
Beim Festakt zum 40. Jubiläum der Ingenieurkammer Hessen am 30. September 2026 im Schloss Henkell diskutierten der Stargast des Abends, Smudo von „Die Fantastischen Vier“ mit dem Präsidenten der Ingenieurkammer Hessen, Dipl.-Ing. Ingolf Kluge, und Moderatorin Conny Bächstädt vor 250 Gästen aus Politik, Verbänden, Kammerwesen und Wirtschaft, ob „Künstliche Intelligenz in der Musikbranche“ Musiker überflüssig machen könne. Die Antwort des Musikers fiel allerdings deutlich gelassener aus, als es die Frage zunächst vermuten ließ: KI sei ein mächtiges Werkzeug – aber Kunst brauche weiterhin den Menschen.
Smudo sieht Künstliche Intelligenz in der Musik vor allem als Unterstützung bei der Ideenfindung und beim Erledigen von Fleißarbeit. Natürlich könne heute grundsätzlich jeder, der weder Noten lesen noch ein Instrument spielen könne, mithilfe von KI Musik produzieren. Systeme könnten Melodien komponieren, Klänge analysieren, neue Arrangements entwickeln und aus wenigen Vorgaben ganze Musikstücke erzeugen. Auch Texte ließen sich anpassen oder mit einer passenden Musik in einem gewünschten Stil und mit einer bestimmten instrumentalen Besetzung verbinden.
Eine Vorgabe wie „ruhiges Klavierstück mit melancholischer Atmosphäre“ kann bereits genügen, um innerhalb kurzer Zeit eine musikalische Skizze entstehen zu lassen. KI-Systeme analysieren musikalische Strukturen und Stilmerkmale und können daraus neue Kompositionen generieren. Aus einer Idee, einem Fragment oder einer textlichen Beschreibung wird ein Klangentwurf.
Doch für Smudo ist damit die kreative Arbeit keineswegs erledigt. Im Gegenteil: Der Mensch könne nun umso stärker zum Kurator, Regisseur und Bearbeiter werden. Er entscheidet, welche der erzeugten Varianten interessant ist, verändert Tempo und Instrumentierung, verwirft Vorschläge, kombiniert unterschiedliche Ideen und gibt dem Stück schließlich seine eigene Form. Die Maschine produziert Möglichkeiten – der Mensch trifft die Entscheidungen.
Von der elektronischen Musik zur Künstlichen Intelligenz

Ganz neu sei diese Entwicklung allerdings nicht, so Smudo. Im Prinzip habe die Veränderung bereits mit dem Aufkommen der elektronischen Musik begonnen. Sie habe die Musikproduktion von manchen klassischen Voraussetzungen befreit – man musste nicht mehr unbedingt Noten lesen können, um Musik zu machen. Mit der KI gehe diese Entwicklung nun weiter: Heute müsse man nicht einmal mehr ein Instrument spielen können.
Deshalb begegnet Smudo den aktuellen Entwicklungen mit Gelassenheit. Die panischen Ängste vor einer vollständigen Ersetzbarkeit von Künstlern durch Maschinen teilt er nicht. Die Aufregung um KI erinnere ihn vielmehr an die Einführung des Internets. Auch damals sei vieles dramatisiert worden – heute wolle niemand mehr auf die Möglichkeiten des Internets verzichten.
KI könne bei der Arbeit helfen, aufwendige oder repetitive Aufgaben schneller erledigen und Impulse für neue Ideen liefern. Gerade darin liege ihre Stärke. Sie könne Varianten erzeugen und Möglichkeiten eröffnen, die der Mensch anschließend auswählen und weiterentwickeln könne.
Für die eigentliche Kreativität sieht Smudo allerdings Grenzen. Sie entstehe häufig aus einem menschlichen „Notmechanismus“ heraus – frei nach dem Motto: „Nur der hungrige Affe kommt auf die Idee, zwei Kisten …“ Gerade der Druck, eine Lösung finden zu müssen, könne Kreativität freisetzen. Ein Mensch habe Bedürfnisse, Erfahrungen, Erinnerungen und einen persönlichen Antrieb. Die Maschine dagegen erzeugt auf Grundlage von Daten und Vorgaben Möglichkeiten.
Der Mensch bleibt der Dreh- und Angelpunkt

Für die finale Umsetzung eines Songs und für den Kern der Kunst braucht es nach Smudos Überzeugung deshalb weiterhin echte Musiker. Einen ausschließlich per Prompt generierten Kurzfilm oder Song würde er sich nicht unbedingt ansehen oder anhören. Der Dreh- und Angelpunkt der Kunst sei für ihn die menschliche Urheberschaft – also nicht allein das fertige Produkt, sondern auch der Weg, auf dem es entstanden ist.
Damit wurde der Talk beim Jubiläum der Ingenieurkammer Hessen schnell zu einer grundsätzlichen Diskussion über das Verhältnis von Mensch und Maschine. Denn was für die Musik gilt, beschäftigt längst auch Ingenieure: Wo kann Künstliche Intelligenz sinnvoll unterstützen? Welche Aufgaben kann sie übernehmen? Und wo bleiben Erfahrung, Fachwissen, Verantwortung und menschliche Entscheidung unverzichtbar?
Gerade hier traf Smudos Perspektive auf die des Gastgebers. IngKH-Präsident Dipl.-Ing. Ingolf Kluge hatte bereits in seiner Begrüßung die Bedeutung des „Ingeniums“, also des ingenieurtechnischen Denkens, hervorgehoben: „40 Jahre sind ein guter Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen. Aber eine Kammer darf sich nicht auf dem ausruhen, was in der Vergangenheit erreicht wurde. Sie muss sich immer wieder fragen, was ihre Mitglieder heute von ihr benötigen und welche Themen morgen wichtig werden. Genau das wollen wir auch in den kommenden Jahren tun. Dabei können wir auf einem starken Fundament aufbauen.“
Mit Blick auf Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Energiewende, Infrastruktur und den notwendigen Abbau bürokratischer Hürden betonte Kluge zugleich die Verantwortung des Berufsstandes. Gerade bei schnelleren Planungs- und Genehmigungsverfahren dürfe die fachliche Qualität nicht aus dem Blick geraten. „Natürlich sind die Errungenschaften von Technik und Wissenschaft wichtiger Helfer für uns Ingenieure, aber sie ersetzen nicht das Ingenium, das ingenieurtechnische Denken, was trotz aller Diskussionen um die Künstliche Intelligenz immer notwendig sein wird.“
Die KI-Zukunft im Ingenieursberuf hat schon begonnnen
Wie auch beim anschließenden Get-together deutlich wurde, hat die Zukunft der Künstlichen Intelligenz in vielen Ingenieurberufen längst begonnen. KI verändert bereits heute die Arbeitsweisen von Ingenieuren – weg von der rein manuellen Erstellung und Berechnung, hin zu Validierung, Systemintegration und strategischer Entscheidungsfindung. Ingenieure werden dabei zunehmend zu „Supervisoren“ und Dirigenten digitaler Werkzeuge: KI-Systeme übernehmen die automatisierte Generierung von Entwürfen, Simulationen und Code, während der Mensch die Ergebnisse bewertet, steuert und verantwortet.
Wie stark dieser Wandel bereits fortgeschritten ist, zeigt eine aktuelle Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI): Rund 75 Prozent der Fachkräfte erwarten durch den Einsatz generativer KI eine erhebliche Zeitersparnis – insbesondere bei Routinetätigkeiten.
Rückblick, Grußworte u. Jubiläumsbroschüre

Weitere Highlights des Abends waren ein Videorückblick auf vier Jahrzehnte Ingenieurkammer Hessen, sowie die Grußworte der Ehrengäste zum Beginn der Vanstaltung: Für die deutschen Ingenieurkammern überbrachte Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer, die Glückwünsche. In seinem Grußwort unterstrich er die große Bedeutung des Ingenieurberufs und die wichtige Rolle der Ingenieurkammern als starke berufspolitische Interessenvertretung.

Staatssekretär Dr. Johannes Loheide vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum (HMWVW) überbrachte seine Glückwünsche persönlich. Loheide betonte, dass die Aufsicht der Kammer durch das Ministerium stark nach Kontrolle klinge, er sie jedoch eher als gegenseitige Verantwortung füreinander verstehe.
Staatsminister Manfred Pentz, Hessischer Minister für Entbürokratisierung, würdigte das lange Wirken der IngKH in seinem digitalen Grußwort und bedankte sich im Namen der Hessischen Staatskanzlei für den Einsatz im „Bündnis gegen Bürokratie“.
Zu den weiteren Gästen aus der hessischen Landespolitik zählten Staatsminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Hessisches Ministerium der Finanzen, Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich sowie die Landtagsabgeordneten Elke Barth (SPD), Wiebke Knell und Stefan Naas (beide FDP), Mathias Wagner (Bündnis 90/Die Grünen) und Andreas Lichert (AfD).
Präsident Kluge dankte den Mitgliedern und den zahlreichen ehrenamtlich Engagierten in Vorstand und Gremien sowie den langjährigen Partnern der IngKH für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Anlässlich des 40-jährigen Bestehens ist eine Jubiläumsbroschüre entstanden, die wichtige Stationen der Geschichte und Entwicklung der Ingenieurkammer Hessen nachzeichnet und hier online abrufbar ist.
Alle weiteren Informationen über: 40 Jahre Ingenieurkammer Hessen
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
