Theater Wiesbaden feiert Saisonauftakt 2026/27 mit großem Theaterfest und Gänsehautmomentem bei Carmina Burana

Kinderkonzert des Hessischen Staatstheaters ,,Hänsel und Gretel“ im Foyer des Großen Hauses beim Theaterfest zum Saisonauftakt 2026/27 © Foto: Diether v. Goddenthow

Nach dem großen Theaterfest am Nachmittag startete das Staatstheater Wiesbaden am Samstag, 22. August 2026, um 19 Uhr mit einer monumentalen Aufführung von Carl Orffs berühmter „Carmina Burana“ in die neue Spielzeit 2026/27. Für das Intendantinnen-Duo Dorothea Hartmann, zuständig für den Musikbereich, und Beate Heine, verantwortlich für den Schauspielbereich, ist es die dritte Spielzeit an der Spitze des Hauses.

Fest für Theaterbegeisterte jeden Alters
Eröffnet wurde die neue Theatersaison bereits um 14 Uhr mit dem großen Theaterfest rund um und im Kleinen und Großen Haus. Bei freiem Eintritt bot es Theaterbegeisterten jeden Alters ein abwechslungsreiches Programm aus allen Sparten und auf allen Bühnen. Zugleich gab es zahlreiche Möglichkeiten, den Theaterleuten über die Schulter zu schauen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

„Balletttraining für alle“ in den Kolonnaden mit Ballettmeister Uwe Fischer ´beim großen Theaterfest des Hessischen Staatstheaters zum Saisonauftakt 2026/27 © Foto: Diether v. Goddenthow

Workshops zum Mitmachen, Informationsstände zur neuen Saison, offene Proben und verschiedene musikalische Angebote vermittelten einen lebendigen Eindruck vom vielfältigen Theaterbetrieb. Vom „Balletttraining für alle“ und dem „Casual Kostümverkauf“ über offene Chor- und Ballettproben und „Melodieraten“ bis hin zu Kinderkonzerten wie „Hänsel und Gretel“ sowie Angeboten zum Marionetten- und Musikinstrumentenbau reichte das Programm. So gab es für Groß und Klein zahlreiche Kostproben, Einblicke und Erlebnisse rund um die Welt des Theaters.

Auch die Theaterfreunde Wiesbaden e. V. waren mit einem Informationsstand vertreten. Vorsitzender Helmut Nehrbaß und weitere Mitglieder informierten über die Vorteile einer Mitgliedschaft. Dazu gehören unter anderem die Teilnahme an Premierefeiern, der exklusive Zugang zu ausgewählten Endproben, vergünstigte Eintrittspreise, ergänzende Veranstaltungen, persönliche Kontaktpflege und ein exklusiver Neujahrsempfang. (weitere Infos: Theaterfreunde Wiesbaden)

An anderer Stelle warben die Freunde des Hessischen Staatsballetts für die Errichtung eines ergänzenden Tanzhauses für das Staatstheater. Es soll als „lebendiger Treffpunkt für Künstler und Publikum, für Austausch und neue Ideen, für professionelle Arbeit und kulturelle Teilhabe“ dienen. Ein solcher Ort könne, so die Initiative, „ein Impuls für die Kultur von morgen“ sein.

Helmut Nehrbaß, Vorsitzender der Theaterfreunde Wiesbaden informiert über die Vorteile einer Mitgliedschaft – rechts: Auch hier Warteschlangen kurz vor einer Führung zu den Requisiten und Theaterwerkstätten- © Foto: Diether v. Goddenthow
.

Führungen durch Requisite und Werkstätten

Anders als bei früheren Theaterfesten konnte das Publikum das Haus aus Sicherheitsgründen diesmal nicht selbstständig im Sinne eines „Hauses der offenen Türen“ erkunden. Wer einen Blick in Requisite und Werkstätten werfen wollte, musste daher eine entsprechende Führung am Infostand in den Kolonnaden buchen. Das Interesse daran war groß: Rasch bildeten sich lange Schlangen.

Auch vor der Theaterkasse herrschte reger Andrang. Anlässlich des Theaterfestes konnten dort wieder die TheaterCard 50 und TheaterCard 25 sowie Karten für Vorstellungen im September und Oktober 2026 mit einer Ermäßigung von bis zu 50 Prozent erworben werden.

Um 19 Uhr eröffnete das Orffsche Meisterwerk .,Carmina Burana“ die Spielzeit 2026/27  im Großen Haus.

 

Gänsehautmomente bei „Carmina Burana“ Kantate von Carl Orff

 

Carmina Burana mit Hessisches Staatsorchester Wiesbaden, Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Chor der Stadt Wiesbaden und Knabenchor Wiesbaden Foto: Lukas Anton

Es sind die ersten Takte, die sofort gefangen nehmen: Mit archaisch anmutender Wucht und prägnanter Rhythmik setzt Carl Orffs „O Fortuna“ ein und zieht das Publikum unmittelbar in seinen Bann. Unter der musikalischen Leitung von Paul Taubitz ließen mehr als 200 Mitwirkende aus dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden, dem Chor des Hessischen Staatstheaters (Einstudierung: Aymeric Catalano), dem Chor der Stadt Wiesbaden (Einstudierung: Jud Perry) und dem Knabenchor Wiesbaden (Einstudierung: Roman Bernhard Twardy) den Konzertsaal erbeben. Schon nach wenigen Takten wird spürbar, weshalb die 1937 an der Oper Frankfurt uraufgeführte „Carmina Burana“ bis heute zu den weltweit meistgespielten Werken der klassischen Musik gehört. Herausragende Solisten des Abends waren Alyona Rostovskaya, Sascha Zarrabi und Christian Noel Bauer.

Gänsehaut vom ersten bis zum letzten Takt: 70 Minuten lang entwickelte die Aufführung eine mitreißende musikalische Energie – präzise, farbenreich und von einer Unmittelbarkeit, die sich unmittelbar auf das Publikum übertrug. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden, der Chor des Hessischen Staatstheaters, der Chor der Stadt Wiesbaden und der Knabenchor Wiesbaden bildeten gemeinsam einen gewaltigen Klangkörper, der Orffs Werk mit ergreifender Wucht und großer Geschlossenheit zum Leben erweckte. Gerade das Zusammenspiel der rund 200 Mitwirkenden beeindruckte: Die großen Tutti-Passagen wirkten kompakt und überwältigend, zugleich homogen und klar konturiert, ohne in bloßer Lautstärke zu erstarren. Immer wieder öffneten sich aus der Klangmasse feinere, beinahe liebliche und farbenreiche Momente.

Musikalischer Leiter Paul Taubitz. Foto: Lukas Anton

Paul Taubitz versteht es, die besondere rhythmische Sprache Orffs präzise herauszuarbeiten. Für den Dirigenten ist die „Carmina Burana“ zudem mit persönlichen Erinnerungen verbunden: „Die ,Carmina Burana‘ sind für mich mit viel Nostalgie verbunden. Schon als 11-Jähriger habe ich das Werk im Schulorchester mit der Trompete gespielt. Neben den mitreißenden Rhythmen hat das Stück auch sehr sensible, sanfte Momente. Die gewaltige Klangwucht des großen Chores macht das Musizieren für mich jedes Mal wieder zu einem besonderen Erlebnis.“

Und genau diese beiden Seiten der Partitur werden in Wiesbaden hörbar. Die Musik treibt, stampft, tanzt und beschwört. Schlagwerk und Orchester verleihen den wiederkehrenden rhythmischen Figuren eine geradezu körperliche Präsenz, während der Chor mit großer Präzision und klarer Artikulation agiert. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente von großer Zartheit und lyrischer Schönheit. So entsteht eine eigentümliche Verbindung aus archaischer Kraft und musikalischer Genauigkeit. Gerade diese Spannung macht die Aufführung so unmittelbar: Sie wirkt nicht wie ein musealer Rückblick auf eine längst vergangene musikalische Epoche, sondern erstaunlich gegenwärtig.

Ihre Wirkung verdankt die „Carmina Burana“ nicht zuletzt ihrer außergewöhnlichen Mischung aus Elementarem und Sinnlichem. Orff griff für sein Werk auf die mittelalterliche Handschriftensammlung „Carmina Burana“ zurück, die Texte aus dem 11. und 12. Jahrhundert in mittellateinischer, mittelhochdeutscher und altfranzösischer Sprache überliefert. Es geht um das unberechenbare Schicksal, um die Freuden und Schattenseiten des Lebens, um Frühling und Natur, Wein, Glücksspiel, Begehren und Liebe. Über allem steht Fortuna, die Göttin des Glücks, deren Rad sich unaufhörlich dreht: Wer heute oben ist, kann morgen schon zu den Verlierern gehören.

Das Schicksalsrad wird dabei zur großen Metapher für die menschliche Existenz – und insbesondere für die Liebe. Glück bedeutet, geliebt zu werden und selbst lieben zu dürfen; Begehren und Zurückweisung, Lust und Schmerz liegen unmittelbar nebeneinander. In den Texten begegnen sich Lebensfreude und Vergänglichkeit, ausgelassener Übermut und existenzielle Unsicherheit. Gerade diese unmittelbare Sprache der Gefühle dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass Orffs Musik ihr Publikum bis heute erreicht.

Alyona Rostovskaya Foto: Lukas Anton

Drei große Teile führen durch diese Welt: „Primo vere“ beschwört das Erwachen der Natur nach dem Winter. Die Menschen zieht es hinaus ins Freie, Tanz und Lebensfreude bestimmen das Geschehen. „In Taberna“ verlagert die Szenerie in die Schenke, wo Wein, Glücksspiel und die Härten des Lebens besungen werden – bis hin zum berühmten Klagegesang des gebratenen Schwans, der sein Schicksal im Kochtopf beklagt. Im „Cours d’amour“ schließlich dreht sich alles um Sehnsucht, Blicke und Begehren. Mägde und Burschen umkreisen einander, und die Musik erzählt von der ganzen Spannbreite des Liebens: von Verführung und Lust bis zu Schmerz und unerfüllter Sehnsucht.

Überragend auch die drei Solisten. Alyona Rostovskaya faszinierte mit einem außergewöhnlich klaren und treffsicheren Sopran, der selbst in den höchsten Lagen souverän und leuchtend blieb. Ihre Stimme setzte sich mühelos gegen den großen Klangapparat durch und konnte zugleich in den lyrischen Passagen eine ganz andere, empfindsame Seite der Partitur zeigen. Tenor Sascha Zarrabi und Bariton Christian Noel Bauer überzeugten ebenfalls mit herausragender Stimmgewalt und großer Bühnenpräsenz. Gemeinsam verliehen die Solisten den mittelalterlichen Texten eine unmittelbare, geradezu theatralische Lebendigkeit.

Empfang im Anschluss an das Konzert im Foyer des Großen Hauses. © Foto: Diether v. Goddenthow

Wie zeitlos Orffs Musik ist, zeigt sich auch daran, dass ihre Wirkung längst über den Konzertsaal hinausreicht. Boxer Henry Maske betrat keinen Boxring, ohne dass Orffs „Carmina Burana“ den dramatischen Moment musikalisch begleitete. Auch Michael Jackson setzte bei seinen Bühnenshows auf die suggestive Kraft von „O Fortuna“. Bis heute taucht das Stück in Filmen, Werbespots sowie bei zahlreichen Groß- und Wohltätigkeitsveranstaltungen auf. Kaum ein anderes Werk der klassischen Musik besitzt eine vergleichbare Fähigkeit, innerhalb weniger Sekunden Spannung, Erwartung und überwältigende Dramatik zu erzeugen.

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Werkes: Orff braucht keine lange Anlaufzeit. Ein Rhythmus, ein Chor, wenige mächtige Akkorde – und die Musik besitzt den Raum. Das Schicksalsrad dreht sich, Fortuna wird angerufen, und für einen Moment scheint die gesamte menschliche Existenz in diesem immer wiederkehrenden Klang aufzugehen.

So beginnt und endet die „Carmina Burana“ mit „O Fortuna“. Dazwischen liegen Frühling und Natur, Wein und Glücksspiel, Begehren und Liebe, Rausch und Ernüchterung – also nichts weniger als das pralle Leben. In Wiesbaden wurde daraus eine Aufführung, die ihre Wirkung nicht allein über musikalischen Effekt suchte, sondern durch Präzision, rhythmische Energie und eine beeindruckende Geschlossenheit. Nach 70 Minuten blieb vor allem eines: das Gefühl, einem musikalischen Ausnahmezustand beigewohnt zu haben.

Und während der letzte Klang verklang, schien sich das Rad der Fortuna bereits wieder zu drehen.

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

Nächster Spieltermin: Großes Haus: Carmina Burana: Kantate von Carl Orff, Sa, 29 08 2026, 19.30 Uhr

Weitere InformationenHessisches Staatstheater“ und „Spielplan“