
Steigende Baukosten, belastete Lieferketten, zögerliche Investoren, stagnierender Wohnungsbau, unbezahlbar gewordene Mieten und teure Klimawandelfolgen – über diese und weitere Herausforderungen im Baugewerbe tauschten sich am 26. August 2026 in Frankfurt die Verbände der hessischen Bauwirtschaft aus den Bereichen Hoch- und Tiefbau, Ausbau, Garten- und Landschaftsbau sowie der Baustoffwirtschaft bei einem Sommerfest im Frankfurter Opernturm aus. Prominente Redner waren Prof. Dr. Roman Poseck (CDU), Hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, und Ines Fröhlich (SPD), Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum.
Wertschöpfungsketten sichern – Investitionen in Infrastruktur
Thomas M. Reimann, Präsident des Verbands baugewerblicher Unternehmer Hessen e. V., begrüßte die Gäste „als Teil“ einer Wertschöpfungskette. Laufe es „bei einem in der Kette schlecht, dann spüren es auch die anderen“. Die vergangenen Jahre hätten uns leider nicht viele positive Nachrichten beschert. Und globale Schocks wie beispielsweise niedrige Pegelstände als reale Klimawandelfolgen „haben gezeigt, wie anfällig unsere Branche ist und wie eng die einzelnen Bereiche unserer Wertschöpfungskette miteinander verbunden sind“, so der Präsident. Sand, Kies, Bitumen, Natursteine und andere Baustoffe gelangten häufig per Binnenschiff zu den Betonwerken und Baustellen. Wenn Schiffe weniger laden könnten, verzögerten sich Bauprojekte und die Transportkosten stiegen. Der Klimawandel würde neben seinen Folgen für die Umwelt zu einem ganz konkreten zusätzlichen wirtschaftlichen Faktor für die Bauwirtschaft.

Reimann machte deutlich, dass jede weitere Kostensteigerung für die Bauwirtschaft fatal wäre, da Bauen derzeit ohnehin viel zu teuer geworden sei. So seien allein seit 2021 die Baukosten um 37 Prozent in die Höhe geschnellt. Eine nachhaltige Erholung sei am Bau vorerst nicht in Sicht. Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Hessen lediglich 8.025 Wohnungen genehmigt, deutschlandweit insgesamt 126.300. Faktisch finde der Wohnungsbau derzeit kaum noch statt, so Reimann: „Denn wie viele von den genehmigten Wohnungen werden dann schlussendlich wirklich gebaut?“
Eine weitere Herausforderung beträfe den zum Teil schlechten Zustand der Infrastruktur unserer Städte. Laut Allensbach, so der Präsident, „fühlten sich 35 Prozent der deutschen Bevölkerung vom schlechten Zustand unserer Infrastruktur betroffen“. Damit unsere Städte lebenswert blieben, mit unseren Ansprüchen Schritt hielten und gleichzeitig besser vor Extremwetterlagen geschützt würden, „brauchen wir eine Infrastruktur, die auch mit Hitze, Starkregen und anderen Extremwetterereignissen umgehen kann“, so Reimann. Große Aufgaben lägen also vor den Baubranchen, was aber die Unternehmen auch wieder etwas optimistischer stimmen könne. Man sei ja nicht nur Beobachter, sondern auch selbst Gestalter, und auf die Baubranchen sei Verlass. Sie müssten sich jedoch auch auf eine funktionierende Wertschöpfungskette verlassen können, wozu es verlässliche Rahmenbedingungen, mehr Investitionen in die Infrastruktur und eine Politik bedürfe, „die gemeinsam mit uns Lösungen entwickelt und nicht erst dann reagiert, wenn die Probleme bereits da sind“, sagte Reimann abschließend.
Dilemma zwischen riskantem Bauinvestment oder Aktienkauf
Hausherr Dr. Gregor Seikel, Rechtsanwalt und Partner bei Oppenhoff, beleuchtete aus immobilienwirtschaftlicher Perspektive die Folgen zurückhaltender Bauinvestoren für die Baubranchen. Denn „der Bauwirtschaft geht es dann gut, wenn die Immobilienwirtschaft kräftig investiert und baut!“ Dies sei aber im Moment angesichts gestiegener Baukosten und Zinsen schwierig, da es sich für Investitionen nicht gut rechne. Anhand eines Beispiels rechnete Seikel vor, dass Investoren bei heutigen Quadratmeter-Herstellkosten von 4.000 bis 6.000 Euro in Frankfurt bei einer Zielrendite von 4 Prozent eine Quadratmetermiete von 20 Euro, bei 5 Prozent gar 25 Euro kalkulieren müssten. Das Dilemma wäre also, dass es zurzeit „einfach zu teuer geworden ist mit Bauen und sich nicht rechnet“. Angesichts des Risikos einer Bauinvestition und der Arbeit der Immobilienbewirtschaftung würde dann oft lieber in Aktien oder in Anleihen investiert.
Baubranche ist Schlüsselbranche
Prof. Dr. Roman Poseck nannte die Bauwirtschaft eine Schlüsselwirtschaft „in unserem Lande“. Ohne sie ginge es nicht. Die Bauwirtschaft sei „Seismograph auch für die Dynamik in unserem Land“. Ihr Tun sei „elementar für die gesamte Gesellschaft. Denn jeder kommt mit der Bauwirtschaft in Berührung“. Das Wohnen sei „ein elementarer Teil unseres Lebens, und die Entwicklung der Wohnungswirtschaft, auch der Immobilienwirtschaft, ist wiederum auch elementar für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb haben wir ein ganz großes gemeinsames Interesse, dass es der Bauwirtschaft möglichst gut geht. Denn wenn es der Bauwirtschaft gut geht, dann geht es dem Land insgesamt gut und auch der Gesellschaft“, sagte der hessische Innenminister.
Bauwirtschaft sei überall, und Bauwirtschaft sei elementar. Zwar sei „der Innenminister natürlich primär zuständig für das Thema Sicherheit im Bundesland. Aber auch da gibt es eine Reihe von Berührungspunkten mit der Bauwirtschaft, die uns auch zusammenführen, wo wir auch vor allem eine ganz gemeinsame Interessenlage haben“, so Poseck. Man müsse „die Investitionskräfte wecken, und dazu gehört aus meiner Sicht ‚wirtschaftliche Freiheit‘, ‚unternehmerische Freiheit‘ und eben auch eine ‚entsprechende Perspektive‘“, unterstrich Poseck.

Geringere Baustandards zur Kostensenkung
Wirtschaftsstaatssekretärin Ines Fröhlich bekräftigte, dass kaum „ein politisches Thema den Menschen derzeit so sehr unter den Nägeln brennt wie das bezahlbare Wohnen. Dass sich die Menschen in Hessen weiterhin ihre Miete leisten können, ist eine der zentralen Aufgaben für unsere Politik. Es ist für uns vielmehr eine gemeinsame Aufgabe von Sozial-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, das bezahlbare Wohnen als Grundvoraussetzung für Teilhabe, Fachkräftesicherung und demokratische Stabilität abzusichern, der wir uns stellen. Hierbei gelten für uns keine Denkverbote und keine Tabus“, sagte Fröhlich.
Zwar habe Hessen allein 2025 knapp 700 Millionen Euro in die soziale Wohnraumförderung investiert, damit Wohnraum für die Menschen in Hessen bezahlbar bleibe. Und in den kommenden Jahren würden zusätzlich bis zu 250 Millionen Euro allein aus dem Sondervermögen Infrastruktur des Bundes für die soziale Wohnraumförderung in Hessen bereitgestellt. Aber das sei nur die „eine Seite der Medaille ‚bezahlbarer Wohnraum‘ – die andere sind die Baukosten selbst. Kostengünstiges Bauen wirkt sich auf die Miete und damit auf Bezahlbarkeit aus. Wir könnten noch deutlich mehr Wohnraum mit öffentlichen Mitteln schaffen, wenn wir von überzogenen Standards runterkommen“, erklärte Fröhlich. „Deshalb muss auch das Bauen selbst günstiger werden.“
Die Landesregierung hat dazu die Kommission „Innovation im Bau“ ins Leben gerufen. „Wir sind als Fachministerium auf die fachliche Expertise der Bauwirtschaft angewiesen, um tatsächlich und zielgerichtet dort Änderungen vorzunehmen, wo sie auch entsprechende Wirkung entfalten. Gutes, bezahlbares Wohnen für alle erreichen wir nur, wenn Politik und Wirtschaft gemeinsam handeln. Die von Fachexperten des Wohnungsbaus entwickelten Baupakete I und II beschleunigen nicht nur Genehmigungen und vereinfachen Verfahren, sondern nehmen ebenso die Preistreiber der Kostenerhöhungen in den Blick, damit Kosten sinken können.“
Mit dem Baupaket I hat Hessen bereits die Schaffung zusätzlichen Wohnraums im Bestand erleichtert, Stellplatzvorgaben reduziert und die Nachverdichtung gestärkt. Auch die Digitalisierung schreitet voran: Mehr als 11.000 Bauanträge wurden bereits vollständig über das Bauportal Hessen eingereicht.

Zuversicht ist der Anfang jeder Investition
Christian Rinn, Geschäftsführer von Rinn Beton, beklagte auch die oft einseitige, zu negative Berichterstattung in den Medien. „Die Stimmung bei unseren Konsumenten ist nun mal geprägt von den Nachrichten, den sozialen Medien, aber auch in Funk und Fernsehen.“ Aber auch die Unternehmer und Führungskräfte selbst hätten „da eine ganz wichtige Rolle und Verantwortung. Bei allen Problemen und Herausforderungen, die wir so jeden Tag haben“, gelte es „trotzdem Zuversicht in unsere Unternehmen zu bringen und unsere Mitarbeitenden hier auch positiv zu stimmen“, sagte Rinn. „Denn Zuversicht ist der Anfang jeder Investition. Und Bauen ist die sichtbarste Form, an die Zukunft zu glauben.“
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
