Große Retrospektive in Istanbul ehrt Ausnahmekünstlerin Semiha Berksoy

Das neue Hagia Sophia Geschichts- und Erlebnismuseum vermittelt profundes Wissen, der immersive Teil verlangt vom Publikum jedoch sportliches Tempo. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

(Von Dorothee Baer-Bogenschütz)

Istanbul um acht Uhr früh. Noch bereitet der Berufsverkehr mit dem berüchtigten Schritttempo nicht die größte Sorge. Zunächst muss eine Grabstätte gefunden werden, über die es kaum Informationen gibt. Ob das gelingt? Ausgerechnet jetzt setzt Regen ein. Der Friedhof von Çengelköy liegt auf der asiatischen Seite Istanbuls, Lieferverkehr blockiert enge Durchfahrten. Mittags schon geht es zurück nach Frankfurt. Trotzdem: Wo sie ruht, dort möchte man ihr seine Verehrung erweisen: gleich am Morgen nach der Vernissage im Museum Istanbul Modern, das mit Semiha Berksoy nun eine Tochter der Stadt feiert. Die Retrospektive mit mehr als 200 Werken ist so mitteil- wie einfühlsam kuratiert, opulent wie anrührend. Sie verhandelt ästhetische und emotionale Aspekte in Berksoys Schaffens und integriert den aufwühlenden Brief an ihren Vater, wo sie Entscheidungsfreiheit über ihr Leben reklamiert, als Manifest und Wandtext.

Berksoy Semiha, Tosca operasında Floria Tosca rolünde, 1941, © Istanbul Modern

Nachdem der weitläufige Friedhof gefunden ist, erweist sich die Orientierung als Herausforderung, auch aufgrund der Hanglage. Endlich: Da ragt die Grabstele auf, eine leicht identifizierbare Form. Berksoy selbst hatte – mit Anfang zwanzig – Zypressen auf ihrem Grab imaginiert. Sie sollten die Flammen symbolisieren, die ihre Liebe zur Kunst lodern ließen. Immer wieder blickt sie bereits in jungen Jahren dem Tod ins Gesicht. 1935 wird ihre Kurzgeschichte „Brief aus einem Grab“ veröffentlicht. Rund 70 Jahre später ruht die Autorin ganz oben auf dem Gräberfeld in Çengelköy. Hier ist der Friedhof zu Ende.

Ganz oben war sie früh: Als erste türkische Opernsängerin, die in Europa auftrat, schrieb sie Operngeschichte. Staatsgründer Atatürk schätzte sie. Als Pionierin definier[t]e sie die Rolle der weiblichen Kunstschaffenden in der Türkei, sagt Oya Eczacibasi, Vorständin des Istanbul Modern.

In der Ausstellung zeichnen die Kuratorinnen Öykü Özsoy Sagnak und Deniz Pehlivaner Berksoys künstlerischen Weg nach, zum Mitgehen. In allen ihren Facetten wird die Multitalentierte wiederentdeckt – wiewohl sie nie ganz vergessen war. Selbst dem legendären Schweizer Ausstellungsmacher und Mythologienforscher Harald Szeemann war sie keine Unbekannte. Er besuchte sie in Istanbul im Jahr 2002, durfte noch eng mit ihr zusammenarbeiten und von der Bedeutung der Mutterfigur für ihre Privatmythologie erfahren. De facto überlappen und verschmelzen Mutter- und Tochtervorstellungen auf der inneren Bühne Berksoys, was ihr Gesamtwerk vielgestaltig offenbart. Auch Bettlaken und eine Kühlschranktür konnten Bildträger sein.

 

Das von Renzo Piano entworfene Istanbul Modern zählt zu den auch architektonisch beeindruckendsten Museen der Türkei, darin geben Frauen den Ton an. Chef-Kuratorin Öykü Özsoy Sagnak wird bei der Berksoy-Vernissage in die Mitte genommen. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Im Berliner Haus am Lützowplatz hat sie 1969 ihre erste Einzelausstellung. 2005 sind Arbeiten auf der 51. Biennale in Venedig zu sehen, und im Berliner Gropiusbau bereichern ihre Bilder im Jahr 2010 die Ausstellung „Istanbul Next Wave“. Für die Retrospektive am Bosporus kooperierten Istanbul und Berlin – dort kann Berksoy im Jahr 1936 dank eines Istanbuler Stipendiums Musik studieren -, mit dem Ergebnis vermehrter Aufmerksamkeit in der Breite und bemerkenswerten Erkenntnisgewinns. Im Istanbul Modern läuft die Ausstellung bis zum 6. September. Im Hamburger Bahnhof war im vergangenen Jahr eine schlankere Version zu sehen.

Die beiden Maler und ehemaligen Städelschüler Deniz Alt und Ekrem Yalcindag – er studierte ebenso wie die Sopranistin in Deutschland und kehrte dann zurück in die türkische Heimat – haben die Berliner Schau nicht besucht, ja hatten Berksoy bislang nicht weiter wahrgenommen. Das ändert die Hommage in Istanbul. Plötzlich ist Neugier geweckt.

Deniz Alt, Deutschtürke mit armenischstämmiger Mutter, der zu ihr ein ähnlich intensives Verhältnis pflegt wie Berksoy es gern zu ihrer früh verstorbenen Mutter gehabt hätte, will Berksoys Persönlichkeit studieren. Intensiv befasst er sich seit langem mit der türkischen Pionierin Sabiha Gökçen: Adoptivtochter Atatürks, erste Kampfpilotin der Welt und Symbolfigur für die moderne Türkei. Nach ihr ist sogar ein Istanbuler Flughafen benannt. Alt, den nicht zuletzt ihre angeblich armenischen Wurzeln beschäftigen, hat sie porträtiert und denkt inzwischen an eine Porträtreihe starker türkischer Frauen. Berksoy wäre die nächste, überlegt der Frankfurter Maler.

Yalcindag dürfte sie besonders über die Kreisform berühren. Berksoy verwendet sie im Kontext ihrer Beschäftigung mit dem weiblichen Körper und dem Phänomen Mutterschaft gleichsam naturgemäß, setzt sie 1962 expressiv ein im Gemälde „Salome“. 1964 fokussiert sie in „The C Sound“ eine aus farbigen konzentrischen Kreisen aufgebaute bildkonstituierende Kreisform, die verblüffende Ähnlichkeit hat mit manchen Rundbildern Yalcindags, welche allerdings nicht Weiblichkeits- oder Fruchtbarkeitsthematiken entspringen dürften. 1995 gibt Berksoy ihrem Körper in einem Selbstporträt die Gestalt einer Kugel. 2004 stirbt die Operndiva und Malerin in ihrer Heimatstadt. In Çengelköy wurde sie am 24. Mai 1910 geboren. Dass sie in dem Stadtteil auch für immer ruhen kann, beruhigt. Der Kreis hat sich geschlossen.

Das Süreyya-Opernhaus im Istanbuler Stadtteil Kadiköy ist das erste Opernhaus am Bosporus. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Yalcindag kann Berksoys Spur im europäischen Teil Istanbuls fußläufig folgen. Sein Atelier liegt in Beyoğlu zwischen Opernhaus und Istanbul Modern. Der Istanbuler Maler, in Frankfurt von Kai Middendorf vertreten, entdeckt nunmehr genau wie Deniz Alt, der selbst gelegentlich kuratiert und in Frankfurt den Ausstellungsraum „Balken“ betreibt, Berksoy als Ausnahmekünstlerin und Wegbereiterin. Yalcindag malte unlängst eine Hommage an Brigitte Bardot. Und bald ein Bild für Berksoy?

Ausnahme-Frauen prägten das 20. Jahrhundert in der Türkei mehr als mancher vermutet. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde in Izmir 1899 Latife Uşşaki geboren, Atatürks Ehefrau: selbstbewusst, mehrsprachig, gebildet und westlich geprägt. Sie sollte auf Atatürks Wunsch das Frauenbild in der Türkei modernisieren helfen, wurde seine einflussreiche Beraterin. Zu einflussreich in den Augen einiger. Die Ehe soll auf Betreiben männlicher Regierungsberater gescheitert sein. Anzurechnen ist Atatürk, dass er – neben einem Hirtenjungen – sieben Mädchen adoptierte und förderte. Er erkannte, dass Frauen die neue Zeit gleichberechtigt mitgestalten müssen. Ohne ihn wäre Sabiha Gökçen vielleicht vergessen.

Berksoy, drei Jahre älter, besucht mit achtzehn das städtische Konservatorium in Istanbul. 1929 beginnt sie ihr Studium an der Kunstakademie. Malerei und Bildhauerei gilt ihr Interesse sowie dem Theater. Mit 21 betört sie im ersten türkischen Tonfilm. Eine Rolle in der ersten Opernaufführung der Türkei winkt 1934 in Ankara. Im selben Jahr spielt die junge Türkin die Clothilde in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“. 1938 singt sie an der Berliner Staatsoper, debütiert in Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ als erste Türkin auf einer europäischen Bühne. An die Oper in Ankara kommt sie 1946 als Solistin. In New York arbeitet sie zusammen mit Robert Wilson.

Das Süreyya-Opernhaus im Stadtteil Kadıköy, wo Berksoy eine Zeitlang gelebt hat, ist das erste Operngebäude am Bosporus. Istanbuls jüngstes Opernhaus, ein spektakulärer Bau, eröffnete im Jahr 2023 am Taksim[-]Platz anstelle des eleganten, jedoch in die Jahre gekommenen Atatürk-Kulturzentrums und folgt dessen baulichen Leitlinien. Operndarbietungen dienen heute in Istanbul nicht zuletzt dem Kulturtourismus, steigern einmal mehr die Attraktivität der Stadt, die Besuchern an jeder Ecke ein Fotomotiv schenkt und dabei doch unergründlich bleibt wie das Flussbett des Bosporus.

Berksoys Karriere Revue passieren zu lassen, bedeutet, in die türkische Geschichte einzutauchen. Die Künstlerin wird in das ottomanische Empire geboren, erlebt den Unabhängigkeitskrieg und die Begründung der Republik, wächst in die aufregende Epoche hinein, in der Atatürk das (Musik-)Theater reformiert mit besonderem Augenmerk auf der Oper. Berksoy singt 1934 in einer Aufführung zu Ehren des Schahs von Persien, Riza Pahlavi, und erhält daraufhin ihr Stipendium für Berlin.

Vorm Gebet oder der Besichtigung der Hagia Sophia kann man noch schnell an einem Maiskolben nagen. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Sie erlebt die Türkei aus vielen Blickwinkeln, hält Kontakt zu Intellektuellen und Dichtern wie Nazim Hikmet, der im zentralen Staatsgefängnis in Ankara einsaß: vor 20 Jahren geschlossen und heute ein Museum. 1935 erfolgte die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum. Lange die größte Kirche der Christenheit, wurde die Sophienkirche von den Osmanen im 15. Jahrhundert zur Moschee erklärt, von Staatsgründer Atatürk als Museum für alle geöffnet und von Präsident Erdogan im Jahr 2020 abermals zur Moschee bestimmt.

Täglich bilden sich lange Schlangen vor dem prächtigen Bauwerk in Eminönü, einem Viertel von Fatih, mit dem wiederum Wiesbaden seit 2012 verpartnert ist, ohne freilich optimal damit umzugehen: Vieles ließe sich entwickeln aus dem engen Bezug zum Herzen Istanbuls. Muslime strömen in Scharen zu den Gebetszeiten. Neuerdings aber darf sich eine zweite Schlange formieren: Touristen.

Blick ins Innere der Hagia Sophia: ein großes Erlebnis, auch wenn sie Besuchern nur noch eingeschränkt zugänglich ist. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Sie benutzen einen anderen Eingang als früher, haben keinen Zugang mehr zum Erdgeschoss, dürfen nur von der Empore herab[ ]blicken. Frauen müssen das Haar bedecken. Von oben betrachtet, erscheint das Konstrukt kurios: Aus muslimischer Sicht störende Kunstwerke wurden abgedeckt. Die Einbettung der Moschee in die von christlicher Kunst geprägte Architektur wirkt provisorisch. Am Informationsstand im Obergeschoss erhalten Besucher Flyer, die über den Koran informieren, und bewundern christliche Mosaikkunst. Fest steht: Der Besuch des Kulturdenkmals lohnt allemal.

Unweit, am Sultanahmet-Platz, eröffnete 2023 das Hagia Sophia Geschichts- und Erlebnismuseum. Zu kritisieren ist, dass die immersiven Räume nur in der Gruppe durchmessen werden können. Die Wegeführung sieht nicht vor, sich in ein Geschichtskapitel zu vertiefen oder noch einmal zurückzugehen wie im traditionellen Museum. Wenn die Gruppe einen Raum verlässt, erlöscht das Licht. Anders in der Schausammlung im Erdgeschoss mit fesselnden Exponaten, die zudem mit sehr guten Texten und Zeitleisten überzeugt.

Derweil wird der europäische Stadtbezirk Beyoğlu in Teilen immer moderner, will heißen: kommerzieller. Zugunsten globaler Ketten verschwinden liebenswerte kleine türkische Läden – und so der Charme des Orients. Wie schön, dass im Hotel Pera Palace weiterhin eine Vitrine an Agatha Christie erinnert, die dort „Tod auf dem Nil“ schrieb. Und dass sich die Lobby im Galata Hotel – vormals Bankgebäude – zu einem Laden mit türkischen Teppichen und Lederwaren öffnet. Der Ladenbesitzer hat in der Türkei ein kleines Imperium aufgebaut und spricht fließend Deutsch: Halber Hesse ist er, lebte lange in Offenbach. Semiha Berksoy konnte ebenfalls Deutsch. „Das Gespensterschiff versinkt“, schreibt sie 1987 in die Zeichnung „Der fliegende Holländer“. Zehn Jahre später zeichnet sie einen weiblichen Akt in aufwärts strebender Bewegung mit erhobenen Armen, die die Sonne umfangen. „Tod oder Leben“, schreibt sie dazu. An ihrem Grab erfährt man Kraft, die bleibt.

(Dorothee Baer-Bogenschütz – RheinMainKultur.de)