
Mit bald 90 Jahren, 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR, meldet sich Wolf Biermann mit drei neuen Werken, zwei Alben, einem Kinofilm und einer Konzerttour zurück. Auf der Frankfurter Buchmesse begeisterte und provozierte der Liedermacher mit Musik, Lesungen und Gesprächen – und mit einer schonungslosen Bilanz seiner politischen Irrtümer.
Gleich auf mehreren Bühnen an allen Messetagen vertreten und mit einer großen Show präsent war Wolf Biermann, einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten deutschen Liedermacher und politischen Wortkünstler. Am Mittwoch, 7. Oktober 2026, eröffnete er auf der Frankfurter Buchmesse seine Tour „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“ mit einer beeindruckenden Mischung aus Musik, Lesung und Gespräch. Dabei stellte er auch drei neue Werke vor. Zwei besondere Jubiläen geben den Anlass für seine umfangreichen Veröffentlichungen und Auftritte: Biermann wird 90 Jahre alt, und seine Ausbürgerung aus der DDR jährt sich zum 50. Mal.
1976 hatte das SED-Regime dem Liedermacher während eines Besuchs in Westdeutschland die Rückkehr in die DDR verweigert. Die Entscheidung bedeutete das Ende seiner bisherigen Existenz in Ost-Berlin und den erzwungenen Neuanfang im Westen. Das Regime entschied, wie Biermann es rückblickend formuliert, nach dem Motto: „Nicht Bautzen, sondern Westen!“ Aus dem kritischen Künstler, dessen Auftritte in der DDR verboten waren, wurde endgültig eine Stimme für Selbstbestimmung in Freiheit, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Gehör fand.
Mit der Konzerttour und einer Reihe neuer Veröffentlichungen blickt Biermann nun auf ein Leben zwischen kommunistischer Überzeugung, Widerstand gegen die Parteidiktatur und später Selbstkritik zurück. Auf dem Programm stehen zwei Alben, drei Bücher, ein Kinofilm und mehrere Konzerte. Dass der inzwischen 90-Jährige dabei keineswegs auf versöhnliche Rückschau setzt, zeigte sich bei seinen Auftritten auf der Buchmesse. Biermann teilt aus, widerspricht sich selbst nicht ausweichend und legt offen, wo er sich nach eigener Einschätzung geirrt hat.
„Wer wirklich ein Kommunist ist, muss brechen mit dem Kommunismus“

Auf der „30-Minuten-WG“ des Penguin Verlags sprach Biermann über sein Buch „Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall“. Seine Abrechnung mit dem Kommunismus fiel dabei unmissverständlich aus. „Wer wirklich ein Kommunist ist, muss brechen mit dem Kommunismus“, erklärte er. Der Kommunismus sei eine „Irrlehre vom Marsch ins Paradies“, „wo der Löwe Gras frisst, ein vermeintliches Paradies auf Erden, das es niemals geben“ werde.
Das Scheitern dieser Utopie sei dabei noch nicht einmal das Schlimmste. Viel gefährlicher sei der Weg, der zu ihr führen solle. Dieser führe, so Biermann, nicht in ein Paradies, sondern in die „schlimmsten Höllen der Welt“. Dabei spiele es keine Rolle, ob die jeweiligen Protagonisten klug oder dumm, feige oder mutig seien. Entscheidend sei das System selbst und der Anspruch, eine Gesellschaft nach einer vermeintlich endgültigen Heilslehre formen zu können.Biermanns Worte sind die Bilanz eines Mannes, der lange selbst an diese Utopie geglaubt hatte. Er war als Kommunist in die DDR gegangen, hatte sich mit dem Regime angelegt und musste schließlich erleben, wie der Staat, dessen Ideale er einst teilte, ihn zum Gegner erklärte. Heute beschreibt er den Bruch mit dem Kommunismus nicht als beiläufige Korrektur seiner politischen Haltung, sondern als notwendige Konsequenz aus den Erfahrungen eines Lebens.
Als waschechter Kommunist bei Streit mit DDR-Bonzen im Vorteil
Auch auf der ZEIT-Literaturbühne blickte Biermann auf die Zeit vor seiner Ausbürgerung zurück. Warum ausgerechnet er sich so offen mit der SED-Führung angelegt habe, während andere bedeutende Schriftsteller zurückhaltender auftraten, erklärte er mit seiner besonderen Biografie. Er sei als Kommunisten- und Judenkind in einem Land aufgewachsen, das zuvor vom Nationalsozialismus geprägt gewesen sei. Das sei kein Verdienst und keine Schuld, sondern ein Zufall seiner Herkunft gewesen.
Diese Erfahrung habe ihm, wie er rückblickend vermutet, eine besondere Rolle im Konflikt mit der DDR-Führung verschafft. Andere Schriftsteller wie Volker Braun, Christa Wolf oder Heiner Müller hätten jedoch in einem besonderen Dilemma gesteckt: Viele Angehörige ihrer Generation hätten sich für die Verbrechen ihrer Eltern während der NS-Zeit geschämt und deshalb gegenüber den Machthabern der DDR stets beweisen wollen, keine Faschisten zu sein.
Biermann, in einem kommunistischen und jüdischen Haushalt in Hamburg sozialisiert und dann mit 17 in die DDR umgezogen, konnte dagegen den Spieß umdrehen. „Ich bin der Kommunist und ihr seid Antikommunisten“, habe er den Funktionären sinngemäß entgegengehalten. Seine Überzeugung, selbst auf dem Boden der kommunistischen Ideale zu stehen, habe ihm eine argumentative Freiheit verschafft, die anderen gefehlt habe. Diese Haltung sei freilich nicht mit Furchtlosigkeit zu verwechseln gewesen. Auch er habe Angst gehabt und gewusst, was ihm drohen konnte. Doch seine besondere Ausgangslage habe ihm ermöglicht, den Konflikt mit einer Frechheit auszutragen, um die ihn, wie er sagte, manche seiner Schriftstellerkollegen beneidet hätten.
Die Ausbürgerung als Wendepunkt der DDR-Geschichte
Eine besondere Bedeutung maß Biermann der Solidarität bei, die ihm nach seiner Ausbürgerung entgegengebracht wurde. Dreizehn prominente Schriftsteller hatten öffentlich protestiert. Doch die Erklärung sei keineswegs nur eine persönliche Unterstützung für den Liedermacher gewesen. Biermann widersprach ausdrücklich der Vorstellung, die Unterzeichner hätten aus persönlicher Zuneigung zu ihm gehandelt. Vielmehr hätten sie sich auch selbst schützen wollen, weil sie befürchteten, ebenfalls ausgebürgert zu werden.
Gerade darin habe die Erklärung ihre politische Sprengkraft entfaltet. Sie sei keine bloße Bittschrift gewesen, sondern ein harter Protest gegen die Willkür des SED-Regimes. Und sie habe weit über den Kreis der prominenten Unterzeichner hinausgewirkt. „Die Wahrheit ist: Es haben Tausende, Abertausende Menschen“ in der DDR daran angeknüpft, erklärte Biermann. Studenten, Arbeiter und junge Menschen in vielen Städten hätten sich mit dem Protest verbunden.
Die Ausbürgerung sei damit zu einem Kristallisationspunkt geworden, an dem sich die Unzufriedenheit mit dem Regime gesammelt habe. Biermann verwies auf die Einschätzung von Historikern, wonach seine Ausbürgerung „der Anfang vom Ende der DDR“ gewesen sei. Nicht allein der Ausschluss eines kritischen Künstlers, sondern die gesellschaftliche Wirkung des Vorgangs habe das System erschüttert.
Selbstkritik: „Wir waren alle für die Mauer“

Besonders bemerkenswert war Biermanns Rückblick auf einen politischen Irrtum, den er nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen Intellektuellen der DDR ausmachte. „Ich habe mich geirrt über die Mauer, wie übrigens auch Volker Braun und alle anderen. Wir waren alle für die Mauer“, bekannte er auf der ZEIT-Bühne.
Diese Zustimmung habe sich damals aus einer vermeintlich dialektischen Überlegung gespeist. Mit der Abriegelung der DDR, so die Hoffnung, könne man sich stärker auf die inneren Widersprüche des sozialistischen Systems konzentrieren, ohne aus Angst vor dem Klassenfeind im Westen ständig den Mund halten zu müssen. Hinter der Mauer, glaubte man, lasse sich offener über die Missstände im eigenen Land sprechen.
Biermann bezeichnete diese Vorstellung rückblickend als „alberne Illusion“. Die Mauer habe nicht die erhoffte Freiheit zur inneren Auseinandersetzung geschaffen, sondern ein System der Unfreiheit befestigt. Dass er diesen Irrtum heute so deutlich benennt, gehört zu den zentralen Motiven seiner Rückschau. Der einstige Kommunist und langjährige Kritiker der DDR-Diktatur stellt sich damit auch den blinden Flecken seiner eigenen politischen Überzeugungen.
Gerade diese Offenheit macht Biermanns Auftritte auf der Frankfurter Buchmesse zu mehr als einer nostalgischen Begegnung mit einer prägenden Figur deutscher Zeitgeschichte. Der Liedermacher erinnert an den Widerstand gegen die SED-Diktatur, erzählt von der Macht der Worte und der Wirkung öffentlicher Solidarität – und zeigt zugleich, wie schwierig es sein kann, sich von den eigenen politischen Gewissheiten zu lösen.
Mit seiner Tour „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“ verbindet Wolf Biermann persönliche Erinnerungen, historische Einordnung und musikalischen Protest. Seine Botschaft richtet sich nicht nur an jene, die die deutsche Teilung selbst erlebt haben. Sie gilt ebenso einer jüngeren Generation, die aus der Geschichte lernen muss, wie schnell politische Heilsversprechen in Unterdrückung umschlagen können – und wie wichtig es ist, sich auch die eigenen Irrtümer einzugestehen.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Wolf Biermanns neuen Werke:

1. Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall
Herausgegeben von Ilko-Sascha Kowalczuk. Das Tagebuchwerk behandelt Biermanns Erfahrungen mit dem DDR-Regime, seine Ausbürgerung und die deutsche Teilung. Penguin Verlag · erschienen am 7. Oktober 2026
2. Mit uralten Kinderaugen. Gedichte 2006–2026.Ein neuer Gedichtband mit Lyrik aus zwei Jahrzehnten, in der Biermann seine poetische und politische Auseinandersetzung mit der Welt fortsetzt.Penguin Verlag · erschienen am 7. Oktober 2026
3. Der kleine Herr Moritz- Ein Kinderbuch von Wolf Biermann, illustriert von Carlotta Marín Pérez. Biermann bezeichnete es als ein „wunderwahres Märchen“. Tulipan Verlag · erscheint am 14. Oktober 2026
Kinostart am 29. Oktober 2026
Der Dokumentarfilm „Biermann“ über den Liedermacher Wolf Biermann startet offiziell am 29. Oktober 2026 in ausgesuchten Kinos. Der Film verbindet die Lebensgeschichte Wolf Biermanns mit deutsch-deutscher Zeitgeschichte – von seiner Kindheit und der Zeit in der DDR über das Kölner Konzert 1976 und seine Ausbürgerung bis hin zu aktuellen Aufnahmen.
Konzertreihe – Warte nicht auf bessere Zeiten
Die Konzertreihe läuft unter dem programmatischen Titel „Warte nicht auf beßre Zeiten – Die Jubiläumskonzerte zum 90. Geburtstag“. Biermann tritt dabei nicht allein auf, sondern wird von prominenten Freunden, Künstlern und Weggefährten begleitet (u. a. Joachim Gauck, Wolfgang Niedecken und Burghart Klaußner). Der offizielle Tourauftakt fand Anfang Oktober mit einer gefeierten Lese- und Konzertshow auf der Frankfurter Buchmesse statt.
Die Stationen der Jubiläumstournee 2026
Datum Stadt Veranstaltungsort Besonderheiten / Gäste
21.10.2026
20:00 Uhr Köln Kölner Philharmonie Genau 50 Jahre nach seinem historischen Kölner Konzert. Festrede von Joachim Gauck, zudem u. a. Carmen Thomas, Burghart Klaußner und Rapper Juse Ju.
03.11.2026
20:00 Uhr Hamburg Elbphilharmonie (Großer Saal) Heimspiel in seiner Geburtsstadt. (Ausverkauft, Warteliste).
16.11.2026
19:30 Uhr Berlin Berliner Ensemble (Großes Haus) Unter dem Titel „Pardon, ich lebe noch“ an dem Ort, an dem Biermann einst das Gedichteschreiben begann.
20.11.2026
20:00 Uhr Leipzig Gewandhaus zu Leipzig Ort seines ersten legalen DDR-Konzerts nach dem Verbot im Dezember 1989. Festrede von Ilko-Sascha Kowalczuk, musikalische Gäste u. a. Wolfgang Niedecken und Uschi Brüning. (Ausverkauft).
