
Wiesbaden/Frankfurt. Beim 37. Hessischen Film- und Kinopreis wird in diesem Jahr vieles anders. Wo sonst eine große Gala mit rund 800 Gästen den Rahmen für die Preisverleihung bildet, steht am 9. Oktober 2026 die Filmbranche in kleiner Runde im Mittelpunkt. Wegen der angespannten Haushaltslage verzichtet die Hessische Landesregierung auf die große Gala mit Rotem Teppich in der Frankfurter Alten Oper und spart damit rund 500 000 Euro ein. Stattdessen werden die Preise im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt (DFF) verliehen. Dort stehen allerdings nur rund 140 Plätze zur Verfügung. Auch eine Übertragung der Veranstaltung ins Foyer ist nicht vorgesehen, aber zumindest eine anschließende Party mit DJ für die geladenen Gäste.
Seit 1989 wird der Hessische Kinopreis vergeben, ein Jahr später kam der Hessische Filmpreis hinzu. Über die Jahre wurde dabei immer wieder über die Höhe der Preisgelder und den angemessenen Rahmen der Verleihung diskutiert. 2026 setzt das Land deshalb andere Prioritäten, und möchte für 2027 dann ein völlig neues Konzept vorlegen, wenn möglich, dann auch die Preisverleihungsfeier wieder im größeren Rahmen. Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels begründet den Verzicht auf die Gala mit dem notwendigen Sparkurs: An der Filmförderung selbst solle nicht gespart werden. Die Preisgelder für die Filme bleiben ebenso konstant wie die Fördermittel. Auch die im vergangenen Jahr erhöhten Preisgelder des Hessischen Kinopreises werden fortgeführt.
„Der Hessische Film- und Kinopreis ist nach wie vor ein Highlight – auch wenn wir 2026 auf eine opulente Gala verzichten. Das wäre das falsche Signal in einer Zeit, in der gespart werden muss“, erklärte Gremmels. Stattdessen wolle man einen Abend für die Filmbranche ausrichten und dabei „Vielfalt, Toleranz, Demokratie und die Freiheit der Kunst“ feiern.
215.000 Euro für Hessens Kinos
Gerade bei der Kinoförderung bleibt es beim bisherigen finanziellen Engagement. Der Hessische Kinopreis ist wie im Vorjahr mit insgesamt 215.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden 21 gewerbliche und zehn nicht-gewerbliche Kinos.
Die beiden mit jeweils 20.000 Euro dotierten Hauptpreise gehen an das Kino Traumstern in Lich und das Mal Seh’n Kino in Frankfurt. Das Harmonie Kino in Frankfurt erhält für sein besonderes Engagement bei der Publikumsansprache den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis der Kino-Jury.
Damit bleibt eine zentrale Funktion des Kinopreises erhalten: Gerade kleinere gewerbliche, kommunale und vereinsgetragene Kinos sind auf solche Preisgelder angewiesen, um ihre anspruchsvolle Programmarbeit trotz knapper Budgets fortführen zu können.
Weniger Preise, weniger Prunk
Gespart wird allerdings nicht nur beim äußeren Rahmen. Der undotierte Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten entfällt in diesem Jahr ebenso wie der zweite undotierte Schauspielpreis des Hessischen Rundfunks.
Der HR beschränkt sich auf die Auszeichnung seines neuen Frankfurter „Tatort“-Teams Melika Foroutan und Edin Hasanovic, die seit Herbst 2025 gemeinsam ermitteln.
Die beiden Schauspieler erhalten den „Schauspielpreis des Hessischen Rundfunks“ für ihre Darstellung des neuen Ermittlerduos Azadi und Kulina. Die Jury hebt insbesondere hervor, wie die Figuren gesellschaftliche Bruchstellen und Erfahrungen von Ausgrenzung sichtbar machen. Besonders im „Tatort: Fackel“, in dem die Ursache eines katastrophalen Hochhausbrandes vertuscht werden soll, würden komplexe gesellschaftliche Erfahrungswelten deutlich.
Moderiert wird der Hessische Film- und Kinopreis von Cécile Schortmann, bekannt unter anderem aus der 3sat-Sendung „Kulturzeit“.
Newcomer-Preis für Joscha Bongard
Ein Preisträger steht bereits fest: Der mit 5.000 Euro dotierte Newcomer-Preis geht an den in Kassel aufgewachsenen Regisseur und Drehbuchautor Joscha Bongard.
Bongard wird für seinen Abschluss- und Debütfilm „Babystar“ ausgezeichnet. Der Film feierte seine Weltpremiere in Toronto und wird inzwischen auf Festivals weltweit gezeigt. Im Mittelpunkt steht eine Influencer-Familie. Bongard verbindet die Beobachtung der sozialen Medien mit grundlegenden Fragen nach dem Schutz von Kindern und der Verantwortung von Eltern, Plattformen und Gesellschaft.
Kunst- und Kulturminister Gremmels sieht in Bongard ein Beispiel für die Entwicklung einer jungen Generation hessischer Filmschaffender. Seine Mediensatire stelle Fragen, die längst über das Thema soziale Medien hinausgingen: Wie viel Öffentlichkeit verträgt Kindheit? Und wer trägt dafür Verantwortung?
15 Filme in fünf Kategorien nominiert
In den fünf Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurzfilm, Hochschulabschlussfilm und Drehbuch wurden insgesamt 15 Filme nominiert.
Spielfilm:
„A Sad And Beautiful World“ von Cyril Aris
„I’ll be gone in June“ von Katharina Rivilis
„Vaterland“ von Paweł Pawlikowski
Dokumentarfilm:
„10s Across the Borders (The Beauty of Ballroom)“ von Sze-Wei Chan
„Haus 4“ von Philipp Schaeffer
„Sieben Kreise der Hölle“ von Andrzej Klamt
Kurzfilm:
„Bleifrei 95“ von Emma Hütt und Tina Muffler
„Hinterland“ von Catrine Val
„Strangers with Hats“ von Petra Stipetić und Karolin Twiddy
Hochschulabschlussfilm:
„Blut und Wasser“ von Nathalie Linke und Johanna Best, Hochschule Darmstadt
„Nijigen Confinement“ von Zirui Chen, Kunsthochschule Kassel
„Ob Du das selbe für mich fühlst“ von Janek Adelheim, Hochschule Darmstadt
Drehbuch:
„Brennende Haut“ von Behrooz Karamizade und Sanaz Ghotb
„Die Bären sind geblieben“ von Nur Muhammed Tarhan
„Prinzessin frisst Löwe“ von Friederike Holtz
Unter den Nominierten befindet sich auch „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski, der derzeit im Kino läuft. Dass zahlreiche nominierte oder bereits ausgezeichnete Filme aktuell auf Festivals und in den Kinos zu sehen sind, bietet dem Publikum die Möglichkeit, die ausgezeichneten Arbeiten unmittelbar kennenzulernen.
Volker Schlöndorff erhält Buchmesse-Preis
Für einen prominenten Namen sorgt der Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption. Er geht in diesem Jahr an Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff für „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“.
Der Film basiert auf Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman von 2007. Ein Haus an einem märkischen See wird darin zum Spiegel eines ganzen Jahrhunderts. Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Krieg, DDR und Wiedervereinigung werden anhand der wechselnden Bewohnerinnen und Bewohner und ihrer persönlichen Schicksale erzählt.
Die Frankfurter Buchmesse würdigt Schlöndorffs ruhige, zurückgenommene Bildsprache und seine Fähigkeit, die historischen Umbrüche über individuelle Erfahrungen von Verlust, Vertreibung, Schweigen und Neubeginn erfahrbar zu machen. Der undotierte Preis wird als „Director’s Choice“ vergeben und zeichnet Literaturadaptionen aus, die einen Stoff eigenständig und zugleich nah an der literarischen Vorlage ins Bild setzen.
QMS RESPECT Award für Hanczewski und Giese
Ebenfalls undotiert ist der QMS RESPECT Award, der an Karin Hanczewski und Godehard Giese geht. Beide initiierten 2021 gemeinsam mit weiteren Schauspielerinnen und Schauspielern die Coming-out-Aktion #ActOut, bei der sich 185 Filmschaffende öffentlich als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär oder trans outeten und auf Diskriminierung und beruflichen Druck in der Branche aufmerksam machten.
Mit dem Preis würdigt die Queer Media Society Persönlichkeiten, die sich für queere Sichtbarkeit und Repräsentanz in der Filmbranche einsetzen. Der Preis wurde 2025 auf Initiative von Timon Gremmels erstmals vergeben.
(HMWK / Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
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