© Hessen Ideen. Foto: Mario Andreya

Am gestrigen Donnerstagabend wurden im Museum für Kommunikation in Frankfurt die Gewinner des Hessen-Ideen-Wettbewerbs 2026 ausgezeichnet. Prämiert wurden eine Software, die zusätzliche Informationen über die Funktion des Herzens aus bereits vorhandenen Messdaten gewinnt, ein digitaler Sprachassistent für Handwerksbetriebe, ein Roboter, der Weidezäune freimäht und zugleich Schäden erkennt, sowie ein KI-System, das die Entwicklung neuer Hochleistungsmaterialien beschleunigen soll. Die vier ausgezeichneten Projekte kommen von der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Kassel.

Wissenschaftsminister Timon Gremmels gratulierte den Teams. Erstmals wurde in diesem Jahr zudem ein KI-Sonderpreis in Kooperation mit hessian.AI vergeben.

„Studierende, Forschende, Mitarbeitende, Absolventinnen und Absolventen entwickeln an unseren Hochschulen kreative Lösungen für konkrete Probleme. Darin liegt großes unternehmerisches Potenzial. Unsere Initiative Hessen Ideen baut diese wichtige Brücke zwischen Forschung und Anwendung“, so Wissenschaftsminister Timon Gremmels. „Die Teams, die wir heute geehrt haben, sehen die Herausforderungen aus der Praxis – im Krankenhaus, auf der Baustelle, auf der Weide, im Labor – und entwickeln daraus Lösungen, die Menschen entlasten. Ich gratuliere den Preisträgerinnen und Preisträgern herzlich und wünsche ihnen viel Erfolg auf ihrem unternehmerischen Weg.“

1. Preis für „Hemodynamix“: Mehr Informationen über das Herz aus vorhandenen Daten

Den mit 10.000 Euro dotierten ersten Preis erhielten Felix Glocker, Dr. Nils Kremer und Prof. Dr. Khodr Tello von der Justus-Liebig-Universität Gießen für ihr Projekt „Hemodynamix“.
Die Software soll Ärztinnen und Ärzten helfen, die Funktion des Herzens einfacher und genauer zu beurteilen. Grundlage sind Druckkurven aus dem Herzen, die bei vielen Untersuchungen im Krankenhaus ohnehin gemessen werden. In diesen Kurven stecken wichtige Informationen darüber, wie sich das Herz füllt, wie kräftig es pumpt und wie stark es belastet ist. Ein Teil dieser Informationen wird bislang jedoch nicht oder nur unzureichend ausgewertet.

Genau hier setzt „Hemodynamix“ an. Die Software analysiert vorhandene Druckdaten mit speziellen Rechenverfahren und kann daraus zusätzliche Informationen über die Herzfunktion gewinnen – ohne zusätzlichen Eingriff, ohne einen weiteren Katheter und ohne teure Spezialtechnik. Besonders relevant ist dies beispielsweise für Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen, für Untersuchungen bei Lungenhochdruck oder für die Überwachung auf Intensivstationen.

Die Entwicklung geht auf rund 15 Jahre klinische Forschung zurück und wurde wissenschaftlich validiert. Nach Angaben des Teams existieren bereits erste Versionen der Software und der zugrunde liegenden Algorithmen. Auch eine Echtzeitanalyse von Drucksignalen wird bereits in einem klinischen Studienumfeld erprobt.

Die Jury überzeugte insbesondere die Verbindung von medizinischer Forschung und praktischer Anwendung sowie der unmittelbare Nutzen für Patienten. Aus routinemäßig erhobenen Daten sollen auf diese Weise zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden, die künftig eine präzisere Einschätzung der Herzfunktion ermöglichen könnten.

„Workcraft“: Der digitale Helfer für die Baustelle

Den mit 7.500 Euro dotierten zweiten Platz erhielten Jenny Kantor, Teresa Herzog und Aron Spang von der Technischen Universität Darmstadt mit „Workcraft“. Das Team gewann am Abend der Preisverleihung zusätzlich den Publikumspreis.

„Workcraft“ setzt bei einem Problem an, das vor allem kleinere Handwerksbetriebe betrifft: Viele Unternehmen haben keine eigene Bürokraft. Materialdokumentation, Angebote und Rechnungen müssen deshalb häufig nach Feierabend oder zwischen zwei Baustelleneinsätzen erledigt werden – mit handschriftlichen Notizen, Fotos, Nachrichten oder Excel-Tabellen.

Die „Workcraft App“ ist deshalb nicht vom klassischen Büro aus gedacht, sondern direkt von der Baustelle. Leistungen und Materialien lassen sich per Spracheingabe oder Foto dokumentieren. Die Anwendung soll daraus die notwendigen Informationen für die Büroarbeit generieren und damit administrative Aufgaben automatisieren. Besonders interessant ist das für kleine und mehrsprachige Handwerksteams. „Workcraft“ versteht natürliche Sprache in 48 Sprachen, darunter auch Dialekte und Fachbegriffe.

Damit reagiert das Projekt zugleich auf ein weiteres Problem des Handwerks: den Fachkräftemangel und die Schwierigkeit, Betriebe an die nächste Generation zu übergeben. Bürokratische Anforderungen können gerade für internationale Fachkräfte eine zusätzliche Hürde darstellen, wenn sie einen Betrieb gründen oder übernehmen wollen.

Die Jury überzeugten der unmittelbare Kundennutzen und das Potenzial für die Nachfolgesituation im Handwerk. Besonders beeindruckten die Leidenschaft und die ausgeprägte Hands-on-Mentalität des Gründungsteams.

„Weidezaun-Roboter“: Freimähen, kontrollieren und Schäden erkennen

Den dritten Platz und 5.000 Euro erhielten Hannah Arwen Graef und Carsten Bruckhaus von der Universität Kassel für ihre Idee „Weidezaun-Roboter“.

Der Roboter übernimmt eine Arbeit, die für Landwirte mit Weidetieren regelmäßig anfällt und zugleich zeitaufwendig und körperlich anstrengend ist: das Freimähen kilometerlanger Weidezäune. Bewuchs unter und am Zaun kann die Funktion eines Elektrozauns beeinträchtigen. Der Roboter soll deshalb nicht nur selbstständig entlang des Zauns fahren und den Bewuchs zurückschneiden, sondern gleichzeitig den Zustand des Zauns kontrollieren.

Mit Hilfe von Stereovision und künstlicher Intelligenz erkennt das System defekte Stellen und meldet diese. Damit verbindet der Roboter zwei bislang getrennte Aufgaben: die Pflege der Zaunanlage und deren Kontrolle.

Für die Landwirte bedeutet dies eine Entlastung bei der täglichen Zaunkontrolle und beim regelmäßigen Freimähen. Funktionsfähige Zäune sind zugleich wichtig, damit Nutztiere auf der Weide bleiben und vor Gefahren geschützt werden. Das Projekt soll damit nicht nur Zeit, Geld und körperliche Arbeit sparen, sondern auch mehr Weidehaltung ermöglichen und zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen.

Die Jury überzeugte insbesondere, wie konsequent das Team forschungsbasierte Technologie auf ein konkretes Problem der Weidewirtschaft anwendet und damit mehr Autonomie und Entlastung für Weidelandbesitzer schaffen kann.

KI-Sonderpreis für „PRISM“

Erstmals wurde beim Wettbewerb ein KI-Sonderpreis in Kooperation mit hessian.AI vergeben. Damit wollen Hessen Ideen und hessian.AI die Vernetzung innerhalb des hessischen Gründungs- und Innovationsökosystems stärken und zusätzliche Impulse für KI-basierte Ausgründungen aus den Hochschulen setzen.

Der mit 5.000 Euro dotierte KI-Sonderpreis ging an Kevin Grüning und Siddhartha Yash Kovid von der Justus-Liebig-Universität Gießen für das Projekt „PRISM“.

Das Team beschäftigt sich mit einem Problem der Materialforschung: Die Suche nach neuen Hochleistungsmaterialien kann Jahre dauern. Bei Milliarden möglichen Kombinationen ist das klassische „Trial-and-Error“-Verfahren im Labor zu langsam. Viele theoretisch interessante Werkstoffe werden deshalb nie experimentell überprüft.

PRISM will diesen Flaschenhals mit einer Verbindung aus künstlicher Intelligenz und automatisierter Laborhardware überwinden. Das System entwickelt mithilfe leistungsfähiger Foundation Models und World Models selbstständig Hypothesen für neue Materialien. Diese Vorschläge sollen anschließend in sogenannten „Self-Driving Labs“ automatisiert experimentell überprüft werden. Die Ergebnisse fließen wiederum in den Lernprozess der KI ein.

So entsteht ein selbstoptimierender Kreislauf aus Hypothese, Experiment und Auswertung. Das Ziel ist eine deutlich schnellere Entwicklung neuer Werkstoffe für Zukunftsfelder wie saubere Energie, Raumfahrt und Medizin.

Die Jury würdigte die Verbindung von künstlicher Intelligenz, Materialforschung und automatisierter Hardware. PRISM soll damit den Transfer KI-gestützter Forschung aus dem Computer in die reale Produktion vorantreiben. Das studentische Gründerteam arbeitet nach eigenen Angaben bereits eng mit der Industrie zusammen und will in Hessen die Infrastruktur für eine autonome Materialentwicklung aufbauen.

Von der Hochschulidee zum Unternehmen

In diesem Jahr waren Gründungsideen aus 14 hessischen Hochschulen für den Wettbewerb nominiert. Nach dem Gutachtenverfahren und einem zusätzlichen Online-Voting standen die Finalteams fest. Beim Finale präsentierten die Teams ihre Geschäftsideen vor einer Jury und stellten sich dem direkten Wettbewerb um die Preise.

Die vier ausgezeichneten Projekte zeigen dabei die große Bandbreite der Gründungsideen aus Hessens Hochschulen: von medizinischer Software über digitale Unterstützung für das Handwerk und Robotik in der Landwirtschaft bis zur KI-gestützten Materialforschung. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist jeweils ein konkretes Problem, für das wissenschaftliche Erkenntnisse in eine praktische Anwendung überführt werden sollen.

Über „Hessen Ideen“

Hessen Ideen ist die zentrale Landesinitiative des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur zur Förderung von Gründungsideen aus hessischen Hochschulen. Unter der Schirmherrschaft von Wissenschaftsminister Timon Gremmels vernetzt Hessen Ideen die Gründungsförderungen an den Hochschulen und begleitet Gründungsinteressierte auf ihrem Weg von der Idee zum Unternehmen – mit dem Hessen Ideen Wettbewerb und dem Hessen Ideen Stipendium.

Die Initiative wird von UniKasselTransfer an der Universität Kassel in Kooperation mit HIGHEST an der Technischen Universität Darmstadt koordiniert. Der Wettbewerb wird seit 2016 ausgetragen und soll wissenschaftliche Ideen auf dem Weg zur Gründung und damit vom Forschungsergebnis zur praktischen Anwendung unterstützen.