingeführt, bei dem nicht die üblichen Bewerbungen der Architekten und Bauherren im Mittelpunkt stehen, sondern herausragende Gebäude weltweit von Experten identifiziert und vorgeschlagen werden. Die ausgezeichneten Projekte würden international häufig als Vorbilder für Architekten und Projektentwickler wahrgenommen.

Dass nicht zwangsläufig ein Frankfurter Hochhaus unter den Finalisten oder gar Gewinnern zu finden sei, liege auch an den unterschiedlichen Dimensionen des internationalen Baugeschehens. Während Frankfurt höchstens einen Neubau von über 100 Metern jährlich zur Gruppe der Hochhäuser beitragen könne, entstünden beispielsweise in China jedes Jahr Hunderte solcher Gebäude.

Hartwig verwies in diesem Zusammenhang auch auf das Gebäude, in dem die Pressekonferenz stattfand: Das FOUR von UNStudio wäre sicherlich ein aussichtsreicher Kandidat für den Hochhauspreis gewesen. Da die DekaBank jedoch selbst Mieterin in dem Gebäude sei und zu den Ausrichtern des Preises gehöre, sei eine Nominierung ausgeschlossen gewesen, um jeden möglichen Interessenkonflikt von vornherein auszuschließen. Außer Konkurrenz sei das FOUR dennoch in der Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums und im begleitenden Katalog berücksichtigt worden.
Unter den insgesamt 30 diesjährigen Nominierungen befanden sich immerhin zwei Frankfurter Architekturbüros: Schneider + Schumacher mit ihrem Innovation Center in Shenzhen sowie Cyrus Moser Architekten mit dem Europaallee Tower.
Hochhäuser müssen mehr sein als wirtschaftliche Investitionen

Mit Blick auf die gegenwärtige Situation der Bauwirtschaft verwies Hartwig auf die angespannte wirtschaftliche Lage, gestiegene Zinsen, schwierige Finanzierungsbedingungen, fehlendes Fachpersonal auf den Baustellen und steigende Bau- und Materialkosten. Zugleich schwebten über allen Bauvorhaben die Herausforderungen des Klimawandels. Umso entscheidender sei es, Hochhäuser nicht ausschließlich als wirtschaftliche Investitionen zu betrachten, sondern sie ebenso als soziale und ökologische Projekte zu verstehen.
Gebäude müssten nicht nur ästhetisch überzeugen, sondern auch nachhaltig sein und den Bedürfnissen kommender Generationen gerecht werden. Als positive Beispiele nannte sie unter anderem den Mäckler-Tower und das für 2028 geplante Pendant des Weltkulturen Museums sowie den bereits über 100 Meter hochgewachsenen Neubau des Central Business Tower. Diese Projekte zeigten, wie Hochhausarchitektur und Natur Hand in Hand gehen könnten und wie sich Gebäude zum Stadtraum hin öffnen ließen. Es entstünden Orte der Begegnung und des Austauschs, die sie als ein absolutes Zukunftsmodell bezeichnete.

Der Internationale Hochhauspreis biete die Möglichkeit, die aktuelle Entwicklung der Hochhausarchitektur weltweit zu beobachten, Frankfurt im internationalen Vergleich einzuordnen und die Auswirkungen solcher Bauvorhaben auf die Stadtgesellschaft zu diskutieren. Hartwig, die selbst bereits in der Jury mitgewirkt hat, bezeichnete den Preis sinngemäß als Seismograph für die Entwicklung der Hochhausarchitektur und die sich wandelnden gesellschaftlichen Vorstellungen davon, welche Aufgaben und Qualitäten solche Gebäude künftig erfüllen müssen.

Nachhaltigkeit als ökonomische und gesellschaftliche Verantwortung

An diese Überlegungen knüpfte Birgit Dietl-Benzin, Vorständin der DekaBank, an. Für die DekaBank als langfristig agierenden Immobilieninvestor sei Nachhaltigkeit ein zentrales Thema. Gemeinsam mit der Stadt Frankfurt und dem Deutschen Architekturmuseum habe man den Preis vor 22 Jahren ins Leben gerufen und freue sich, ihn inzwischen als international anerkannten Architekturpreis gemeinsam verleihen zu können.

Die Förderung von Architektur sei dabei ein selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Engagements der DekaBank. Als Wertpapierhaus der Sparkassenorganisation unterstütze sie neben Bildung, Finanzbildung, Kultur, Kunst, Musik, Sport und sozialen Projekten auch die Architektur. Denn Architektur bilde einen wesentlichen Teil unserer Gesellschaft und Gemeinschaft ab. Menschen lebten und arbeiteten in Gebäuden, sie schafften Räume, in denen Menschen zusammenkämen und miteinander agierten.

Gerade in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der viele Menschen einen großen Teil ihrer Zeit am Smartphone verbrächten, sei es wichtig, das Interesse an Architektur wieder stärker zu wecken und das Wissen um ihre Bedeutung zu vertiefen.

Beim Hochhausbau gehe es dabei um Entscheidungen, die nicht nur kurzfristig, sondern für Generationen getroffen würden. Als Beispiel führte Dietl-Benzin die Entwicklung des FOUR-Quartiers an. Wo früher am Wochenende wenig Leben geherrscht habe und die Bürogebäude weitgehend leer gewesen seien, entstehe durch die neue Nutzungsmischung ein lebendiger Stadtraum, der Menschen zusammenbringe.

Als internationaler Immobilieninvestor sei die DekaBank deshalb nicht nur daran interessiert, Immobilien langfristig ökonomisch wertstabil zu halten. Vielmehr gehe es darum, Gebäude und Quartiere zu schaffen, die auch künftig lebenswert seien. Ökonomie und Ökologie stünden dabei keineswegs im Widerspruch, sondern könnten Hand in Hand gehen.

Wie groß die Verantwortung der Immobilienwirtschaft sei, verdeutlichte Dietl-Benzin mit Zahlen: Rund 30 Prozent des weltweiten CO₂-Ausstoßes entfielen auf Immobilien und deren Nutzung. Etwa 40 Prozent des Energiebedarfs würden in Gebäuden benötigt. Daraus ergebe sich ein erheblicher Hebel, um auf Klimaschutz und Energieeffizienz einzuwirken.

Die DekaBank besitze und verwalte weltweit treuhänderisch rund 550 Objekte. Zwar entwickle und baue sie selbst keine Gebäude, modernisiere, saniere und entwickle aber vorhandene Immobilien weiter, um deren Energieeffizienz zu verbessern und den CO₂-Ausstoß zu reduzieren. Stolz sei man darauf, bereits bei 80 Prozent der Gebäude eine entsprechende Nachhaltigkeitszertifizierung erreicht zu haben.

Zudem sei Nachhaltigkeit längst auch zu einem wichtigen Entscheidungskriterium für Mieter geworden. Gerade hochwertige Mieter erwarteten heute energieeffiziente Gebäude und entsprechende Nachweise. Niedrigere Nebenkosten seien dabei ein zusätzlicher Vorteil.

Allerdings dürfe Nachhaltigkeit nicht auf ökologische Aspekte reduziert werden. Im Rahmen der ESG-Kriterien – Environmental, Social und Governance – müsse ebenso die soziale Qualität berücksichtigt werden. Gebäude sollten flexible Nutzungsmöglichkeiten bieten, modernes Arbeiten ermöglichen, Außenräume integrieren und durch eine angenehme Atmosphäre Menschen zusammenbringen. Es gehe darum, lebendige Quartiere zu schaffen und damit auch einen Beitrag zur Stadtentwicklung zu leisten.

Für die DekaBank sei Nachhaltigkeit inzwischen mindestens ein gleichgewichtiges Qualitätskriterium neben der klassischen Standortbewertung. Umso erfreulicher sei es, dass diese Kriterien auch bei der Auswahl der diesjährigen Finalisten und des späteren Gewinners eine wichtige Rolle gespielt hätten.

Was ein gutes Hochhaus heute auszeichnet
Peter Cachola-Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, gab anschließend Einblicke in die Arbeit der internationalen Jury und die Auswahl der fünf Finalisten. Entscheidend sei, dass architektonische Visionen nicht allein auf dem Papier überzeugten, sondern auch von Projektentwicklern, Investoren und Finanzierern mitgetragen würden. Nur dann könnten innovative Ideen tatsächlich Realität werden.

Weltweit seien in den vergangenen zwei Jahren mehr als 1.000 Hochhäuser entstanden. Viele davon seien allerdings lediglich verspiegelte Glaskästen, die weitgehend isoliert in ihrer Umgebung stünden. Solche Gebäude entsprächen nicht dem Anspruch des Internationalen Hochhauspreises. Gesucht würden vielmehr Projekte, die neue Wege gingen und einen Mehrwert für ihre Umgebung und die Menschen schafften.

Der Preis könne dazu beitragen, dass nicht nur Architekten, sondern vor allem auch Städte, Projektentwickler und Investoren ihre Vorstellungen vom Hochhausbau weiterentwickelten. Die ESG-Kriterien und entsprechende europäische Regulierungen hätten dabei weltweit Einfluss. Wenn Investoren und Mieter begründen und nachweisen müssten, weshalb sie sich für bestimmte Gebäude entschieden, wirke sich das letztlich auf die Projektentwickler und Architekten aus.

Als Beispiel für eine solche Entwicklung nannte Cachola-Schmal Singapur, wo Stadtplanung, Projektentwickler und Architekten eng zusammenarbeiteten und städtebauliche Veränderungen gemeinsam voranbrächten.

Eine wichtige Leitlinie der Jury sei dabei der Gedanke: „Sei ein guter Nachbar.“ Ein Hochhaus müsse mehr sein als ein architektonisch spektakuläres Einzelobjekt. Es müsse sich in seine Umgebung einfügen, Qualitäten für die Stadt schaffen und möglichst unterschiedliche Nutzungen miteinander verbinden.

Anhand der fünf Finalisten erläuterte Cachola-Schmal die unterschiedlichen Ansätze, die die Jury überzeugt hatten.

ZIN in Brüssel: Transformation statt Abriss

51N4E, Brüssel, Belgien; l’AUC, Paris, Frankreich; Jaspers-Eyers Architects, Brüssel, Belgien ZIN, Brüssel, Belgien Foto: Kirsten Bucher

Dann wurde es spannend: Birgit Dietl-Benzin hatte die Ehre, den Gewinner des Internationalen Hochhauspreises 2026/27 bekannt zu geben. Ihre Wahl fiel auf das ZIN in Brüssel, das sie als Paradebeispiel einer gelungenen, zukunftsweisenden Transformation bezeichnete.
Dafür gebe es drei wesentliche Gründe: den ressourcenschonenden Umgang mit vorhandenen Materialien, die flexible Nutzungsmischung und die Schaffung eines lebendigen Quartiers mit Qualitäten für die Allgemeinheit.
Das Gebäude sei eben nicht einfach abgerissen und neu errichtet worden. Vielmehr habe man die vorhandene Bausubstanz genutzt und weiterentwickelt. Ausgebautes Material sei, wo immer möglich, wiederverwendet worden. Damit stehe das Projekt beispielhaft für eine Kreislaufwirtschaft und das sogenannte Cradle-to-Cradle-Prinzip.

Hinzu komme die außergewöhnliche Nutzungsmischung aus Wohnen, Büro, Hotel und öffentlich zugänglichen Bereichen. Dadurch sei ein Quartier entstanden, in dem tagsüber und nachts etwas los sei und das sich deutlich von einer monofunktionalen Bürostadt unterscheide.

Besonders eindrucksvoll schilderte Dietl-Benzin ihre persönlichen Eindrücke von einer Besichtigung vor Ort. Bei fast 35 Grad Außentemperatur sei sie zuvor durch eher unwirtliche, von Beton geprägte Bereiche Brüssels gekommen. Umso überraschender sei der Empfang in der begrünten Orangerie des ZIN gewesen. Hohe Pflanzen hätten Schatten gespendet, die Atmosphäre sei unmittelbar angenehmer gewesen. Auch die Dachterrasse mit ihrem 360-Grad-Blick über Brüssel habe ihrem Namen alle Ehre gemacht. Man habe sich dort sofort wohlgefühlt. Für sie sei das ein eindrucksvoller Beleg dafür gewesen, wie Architektur, Begrünung und Aufenthaltsqualität zusammenwirken könnten.

Peter Cachola-Schmal ergänzte die Würdigung aus Sicht der Jury. Er habe das Gebäude gemeinsam mit Birgit Dietl-Benzin besichtigt. Der persönliche Eindruck vor Ort sei vollkommen überzeugend gewesen. Besonders beeindruckt habe ihn, dass in dem Gebäude die flämische Regierung ihren Sitz habe und dort fast 4.000 Menschen arbeiteten. Ein Arbeitsplatz, der so viel zu bieten habe, dass man eigentlich gar nicht mehr im Homeoffice arbeiten wolle, bemerkte er augenzwinkernd.

Auch der städtebauliche Kontext sei entscheidend. Das Umfeld des Brüsseler Nordbahnhofs sei bislang kein besonders attraktives Quartier gewesen. Die Gegend sei durch frühere städtebauliche Fehlentwicklungen geprägt, die mit dem sogenannten Manhattan-Projekt der 1970er Jahre verbunden gewesen seien. Damals waren Bürogebäude entstanden, die nach Feierabend kaum noch Leben auf die Straßen brachten.

Mit dem ZIN werde nun ein anderer Weg eingeschlagen. Das Projekt könne zum Ausgangspunkt einer umfassenden Erneuerung des Brüsseler Nordquartiers werden. Cachola-Schmal zeigte sich beeindruckt davon, wie Architekten, Bauherr, Investor und öffentliche Hand hier gemeinsam an einem Strang gezogen hätten. Drei Architekturbüros hätten kooperiert, der Investor habe die Transformation ermöglicht und mit der flämischen Regierung sei ein wichtiger Ankermieter gefunden worden.

Das Ergebnis sei ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie ein Gebäude nicht nur seine eigene Qualität verbessern, sondern darüber hinaus die Entwicklung eines ganzen Stadtviertels positiv beeinflussen könne.

Die Statuette des Künstlers Thomas Demant geht an das ZIN in Brüssel (v.l.): Peter Cachola Schmal, Direktor DAM, Kulturdezernentin Ina Hartwig, Deka-Vorständin Birgit Dietl-Benzin, Loik Eyers von Jaspers-Eyers Architects, Johan Anrys von 51N4E, Djamel Klouche und Alessandro Gess von l´AUC, John Eyers von Jaspers-Eyers Architects, © Foto: Diether v. Goddenthow

Ein Gebäude, das die Stadt wiederbelebt
Ein Film über das Siegerprojekt vermittelte anschließend weitere Eindrücke von der Entstehung und den Qualitäten des ZIN. Die beiden ehemaligen World-Trade-Center-Türme am Brüsseler Nordbahnhof waren ursprünglich in den frühen 1970er Jahren entstanden. Das sogenannte Manhattan-Projekt hatte damals eine klassische Bürostadt geschaffen, die nach Büroschluss weitgehend verwaiste.

Mit der Transformation zum ZIN sollte diese Entwicklung umgekehrt werden. Das Gebäude steht für „Zin“, einen Begriff, der im übertragenen Sinne die Lust auf den Norden und die Wiederbelebung des Quartiers aufgreift.

Die beiden Türme wurden nicht vollständig abgebrochen. Stattdessen blieben die Erschließungskerne und die fünf Untergeschosse erhalten. Zwischen die Türme wurde ein verbindender Gebäudeteil geschoben, der aus den ursprünglich zwei Hochhäusern einen zusammenhängenden Gebäudekomplex machte. Mit einer Höhe von 129 Metern entstand so ein neues architektonisches Ensemble, das nicht auf die Wirkung eines spektakulären Wolkenkratzers um seiner selbst willen setzt.

Die flämische Regierung ist mit rund 4.000 Beschäftigten der wichtigste Ankermieter. Daneben gibt es ein Hotel der Hotelkette The Standard, Appartements, eine Sporthalle, gastronomische Angebote sowie öffentlich zugängliche Bereiche. Ein besonderes Highlight ist das Gewächshaus auf dem Dach, das zugleich als Terrasse und Veranstaltungsort genutzt werden kann.

Die Architekten von 51N4E und ihre Partner entwickelten das Konzept in enger Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und Investor Befimmo. Die Möglichkeit, direkt im bestehenden Gebäude zu arbeiten, habe den Planungsprozess wesentlich geprägt. Im 19. Stock sei dafür sogar ein eigenes Projektbüro eingerichtet worden. Dort seien die verschiedenen Experten, Interessen und Anforderungen zusammengeführt worden.

Die Entscheidung, die vorhandene Konstruktion weitgehend zu erhalten, sei keineswegs selbstverständlich gewesen. Ein Abriss und Neubau wäre einfacher gewesen, erläuterten die Beteiligten im Film. Doch die vorhandene Grundkonstruktion sei gut gewesen und habe eine Weiterentwicklung geradezu nahegelegt. Deshalb sei geprüft worden, welche Bauteile und Materialien übernommen und welche ausgebauten Elemente in anderen Bereichen wiederverwendet werden könnten.

Das Ergebnis ist ein Projekt, das die Qualitäten eines Hochhauses neu definiert: nicht als isoliertes Wahrzeichen, sondern als lebendiger, vielfältig genutzter Bestandteil der Stadt. Oder, wie es im Film auf den Punkt gebracht wurde: Das beste Hochhaus ist ein lebendiges Hochhaus.

 

Verleihung in Paulskirche 

Bei der feierlichen Preisverleihung am Abend in der Frankfurter Paulskirche nahmen die Architekten Johan Anrys und Olivier Cavens von 51N4E, Alessandro Gess und Djamel Klouche von l’AUC sowie John und Loik Eyers von Jaspers-Eyers Architects gemeinsam mit Jean-Philip Vroninks für den Bauherrn Befimmo die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen. Überreicht wurde sie von Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig, DekaBank-Vorständin Birgit Dietl-Benzin und DAM-Direktor Peter Cachola-Schmal. Zum Preis gehört außerdem eine eigens vom international renommierten Künstler Thomas Demand gestaltete Statuette.

Mit dem ZIN wird damit nicht nur ein herausragendes Architekturprojekt ausgezeichnet, sondern auch eine Entwicklung gewürdigt, die für die Zukunft der Städte immer wichtiger wird: vorhandene Gebäude weiterzudenken, Ressourcen zu schonen, unterschiedliche Nutzungen zu verbinden und Hochhäuser als lebendige Orte für Menschen und Stadtgesellschaft zu begreifen.

 

Ausstellung: BEST HIGH-RISES. Internationaler Hochhauspreis 2026/27

Modell des Siegerbaus ZIN in Brüssel Nord in der Ausstellung zum Internationalen Hochhauspreis 2026 /2027 © Foto: Diether v. Goddenthow

Wie sieht das Hochhaus der Zukunft aus? Die Ausstellung „BEST HIGH-RISES. Internationaler Hochhauspreis 2026/27“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM), 1. OG,  präsentiert ab 5. November 2026 den Gewinner sowie alle herausragenden Finalisten des diesjährigen Wettbewerbs und zeigt innovative Hochhausarchitektur aus aller Welt.

Im Mittelpunkt steht das mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnete Projekt ZIN in Brüssel, das eindrucksvoll demonstriert, wie die Transformation bestehender Gebäude neue Maßstäbe für nachhaltiges, vielseitig nutzbares und urban eingebundenes Bauen setzen kann.

5. November 2026 – 4. April 2027
Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main