
Gastautorin Dorothee Baer-Bogenschütz fuhr von New York City nach Buffalo, verbrachte eine Nacht im Hotel des Wiesbadener Jawlensky-Preisträgers Brice Marden, traf Winzer Hans Peter Weis, der vor 20 Jahren aus Zell an der Mosel ausgewandert ist und seinen amerikanischen Traum lebt, besuchte Künstlerateliers und zahlreiche Museen, darunter die Franklin D. Roosevelt Presidential Library and Museum. Hautnah kam sie der Geschichte auch in der weltberühmten Militärakademie West Point.
„Die USA sind die von Gott auserwählte Siegernation, dazu bestimmt, die Welt anzuführen“: In seiner Jubiläumsansprache anlässlich des 250. Jahrestages der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten postulierte der US-Präsident die vermeintlich an höchster Stelle besiegelte amerikanische Superiorität. Was es niederzuringen gilt, das definiert Trump.
Des einen Sieg bedeutet eines anderen Niederlage. Neben einer Siegernation sind alle übrigen als unterlegen stigmatisiert, nachrangig ist der Rest der Welt. Trump wählt kein Vokabular der Völkerverträglichkeit und Versöhnlichkeit. Er beschwört ein militantes Amerika. Unterdessen bangt Europa: In welcher Gefahr ist die Nato? Sie soll nun – klingt paradox, kann aber eine Chance sein –, europäischer werden für mehr transatlantischen Rückhalt. Der ließ zuletzt nach. Trump strich die geplante kostenlose Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland. Im Juli kam es zum Deal in seinem Sinne: Deutschland bezahlt nun eben für die „Tomahawks“, nolens volens.
Sollten wir vielleicht als nächstes US-Truppen mieten so wie Großbritannien im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hessische Truppen angemietet hat? Trump droht Deutschland mit Truppenabzug. Rund 37 000 US-Soldaten sind hierzulande stationiert, vorwiegend in Hessen und Rheinland-Pfalz, das sich dennoch entspannt gibt, auch weil 2030 in Ramstein das größte US-Militärhospital außerhalb der USA den Betrieb aufnehmen soll. Heißt für Auguren: Ganz fallen lassen werden die Amis die bewährte Basis sicher nicht. Die hessische Landeshauptstadt ist eng mit dem US-Militär verbunden über das Wiesbaden Army Airfield mit dem Hauptquartier der United States Army Europe and Africa (USAREUR). 1945 wurde die US-Heeresgarnison Wiesbaden gegründet. Die Clay Kaserne ehrt Lucius Clay, den Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1947–1949).
Sprung über den großen Teich, nach West Point im Norden von New York City, zur ältesten und berühmtesten US-Militärakademie. Clay hatte sie 1918 abgeschlossen und wurde 60 Jahre später auf ihrem Friedhof beigesetzt. 1958 war der General in die American Academy of Arts and Sciences mit Sitz in Cambridge, Massachusetts gewählt worden. Die rebellischste der 13 Kolonien, die sich in der Unabhängigkeitserklärung vom Britischen Empire lossagten, bereitete als Ausgangspunkt des Unabhängigkeitskrieges, der 1775 in Lexington und Concord begann, den Boden für den Einsatz hessischer Söldner, ab 1776 in größerem Umfang im Raum New York anzutreffen. Besonders früh begehrt die Hauptstadt des US-Bundesstaates Massachusetts: Boston, wo derzeit die Vorbereitungen für die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 400-jährigen Bestehen im Jahr 2030 laufen, gegen Ungerechtigkeit auf und bezeugt heute, dass die USA kein politischer Eintopf sind. Wieso aber hat Boston keine Partnerstadt in Deutschland?

Ironie der Geschichte: Zuerst bekämpften Hessen Amerikaner auf deren eigenem Boden, jetzt kooperieren sie mit ihnen auf höchster Ebene. Insgesamt könnten an die 20.000 Hessians an der Seite der Briten – wegen ihrer roten Uniform später mit dem köstlichen Spitznamen „Lobsterback“ bedacht – gekämpft haben. Dagegen hatten die freiheitsdurstigen Kolonien, die England in den 1770er Jahren die Stirn boten, gar keine Berufssoldaten. Bürger bekämpften zunächst Bürger, Freiheitskrieger Loyalisten, die dem Empire verbunden bleiben wollten: Sie wurden deswegen ausspioniert, denunziert, eingesperrt. Eine ehemalige Kupfermine in Connecticut, 1773 zum Kolonialgefängnis umgewidmet und heute die Touristenattraktion Newgate Prison, schrieb 1776 Geschichte als erstes staatliches Gefängnis Amerikas.
Bis zur Gründung von West Point an einer markanten Biegung des Hudson, die die Namensgebung „Westlicher Punkt“ erklärt, vergingen Jahrzehnte. Erst 1802 wurde die Kunst der Kriegsführung in West Point verwissenschaftlicht – inmitten einer geradezu bukolischen Landschaft. Die Militärakademie ist die Blaupause für alle späteren ihrer Art. Keine andere aber ist so romantisch grundiert.
Heute ist das Gelände in Teilen öffentlich zugänglich. West Point besitzt ein Museum und seit 2017 ein State-of-the-art-Besucherzentrum. Nicht nur Veteranen strömen herbei, und es können Touren gebucht werden. Nach der Entmachtung des venezolanischen Präsidenten durch die USA im Januar dieses Jahres flackerte West Point im Auge der Weltöffentlichkeit auf: Die Verbringung von Nicolás Maduro in die USA im Rahmen der „Operation unbedingte Entschlossenheit“ rückte den auch militärisch genutzten New York Stewart International Airport – früher Flugfeld für die Pilotenausbildung in West Point und 2023 von Lufthansa über ihre Discover Airlines als potentielles Flugziel getestet –, ins Scheinwerferlicht. Dort betrat Maduro zuerst US-amerikanischen Boden.

Im altehrwürdigen Hotel The Thayer, in dessen Korridoren in Text und Bild die spannenden Biografien Dutzender West Point-Absolventen erzählt werden wie in einem Museum, kann jedermann übernachten und nachlesen, wie Amerika wurde, was es ist. Die einzigartige Unterkunft mit herrlichem Blick auf den Hudson ist benannt nach Sylvanus Thayer, dem „Vater der Militärakademie“, der die dort bis heute befolgte Bildungsphilosophie und Disziplin im 19. Jahrhundert verankert hat.
Dass West Point und die Generäle berühmter Schlachten nicht zuletzt für die US-Filmkunst eine feste Referenzgröße darstellen, liegt nahe: Die größten Hollywoodstars verkörperten legendäre Militärs. West Point nennt im Besucher-Handout nicht nur diejenigen, die auf dem Militärfriedhof am traumhaft friedvoll erscheinenden Hudson ruhen, sondern dazu die Hollywoodhelden von Kirk Douglas bis John Wayne, die sie auf der Kinoleinwand jeweils reanimiert haben.

Viele namhafte Persönlichkeiten durchliefen West Point, die US-Präsidenten Dwight David „Ike“ Eisenhower und Ulysses S. Grant neben 18 NASA-Astronauten. Darüber hinaus beehrten die Ausbildungsstätte für Kriegskunst – was kaum jemand weiß –, Vertreter der ersten Garde der Malerei und Dichtkunst. Edgar Allan Poe hat West Point besucht, wiewohl das Studium nicht beendet: Amerikas namhaftestem Dichter wurde schnell klar, dass er nicht für die Kriegsakademie und Militärkarriere geschaffen war. Dem Ausnahmetalent, das bereits 1831 nach weniger als einem Jahr die Flucht ergriff, obwohl seine Auffassungsgabe und Schlagfertigkeit brillante Leistungen beförderten und er vielen als Genie galt, schmeckten weder die eiserne Disziplin noch das Essen. Heute ordern Kadetten Pizza oder das unwiderstehliche Gebäck vom Biohof Jones Farm im nahe gelegenen 13.000-Einwohner-Städtchen Cornwall. Ihre Bestellungen bekommen sie im Serviceparadies Amerika selbstredend in die Hochschule geliefert.

Einen Katzensprung von Jones Farm dürfen kunstinteressierte Kadetten einmal abschalten im Storm King Art Center – 2025 nach einer 53-Millionen-Dollar-Renovierung wiedereröffnet und ab November unter den Fittichen der neuen Seniorkuratorin Anne Reeve, die vom Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington, D.C. in das rund 200 Hektar große Freilichtmuseum wechselt. 1960 eröffnet für Malerei der Hudson River School, erblühte das Storm King Art Center zum Who-is-Who der Gegenwartsbildhauer, wo sich Bildhauerprominenz die Klinke, sprich Gabelstapler in die Hand gibt: Nicht zuletzt muss ihre Kunst auch deshalb monumental sein, um sich in der einmaligen Kulisse behaupten zu können: Das Hudson Valley ist ein Meisterwerk der Natur.

Unweit lockt zudem das weltberühmte und nach seinem Standort im 14.000-Einwohner-Städtchen Beacon benannte Museum Dia Beacon als weiteres Dorado der Gegenwartskunst. Freilich ist der Bundesstaat New York insgesamt ein Eden der Bildenden Kunst – zum einen wegen zahlloser superber Motive für Landschaftsmaler und als Magnet für Gegenwartskünstler, die ihre Ateliers und Inspiration traditionell oft außerhalb von New York City finden, zum anderen dank der Vielzahl herausragender Kunstsammlungen und Museen.
Manche Bezüge überraschen. Der amerikanische Maler James Abbott McNeill Whistler besucht zunächst die Kaiserliche Akademie der Schönen Künste in St. Petersburg und tritt 1851 in West Point ein. Im Gegensatz zu Poe aber, der das Handtuch warf, wird der Maler aus Massachusetts vors Tor gesetzt. Passenderweise kommt der Aufenthalt in den Mauern der Militärakademie dann seiner Kunst zugute. Whistler lernt in West Point die Grundlagen des Kartografierens, was ihm bei seinen Radierungen von Nutzen ist. Wohingegen er für seine in den 1870er Jahren in London gemalten Themseansichten – die begehrten „Nocturnes“ – am Hudson mindestens ebenso stimmungs- und geheimnisvolle Eindrücke hätte sammeln können.

Der Fluss ist die Lebensader New Yorks und der „Schlüssel zu Amerika“ für Glenn Goldman. Der West Point-Absolvent des Jahrgangs 1984 dreht ihn symbolisch und taucht unterhaltsam ein in die Historie und Gegenwart der Akademie, wenn es sich denn einmal ergibt, dass er eine Besuchertour betreut. „Und das“, strahlt der Mann, der ganz in der Nähe zuhause ist und gern einspringt, wenn mal ein Tourguide ausfällt, „ist die Eine-Million-Dollar-Aussicht“: Andächtig inspiziert Goldmans Publikum jetzt den „Trophy Point“ direkt über der legendären Hudsonbiegung. An dem ehemaligen Kriegsschauplatz, im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg heftig umkämpft, bezeugen Kanonen das dramatische Geschehen. Die Akademie, sie entstand auf einer Festungsanlage. Thomas Jefferson, der Berufsarmeen zunächst skeptisch sah, erkannte im Präsidentenamt die Bedeutung von Investitionen in die Verteidigung sowie die Notwendigkeit eines gut ausgebildeten Militärs und gab als eine seiner ersten Amtshandlungen grünes Licht für die erste Militärakademie weltweit: die United States Military Academy (USMA), wie sie ausgeschrieben heißt; den meisten reicht das saloppe West Point.
Auch symbolisch passt dieser Name. Die Neue Welt westlich von Europa, damals noch nicht im Begriff, sich als Supermacht zu inszenieren, würde einmal fest mit Eliteunis assoziiert werden, und ein amerikanischer Campus ist ein Assoziationsfeld für sich. Dass George Washington noch einem Polen den Bau von Befestigungen hatte anvertrauen müssen, ging ihm so gegen den Strich, dass Amerikas erster Präsident, um nicht länger von ausländischer Expertise und Ingenieurskunst abhängig zu sein, dezidiert auf die Gründung einer Institution drängte, „die sich den Künsten und Wissenschaften der Kriegsführung widmete“.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besetzen USMA-Absolventen bereits politische, wirtschaftliche und kulturelle Positionen in ganz Amerika. Goldman, hochdekorierter West Pointer, ist sichtbar stolz auf den „landesweit ältesten kontinuierlich besetzten Militärstützpunkt in Amerika“: wenige Autostunden entfernt von Manhattan und fast genauso groß.
Besucher – mehr als zwei Millionen im Jahr – sehen naturgemäß nur einen kleinen Teil von West Point, die Kadetten sind ja keine Ausstellungsgegenstände. Wie sie sich zu Militärmusik in Reih und Glied formieren, um zum Lunch zu marschieren, kann nur von fern beäugt werden. Platz nehmen darf man dafür auf den Kirchenbänken der – im Kontrast zu ihrem bescheidenen Namen – architektonisch höchst eindrucksvollen „Cadet Chapel“: 1910 im Stil der englischen Gotik aus lokalem Granit errichtet. Hier konsultieren Kadetten schlachtfeldrote Bibeln oder erleben Hochzeiten in Friedenstaubenweiß. „So die Braut nicht ausbüxt“, juxt Goldman: „Das Kirchenschiff misst 61 Meter, da bleibt bis zum Altar viel Zeit zum Nachdenken.“

Goldman, als Pensionär ehrenamtlich im Schulungsbereich tätig, möchte man immerfort zuhören. Sein Schalk krönt seine Sachkenntnis. Mit Detailwissen erheitert er sein Publikum, verrät beispielsweise, dass Kadetten einander nach der Dauer der aufgebrummten Strafmärsche wertschätzen, die etwa beim Zuspätkommen drohen. Ob im USMA-Motto „Pflicht, Ehre, Vaterland“ mithin nicht ein wesentlicher Bestandteil fehlt, nämlich der Humor? „Unbedingt“, nickt Goldman, „das ist die Grundlage“.
Nach der Besichtigungstour setzt sich Colonel Goldman – „Glenn reicht“ –, der keinen Dünkel kennt, dann noch an die Kasse im Besucherzentrum und verkauft Tickets. Der weitläufige Ausstellungsbereich in dem eleganten Bauwerk informiert ambitioniert über Geschichte, Ethik und Selbstverständnis der USMA. Ihr Museum bewahrt Artefakte wie den Marschallstab von Hermann Göring, den dieser sich anlässlich seiner Beförderung zum Reichsmarschall selbst verlieh. Fragen beantwortet Goldman sogar in fließendem Deutsch. 1962 in Heidelberg geboren und in Deutschland sozialisiert – sein Vater war stationiert in der Karlsruher Kirchfeld-Kaserne –, zieht es ihn als Erwachsenen immer wieder in die temporäre Heimat. Er begleitet hochrangiges US-Militär und unterrichtet in Hamburg an der Führungsakademie der Bundeswehr.
Zu Wiesbaden und der Clay Kaserne hat er indirekt eine Beziehung. Ein enger Freund ist der West Point-Absolvent Darryl Williams; beide waren in Schweinfurt stationiert, und Goldman wurde der Trauzeuge von Williams: in Wiesbaden Erbenheim in Erinnerung als Vorgänger von Christopher Donahue. Dessen Bild ging um die Welt, weil er 2021 als letzter US-Soldat Afghanistan verließ. Auch Donahue, von 2024 bis Anfang Juli dieses Jahres Kommandeur der United States Army Europe and Africa (ehemals 7. US-Armee), die ihr Hauptquartier in Wiesbaden hat, ist – ein West Point-Mann.
An der Militärakademie, vor sechzig Jahren als „historischer Bezirk“ in das „Nationale Verzeichnis historischer Stätten“ der USA eingetragen, bewerben sich jährlich 15.000 Männer und Frauen, wobei Kadettinnen erst seit 1976 aufgenommen werden – Zufall, dass sich damals die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung zum 200. Mal gejährt hat? Wer es in die noble Einrichtung schafft, bleibt in der Regel bis zum Abschluss. Unlängst jedoch verließen Mitglieder des Lehrkörpers den Ort nicht ganz freiwillig. Es hatte sich eine „gewisse Laxheit“ breitgemacht und „es fehlte an Kampfgeist“, hört man. Goldman freut: „Neuerdings begreifen sie in West Point wieder, dass das Militär die USA schützen muss, statt sie zu beschimpfen.“
Jones Farm mit ihrem Kaufladen wie aus dem viktorianischen Bilderbuch liefert in die „Ike barracks“, wie West Point auch genannt wird, alles, was den Akademiealltag delikater macht. Abgerechnet wird anrührend altertümlich: Rechnungen werden noch handschriftlich mit Durchschlag erstellt – während die USMA mit dem brandneuen Cyber and Engineering Academic Center (CEAC) längst Szenarien der Kriegsführung im 22. Jahrhundert durchspielt. Zugleich aber bewahrt die Akademie – nicht nur weil der originelle Wachturm am Eingang wirkt wie aus der Welt von Harry Potter –, ihren mittelalterlichen Charme: Fürwahr filmreif ist dieser Solitär der Erziehung zur Kriegskunst.
