Rote Giraffen tanzen beim Maifestspiele-Auftakt spektakulär durch die Nacht

Die roten Giraffen der Compagnie Off tanzen am 2. Mai 2026 atemberaubend durch die anbrechende Nacht der Wilhelmstraße dem Warmen Damm vor dem Hessischen Staatstheater entgegen – anlässlich der Eröffnung der Internationalen Maifestspiele Wiesbaden. © Foto: Diether v. Goddenthow

Eineinhalb Stunden lang (20:00–21:30 Uhr) faszinierte am gestrigen 2. Mai 2026, dem zweiten Tag der Internationalen Maifestspiele, nach der „Oper zum Mitsingen“ (19:00–20:00 Uhr) am Warmen Damm mit dem Opernchor des Wiesbadener Staatstheaters das gigantische Straßentheater „Les Giraffes“ (Die Giraffen) der Compagnie Off. Währenddessen zog im Großen Haus die Dresdner Band „Woods of Birnam“ um den Sänger und Schauspieler Christian Friedel mit „Solaris“, einer Mischung aus Livekonzert, Theater und Performance, das Publikum in ihren Bann.

„Les Giraffes“ startet hinter der Caligari Filmbühne. © Foto: Diether v. Goddenthow

Beim „Les Giraffes“ , einem mit über 10 Metern hohen Figuren handelt es sich um ein französisches Straßentheater der ganz besonderen Art, um eine Mischung aus monumentalem Rundgang, Zirkusburleske und riesigem Marionettentheater, deren Handlung sich je nach Ort und Publikum immer weiterentwickelt. Im Mittelpunkt steht eine poetische Szene: Sieben rote Giraffen ziehen langsam durch die Landschaft. Ihre eleganten Bewegungen wirken wie ein magentafarbenes Ballett, angeführt von einer eindrucksvollen Diva, die singt und die Giraffen um sich versammelt, so auch in Wiesbaden: Um 20 Uhr setzte sich die Herde der sieben roten Giraffen-Großmarionetten, jeweils von zwei Artisten kaum sichtbar aus dem Giraffenbauch gesteuert, vom Platz vor der Caligari Filmbühne aus mit einer großen Runde über das Dern’sche Gelände, dann über die Karl Glässing Straße und Wilhelmstraße bis zum Warmen Damm wo das von weit über 1000 begeisterten „Zaungästen“ seinen gefeiertern Höhepunkt nahm.

„Les Giraffes“ ein Zwischenspiel auf dem Dern’schen Gelände hinter der Caligari Filmbühne. © Foto: Diether v. Goddenthow

Wie ein große Herdenwanderung in Savanne hatten sich die roten Riesen-Tiere wie in Zeitlupe in Bewegung gesetzt, das geschah mit viel musikalischem Getöse, Bengalos, Knallerei mit Konfettiregen, Standup-Artistik und insbesondere dem wunderbaren durchdringenden Opern-Gesang der auf einem hohen – ebenfalls rotbespannten – fahr- und drehbaren Thron auf Rädern geschobenen Diva Irina Tiviane.

Diva Irina Tiviane _ Les Giraffes begeistert das Publikum mit ihrer gewalten Stimme beim Maifestspielauftakt. © Foto: Diether v. Goddenthow

Angeführt wurde die Zirkus-Truppe von Le Dompteur K’chash Ahm und seinen rot uniformierten tanzenden Zirkusmännern. Mit ihren geschmeidigen Hälsen gleiten ihre schlanken Silhouetten elegant dahin und bilden so ein magentafarbenes Ballett, im Mittelpunkt stets die prächtige, in eine Art weißen (Kunst-)Pelz gehüllte, singende Diva, die immer wieder die gigantischen Fantasie-Giraffen um sich versammelt.

Die Inszenierung beeindruckt vor allem durch ihre visuelle Wucht und ihre Fähigkeit, den öffentlichen Raum vollständig zu verwandeln. Straßen werden zur Bühne, Passanten zu staunenden Zuschauerinnen und Zuschauern, die sich dem Sog der langsam vorbeiziehenden Giraffen kaum entziehen können. Dabei liegt die Stärke weniger in einer stringenten Handlung als vielmehr in der Kraft der Bilder: Die Kombination aus Bewegung, Musik und überlebensgroßen Figuren erzeugt eine beinahe traumartige Atmosphäre, was vor der historischen Gebäude-Kulisse Wiesbadens und hinter dem Theater am Warmen Damm besonders eindrucksvoll erlebbar war.

„Les Giraffes“ großer Höhepunkt hinter dem Hessischen Staatstheater am Warmen Damm © Foto: Diether v. Goddenthow

Das Stück lebt insbesondere von seiner faszinierenden, spannungsgeladenen Mischung aus Pathos und spielerischer Leichtigkeit. Der opernhafte Gesang der Diva verleiht der Aufführung eine überraschende emotionale Tiefe und lässt Straßen und Plätze zur großen Bühne werden, während Zirkusfiguren, artistische Einlagen sowie Bengalo- und Graffitispektakel für humorvolle und mitreißende Momente sorgen. Diese Balance macht „Les Giraffes“ zu einem prägenden, einzigartigen Erlebnis, das sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht.

Großes Abschlussbild der Compagnie Off. © Foto: Diether v. Goddenthow

Freilichtspektakel wie „Les Giraffes“ zeigen eindrucksvoll, wie zeitgenössisches Straßentheater urbane Räume neu denken kann – poetisch, überwältigend und mit einer Bildkraft, die lange im Gedächtnis bleibt. Kurzum: ganz große Klasse. Die Menge tobte vor Begeisterung, und selbst in den anschließend überfüllten Bussen war es – schon an den aufgekratzten Stimmen hörbar – das beherrschende Gesprächsthema. Gerade auch Kinder zeigten sich begeistert: „Das war richtig cool, Mama!“, bemerkte ein etwa Achtjähriger in der Linie 8 auf dem Heimweg.

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

Internationale Maifestspiele 2026