
Professorin Dr. Nicole Deitelhoff sprach am 28. September 2026 im Haus der Wirtschaft in Darmstadt im Rahmen der Veranstaltung „Wirtschaft im Dialog“ der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e. V. zum Thema „Schutz der Demokratie – Zusammenhalt in der Gesellschaft“. Im Anschluss an ihren Vortrag fand eine Diskussion statt.
„Demokratische Parteien können das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler nur durch konkrete, spürbare Verbesserungen im Alltag zurückgewinnen“, betonte Dirk Widuch, Geschäftsführer der Arbeitgeberverbände. Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Nicole Deitelhoff mahnte, den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel aktiv mitzugestalten: „Um eine Zukunft für die Demokratie zu sichern, müssen wir uns öffnen für Wandel und auch für Verzicht.“
Rund 100 Gäste aus Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft waren zu der Veranstaltung zusammengekommen. Der Abend stand auch unter dem Eindruck der Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie demokratische Institutionen Vertrauen zurückgewinnen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt angesichts wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen sichern können.
Vertrauen durch konkrete Verbesserungen zurückgewinnen
„Viele Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht Antworten. Antworten auf die wirtschaftliche Schwäche unseres Landes, hohe Steuern und Abgaben, steigende Energiepreise und darauf, wie die Zukunft unserer sozialen Sicherungssysteme gestaltet wird“, sagte Widuch. Wer das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen und die Demokratie stärken wolle, müsse zeigen, dass demokratische Politik die Herausforderungen der Zeit erkenne, tragfähige Antworten finde und Probleme tatsächlich lösen könne.
Dazu gehörten aus seiner Sicht vor allem wirtschaftspolitische Reformen. „Erforderliche Reformen müssen endlich kommen: Wir benötigen wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland, deutlich weniger Bürokratie, spürbare Entlastungen für Unternehmen und Beschäftigte, bezahlbare Energie sowie eine langfristig tragfähige Gestaltung unserer sozialen Sicherungssysteme“, forderte der Geschäftsführer der Arbeitgeberverbände. Sein Fazit: „Demokratische Parteien können das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler nur durch konkrete, spürbare Verbesserungen im Alltag zurückgewinnen.“
Den Wandel aktiv gestalten, statt an Besitzständen festzuhalten
Auch die Referentin des Abends, Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, nahm Politik und Bürger gleichermaßen in die Verantwortung. Sie kritisierte eine verbreitete Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen. „Die Politik ist gegenwärtig genauso verzagt wie die Bürger in unserer Demokratie. Sie diskutiert über Lösungen, aber traut sich gar nicht mehr, sie umzusetzen oder den Bürgern etwas zuzumuten“, sagte Deitelhoff.
Eine demokratische Zukunft lasse sich ihrer Ansicht nach nur sichern, wenn die Gesellschaft bereit sei, Veränderungen anzunehmen und auch Einschränkungen zu akzeptieren. „Wir werden nicht allen Wohlstand halten können, es wird für uns alle schwieriger werden, aber das wird es sowieso.“ Wer jedoch weiterhin an bestehenden Besitzständen festhalte und notwendige Veränderungen verdränge, überlasse die Gestaltung des Wandels anderen Kräften. „Aber wenn wir den Kopf weiter in den Sand stecken und auf unseren Besitzständen beharren, dann werden wir den Wandel einfach nicht mitgestalten: Er geschieht uns, er kostet uns, aber wir haben keinen Anteil daran.“
Deitelhoff plädierte damit für eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über die Grenzen des bisherigen Wohlstandsmodells und die Folgen des wirtschaftlich-ökologischen Umbaus. Entscheidend sei, die Veränderungen nicht lediglich passiv und unter Protest hinzunehmen, sondern sie politisch und gesellschaftlich aktiv mitzugestalten.
Wirtschaftliche Krisen und schwindendes Vertrauen
Deitelhoff stellte zudem einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Umbrüchen und dem zunehmenden Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen her. Die Finanzkrise ab 2007 und die anschließende Eurokrise hätten dazu beigetragen, das Vertrauen in die Fähigkeit des Staates zu erschüttern, wirtschaftliche und soziale Krisen wirksam zu bewältigen. Wenn Bürger den Eindruck gewännen, dass die Politik auf solche Herausforderungen keine überzeugenden Antworten finde, gerate auch der gesellschaftliche Zusammenhalt unter Druck.
Aus den unterschiedlichen Perspektiven der beiden Referenten ergab sich damit eine gemeinsame zentrale Frage: Wie kann die Demokratie ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen und zugleich die Bereitschaft der Gesellschaft stärken, notwendige Veränderungen mitzutragen?
Die Diskussion machte deutlich, dass es dafür sowohl konkrete politische Lösungen als auch eine veränderte Haltung zum Wandel braucht. Während Widuch vor allem verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und spürbare Entlastungen einforderte, rückte Deitelhoff die Bereitschaft zu Veränderung und Verzicht in den Mittelpunkt. Demokratie zu schützen bedeutet demnach auch, politische Entscheidungen nachvollziehbar zu machen, Verantwortung zu übernehmen und den gesellschaftlichen Umgang mit Krisen und Veränderungen neu auszuhandeln.
(Fabienne Bardonner , B.Sc. /Diether v Goddenthow – RheinMainKultur.de)
