
Wiesbaden. Anlässlich des 13. Hessischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation, hat Hessens Innenminister Roman Poseck dazu aufgerufen, die Erinnerung an das Leid der Betroffenen lebendig zu halten und daraus Verantwortung für Gegenwart und Zukunft abzuleiten. Der Gedenktag wurde im Schloss Biebrich gemeinsam mit dem zentralen „Tag der Heimat“ des Bundes der Vertriebenen (BdV), Landesverband Hessen, begangen. Innenminister Roman Poseck übernahm in Vertretung von Ministerpräsident Boris Rhein die Rede der Hessischen Landesregierung. Musikalisch umrahmt wurde der Festakt durch das Blechquintett und das Streichquartett von der Junge Musik Hessen gGmbH.
Der diesjährige „Tag der Heimat“ stand unter dem Motto „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“. Im thematischen Mittelpunkt stand die deutsche Minderheit in Ungarn. Die Festrede zum „Tag der Heimat“ hielt Patrik Schwarcz-Kiefer, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen sowie des Komitatsrates von Baranya in Ungarn.
Kultur kann Brücken zwischen Menschen und Völkern bauen

Siegbert Ortmann, BdV-Landesvorsitzender, unterstrich bei seiner Begrüßung, dass dieser Tag der Heimat an das Schicksal der Millionen von Menschen erinnere, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat durch Flucht, Vertreibung und Deportation verloren haben. „Gleichzeitig würdigen wir den Beitrag der Vertriebenen zum Wiederaufbau unseres Landes und zu unserer heutigen Gesellschaft“, so Ortmann, der unterstrich, dass auch „mehr als 80 Jahre danach diese Erinnerung wichtig bleibt“. „Rund 30 Prozent der hessischen Bürgerinnen und Bürger haben über ihre Familiengeschichte einen Bezug zu Flucht, Vertreibung oder Aussiedlung. Und dieses Kapitel gehört zweifellos zur Geschichte unseres Landes. Deshalb müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass diese Geschichte auch für kommende Generationen lebendig bleibt“, sagte der BdV-Landesvorsitzende.
Der diesjährige „Tag der Heimat“ stehe unter dem Leitwort: „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa.“ Dieses Leitwort verbinde Vergangenheit und Zukunft, hob Ortmann hervor, denn „unser gemeinsames kulturelles Erbe, unsere Sprachen und unsere Traditionen kennen keine Grenzen. Sie können Brücken zwischen Menschen und Völkern bauen.“
Die Geschichte von Flucht und Vertreibung erzählt auch von der Kraft der Menschen

Innenminister Roman Poseck betonte in seinem Grußwort, dass hinter den Begriffen „Flucht und Vertreibung, Deportation, Gewalt und Entrechtung“ die Schicksale von Millionen von Menschen, Familien und Lebensgeschichten stehen, wobei viele ihre Angehörigen, ihren Besitz, ihre Heimat und ihr Leben verloren.
Doch die Geschichte von Flucht und Vertreibung erzählt nicht nur von Verlust. Sie erzählt auch davon, was Menschen selbst unter schwierigsten Bedingungen bewahren konnten: ihre Sprache, ihren Glauben, ihre Traditionen und ihre Kultur. Und sie erzählt davon, mit welcher Kraft Menschen nach dem Verlust ihrer Heimat ein neues Leben aufgebaut haben.
Gerade Hessen ist davon geprägt. Die deutschen Heimatvertriebenen haben nach dem Zweiten Weltkrieg Häuser gebaut, Betriebe gegründet, Vereine und Gemeinden mitgestaltet und Verantwortung in Politik, Kirche und Gesellschaft übernommen. Auch Aussiedler und Spätaussiedler haben in Hessen eine neue Heimat gefunden und unser Land mit ihrer Lebensleistung, ihren Erfahrungen und ihrer Kultur bereichert. Sie alle sind Teil unserer hessischen Geschichte und Identität. Dafür verdienen sie unseren bleibenden Dank und unsere Anerkennung. Gerade in dem Jahr, in dem unser Bundesland 80 Jahre alt wird, gilt es deutlich zu machen, dass die hessische Erfolgsgeschichte ohne Heimatvertriebene und Spätaussiedler nicht denkbar wäre.
Wie wichtig es ist, diese Erinnerung an die nächste Generation weiterzugeben, hat mir auch der erste hessische Malwettbewerb „Heimat aus junger Perspektive: Erinnern. Erzählen. Malen.“ eindrucksvoll gezeigt. Gemeinsam mit unserem Landesbeauftragten Andreas Hofmeister durfte ich Ende August die Preisträgerinnen und Preisträger auszeichnen. Die Bilder zeigen, wie intensiv sich junge Menschen mit ihrer Familiengeschichte, mit Heimat und mit den Erfahrungen früherer Generationen auseinandersetzen. Wenn junge Menschen nachfragen, zuhören und ihre familiären Wurzeln entdecken, bleibt Erinnerung lebendig.

Die deutschen Minderheiten in unseren europäischen Nachbarstaaten machen diese Verbindung bis heute sichtbar. Sie bewahren Sprache, Kultur und Tradition und sind zugleich fest in ihren heutigen Heimatländern verwurzelt. Damit bauen sie Brücken zwischen Menschen und Ländern. Ich freue mich deshalb besonders, dass Patrik Schwarcz-Kiefer heute als Festredner den Blick insbesondere auf die deutsche Minderheit in Ungarn richtet.
Erinnerung richtet unseren Blick aber nicht nur zurück. Sie schärft unseren Blick für die Gegenwart. „Wir können die Geschichte nicht ändern. Aber wir können aus der Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Deportation Verantwortung ableiten: für Frieden, Freiheit und Verständigung in Europa. Heimat braucht Erinnerung. Erinnerung braucht Begegnung. Und Begegnung schafft Verbindung“, so der hessische Innenminister.
Heimat ist der Ort, für den wir etwas tun!

In seiner Festrede erinnerte Scharcz-Kiefer nicht nur daran, dass am 19. Januar 1946 erste Züge mit vertriebenen Ungarndeutschen, insgesamt 200.000, dicht gedrängt in Viehwaggons ihre Heimat überstürzt mit Handköfferchen von maximal 20 Kilogramm verlassen mussten. Sondern auch umgekehrt: Nur nicht gezwungenermaßen durch Vertreibung und Deportation hätten vor 200 Jahren deutsche Siedler, darunter viele aus Hessen, nach den Türkenkriegen ihre deutsche Heimat Richtung Ungarn verlassen. Sie hätten dort das Land urbar gemacht, Häuser gebaut, ihre Sprache, Bräuche und Kultur mitgebracht und eine neue Heimat gefunden. Sie wurden zu Ungarndeutschen. Aus einem zunächst fremden Ort sei eine neue Heimat geworden. „Und 200 Jahre später kamen Menschen aus eben diesem Ungarn nach Hessen zurück“, so Scharcz-Kiefer. Bis heute finde sich dieses Erbe etwa in Mundarten, Traditionen und kulinarischen Besonderheiten wieder.
Darmstadt sei ein konkretes Beispiel dafür, wie nach 1946 aus Vertreibung und Verlust wieder Heimat entstehen konnte. In der Heimstättensiedlung wurden nach dem Krieg auch Vertriebene aus Ungarn angesiedelt. Die Donauschwaben gründeten eine eigene Bau- und Siedlungsgenossenschaft; am 25. April 1949 erfolgte der erste Spatenstich. Haus für Haus und Straße für Straße hätten die Menschen gemeinsam eine neue Existenz aufgebaut. „Sie haben ihre alte Heimat im Herzen behalten und gleichzeitig eine neue Heimat geschaffen.“
80 Jahre später gehe es beim Gedenken nicht darum, alte Gräben wieder aufzureißen. Vielmehr brauche Versöhnung Erinnerung. Sie bedeute, die Geschichte zu kennen, das Leid anzuerkennen und auch die Geschichte des anderen zu kennen. Die Konsequenz daraus müsse lauten: „Nie wieder.“

Besonders wichtig sei für ihn die Frage, wie Heimatliebe verstanden werde. „Was ist Heimat? Dort, wo man geboren wurde? Dort, wo man aufgewachsen ist? Dort, wo die Eltern und Großeltern gelebt haben? Oder dort, wo man heute sein Zuhause hat? Kann man eine alte und eine neue Heimat haben? Und kann ein Ort, an den man gezwungen wurde, irgendwann wirklich zur Heimat werden?“, stellte Schwarcz-Kiefer seine Überlegungen in den Raum. Er glaube, Heimatliebe sei etwas Universelles und könne „nicht bedeuten, dass wir andere Menschen ausschließen“ und „möglichst oft in sozialen Medien zu schreiben, wie sehr man seine Heimat liebt“. Für Schwarcz-Kiefer offenbare sich die schönste Form von Heimatliebe „in der Tat. Darum sollten wir heute nicht nur fragen: Wo ist meine Heimat? Vielleicht sollten wir auch fragen: Was tue ich dafür, dass meine Heimat morgen noch Heimat sein kann?“
„Die Menschen, derer wir heute gedenken“, so der Festredner, „konnten nicht entscheiden, ob sie ihre Heimat verlassen mussten oder nicht“, wie etwa vor 200 Jahren die hessischen Emigranten nach Ungarn. „Aber sie konnten entscheiden, was sie danach tun. Und sie haben gebaut. Sie haben gearbeitet. Sie haben Familien gegründet. Sie haben ihre Kultur weitergegeben. Die Heimatvertriebenen haben Deutschland und die Heimatverbliebenen haben Ungarn wiederaufgebaut. Das ist ihr Vermächtnis.“
So sei Heimat „nicht nur der Ort, an dem wir geboren wurden. Heimat ist auch der Ort, für den wir etwas tun. Der Ort, dessen Zukunft uns nicht gleichgültig ist. Der Ort, den wir nicht nur lieben, sondern für den wir Verantwortung übernehmen“, sagte Scharcz-Kiefer.
Pflege der Erinnerungskultur hat hohe geschichtliche Relevanz

Der Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Andreas Hofmeister, betonte abschließend ebenfalls die Bedeutung des Gedenktages für Erinnerung, Gegenwart und Zukunft: „Veranstaltungen wie der Hessische Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation behalten für die Pflege der Erinnerungskultur sowie zum Erhalt des Bewusstseins für die langen Linien hessischer, deutscher und europäischer Geschichte eine hohe Relevanz. Gleichzeitig richten wir stetig den Blick auf die Gegenwart und zukünftige Wege, um Schicksal und Leistungen von deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern im kollektiven Gedächtnis unseres Landes zu bewahren und daraus die richtigen Lehren zu ziehen. Dieses wichtige Ziel vereint der Ausspruch ‚Zukunft braucht Herkunft‘ in wenigen Worten.“
(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
