
Rund 200 Kurz- und Langfilme aus 50 Ländern, 49 Premieren und sieben Oscar-Einreichungen: Wiesbadens internationales Filmfestival präsentiert vom 13. bis 22. November ein facettenreiches Programm mit außergewöhnlichen filmischen Entdeckungen, hochkarätigen Wettbewerben und zahlreichen Begegnungen mit Filmschaffenden. Im Mittelpunkt der 39. Ausgabe steht das Thema „Kino ohne Grenzen“.
Am Donnerstag, 29. Oktober 2026, wurde in der Caligari FilmBühne Wiesbaden das Programm des 39. exground filmfest vorgestellt. Andrea Wink und Gerald Pucher von der Festivalleitung präsentierten gemeinsam mit Dr. Patricia Becher, Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Wiesbaden, Anna Schoeppe, Geschäftsführerin der Hessen Film & Medien GmbH, sowie Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, die Höhepunkte und thematischen Schwerpunkte der diesjährigen Festivalausgabe. Nach der Umbaupause und dem Ausweichen auf Ersatzspielstätten kehrt das Festival dabei auch räumlich zu seinen Wurzeln zurück: Die Caligari FilmBühne ist wieder Hauptspielstätte und Festivalzentrum.
Mit rund 200 Kurz- und Langfilmen aus 50 Ländern, darunter 49 Premieren, verspricht das zehntägige Festival erneut eine außergewöhnliche filmische Reise durch unterschiedliche Kulturen, Lebenswelten und gesellschaftliche Wirklichkeiten. Die Auswahl entstand aus insgesamt 2.040 Filmeinreichungen. Neben unabhängigen internationalen Produktionen stehen preisgekrönte Entdeckungen aus Cannes, Berlin, Venedig und Karlovy Vary auf dem Programm. Begegnungen mit Regisseuren, Schauspielern und weiteren Filmschaffenden, zahlreiche Wettbewerbe und ein vielseitiges Rahmenprogramm machen exground filmfest einmal mehr zu einem wichtigen Treffpunkt der internationalen Filmszene.

„Kino ohne Grenzen“ – wenn Filme Wahrnehmung verändern
Im Zentrum der 39. Ausgabe steht der Themenschwerpunkt „Kino ohne Grenzen“. Damit knüpft exground an die vorangegangenen Schwerpunkte „Flucht und Vertreibung“ sowie „Mut zur Utopie“ an, schlägt jedoch eine neue Perspektive ein. Während bei „Flucht und Vertreibung“ reale, nationalstaatliche Grenzen und ihre Auswirkungen auf Menschen im Mittelpunkt standen und „Mut zur Utopie“ bewusst neue gesellschaftliche Entwürfe sowie positive Perspektiven im Umgang mit den Krisen der Gegenwart eröffnete, richtet sich der Blick diesmal auf die bewusstseinserweiternde und wahrnehmungsverändernde Kraft des Kinos.
Gefragt wird nach den formalen und erzählerischen Möglichkeiten von Trance und Rausch und danach, wie das Kino Sehgewohnheiten durchbrechen, Wirklichkeit verschieben und neue Erfahrungsräume eröffnen kann. Film wird dabei nicht allein als Medium des Erzählens und Abbildens verstanden, sondern als ästhetische und philosophische Grenzüberschreitung, die gewohnte Wahrnehmungsmuster infrage stellt und das Publikum auf ungewohnte gedankliche und sinnliche Wege führen kann.
Eine zusätzliche Aktualität erhält der Themenschwerpunkt durch die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Im Zeitalter KI-gestützter audiovisueller Medien stellt sich zunehmend die Frage, wie sich menschliche Wahrnehmung durch künstlich erzeugte Bilder und Klänge beeinflussen lässt, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und welche künstlerischen Potenziale, aber auch gesellschaftlichen Herausforderungen mit dieser technisch-sozialen Entwicklung verbunden sind.
Rund 200 Filme, 50 Länder und 49 Premieren
Die internationale Vielfalt des Programms spiegelt sich auch in der Länderstatistik wider. Deutschland führt mit 58 Programmpunkten, gefolgt von Frankreich mit 25 und Spanien mit 13. Großbritannien ist mit zwölf, die USA mit elf Beiträgen vertreten. Darüber hinaus eröffnet exground filmfest Einblicke in Filmkulturen, die auf deutschen Leinwänden nur selten präsent sind. Dazu zählen unter anderem Produktionen aus der Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Kasachstan, Malaysia, Palästina, Katar, Singapur und Thailand.
Besonders bemerkenswert ist die Zahl der Premieren: Das Festival präsentiert 13 Weltpremieren, acht internationale Premieren, zwei Europapremieren und 26 Deutschlandpremieren. Insgesamt 49 Filme erleben damit im Rahmen von exground filmfest ihre jeweilige Premiere.
Sieben Filme im Rennen um den Auslands-Oscar
Eine besondere Auszeichnung für das diesjährige Programm ist die Präsenz von gleich sieben Filmen, die von ihren Herkunftsländern für das Rennen um den Auslands-Oscar 2027 eingereicht wurden.
Dazu gehört FJORD (RO/FR/SE/NO/DK 2026) von Cristian Mungiu, der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde und für Rumänien ins Oscar-Rennen geht. Im Mittelpunkt stehen Mihai und Lisbet, die mit ihren fünf Kindern in ein norwegisches Dorf ziehen. Als ihre älteste Tochter eines Tages mit blauen Flecken in der Schule erscheint, werden die Behörden aufmerksam. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Umzug in ein neues Leben beginnt, entwickelt sich zu einer existenziellen Bedrohung für die Familie, deren Zusammenhalt zunehmend auf die Probe gestellt wird.
In FILIPIÑANA (PH/FR/GB/NL/SG 2026) von Rafael Manuel führt die Geschichte in ein makellos erscheinendes Golfresort für wohlhabende Mitglieder am Stadtrand von Manila. Die 17-jährige Isabel arbeitet dort und versucht, einen verlorenen Golfschläger dem Klubpräsidenten zurückzugeben. Auf ihrem Weg durch die Anlage stößt sie jedoch auf dunkle Geheimnisse, die nicht nur den Arbeitsplatz und die privilegierte Welt der Clubmitglieder betreffen, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit verbunden sind.
Das chilenische Oscar-Rennen bestreitet THE MELTDOWN (CL/US/ES/MX 2026) von Manuela Martelli. Der Film spielt 1992 in einem Hotel in den Anden, wo ein Mädchen spurlos verschwindet. Während die Suche nach ihm beginnt, kommen Erinnerungen und Geheimnisse ans Licht, die tief mit der Geschichte der Pinochet-Diktatur verbunden sind.
Aus der Ukraine kommt TRACES (PL/UA 2026) von Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk. Der auf der Berlinale mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnete Dokumentarfilm gibt Frauen eine Stimme, die über sexuelle Gewalt und Folter während der russischen Besatzung der Ukraine berichten. Im Zentrum steht Iryna Dovhan, deren Geschichte stellvertretend für viele Frauen steht, die unter den Folgen des Krieges leiden und deren Erfahrungen häufig im Verborgenen bleiben.
Zum Kreis der weiteren Oscar-Einreichungen gehören DUA aus dem Kosovo, DEATH HAS NO MASTER aus Venezuela und THE VIRGIN OF THE QUARRY LAKE aus Argentinien.
Made in Germany: sechs Filme im Wettbewerb um den Publikumspreis
Ein besonderes Augenmerk gilt erneut dem deutschen Filmschaffen. Sechs Produktionen konkurrieren in der Sektion „Made in Germany“ um den mit 3.000 Euro dotierten Publikumspreis des Wiesbadener Kinofestival e. V. Dabei treffen gesellschaftlich relevante Themen auf persönliche Schicksale, ungewöhnliche Erzählformen und namhafte Schauspieler.
In ZWISCHEN DEN WELTEN (DE 2026) von Nader Saeivar lebt Murad mit seiner Frau Leyla und seinem Sohn in Berlin. Als ein Handyfoto seines jüngeren Bruders Kerem in einem intimen Moment mit einem Mann innerhalb der religiösen Gemeinde die Runde macht, gerät die scheinbar heile Familienwelt ins Wanken. Der von Jafar Panahi mitentwickelte, geschnittene und koproduzierte Film wartet mit einem prominenten Ensemble auf: Kida Khodr Ramadan, Nicolette Krebitz, Nastassja Kinski und Moritz Bleibtreu gehören zur Besetzung. Auch Julia Jentsch, Johanna Wokalek und Alexander Scheer sind in weiteren Filmen des Wettbewerbs zu sehen.
GROPIUSSTADT SUPERNOVA (DE 2026) von Ben Voit spielt am letzten Tag des Jahres in der gleichnamigen Berliner Plattenbausiedlung. Drei junge Menschen stehen an einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens. Tarik erfährt, dass ihm die Abschiebung droht, Stella erhält die Zusage für eine Schauspielschule im Ausland, und Luan muss befürchten, von seinen beiden Freunden zurückgelassen zu werden. Je verzweifelter er versucht, die Entwicklungen aufzuhalten, desto mehr verschwimmen für ihn Wahrnehmung und Wirklichkeit.
In FRIEDA (DE 2026) von Felix Hassenfratz wächst 1984, in einer Zeit der Angst vor einem möglichen Atomkrieg, die elfjährige Frieda in einer Familie auf, in der offenbar nicht alles ausgesprochen werden darf. Sie spürt, dass ihre Eltern etwas vor ihr verbergen. Ihrer Fantasie folgend, stößt sie auf Aneke, eine verleugnete Schwester, die sie nie kennenlernen durfte. Als Aneke schließlich in Friedas Wirklichkeit tritt, beginnt die über Generationen durch Schweigen aufrechterhaltene Familienordnung zu bröckeln. Julia Jentsch gehört zum Ensemble dieser zwischen magischem Realismus und Wirklichkeit angesiedelten Geschichte.
Einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag der Berliner Feuerwehr gewährt August Pflugfelders Dokumentarfilm HUNDERTZWÖLF (DE 2026). Er begleitet die Mitarbeiter einer Notrufleitstelle, deren Arbeit im Ernstfall höchste Konzentration und schnelle Entscheidungen verlangt. Am Telefon müssen sie allein anhand der Stimmen und Geräusche die Situation erfassen, den Notfallort herausfinden und einschätzen, welche Hilfe benötigt wird. Die eingehenden Anrufe zeichnen zugleich ein eindringliches Spiegelbild unserer Gesellschaft. Spannend wie ein Krimi zeigt der Film Menschen, deren Ruhe und Besonnenheit in dramatischen Situationen über Leben und Tod entscheiden können.
In RUN ME WILD (DE 2025) von Catharina Lott begegnet das Publikum Toni, einer jungen Frau, die nicht über ihre Vergangenheit sprechen möchte. Stattdessen stemmt sie Gewichte oder arbeitet in der Gärtnerei ihrer Eltern. Erst durch die Begegnung mit der abenteuerlustigen Anna kommt neue Leichtigkeit in ihr Leben. Die kürzlich verstorbene Luna Jordan spielt die junge Frau, Johanna Wokalek ihre Mutter.
Einen ganz anderen Ton schlägt André Jagusch mit AMERICAN SHOWDOWN 8 – EINE WAHRE GESCHICHTE (DE 2026) an. Fünf Ostberliner Freunde, darunter Alexander Scheer, hatten nach der Wende aus Begeisterung für das amerikanische Actionkino eine siebenteilige Filmreihe gedreht. Jahrzehnte später wagen sie sich mit kleinem Budget an einen achten Teil. Doch während die Erwartungen inzwischen gestiegen sind, geraten die Freundschaft und das gemeinsame Filmprojekt zunehmend unter Druck. Eine ebenso humorvolle wie nostalgische Liebeserklärung an das Kino.
European Cinema: Geschichten von Krieg, Flucht und gesellschaftlichen Umbrüchen
Die Sektion „European Cinema“ versammelt zehn Filme, darunter die bereits genannten Oscar-Kandidaten FJORD und TRACES. Das Spektrum reicht von bewegenden Familiengeschichten über Kriegszeugnisse bis hin zu spannenden psychologischen Thrillern.
In A PLACE TO HEAL (FR 2026) von Cédric Kahn begegnet das Publikum Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren, die in der Psychiatrie eines öffentlichen Krankenhauses behandelt werden. Sie leiden unter Magersucht, Suchterkrankungen oder Gewaltausbrüchen. Zu ihnen gehört die 17-jährige Lucia, die den Ort bereits gut kennt. Das Ärzteteam versucht, den Jugendlichen zuzuhören, ihre Lebensgeschichten zu verstehen und gemeinsam mit ihren Familien Wege aus der Krise zu finden. Der aus Venedig kommende Film erzählt von jungen Menschen zwischen traumatischen Erfahrungen, Ängsten und Zukunftsträumen.
Eine eindringliche Langzeitbeobachtung des Lebens im Krieg ist MARIINKA (BE/NL/DE/SE 2026) von Pieter-Jan De Pue. In der Ostukraine geraten Kindheitsfreunde durch die sich ständig verschiebende Frontlinie auf unterschiedliche Lebenswege. Natasha, einst ein vielversprechendes Boxtalent, wird Sanitäterin beim Militär, Angela versucht sich mit Schmuggel über Wasser zu halten, während die Brüder Mark und Ruslan auf entgegengesetzten Seiten kämpfen. Ihr jüngster Bruder Danil verfolgt die dramatischen Entwicklungen aus der vermeintlichen Sicherheit seiner Adoptivfamilie in den USA. Über Jahre hinweg begleitet der Dokumentarfilm die jungen Menschen und zeigt, wie der Krieg ihre Biografien und Beziehungen unwiderruflich verändert.
Wie ein Psychothriller entwickelt sich KILLING ANNA (GB 2026) von Sam Benstead. Eine syrische Wissenschaftlerin in Amsterdam erhält Aufnahmen eines Massakers an Zivilisten in ihrer Heimat. Sie macht sich auf die Suche nach dem verantwortlichen Offizier und nimmt über Facebook unter dem Namen „Anna“ Kontakt zu ihm auf. Durch zahlreiche Telefonate gewinnt sie sein Vertrauen und erfährt immer mehr über die Verbrechen des syrischen Regimes.
ONE IN A MILLION (GB/US 2026) von Jack MacInnes und Itab Azzam begleitet die junge Israa über mehr als zehn Jahre. Als Elfjährige bereitet sie sich gemeinsam mit ihrer Familie auf die gefährliche Überfahrt über das Ägäische Meer vor. Nach ihrer Flucht findet sie in Deutschland eine neue Heimat, entdeckt ungewohnte Freiheiten und entwickelt eigene Wünsche und Vorstellungen vom Leben. Doch diese geraten zunehmend mit den traditionell-konservativen Erwartungen ihres Vaters in Konflikt. So entsteht ein vielschichtiges Porträt des Erwachsenwerdens zwischen Fluchterfahrung, familiärer Bindung und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.
In NOMAD SHADOW (US/ES/FR 2026) von Eimi Imanishi steht die 27-jährige Mariam im Mittelpunkt, die nach zehn Jahren in Spanien in ihre Heimat zurückgeschoben wird: in die seit den 1970er-Jahren von Marokko besetzte Westsahara. Dort sind die Zukunftsaussichten, insbesondere für Frauen, äußerst begrenzt. Mariam will sich dennoch nicht mit den konservativen gesellschaftlichen Strukturen abfinden und selbst über ihr Leben bestimmen. Ihr Freiheitswille droht sie jedoch auch die Menschen zu kosten, die ihr am nächsten stehen.
Eine Reise nach Nordirland im Sommer 1994 unternimmt SKINTOWN (IE/GB 2026) von Kieron J. Walsh. Vinny und Jonty wollen ihrem von den Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten geprägten Kleinstadtleben entkommen. Gerade als ein Waffenstillstand neue Hoffnung aufkommen lässt, setzen die beiden einen riskanten Plan in die Tat um.
Eine düstere Liebesgeschichte erzählt EINE MATROSENGESCHICHTE (DK 2026) von Kasper Kalle. Auf den Färöer-Inseln verliebt sich der junge Fischer Baldur in den Walfänger Helge, den er während eines Sturms aus dem Meer rettet. Als eine Tragödie die beiden Männer auseinanderreißt, entfesselt Baldurs Sehnsucht eine mystische Kraft aus dunkler Vorzeit.
In RAIN CATCHER (GB 2026) von Michele Fiascaris wird das nächtliche London zum Schauplatz einer zunehmend unheimlichen Geschichte. Der Fotograf Miles veröffentlicht morbide Porträts ahnungsloser Fremder. Als eine geheimnisvolle Frau beginnt, ihn selbst zu beobachten und zu fotografieren, gerät seine Wahrnehmung immer stärker aus dem Gleichgewicht. Aus dem Beobachter wird ein Verfolgter, der zunehmend der Paranoia verfällt.
American Independents: außergewöhnliche Persönlichkeiten und musikalische Zeitreisen
Sechs Filme umfasst die Sektion „American Independents“, die dokumentarische Entdeckungen und eigenwillige Spielfilme zusammenführt.
Der Dokumentarfilm ASK E. JEAN (US 2025) von Ivy Meeropol porträtiert E. Jean Carroll, die sich während ihrer fünf Jahrzehnte umfassenden Karriere als Journalistin und Ratgeberkolumnistin einen Namen gemacht hat. Mit ihrer furchtlosen Stimme behauptete sie sich in der von Männern dominierten New Yorker Verlagswelt der 1980er- und 1990er-Jahre. Zweimal gewann sie vor Gericht gegen Donald Trump. Der Film zeichnet das außergewöhnliche Leben einer Frau nach, die sich auch unter schwierigen Bedingungen nicht den Mund verbieten ließ.
In IF I GO WILL THEY MISS ME (US 2026) von Walter Thompson-Hernández geht es nach Watts in Kalifornien. Der zwölfjährige Lil Ant versucht, die Beziehung zu seinem Vater Big Ant wiederherzustellen, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Doch das Verhältnis der beiden ist schwierig. Gleichzeitig wird der Junge von rätselhaften Tagträumen heimgesucht, in denen griechische Götter und Flugzeuge auftauchen. Daraus entwickelt sich ein ungewöhnlicher Coming-of-Age-Film über familiäre Bindungen, Identität und die Kraft der Fantasie.
Caleb Landry Jones spielt in DOWN THE ARM OF GOD (US/FR 2026) von Peter Brunner einen engagierten jungen Pastor, der während eines bitterkalten Winters versucht, obdachlosen Menschen in einer texanischen Kleinstadt zu helfen. Seine Bemühungen stoßen jedoch auf Vorurteile und Widerstände innerhalb der Gemeinde und stellen deren Glauben und Werte infrage. Das von Luc Besson produzierte Sozialdrama basiert auf den Erfahrungen obdachloser Menschen, die auch selbst vor der Kamera mitwirken.
Eine bislang wenig bekannte Seite des legendären Sunset Marquis Hotels in West Hollywood beleuchtet IF THESE WALLS COULD ROCK (US 2025) von Tyler Measom und Craig A. Williams. Durch die Geschichte des berühmten Rückzugsorts von Rockstars führt Billy Bob Thornton. Bruce Springsteen, Ringo Starr, Slash, Cyndi Lauper und weitere Musiker erinnern sich an den besonderen Ort. Die Dokumentation erzählt zugleich von dessen Gründer und seinem Sohn, der das Hotel vor dem wirtschaftlichen Ruin bewahrte.
MICKEY & RICHARD (US 2026) von Ryan A. White und A. P. Pickle porträtiert den Darsteller Richard Bernstein und seine Filmfigur Mickey Squires, eine Schwulenporno-Ikone der 1980er-Jahre. Mithilfe von Archivmaterial und Gesprächen mit Bernstein entwickelt sich daraus auch eine Reflexion über Schauspielerei, Rollenbilder und die Frage, welche Rollen Menschen im wirklichen Leben übernehmen.
Musikalisch und nostalgisch wird es mit THE BEST SUMMER (US 2026) von Tamra Davis. Wiederentdeckte Archivaufnahmen der australisch-südostasiatischen „Summersault“-Tour von 1995 machen die damalige alternative Musikszene wieder lebendig. Die Kamera begleitet unter anderem Beastie Boys, Sonic Youth, Foo Fighters, Pavement, Rancid, The Amps und Bikini Kill auf der Bühne, in Tourbussen und hinter den Kulissen. Ein Wiedersehen mit einer musikalisch aufregenden Zeit.
World Cinema: Filmperlen aus aller Welt
Die zehn Produktionen der Sektion „World Cinema“ führen von Lateinamerika über den Nahen Osten bis nach Ostasien. Neben FILIPIÑANA und THE MELTDOWN stehen das chilenische Militärputsch-Drama THE RED HANGAR von Juan Pablo Sallato und der palästinensische Film CHRONICLES FROM THE SIEGE von Abdallah Alkhatib über den Alltag von Menschen unter Belagerung auf dem Programm. Hinzu kommen eigenwillige Komödien, Dramen und Dokumentarfilme aus Uruguay, dem Iran, Südkorea, Japan, Kasachstan und Mexiko.
Eine ausgesprochen ungewöhnliche Erbschaftsregelung bildet den Ausgangspunkt von PRINCE (AR/UY 2026) von Federico Borgia. Ein afghanischer Windhund erbt das Haus seiner verstorbenen Besitzerin Isabel. Ihr ehemaliger Liebhaber und Butler Jaime soll dort gemeinsam mit dem Hund wohnen. Erst nach dessen Tod dürfen Isabels menschliche Erben über das Anwesen verfügen. Die Verwandtschaft will das Testament allerdings nicht akzeptieren. Während Jaime mit seiner Trauer und den familiären Konflikten kämpft, gerät die skurrile Regelung zunehmend außer Kontrolle.
In A BIT OF LIGHT (IR/CA/CH/TR 2026) von Ali Asgari wird ein iranischer Arzt verhaftet und seine Praxis geschlossen, weil er Demonstranten behandelt haben soll. Ohne Hoffnung auf eine Zukunft fasst er den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zuvor trifft er seine Geschwister zu einem vermeintlichen Abschiedsessen bei der Mutter. Doch der Abend nimmt eine unerwartete Wendung und verändert alles. Der Film kommt frisch aus dem Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig.
Von erster Liebe und einem lange gehüteten Familiengeheimnis erzählt SUMMER’S CAMERA (KR 2025) von Divine Sung. Seit dem Tod ihres Vaters hat Summer dessen Kamera nicht mehr benutzt. Als sie beginnt, die Fußballerin Yeonwoo zu fotografieren, entdeckt sie auf ihren Bildern einen unbekannten Mann. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich zu einer bislang verborgenen Liebesgeschichte ihres Vaters.
TIGER (JP 2025) von Anshul Chauhan handelt von Taiga, Mitte 30, der in Tokio als Masseur und Sexarbeiter lebt. Als sein Vater schwer erkrankt, kehrt er in seine ländliche Heimat zurück. Dort gerät er mit seiner Schwester in einen Erbschaftsstreit. Zudem droht sie, ihn gegen seinen Willen als schwul zu outen. Der Film beleuchtet eine Gesellschaft, die sich nur langsam gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen öffnet.
Eine schwarze Komödie, die sich zunehmend zum Thriller entwickelt, ist SICKO (KZ 2026) von Aitore Zholdaskali. Azamat und Tanshoplan leben in Almaty und werden von Schulden erdrückt. Aus Angst, ihre Wohnung zu verlieren, behaupten sie im Internet, die junge Frau sei unheilbar krank, und sammeln Spenden. Doch je mehr Geld und Anteilnahme zusammenkommen, desto schwieriger wird es, die Lüge aufrechtzuerhalten.
In THE GARDEN WE DREAMED (MX 2026) von Joaquín del Paso begleitet das Publikum Esther und Junior sowie Esthers zwei Kinder auf der Suche nach einem besseren Leben. In einem Waldstück in Mexiko finden sie eine Bleibe und errichten mit Material, das Junior von seinem Arbeitgeber, einem Holzverkäufer, erhält, eine einfache Hütte. Doch die Abholzung des Waldes rückt immer näher, während die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zunehmend sichtbar werden. Der Film verbindet eine persönliche Familiengeschichte mit einem Blick auf soziale Ungleichheit und Umweltzerstörung.
exground youth days: erstmals eigener internationaler Jugendkurzfilm-Wettbewerb
Ein fester und besonders beliebter Bestandteil des Festivals sind die exground youth days, die 2026 bereits zum 23. Mal stattfinden. Sechs internationale Langfilme konkurrieren um die Auszeichnungen: DUA aus dem Kosovo, BROKEN VOICES aus Tschechien, SKIFF aus Belgien, BUGBOY aus Griechenland, CONGO BOY aus der Zentralafrikanischen Republik und EXTRA GEOGRAPHY aus Großbritannien. Der Schweizer Film WYLD wird außer Konkurrenz gezeigt.
Eine Neuerung gibt es in diesem Jahr beim Kurzfilmangebot: Erstmals erhält der internationale Jugendkurzfilm einen eigenständigen Wettbewerb mit sechs internationalen Produktionen. Darüber hinaus bietet der Wiesbadener Jugendfilm-Wettbewerb jungen Filmschaffenden erneut eine eigene Plattform, um ihre Arbeiten einem größeren Publikum vorzustellen. Auch der Kinderfilm-Wettbewerb KLAPPE 7 ist wieder mit dabei.
Preisgelder und Auszeichnungen im Gesamtwert von fast 20.000 Euro
Ein wichtiger Bestandteil von exground filmfest sind die zahlreichen Wettbewerbe, die herausragende filmische Leistungen mit Geld- und Sachpreisen im Gesamtwert von fast 20.000 Euro würdigen.
Der Wettbewerb „Made in Germany“ ist mit einem Publikumspreis von 3.000 Euro dotiert. Der Filmpreis Amnesty International Wiesbaden umfasst 1.000 Euro; über die Vergabe entscheidet eine Fachjury. Im Themenschwerpunkt „Kino ohne Grenzen“ wird erneut ein von stadtmobil Rhein-Main gestifteter Publikumspreis vergeben.
Zu den Höhepunkten gehört der Deutsche Kurzfilm-Wettbewerb mit drei Publikumspreisen im Gesamtwert von 6.000 Euro: 3.000 Euro für den ersten, 2.000 Euro für den zweiten und 1.000 Euro für den dritten Platz.
Im 25. Internationalen Kurzfilm-Wettbewerb treten 14 Filme in zwei Programmen gegeneinander an. Der Jurypreis des exground-Freundeskreises ist mit 2.000 Euro dotiert. Der 21. Wiesbaden-Special-Kurzfilm-Wettbewerb umfasst zehn Filme, darunter zwei Weltpremieren. Hier winkt ein mit 500 Euro dotierter Publikumspreis der ARS GmbH. Zusätzlich stiftet die LiveFrame Rental GmbH einen Sachpreis im Wert von 1.000 Euro für Lichttechnik und Kamerabühne.
Auch der Nachwuchs wird großzügig gefördert: In den youth days vergibt eine Jugendjury für den besten internationalen Langfilm 2.500 Euro. Hinzu kommt ein Publikumspreis von 1.000 Euro. Beide Preise werden von der Landeshauptstadt Wiesbaden gestiftet. Der neu eingerichtete internationale Jugendkurzfilm-Wettbewerb ist mit 500 Euro ausgestattet. Im Wiesbadener Jugendfilm-Wettbewerb gibt es 500 Euro für den ersten Platz sowie einen Gutschein des Apple-Stores ergo sum im Wert von 200 Euro für den zweiten Platz.
Für humorvolle und bewusst unkonventionelle Unterhaltung sorgt schließlich die exground-Gong-Show. Hier treten besonders schräge und trashige Filme gegeneinander an und kämpfen um die „Goldene exground-Gurke“ sowie 50 Euro Preisgeld.
Internationale Jurys und ein vielfältiges Rahmenprogramm
Die internationale Kurzfilmjury ist in diesem Jahr vierköpfig besetzt. Ihr gehören der portugiesische Regisseur Gonçalo Almeida, der griechische Filmemacher und Kurator Dimitris Argyriou, die Drehbuchmentorin und Projektberaterin Gabriele Brunnenmeyer sowie die ägyptische Filmkritikerin und Wissenschaftlerin Dr. Amal Elgamal an.
Über den Filmpreis Amnesty International Wiesbaden entscheiden Boualem Adjez von Amnesty International Wiesbaden, der langjährige ZDF- und Arte-Filmredakteur und Produzent Alexander Bohr sowie die Filmwissenschaftlerin und Programmgestalterin des Murnau-Filmtheaters Marie Dudzik.
Neben den Filmvorführungen dürfen sich Besucher auf zahlreiche Gespräche und Begegnungen mit Filmschaffenden freuen. Zu den beliebten exground-Xtras gehören außerdem das Filmquiz und die exground-Gong-Show. Ausstellungen im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden und eine Lesung im Literaturhaus Villa Clementine erweitern das Festivalprogramm über die Kinoleinwand hinaus.
Caligari FilmBühne wieder Festivalzentrum
Nach der Umbaupause und dem zwischenzeitlichen Ausweichen auf Ersatzspielstätten kehrt exground filmfest in diesem Jahr in die Caligari FilmBühne zurück. Sie bildet wieder das Herzstück des Festivals und dient als zentrale Anlaufstelle für Publikum und Filmschaffende. Weitere Spielorte sind das Murnau-Filmtheater und die Krypta der Marktkirche.
Auch über Wiesbaden hinaus ist das Festival präsent: Das Filmforum Höchst wird zum Nachspielort für das Pupille-Kino aus Frankfurt am Main, das wegen eigener Umbauarbeiten derzeit „on Tour“ ist.
Das exground filmfest gehört zu den bedeutenden Festivals für internationales unabhängiges Kino in Deutschland. Jahr für Jahr zieht es im November Filmbegeisterte aus dem Rhein-Main-Gebiet und weit darüber hinaus nach Wiesbaden. Zugleich ist es ein wichtiges Diskussions- und Begegnungsforum für rund 250 akkreditierte Journalisten, Fachbesucher und Gäste aus der Filmbranche. Damit bietet es nicht nur dem Publikum Zugang zu außergewöhnlichen filmischen Entdeckungen, sondern auch Filmschaffenden und Branchenvertretern eine Plattform für Austausch, Vernetzung und neue Impulse.
exground filmfest 39 findet vom 13. bis 22. November 2026 statt. Das vollständige Programm ist seit dem 29. Oktober unter www.exground.com abrufbar. Tickets für sämtliche Veranstaltungen sind über die Festivalhomepage sowie während des Festivals an den Kassen der Caligari FilmBühne und des Murnau-Filmtheaters erhältlich.
(Marta Moneva-Enchev exground filmfest /Kulturfonds Frankfurt RheinMain / Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
