
Beim Jahresempfang 2026 der Industrie- und Handelskammer Offenbach stand eine Frage im Mittelpunkt, die Unternehmen, Politik und Gesellschaft gleichermaßen beschäftigt: Wie verändert Künstliche Intelligenz unseren Umgang mit Wissen – und damit auch Arbeit, Führung und Zusammenarbeit?

Rund 300 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung kamen am 19. Mai in Offenbach unter dem Motto „WissensWerte“ zusammen, um über Chancen und Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz zu diskutieren. Deutlich wurde dabei vor allem eines: KI ist längst keine Zukunftsvision mehr. Sie verändert bereits heute Geschäftsmodelle, Prozesse und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen – und stellt zugleich neue Anforderungen an Menschen und Organisationen.
Die Gastrednerin Prof. Dr. Isabell Welpe, Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München, machte in ihrem Vortrag „Daten und Denker – was im KI-Zeitalter wirklich zählt“ deutlich, dass die eigentliche Herausforderung weniger in der Technologie selbst liege als in der Fähigkeit von Unternehmen, Wissen sinnvoll zu organisieren und nutzbar zu machen.

Künstliche Intelligenz werde nicht einfach den Menschen ersetzen, sagte Welpe. Vielmehr verschiebe sie die Anforderungen an Beschäftigte und Führungskräfte. Gefragt seien künftig stärker Urteilsvermögen, die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, sowie die Kompetenz, neue Ideen kritisch zu bewerten. Einzelne Tätigkeiten würden verschwinden, viele sich grundlegend verändern, gleichzeitig entstünden neue Berufsfelder – ein Wandel, wie ihn jede technologische Revolution mit sich gebracht habe.
Besonders entscheidend sei dabei die Qualität der Daten und Strukturen innerhalb eines Unternehmens. Nur dort, wo Wissen systematisch erfasst und Prozesse intelligent organisiert würden, könne KI ihr Potenzial entfalten.
KI im Unternehmensalltag – Drei Beispiele aus der Praxis
Wie dieser Wandel im Unternehmensalltag konkret aussieht, zeigten drei Unternehmen aus Stadt und Kreis Offenbach anhand praktischer Beispiele. Dabei wurde deutlich, dass erfolgreiche KI-Nutzung weit über technische Lösungen hinausgeht.

Lars Hagenlocher, Geschäftsführer der Videor E. Hartig GmbH aus Rödermark, betonte die Bedeutung menschlicher Zusammenarbeit. Entscheidend für funktionierende Prozesse sei nicht allein technologisches Wissen, sondern auch das Verständnis für die Arbeitsrealität anderer Kolleginnen und Kollegen. Gerade an den Schnittstellen zwischen Abteilungen entscheide dieses Wissen darüber, ob Zusammenarbeit reibungslos funktioniere.
Noch wichtiger sei jedoch die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Unternehmen müssten Räume schaffen, in denen Mitarbeitende sich mit den eigenen Stärken, Herausforderungen und Verhaltensmustern auseinandersetzen könnten. Der Austausch zwischen Menschen bleibe auch im KI-Zeitalter ein zentraler Erfolgsfaktor.
Einen weiteren Aspekt beleuchtete Dr. Amran Khalid, Investor und Partner der datamotion AI GmbH aus Obertshausen. Er verwies auf die Risiken des Generationenwechsels in Unternehmen. Wenn erfahrene Mitarbeitende ausscheiden, gehe häufig wertvolles Erfahrungswissen verloren. KI könne helfen, dieses Wissen zu sichern und zugänglich zu machen. Ohne eine systematische Wissenssicherung verliere ein Unternehmen langfristig seine Fähigkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen – unabhängig davon, wie moderne Technologien eingesetzt würden.
Wie KI zudem ganz konkret den Alltag von Menschen verbessern kann, zeigte Gawthem Mahendran aus Forschung und Product Development Digital der Boeing Deutschland GmbH in Neu-Isenburg. Boeing nutzt Künstliche Intelligenz und digitale Technologien, um Flugzeugkabinen intelligenter und benutzerfreundlicher zu gestalten. Vorgestellt wurde unter anderem eine dreidimensionale Kabinenkarte, die sehbehinderten Menschen die Orientierung an Bord erleichtern soll. Das Beispiel machte deutlich, dass technologische Innovationen vor allem dann ihren Wert entfalten, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Der IHK-Jahresempfang zeigte damit eindrucksvoll, dass Künstliche Intelligenz weit mehr ist als ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung. Sie verändert die Art, wie Wissen entsteht, geteilt und genutzt wird. Gleichzeitig wächst die Bedeutung menschlicher Fähigkeiten: Kommunikation, kritisches Denken, Erfahrung und Zusammenarbeit werden im digitalen Wandel nicht weniger wichtig – sondern entscheidend.
(IHK-Offenbach)
