
Mit „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ präsentiert das Städel Museum Frankfurt gemeinsam mit der Liebieghaus Skulpturensammlung vom 17. September 2026 bis 17. Januar 2027 die erste umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum, die der außergewöhnlichen Gestalt Maria Magdalenas gewidmet ist. „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ ist die künstlerisch erzählte, fast tausendjährige, wechselhafte Bild- und Kulturgeschichte der biblischen sowie säkular adaptierten Kultfigur „Magdalena“. Hierbei werden bis in die heutige Popkultur praktisch alle weiblichen Archetypen in einer Person gezeigt, nicht nur als traditionelle religiöse Ikone, sondern als ultimative Projektionsfläche für gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit, Körper, Begehren und Moral im Wandel der Zeit.
Zentrale Aspekte der Ausstellung sind der Blick der Epochen und der Wandel der Rollenbilder: Von der treuen Jüngerin und ersten Zeugin der Auferstehung Jesu über die zur Sünderin und Büßerin seit dem frühen Mittelalter theologisch umgedeutete Gestalt bis hin zur Identifikationsfigur als Heilige und sexuell und gesellschaftlich selbstbestimmte, mitunter aus der Rolle fallende Frau. Maria Magdalena wird bis heute immer wieder neu in Literatur, Film und Musik interpretiert: Dan Brown macht sie in seinem Bestseller Sakrileg (2004) zur Ehefrau Christi und Sandra besingt in ihrem Song (I’ll Never Be) Maria Magdalena (1985), einer der erfolgreichsten Popsongs in der deutschen Geschichte, weibliche Selbstbestimmung. Maria Magdalena ist nach wie vor Ausgangspunkt für Reflexionen über Weiblichkeit, Geschlechterrollen und deren Darstellung in Kunst und Kultur. Sogar auch Ikonen der Popmusik, wie das Video „Judas“ von der amerikanischen Sängerin Lady Gaga zeigt, greifen zu dieser großen historischen Identifikationsfigur „Maria Magdalena: sinnlich, aufreizend, mächtig und wissend. Am Ende des Tages handeln die modernen Erzählungen und Geschichten von einer Frau, „Sin. Pray. Love.“, einer Frau, die eben ein selbstbestimmtes Leben feiern und auch sündigen möchte und trotzdem lieben möchte und sich eben nicht einengen lassen will, ist Museumsdirektor Philipp Demandt überzeugt.

Werke vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Die Schau schlägt den Bogen von den Alten Meistern wie Albrecht Dürer oder El Greco bis zur modernen und zeitgenössischen Kunst, etwa von Lotte Laserstein oder Marlene Dumas. Das jüngste Werk in der Ausstellung stammt von Nieves González, „La sfida“ (2025). Das älteste Werk ist ein Elfenbeintäfelchen „Der ungläubige Thomas“ aus dem frühen 12. Jahrhundert. Und gerade weil Maria Magdalena solch eine – auch widersprüchliche – Kunstfigur sei, weil sie eine der schillerndsten Frauengestalten der Bibel und der europäischen Kultur sei, „ist sie eben auch so wunderbar zu einer so belebenden Figur der Kunst geworden, die Künstler über Jahrhunderte, Jahrtausende immer fasziniert hat“, so Demandt. Schlussendlich sei „Maria Magdalena“ „eine Synthese aus verschiedenen Figuren in den Evangelien. Wir haben da auch namenlose Frauenfiguren, die damit im Laufe der theologischen Genese zu einer Person amalgamisiert werden“, sagt der Museumsdirektor.
Seitdem bewegt sich das Bild der Magdalena im Spannungsfeld zwischen Sündhaftigkeit, Reue und Heiligkeit. Mal wird die erste Zeugin der Auferstehung in den Vordergrund gerückt, mal die weibliche Apostelin unter Männern, mal die reuige Sünderin, mal die ekstatische Heilige, mal die Predigerin oder die Identifikationsfigur für andere Frauen.
Die facettenreiche Gestalt der Magdalena hat Künstlerinnen wie Künstler und die meist männlichen Auftraggeber immer fasziniert. Viele der bedeutendsten Maler und Bildhauer inspirierte sie zu beeindruckenden Bilderfindungen. Sie spiegeln die theologischen Debatten der jeweiligen Zeit sowie die gesellschaftlichen Umstände und Erwartungen wider.
Mit ihrer enormen Bandbreite, vor allem auch geografischer Art, geht die Frankfurter Schau über bisherige – zumeist regional fokussierte – Ausstellungsprojekte zu Magdalena in anderen Ländern hinaus.
Zur Ausstellung

„Jeder kennt ihren Namen, fast jeder meint, etwas über sie zu wissen“, so Kurator Bastian Eclercy über Maria Magdalena, „eine Frau der Religionsgeschichte, Kulturgeschichte und Kunstgeschichte“, die so bekannt ist und in ihrer Vielfalt doch so viele Fragen aufwirft:
„Aufklärung tut not, und dazu will diese Ausstellung einen wesentlichen Beitrag leisten: zeigen, wie diese so vielfältige und zum Teil bis ins Absurde hinein vereinnahmte Frau, wie wir sie präsentieren, welche Bilder sich die Menschen in den letzten 2000 Jahren von ihr gemacht haben“, erläutert Eclercy.
Zehn thematische Sektionen
11 Räume und folgende zehn Kapitel thematisieren das wechselvolle Bild, die Symbolik und Adaptionen der Maria Magdalena:
1. Maria Magdalena heute – Ein weiblicher Archetyp
2. Von der Bibel zur Legende
3. In der Passion – Getreu bis zum Tod
4. Don’t touch! Erste Zeugin der Auferstehung
5. Verschmelzungen – Eine Heilige entsteht
6. Lebens-Wandel – Die Sünderin und Büßerin
7. Elevatio – Speisung im Himmel
8. Tod und Reliquien – Was von Magdalena übrig blieb
9. In der Rolle der Heiligen – Magdalena im Porträt
10. Salon-Heilige – Magdalena in der Moderne
In dieser Überblicksschau wird erstmals deutlich, „und es wird manchen vielleicht überraschen, wie sehr diese Maria Magdalena seit dem Mittelalter in diversen Darstellungen eine regelrechte Kunstfigur ist, eine schillernde und vielgestaltige Kunstfigur, die dann im ersten Jahrtausend nach Christus bereits als ein theologisches Konstrukt entstanden ist und die eben weit über die eigentlich biblische Kern-Magdalena hinausgeht“, so Eclercy.
„Die Evangelien enden ja dann mit der Himmelfahrt Christi, und man hat sich natürlich gefragt: Ja, was ist dann aus solchen Figuren wie Maria Magdalena oder Petrus oder Jakobus oder vielen anderen eigentlich geworden? Und dann beginnt man eben, allerdings erst ab dem Frühmittelalter, diese Geschichten quasi fortzuspinnen. Ja, und so bekommen diese Figuren wie Maria Magdalena einen zweiten Teil der Biografie“, erklärt Eclercy.
- Maria Magdalena heute – Ein weiblicher Archetyp

In der ersten Sektion werden Betrachter mit Marlene Dumas’ „Magdalena (Newman’s Zip)“, Nieves González’ „La sfida“ und Francesco Furinis „Büßende Magdalena“ von 1640–45 als sogenanntem „Störer“ zwischen den modernen Magdalena-Projektionen empfangen. Bereits diese Zusammenstellung verweist auf Magdalenas historische Wandelbarkeit, ihre aktuelle Relevanz und die vielfältigen künstlerischen Zugänge der Ausstellung, die von kunsthistorischen Analysen und feministischer Kritik bis zur Popkultur reichen und damit in Kontrast zur religiös geprägten kunstgeschichtlichen Rezeption stehen.
2. Die Geschichte der Maria Magdalena
Sektion 2 „Von der Bibel zur Legende“ steigt in die Geschichte der Maria Magdalena ein, und beschreibt ihre biblische Rolle und ihre Wandlung durch spätere Bibelauslegungen. In der Bibel wird Maria aus Magdala zunächst im Zusammenhang mit ihrer Heilung durch Jesus von sieben Dämonen erwähnt. Sie ist außerdem Zeugin der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu, deren zentrale biblische Zeugin sie als „Apostelin“ ist. Im Laufe der Jahrhunderte wurde ihre Geschichte jedoch immer weiter ausgeschmückt. Durch die Umdeutung späterer Bibelauslegungen verschmilzt sie mit anderen biblischen Frauen, wodurch ihre Bedeutung als Apostelin in den Hintergrund tritt und sie stattdessen primär als reuige und begnadigte Sünderin dargestellt wird. Zugleich wird ihr eine Flucht übers Meer nach Südfrankreich, nach Marseille und in die Provence, angedichtet.

Der in der Ausstellung präsentierte Altaraufsatz aus dem Turiner Palazzo Madama von etwa 1295–1300 zeigt sowohl Motive aus dem Leben der heiligen Magdalena als auch Ereignisse aus den seit dem 9. und 10. Jahrhundert verbreiteten Legenden, die ihre Geschichte nach Ostern weitererzählen: Gemeinsam mit ihren Geschwistern wird Magdalena mit anderen Christen von „Ungläubigen“ in einem steuerlosen Boot im Mittelmeer ausgesetzt. Sie gelangt nach Südfrankreich, missioniert Marseille und die Provence, wirkt Wunder und zieht sich schließlich bis zu ihrem Tod für 30 Jahre als Büßerin in die Einsamkeit zurück.
3. „In der Passion – Getreu bis zum Tod“ zeigt Maria Magdalena als eine Frau, die im Gegensatz zu den „Jüngern Jesu“ furchtlos zu Jesus hielt und gemeinsam mit einigen Frauen bei der Kreuzigung anwesend war. Kreuztragung, Kreuzannagelung, Kreuzaufrichtung sowie Kreuzabnahme, Beweinung, Grabtragung und Grablegung gehören zu den Bildthemen dieser Sektion.

Im Mittelalter wurde Maria Magdalenas Rolle in der Passionsgeschichte deutlich erweitert. Sie erscheint nicht nur als Zeugin der Kreuzigung, sondern wird zu einer zentralen Figur zahlreicher Passionsdarstellungen. Mit der Forcierung der Verehrung des Heiligen Kreuzes durch den Franziskanerorden ab dem 14. Jahrhundert wurde es üblich, „Magdalena bei der Kreuzigung zu Füßen Christi am Kreuzesstamm zu platzieren – eine Anspielung auf die biblische Fußwaschung und -salbung: Sie wird damit zum Prototyp des bereuenden Menschen. Denn erst durch dessen Sünden“, erläutert der Wandtext. Als reuige Sünderin umklammert sie den Kreuzesstamm zu Füßen Christi. Dieser Bildtypus wurde insbesondere von den Franziskanern seit dem 13. Jahrhundert geprägt und als Sinnbild von Buße, Vergebung und Erlösung verbreitet.
Wie sich diese Entwicklung in der Kunst niederschlägt, zeigen unter anderem Girolamo di Benvenutos Passionstriptychon aus der Städel Sammlung vom Anfang des 16. Jahrhunderts, das Maria Magdalena von der Kreuztragung bis zur Beweinung Christi begleitet, sowie das Triptychon der Frankfurter Familie Humbracht (um 1504–1508) des Meisters von Frankfurt, ebenfalls aus dem eigenen Bestand. Darin erscheint Maria Magdalena in einer auffallend kostbaren höfischen Kleidung, deren Unangemessenheit ihre Rolle als reiche und vornehme Sünderin besonders betont.

Sektion 4 „Don’t touch! Erste Zeugin der Auferstehung“ thematisiert Magdalenas „Schlüsselrolle in der Heilsgeschichte“ im Johannesevangelium sowie die unter dem Begriff „Noli me tangere“ (lateinisch für „Berühre mich nicht!“) in die Kunstgeschichte eingegangene Begebenheit, dass sie den wiederauferstandenen Jesus, den sie erst auf den zweiten Blick in seiner Gärtnerverkleidung erkennt, nicht berühren darf.
Als erste Zeugin der Auferstehung Jesu nimmt Maria Magdalena eine zentrale Rolle in der Ostergeschichte ein. Die denkwürdige Begegnung am Ostermorgen hat unzählige Künstler zu Bildschöpfungen inspiriert, die um Körperlichkeit und Berührung, Verwechslung und Erstaunen, Nähe und Distanz sowie Glaube und Zweifel kreisen. Giovanni Girolamo Savoldo lässt den Betrachter in seinem Werk aus den 1530er-Jahren (London, National Gallery) an dieser Erstzeugenschaft teilhaben, geht dabei aber seinen ganz eigenen Weg jenseits der klassischen Ikonografie der Auferstehungsgeschichte, wie dem Motiv des „Noli me tangere“.

Lavinia Fontana stellt in ihrem Gemälde von 1581 (Florenz, Uffizien) dar, wie Magdalena Christus zunächst für den Gärtner hält. Als sie ihn erkennt, sucht sie den physischen Beweis der Auferstehung, doch er bittet sie, ihn nicht zu berühren, da er noch nicht in den Himmel aufgefahren sei. Laurent de La Hyre hingegen zeigt die Szene in seinem Werk von 1656 (Grenoble, Musée de Grenoble) mit Jesus, der Magdalenas Stirn berührt, und bezieht sich dabei auf eine Schädelreliquie der Magdalena. Der Legende nach soll diese an eben jener Stelle unversehrte Haut bewahrt haben, an der der Auferstandene sie berührte.
Die 5. Sektion „Verschmelzungen – Eine Heilige entsteht“ erzählt davon, wie Maria Magdalena durch die kombinierte Lektüre verschiedener Geschichten in den Evangelien mit anderen Frauenfiguren gleichgesetzt und zu einer neuen Heiligengestalt verschmolzen wird.

Durch unterschiedliche Bibelauslegungen verschmolz die biblische Magdalena in den ersten Jahrhunderten nach Christus insbesondere mit der anonymen Sünderin und Maria von Bethanien. Zugleich wurde sie auf weltliche Frauengestalten adaptiert: etwa als jene anonyme Sünderin, die bei Lukas Christi Füße mit Tränen benetzt, mit ihrem Haar trocknet und anschließend salbt, oder als „Füße salbende“ Maria von Bethanien. Auch die ihr von Papst Gregor um 600 nach Christus zugeschriebenen sieben Dämonen, darunter insbesondere die Wollust (Luxeria), die Genusssucht und maßlose Sexgier, sowie ihre Darstellung als Ehebrecherin und Prostituierte prägten das Bild der Magdalena.
Martha, die Schwester der Maria von Bethanien, gilt dabei als moralische Instanz. In „Martha tadelt Maria Magdalena wegen ihrer Eitelkeit“ (um 1621; Wien, Kunsthistorisches Museum) hält Simon Vouet den Moment fest, in dem Martha ihre den weltlichen Freuden zugewandte Schwester zur Buße bewegt.

Anleihen nahmen die Künstler mitunter auch bei der heiligen Maria von Ägypten, die gleichfalls eine sündhafte Vergangenheit als ehemalige Prostituierte hatte und sich nach ihrer Bekehrung als reuige Büßerin bis zu ihrem Tod in die Wüste zurückzog. Ihre Geschichte prägte ebenfalls das Bild der Magdalena. In der bildenden Kunst sind beide Figuren oft kaum zu unterscheiden. Erst das Attribut der Brote, wie sie Luis Salvador Carmonas Skulptur (2. Drittel 18. Jahrhundert; Valladolid, Museo Nacional de Escultura) hält, macht deutlich, dass hier Maria von Ägypten dargestellt ist.
6. „Lebens-Wandel – Die Sünderin und Büßerin“ befasst sich mit den Folgen des Wandels Maria Magdalenas in Kunst und Religion – von der biblischen Zeugin zur emotionalisierten

Symbolfigur für Sünde und Buße. Um 600 deutete Papst Gregor der Große Magdalenas sieben Dämonen zu den sieben Todsünden um. Dadurch wurde sie zunehmend mit der Sünde der Wollust in Verbindung gebracht und irrtümlicherweise auch mit einer Vergangenheit als Prostituierte.
Besonders im Zuge der katholischen Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert wurde Maria Magdalena, die durch die Buße den Status der Heiligkeit erreichte, zu einem populären Vorbild und einem der beliebtesten Bildthemen der katholischen Kunst. In der barocken Kunst verschmolzen dabei Sündhaftigkeit, Buße und religiöse Ekstase zu hochemotionalen und teilweise erotisch aufgeladenen Darstellungen. Die ihr fälschlich zugeschriebene „Sündhaftigkeit“ und die Buße durchdringen sich in den Werken oft auf bemerkenswerte Weise, wie Johann Liss in „Der Versuchung der Maria Magdalena“ (um 1626; New York, Metropolitan Museum of Art) zeigt.
Die religiöse Ekstase kommt dabei manchmal der erotischen recht nahe, etwa in Guido Cagnaccis „Büßende Maria Magdalena“ (um 1622–1627; Rom, Palazzo Barberini), die die Malerin Elisabetta Sirani auf ihre eigene Weise interpretierte. In ihrer Version von 1663 (Besançon, Musée des Beaux-Arts et d’Archéologie) mildert sie die offensive Erotik ab und bringt eine Stimmung andächtiger Kontemplation in das Bild. Georges de La Tour konzentriert sich in seiner Version (um 1635–1640; Washington, National Gallery of Art) dagegen auf innere Einkehr und Melancholie.
7. „Elevatio – Speisung im Himmel“ thematisiert die Legende, nach der sich Maria Magdalena nach ihrer Flucht nach Marseille und in die Provence, wo sie missionierte und Wunder bewirkte, 30 Jahre lang als Büßerin zur Kontemplation in die Einsamkeit zurückgezogen habe. Sie lebte der Überlieferung nach in einer etwa 50 Kilometer von der südfranzösischen Hafenstadt entfernten Höhle im Bergmassiv Sainte-Baume, bevor sie in Aix-en-Provence starb.

Mangels Nahrung wird Magdalena der Legende nach täglich siebenmal – jeweils zu den Stundengebeten der Ordensleute – auf Gottes Geheiß von Engeln gen Himmel emporgetragen und dort mit „himmlischer Speise“, die aus dem „Gesang der himmlischen Heerscharen“ besteht, genährt, bevor sie sie wieder in ihrer irdische Höhle zurückbringen. Für diesen Vorgang hat sich der lateinische Begriff „Elevatio“ (Erhebung) etabliert. Giovanni Lanfrancos Gemälde (um 1616/17; Neapel, Museo di Capodimonte) zeigt diese als Elevatio bezeichnete Szene, in der Engel Maria Magdalena täglich siebenmal in den Himmel tragen und sie dort durch den Gesang der himmlischen Heerscharen genährt wird.
8. „Tod und Reliquien – Was von Magdalena übrig blieb“ behandelt Magdalenas Sterbe-, Begräbnis- und Reliquienlegenden sowie die spektakuläre Aberkennung des seit dem 11. Jahrhundert angenommenen Aufbewahrungsortes ihrer Gebeine im Benediktinerkloster Vézelay, nachdem 1279 andere Maria Magdalena zugeschriebene Gebeine in der Krypta der Kirche von Saint-Maximin-la-Sainte-Baume entdeckt wurden. „Ein seit dem Mittelalter beliebtes Besucherziel im Bergmassiv Sainte-Baume ist die Grotte, in der die Heilige ihre Büßerjahre verbracht haben soll“, so der Wandtext.

Zwei in der Ausstellung präsentierte zusammengehörige Tafeln geben „Die Letzte Kommunion der heiligen Magdalena“ und „Die Bestattung der heiligen Magdalena“ (um 1500; Sammlung Würth) wieder. Bis heute gilt Saint-Maximin als ihr Begräbnisort und die Grotte von Sainte-Baume als einer der wichtigsten Pilgerorte. Zahlreiche Reliquien und Reliquiare zeugen von ihrer anhaltenden Verehrung, darunter ein Reliquiar aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art, das einen Zahn der Heiligen enthält, sowie Michel Erharts Reliquienbüste (um 1475; Ulm, Museum Ulm).
9. „In der Rolle der Heiligen – Magdalena im Porträt“ thematisiert, dass Frauen gehobener Schichten, häufig adeliger Herkunft oder von besonderem gesellschaftlichem Rang, seit dem

Spätmittelalter und insbesondere in Renaissance und Barock gerne als heilige Maria Magdalena porträtiert wurden. Die Darstellungen konnten dabei unterschiedlichen Zwecken dienen: frommer Identifikation mit der Heiligen, religiöser Selbstkritik, moralischer Mahnung, politischer Propaganda oder auch theatralischer Selbstinszenierung.
Barent van Orleys „Margarete von Österreich als Maria Magdalena“ (um 1520–1530; München, Alte Pinakothek) etwa steht für die fromme Identifikation mit der Heiligen, während Jean Rancs „Madame de Montespan als büßende Maria Magdalena“ (um 1700; Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum) religiöse Symbolik mit barocker Selbstinszenierung verbindet.
Auch in der modernen Kunst wird die Magdalena-Pose weiter aufgegriffen: Sie steht hier als Metapher für eine sexuell, gesellschaftlich und aus der Rolle fallende, selbstbestimmte Frau.
10. „Salon-Heilige – Magdalena in der Moderne“ zeigt, wie sich durch die zunehmende Säkularisierung Europas im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Bild der heiligen Maria Magdalena in der Kunst von einem religiösen Standardmotiv zu einem frei interpretierbaren, profanen Symbol wandelt. Zwar verliert die Figur als religiöses Bildthema an Bedeutung, ihre Ikonografie bleibt jedoch eine wichtige Inspirationsquelle. Anstelle kirchlicher Vorgaben prägen nun sehr unterschiedliche, individuelle künstlerische Positionen das Bild der Magdalena, die zunehmend als Projektionsfigur für persönliche und gesellschaftliche Themen dient.
„In der Salon-Malerei und im Symbolismus wird Magdalena zu einem Prototyp der Femme fatale, die eine Art profanierte Neufassung der christlichen Sünderin darstellt. In dieser Zeit erlebt das Magdalenenbild wieder eine Konjunktur unter neuen Vorzeichen. So wird die religiöse Ikonografie der Heiligen zum historischen Versatzstück, das von den Künstlern aus einer oft gänzlich profanen Perspektive umgedeutet wird“, so der Wandtext.

In der Salonmalerei und im Symbolismus wird Magdalena zum Prototyp der Femme fatale, wie Jean Bérauds „La Madeleine chez le Pharisien“ (1891; Paris, Musée d’Orsay) zeigt. Zugleich wird ihre religiöse Ikonografie aus einer häufig profanen Perspektive neu interpretiert, etwa in Max Beckmanns „Christus und die Sünderin“ (1917; Saint Louis, Saint Louis Museum of Art). Das Spektrum reicht dabei von der Erotisierung der Figur bis zu einer existenziellen Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte, wie Lovis Corinths „Weinende Maria Magdalena“ (1911; Berlin, Alte Nationalgalerie) vor Augen führt.
Die Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray.Love.“ ist das Herbst-Highlight im Städel-Museum, einzigartig, facettenreich und höchst einladend. Kuratiert haben die Überblicksschau Dr. Bastian Eclercy (Sammlungsleiter italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, Städel Museum) und Dr. Stefan Roller (Sammlungsleiter Mittelalter, Liebieghaus Skulpturensammlung).
(Dokumentation Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Katalog:
Zur Ausstellung erschien ein von Bastian Eclercy und Stefan Roller herausgegebener Katalog „Maria Magdalena. im Hirmer Verlag. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Texten von Bastian Eclercy, Svenja Grosser, Christian Hecht, Siobhán Jolley, Silke Petersen, Stefan Roller und Matthias Weniger. 256 Seiten,
49,90 Euro (Museumsausgabe), 55,00 Euro im Buchhandel.
Begleitheft: Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft in deutscher Sprache, 9,50 Euro.
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: staedelmuseum.de
Besucherservice und Führungen: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Tickets: 19 Euro, ermäßigt 17 Euro; Dienstags-Special: jeden Dienstag 15.00–18.00 Uhr 10 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren. Gruppen ab 10 regulär zahlenden Personen: 17 Euro pro Person. Für alle Gruppen ist eine Anmeldung per Telefon unter +49(0)69-605098-200 oder per E-Mail an info@staedelmuseum.de erforderlich. Sonderöffnungszeiten unter staedelmuseum.de
Überblicksführungen (empfehlenswert): Regelmäßige einstündige Führungen stellen die wichtigsten Werke der Ausstellung vor. Alle Termine und Programm-Tickets unter staedelmuseum.de/programm
