
Nicht enden wollender Applaus: So feierte ein vollauf begeistertes Publikum gestern Abend gemeinsam mit zahlreichen prominenten Gästen erstmals im Wiesbadener Staatstheater die Eröffnung des 11. Tanzfestivals Rhein-Main, das noch bis zum 15. November 2026 in Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt und Offenbach stattfindet. Für einen grandiosen Auftakt sorgte die kanadische Compagnie Marie Chouinard mit ihren außergewöhnlichen Choreografien „Magnificat“ und „The Rite of Spring“.Unter dem programmatischen Festivalmotto „A Body of Many — Moving Democracy“ in Kooperation mit dem World Design Capital (WDC) widmen sich das Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt und das Hessische Staatsballett in diesem Jahr der Frage, wie Demokratie als lebendige, körperlich erfahrbare Praxis Gestalt annimmt.
Für die Intendantinnen Dorothea Hartmann und Beate Heine ist Tanz am Staatstheater Wiesbaden ein unverzichtbarer Bestandteil des künstlerischen Profils. Er könne Geschichten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählen und Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen, die weit über das gesprochene Wort hinausgingen. Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderzufallen drohe, könne die gemeinsame Erfahrung von Kunst Menschen wieder zusammenführen, Begegnungen ermöglichen und Gespräche anstoßen, betonten die Intendantinnen bei ihrer Begrüßung.
Christoph Degen, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, hob hervor, dass gerade in der Fähigkeit, andere Perspektiven auszuhalten und sich auf sie einzulassen, der Tanz seine besondere Kraft entfalte. Wie die Musik spreche er eine universelle Sprache, die keine Barrieren kenne, hinterfrage das Bestehende, durchbreche Sehgewohnheiten und fordere dazu heraus, sich auch unbequemen Sichtweisen zu öffnen. Angesichts gesellschaftlicher Polarisierung und des Rückzugs in eigene Echokammern brauche es Kunst und Kultur dringender denn je. Sie schafften Räume der Begegnung, des gemeinsamen Erlebens und des Respekts vor Vielfalt. Eine lebendige Demokratie brauche den freien Diskurs, und die Kunst leiste dazu einen unverzichtbaren Beitrag. Die Landesregierung stehe fest an der Seite einer freien, kritischen und autonomen Kunst, versprach der Staatssekretär, und fügte hinzu: „Das Tanzland Hessen ist ein Raum der Freiheit, und das soll auch so bleiben.“
In Vertretung von Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende betonte Stadtrat Joachim Tobschall, der selbst 35 Jahre als Bassposaunist am Hessischen Staatstheater tätig gewesen war, dass das Tanzfestival Rhein-Main die Metropolregion Rhein-Main seit vielen Jahren in Bewegung bringe. Auch beim 11. Tanzfestival entstehe 17 Tage lang in Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt und Offenbach ein gemeinsamer Raum für zeitgenössischen Tanz, internationale Begegnungen und künstlerischen Austausch. Die enge und verlässliche Zusammenarbeit zwischen dem Künstler*innenhaus Mousonturm und dem Hessischen Staatsballett mache das Festival in dieser Form zu etwas Besonderem. Für Wiesbaden sei es ein wichtiges kulturelles Aushängeschild. Das Staatstheater verstehe sich dabei nicht nur als Spielort, sondern als wesentlicher Teil des Projekts, in dem große Ensembleproduktionen, Ballett-Soloprogramme und experimentelle zeitgenössische Formate nebeneinander ihren Platz fänden.
Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, stellte insbesondere die Bedeutung der regionalen Zusammenarbeit und die gesellschaftliche Kraft der Kunst in den Mittelpunkt ihres Grußwortes. Ein Festival sei immer eine enorme Kraftanstrengung – auf der Bühne ebenso wie hinter den Kulissen. Das Tanzfestival Rhein-Main finde inzwischen zum elften Mal statt und habe über die Jahre ein stabiles Netzwerk in der Region entwickelt, das weit über den Tanz hinausreiche und auch interdisziplinäre Kooperationen ermögliche.
Ausführlich ging Völker auf die Bedeutung von Kunstfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit ein, die in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert sind und für unser aller Zusammenleben eine zentrale Rolle spielten, wenn diese Freiheiten im Sinne des Artikels 1, der Schutz der Würde des Menschen, in künstlerischer Form umgesetzt würden. Es sei doch großartig, wie in der Kunst auch schwierige Themen verhandelt werden könnten, weil Kunst unterschiedliche Positionen nebeneinanderstellen könne, ohne sie abschließend entscheiden zu müssen. „Wir können das Gleiche sehen, aber völlig unterschiedliche Dinge wahrnehmen und zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen, und am Ende muss keine Zahl unterm Strich stehen und kein Urteil gesprochen werden.“ Man gehe mit den eigenen Eindrücken hinaus und baue diese „Eindrücke in sein eigenes Bild ein, über das wir uns mit anderen dann verständigen können, an Orten wie diesem, an großartigen Tagen und Abenden, an Eröffnungsabenden wie heute.“ Völker dankte allen Beteiligten „für ihr Engagement, für die Haltung dahinter, für die permanente Kraftanstrengung für die Kunst, für die Kultur, für Vielfalt und Qualität, die Vernetzung und die Internationalität“.
Carolina Romahn, Geschäftsführerin der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026, stellte die Verbindung zwischen Design, Tanz und demokratischem Zusammenleben heraus. Die Leitidee der World Design Capital „Design for Democracy“ beziehungsweise die Frage, wie wir miteinander leben wollen, verbinde beide Bereiche stärker, als es zunächst scheine. Denn Gestaltung beeinflusse, wie Menschen sich bewegten, wo sie verweilten, einander begegneten und öffentliche Räume gemeinsam nutzten. Eine Bank, eine Treppe oder ein schattiger Weg könnten darüber entscheiden, ob Menschen stehen blieben und miteinander ins Gespräch kämen. Gute Gestaltung sei insofern immer auch eine Art Choreografie des Alltags.
Der Tanz wiederum mache sichtbar, was entstehe, wenn Menschen sich gemeinsam bewegten. Demokratie sei nicht allein eine Angelegenheit von Parlamenten und politischen Institutionen, sondern werde auch dort lebendig, wo Menschen zusammenkämen, öffentliche Räume miteinander teilten und sich aufeinander einließen. Das Festivalmotto bringe diese Gedanken auf den Punkt: Es gehe nicht darum, dass alle gleich würden, sondern darum, Vielfalt auszuhalten und gemeinsam etwas zu gestalten. Deshalb sei es für die World Design Capital selbstverständlich gewesen, das Tanzfestival Rhein-Main als Teil des Programms in der gesamten Region zu unterstützen.
Das Kuratorenteam des Tanzfestivals, bestehend aus Anna Wagner, Alexandra Hennig, Beata Stankevič und Bruno Heynderickx, führte anschließend inhaltlich in den Abend ein. Gemeinsam hätten sie die elfte Ausgabe des Tanzfestivals entwickelt und sich dabei mit der Frage auseinandergesetzt, was es bedeutet, ein Körper aus vielen zu sein.
Jeder Mensch habe seinen eigenen Körper, der ihn trage, sich verändere, manchmal müde werde und immer wieder überrasche. Viele einzelne Körper könnten jedoch eine Gruppe oder sogar eine ganze Gesellschaft bilden. Ein solcher gemeinsamer Körper könne mehr erreichen, als es einem Einzelnen jemals möglich wäre. Besonders deutlich werde dies im Tanz: Ein einzelner Tänzer könne sich bewegen, doch erst viele Tänzer, die gemeinsam Raum und Zeit gestalteten, ihr Gewicht verlagerten und aufeinander reagierten, erzeugten etwas, das niemand allein hervorbringen könne.
Die Kunst bestehe darin, viele Körper in Bewegung zu bringen, ohne dabei die Individualität des Einzelnen zu verdecken. Genau das zeichne auch eine lebendige Gesellschaft aus. Das Motto sei deshalb zugleich eine Einladung, sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen und gemeinsam ins Handeln zu kommen. Zusammenhalt und gemeinschaftliche Bewegung seien keineswegs selbstverständlich, sondern müssten immer wieder neu miteinander gestaltet werden.
Diese Gedanken spiegelten sich in zahlreichen Arbeiten wider, die das Publikum während des Festivals in Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach und Frankfurt erleben könne. Bei der Eröffnung standen mit „MAGNIFICAT“ und „THE RITE OF SPRING“ zwei außergewöhnliche Choreografien von Marie Chouinard auf dem Programm, in denen die kanadische Choreografin den menschlichen Körper zu einer Projektionsfläche für elementare Fragen des Daseins werden lässt.
Grandiose Tanzinsznierungen: Zwischen Spiritualität, Verwandlung und archaischer Lebenskraft

„MAGNIFICAT“ basiert auf Johann Sebastian Bachs gleichnamigem geistlichen Chorwerk BWV 243. Das lateinisch gesungene Magnificat ist der Lobgesang Marias, die darin ihre Freude über die Ankündigung der Geburt Jesu zum Ausdruck bringt. Es ist ein Werk voller Jubel, Dankbarkeit, göttlicher Zuversicht und Verheißung.
Ausgangspunkt für „THE RITE OF SPRING“ ist Igor Strawinskys revolutionäres Ballett „Le Sacre du printemps“ von 1913. Chouinard übernimmt jedoch nicht dessen ursprünglichen Kontext, ein archaisches Frühlingsritual, in dessen Verlauf ein junges Mädchen als Opfer ausgewählt wird, um den Frühling herbeizuführen. In ihrer eigenständigen, weitgehend abstrakten Auseinandersetzung mit dem Stück geht es ihr vielmehr um die Entstehung des Lebens, um Bewegung, Energie, Instinkt und die elementaren Kräfte, die allem Lebendigen innewohnen.
Während in „MAGNIFICAT“ die Tänzerinnen und Tänzer wie zum Leben erwachte antike Skulpturen oder sakrale Figuren erscheinen, die sich aus ihrer vermeintlichen Erstarrung lösen, miteinander verschmelzen und in immer neuen Konstellationen eine Welt zwischen Spiritualität, Ekstase und Befreiung entstehen lassen, führt „THE RITE OF SPRING“ in eine archaische, geradezu vorzeitliche Welt zurück. Mit hornartigen Fortsätzen und Verlängerungen ihrer Gliedmaßen verwandeln sich die Tänzer in hybride Wesen zwischen Mensch und Tier. Ihre Bewegungen scheinen von ursprünglichen Instinkten, von Tast- und Suchbewegungen, von Kampf, Begegnung und Fortpflanzung bestimmt zu sein. Es ist, als würde Chouinard den Entstehungsmoment des Lebens selbst choreografieren – vom ersten Impuls über die Entwicklung unterschiedlicher Lebensformen bis zur Herausbildung des menschlichen Individuums.
Wie eindrucksvoll insbesondere „MAGNIFICAT“ seine Bilder entfaltet, spiegelten auch die Reaktionen der Besucher wider. „Die Bilder, die waren ja unglaublich“, brachte es eine Zuschauerin auf den Punkt. Andere fühlten sich an menschliche Skulpturen erinnert, die wie aus Stein gehauen auf der Bühne verharren, um dann unvermittelt aus ihrer Starre heraus zum Leben zu erwachen. Es sei beinahe so, als würden antike Statuen plötzlich laufen und tanzen lernen – erlöst aus ihrer Erstarrung durch die Musik. Gerade dieser überraschende Wechsel zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen statuenhafter Pose und lebendigem Ausdruck, verlieh dem ersten Teil eine besondere Faszination.

Dabei beeindruckte nicht allein die Ästhetik der einzelnen Körperbilder, sondern auch die schier unerschöpfliche Vielfalt an Posen und Figuren, die sich aus dem menschlichen Körper und im Wechsel unterschiedlicher Lichtperspektiven entwickeln ließ. In Soli, Duetten und im Zusammenspiel größerer Gruppen entstanden immer neue, bisweilen geradezu skulpturale Konstellationen. Die Körper schienen sich in unendlich viele Formen verwandeln zu können, wobei sich aus der Verbindung von Kraft, Beweglichkeit und Körperbeherrschung eine ganz eigene, bisweilen überraschend schöne Ästhetik entwickelte. Auch die bewusst künstlich und nicht immer natürlich fließend wirkenden Bewegungen fügten sich stimmig in das Gesamtkonzept ein und korrespondierten eindrucksvoll mit der Musik.
„Das war ja fantastisch, Wahnsinn!“, lautete eine von zahlreichen ähnlichen spontanen Reaktionen nach der Aufführung. Andere mussten die ungewöhnlichen Eindrücke zunächst einmal sacken lassen. Gerade darin liegt eine besondere Qualität des Tanzes von Marie Chouinard: Er liefert keine eindeutigen Erzählungen oder vorgefertigten Deutungen, sondern eröffnet Assoziationsräume, in denen jeder seine eigenen Bilder und Gedanken entwickeln kann. Man müsse das Gesehene nicht unbedingt in eine Geschichte packen, sondern könne es einfach auf sich wirken lassen, formulierte es ein Besucher. Die starken Bilder hinterließen ihrerseits neue Bilder im Kopf – und seien manchmal kaum in Worte zu fassen.
Dass gerade ein Tanzfestival solche außergewöhnlichen Begegnungen ermöglicht, wurde ebenfalls hervorgehoben. Es sei das Erfrischende daran, Aufführungen zu erleben, die man andernorts kaum zu sehen bekomme und die gewohnte Sehweisen herausforderten. Auch die Frage, was demokratischer Tanz sei und was nicht, blieb für einen Besucher bewusst offen: Letztlich sei es das, was jeder Einzelne darin sehen wolle. So unterschiedlich die persönlichen Assoziationen auch ausfielen, in einem waren sich viele einig: Die Bilder und die außergewöhnliche Körperlichkeit beider Choreografien wirkten weit über den Schlussapplaus hinaus nach.
Nach der Vorführung lud eine Anschluss Party dazu ein, selbst bei heißen Rhythmen im Theater-Foyer das Tanzbein zu schwingen.
(Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)
Das weitere spannende Programm bis einschließlich 15. November 2026 findet man auf: Kalender – Tanzfestival Rhein Main!
