
Festakt im Wiesbadener Rathaus erinnert an die Eingemeindung von 1926 – Ausstellung im Rathaus-Foyer und neue Quellenedition des Stadtarchivs beleuchten einen entscheidenden Abschnitt der Stadtgeschichte
Wiesbaden. Biebrich, Schierstein und Sonnenberg gehören heute selbstverständlich zu Wiesbaden. Vor 100 Jahren war das noch anders. Die drei damals selbstständigen Kommunen wurden zum 1. Oktober 1926 in die Stadt Wiesbaden eingegliedert und damit zu Stadtteilen der hessischen Landeshauptstadt. An dieses für die Entwicklung Wiesbadens wichtige Ereignis wurde am Freitag, 25. September 2026, mit einem Festakt im Wiesbadener Rathaus erinnert. Begleitend informiert eine Ausstellung im Foyer des Rathauses über die Geschichte der drei Stadtteile, die Voraussetzungen und Hintergründe der Eingemeindung sowie ihre Entwicklung während des vergangenen Jahrhunderts.
Das Jubiläum fällt in das Stadtfestwochenende und rückt damit drei Stadtteile in den Mittelpunkt, die ihre jeweils eigene Geschichte und Identität bewahrt haben. Bereits am Samstag, 26. September, setzen Vereine, Initiativen und Gruppen aus Biebrich, Schierstein und Sonnenberg den historischen Rückblick beim „Markt der Gemeinden“ im Rathausinnenhof fort. Von 10 bis 16 Uhr stellen sie dort ihr gesellschaftliches, kulturelles und ehrenamtliches Engagement vor.
Ein Zusammenschluss mit langer Vorgeschichte

Die Eingemeindung von 1926 kam keineswegs überraschend. Erste Überlegungen, Biebrich und Wiesbaden zusammenzuführen, gab es bereits im 19. Jahrhundert. Die Städte waren durch die Eisenbahn seit 1840 miteinander verbunden, seit 1889 verkehrte zudem eine Straßenbahn zwischen beiden Orten. Mit der Ausdehnung der Bebauung entlang der Verbindungsachsen wuchsen Wiesbaden und Biebrich auch räumlich immer stärker zusammen. Ein erster Vorstoß des damaligen Biebricher Bürgermeisters Rudolf Vogt im Jahr 1895 fand allerdings beim Wiesbadener Oberbürgermeister Carl von Ibell keine Unterstützung.
Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Diskussion erneut Fahrt auf. Wiesbaden suchte nun Gespräche mit Biebrich sowie mit Schierstein und Sonnenberg. Dabei ging es nicht allein um eine Veränderung von Verwaltungsgrenzen. Für Wiesbaden standen Flächenwachstum, wirtschaftliche Stärkung und eine Vereinheitlichung der kommunalen Organisation im Vordergrund. Die Stadt wollte sich nicht ausschließlich auf ihre traditionelle Rolle als Kurstadt stützen. Auch die zunehmende infrastrukturelle und städtebauliche Verbindung mit den Nachbargemeinden spielte eine Rolle. Sonnenberg wurde aus Wiesbadener Sicht als „Landhausvorort“ und gewissermaßen als Fortsetzung des Kurviertels betrachtet.
Keine reine Formsache
Die historischen Quellen zeigen allerdings, dass die Eingemeindung keineswegs ein einfacher Verwaltungsakt war. Die beteiligten Gemeinden verhandelten intensiv über die Bedingungen ihres Anschlusses. Es ging unter anderem um finanzielle Ausgleichsleistungen, die Übernahme von Personal und kommunalen Spitzenbeamten sowie um Sonderregelungen für die künftigen Stadtbezirke. Auch Fragen der städtebaulichen und infrastrukturellen Entwicklung spielten eine wichtige Rolle.
Das Gesetz vom 28. Oktober 1926 über die Erweiterung des Stadtkreises Wiesbaden regelte schließlich die Herausgliederung der Stadt Biebrich am Rhein sowie der Landgemeinden Schierstein und Sonnenberg aus dem Landkreis Wiesbaden und ihre Zuteilung zur Stadtgemeinde und zum Stadtkreis Wiesbaden – rückwirkend zum 1. Oktober 1926. Damit endete die kommunale Selbstständigkeit der drei Orte.
Für Wiesbaden bedeutete dies zugleich einen entscheidenden Schritt auf dem Weg von der mondänen Weltkurstadt zur größeren und räumlich vielfältigeren Stadt. Die Eingemeindung brachte Wiesbaden erstmals drei größere selbstständige Kommunen hinzu. Doch damit war die Erweiterung des Stadtgebiets noch längst nicht abgeschlossen.
Die zweite Eingemeindungswelle 1928
Bereits 1928 folgte eine weitere große Eingemeindungswelle. Damals kamen Bierstadt, Dotzheim, Erbenheim, Frauenstein, Georgenborn, Heßloch, Igstadt, Kloppenheim und Rambach zu Wiesbaden.
Damit veränderte sich das Gesicht der Stadt erneut erheblich. Aus der früheren Kur- und Residenzstadt entwickelte sich zunehmend eine größere, räumlich weit ausgreifende Stadt mit sehr unterschiedlichen Ortsteilen und gewachsenen dörflichen Strukturen.
Rund 50 Jahre später kam es dann erneut zu einer Eingemeindungswelle – diesmal im Zuge der hessischen Gebietsreform. Auch diese Veränderungen gehören zur Geschichte des heutigen Wiesbaden und zeigen, dass die Entwicklung des Stadtgebiets immer wieder von politischen, wirtschaftlichen und verwaltungsorganisatorischen Veränderungen geprägt wurde.
Geschichte wird im Rathaus sichtbar

Die Ausstellung im Foyer des Wiesbadener Rathauses nimmt das Jubiläum zum Anlass, diese Entwicklung anschaulich zu machen. Sie zeigt, wie die drei Orte vor der Eingemeindung aussahen, welche Überlegungen und Interessen hinter dem Zusammenschluss standen und wie sich Biebrich, Schierstein und Sonnenberg seitdem entwickelt haben. Historische Materialien und Exponate aus den Stadtteilen machen die Entwicklung nachvollziehbar und geben den ehemals selbstständigen Gemeinden ein Gesicht.
Damit wird das Jubiläum nicht nur zu einem Blick zurück auf einen Verwaltungsakt vor einem Jahrhundert. Die Ausstellung macht vielmehr deutlich, dass die heutigen Stadtteile ihre eigenen historischen Wurzeln und gewachsenen Strukturen mit in die Stadtgemeinschaft eingebracht haben.
„Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger“
Zum Festakt gehört auch eine neue Veröffentlichung des Stadtarchivs. Unter dem Titel „Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger. 100 Jahre Eingemeindungen nach Wiesbaden“ hat Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg den 19. Band der Reihe „Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden“ herausgegeben.
Auf 480 Seiten versammelt die Quellenedition historische Dokumente zu den unterschiedlichen Eingemeindungsphasen der Wiesbadener Stadtgeschichte. Die erste große Phase begann mit der Eingemeindung von Biebrich, Schierstein und Sonnenberg 1926, die zweite folgte bereits 1928. Rund fünf Jahrzehnte später veränderte die hessische Gebietsreform erneut die kommunalen Grenzen. Band 19 der Schriftenreihe nimmt diese unterschiedlichen Phasen anhand von Dokumenten aus dem Stadtarchiv in den Blick.
Quadflieg versteht den Band ausdrücklich nicht als klassische historische Abhandlung. Vielmehr sollen die Originalquellen selbst sprechen. Sie dokumentieren Gesetzestexte, Verhandlungen, öffentliche Diskussionen und Verwaltungsvorgänge und lassen damit sowohl die Perspektive der aufnehmenden Stadt Wiesbaden als auch jene der eingemeindeten Gemeinden erkennen.
Die Quellenedition zeichnet damit die Entwicklung Wiesbadens von der Weltkurstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts hin zur facettenreichen Großstadt und heutigen Landeshauptstadt nach. Zugleich werden unterschiedliche Interessen, Verhandlungen und Konflikte sichtbar, aus denen sich schließlich eine gemeinsame Stadtgesellschaft entwickelte.
Drei Stadtteile – drei eigene Identitäten

Ein Jahrhundert nach der Eingemeindung ist aus den einst selbstständigen Kommunen ein fester Bestandteil Wiesbadens geworden. Biebrich steht für den Rhein, das Schloss und seine industrielle Geschichte, Schierstein für Hafen, Weinbau und seine besondere Lage am Rhein, Sonnenberg für Burg, Kurviertelnähe und seine Geschichte als einstiger Landhausvorort.
Gerade diese unterschiedlichen Prägungen machen den historischen Zusammenschluss bis heute sichtbar. Die drei Stadtteile sind Wiesbadener Stadtteile geworden, ohne dabei ihre eigene Geschichte und Identität aufzugeben.
Der Festakt im Rathaus und die Ausstellung im Foyer setzen damit einen historischen Akzent im Stadtfestwochenende: Sie erinnern daran, dass Wiesbaden seine heutige Gestalt nicht auf einmal erhalten hat, sondern über Jahrzehnte gewachsen ist – durch Eingemeindungen, Verhandlungen und nicht zuletzt durch das Zusammenwachsen ehemals eigenständiger Orte zu einer gemeinsamen Stadt.
Weitere Information: Stadtarchiv Wiesbaden
