
Frankfurt am Main. Zwei Autoren, zwei Romanprojekte und eine gemeinsame literarische Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Bruchlinien: Im Produktionshaus NAXOS in Frankfurt am Main wurde am Donnerstagabend, 17. September, der Robert-Gernhardt-Preis 2026 an Artur Becker und Fikri Anıl Altıntaş verliehen. Die Auszeichnung des Landes Hessen und der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WIBank) ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert, die sich die beiden Preisträger teilen.
Literatur braucht Mut, Ideen und die Freiheit, an größeren Projekten zu arbeiten. Genau hier setzt der Robert-Gernhardt-Preis an, den das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur und die WIBank gemeinsam vergeben. Ausgezeichnet werden Autoren, die an einem größeren literarischen Projekt arbeiten und einen Bezug zu Hessen in ihrem Lebenslauf oder in ihrem geplanten Werk haben.
Die feierliche Preisverleihung in der Naxoshalle wurde musikalisch vom deutsch-französischen Frankfurter Jazz-Musiker Gregor Praml begleitet. Nach den Grußworten von Wissenschafts- und Kunstminister Timon Gremmels und Dr. Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung der WIBank, würdigte die Jury die beiden ausgezeichneten literarischen Projekte. Anschließende Lesungen gaben den Gästen Einblicke in die Arbeiten von Artur Becker und Fikri Anıl Altıntaş.
Zwischen Polen und Deutschland: Artur Beckers „Der Lebendige hat kein Grab“
Der 1968 im polnischen Bartoszyce geborene Schriftsteller Artur Becker lebt seit 1985 in Deutschland. Mit zahlreichen Romanen, Gedichtbänden und Essays hat er sich als eigenständige Stimme der deutschsprachigen Literatur etabliert. Zu seinen Auszeichnungen gehört unter anderem der Adelbert-von-Chamisso-Preis.
Den Robert-Gernhardt-Preis erhält Becker für sein Romanprojekt „Der Lebendige hat kein Grab“. Im Zentrum steht der polnische Publizist Poldek Szabla, der seit Jahrzehnten in Frankfurt am Main lebt. Seine Vergangenheit jedoch ist keineswegs abgeschlossen. Poldek glaubt, in den 1980er Jahren einen ehemaligen Freund und Spitzel des kommunistischen Sicherheitsdienstes getötet zu haben. Als dieser Mann Jahrzehnte später plötzlich wieder auftaucht, gerät das Leben des Protagonisten aus den Fugen.
Artur Becker verbindet in seinem Romanprojekt die persönliche Geschichte eines Mannes mit den politischen und historischen Verwerfungen zwischen Polen und Deutschland. Schuld, Erinnerung und die Suche nach Wahrheit werden zu Fragen, die weit über das individuelle Schicksal hinausweisen. In atmosphärisch dichter Sprache entsteht das Porträt eines Menschen, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen eigener Erinnerung und einer möglicherweise ganz anders verlaufenen Wirklichkeit steht.

Männlichkeit, Trauer und Gegenwart: Fikri Anıl Altıntaş’ „Valhalla“
Der zweite Preisträger, Fikri Anıl Altıntaş, lebt in Berlin und arbeitet als Autor, Journalist und Moderator. In seinen Texten setzt er sich insbesondere mit Fragen von Männlichkeit, Migration und gesellschaftlichem Zusammenleben auseinander.
Sein ausgezeichnetes Romanprojekt trägt den Titel „Valhalla“. Die Handlung führt in eine Reha-Einrichtung in der sächsischen Provinz. Dort begleitet der Roman einen Erzähler, der nach schwerer Krankheit und dem Tod seiner Mutter versucht, seinem Leben und seinem Körper eine neue Ordnung zu geben.
Zwischen Krafttraining, Gruppensitzungen und politischen Gesprächen entfaltet sich ein literarischer Text über Trauer, Verletzlichkeit und die Erwartungen, die an männliche Identität geknüpft sind. Altıntaş verbindet persönliche Erfahrungen mit Fragen nach Zugehörigkeit, Nation und gesellschaftlichen Spannungen der Gegenwart. Die rhythmische, körperbezogene Sprache des Projekts macht den Körper dabei ebenso zum Schauplatz der Auseinandersetzung wie die Reha-Einrichtung zum Ort gesellschaftlicher Beobachtung.
Zwei Projekte, zwei Blickrichtungen
Wo Artur Becker die Spuren der Vergangenheit und die deutsch-polnische Geschichte in den Blick nimmt, richtet Fikri Anıl Altıntaş seine Aufmerksamkeit auf die Verletzlichkeit des Einzelnen und die politischen Spannungen der Gegenwart. Beide Projekte verbindet das Interesse an Menschen, deren Leben von Erfahrungen geprägt ist, die sich nicht einfach abschütteln lassen.
Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels gratulierte den beiden Preisträgern und hob die gesellschaftliche Bedeutung ihrer literarischen Vorhaben hervor. Beide Autoren widmeten sich existenziellen Fragen von Erinnerung, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt und fänden dafür jeweils eine eigene, eindringliche Sprache.
Artur Becker erzähle von Schuld, Vergangenheit und der Suche nach Wahrheit zwischen Polen und Deutschland, so Gremmels. Fikri Anıl Altıntaş richte den Blick auf männliche Verletzlichkeit, Trauer und politische Spannungen der Gegenwart. Beide Vorhaben zeigten eindrucksvoll, wie Literatur gesellschaftliche Erfahrungen sichtbar machen und neue Perspektiven eröffnen könne.
Dr. Michael Reckhard, Mitglied der WIBank-Geschäftsleitung, bezeichnete den Robert-Gernhardt-Preis als einen Beleg dafür, wie lebendig und kraftvoll die Literaturszene in Hessen sei. Die WIBank unterstütze dieses Engagement mit großer Überzeugung, weil kreative Stimmen die Gesellschaft bereicherten und Zukunft gestalteten.
Literaturförderung mit Tradition
Der Robert-Gernhardt-Preis wird vom Land Hessen und der WIBank gemeinsam ausgelobt. Er richtet sich an Autoren, die aktuell an einem größeren literarischen Projekt arbeiten und einen Bezug zu Hessen in ihrem Lebenslauf oder in ihrem geplanten literarischen Vorhaben haben.
Mit der Auszeichnung werden nicht allein bereits abgeschlossene Bücher gewürdigt. Im Mittelpunkt stehen literarische Vorhaben, deren weitere Entwicklung durch das Preisgeld unterstützt werden soll. Für Artur Becker und Fikri Anıl Altıntaş bedeutet die Auszeichnung damit zugleich Anerkennung und Förderung ihrer Arbeit an zwei Romanen, die unterschiedliche biografische und gesellschaftliche Erfahrungen literarisch erkunden.
Die WIBank engagiert sich als Förderbank des Landes Hessen neben ihren Aufgaben in den Bereichen Wirtschaft, Infrastruktur und Wohnraum auch für Kunst und Kultur. Der Robert-Gernhardt-Preis gehört dabei seit vielen Jahren zu den Instrumenten der Literaturförderung.
