60 Jahre Stiftung Buchkunst: Eine Zeitreise durch die Geschichte der Buchgestaltung

Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher Jubiläumsausstellung im Museum Angewandte Kunst vom 5. September bis 1. November 2026
Neben einer Bibel, dem Diercke Weltatlas, einem Stapel Rilke-Gedichtbände sowie Büchern von Handke, Goethe und vielen anderen einst prämierten Werken findet sich darunter auch der vor 50 Jahren erschienene Jubiläumsband 50 Jahre Bauhaus. Das ist auch aus historischer Sicht bemerkenswert: 1976 stand noch die Mauer, und Dessau lag in der DDR. © Foto: Diether v. Goddenthow

Anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens präsentiert die Stiftung Buchkunst im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt die Ausstellung Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher. Rund 90 ausgewählte prämierte Bücher aus sechs Jahrzehnten eröffnen einen besonderen Blick in das Archiv der Stiftung. Die gezeigten Werke machen sichtbar, wie eng Buchgestaltung mit den gestalterischen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer jeweiligen Entstehungszeit verbunden ist. Die Ausstellung ist vom 5. September bis zum 1. November 2026 zu sehen.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1966 zeichnet die Stiftung Buchkunst im Wettbewerb Die Schönsten Deutschen Bücher jährlich Bücher aus, die in Gestaltung, Konzeption und Herstellung herausragend sind. Die Jubiläumsausstellung wird damit zu einer Zeitreise durch die Geschichte der Buchgestaltung: Die ausgewählten Bücher erzählen nicht nur von ihren Inhalten, sondern spiegeln zugleich den Zeitgeist sowie die technischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Entstehungszeit wider. Sie zeigen, wie Form, Material, Typografie und Verarbeitung den Charakter eines Buches prägen.

Wie diese Zeitreise räumlich umgesetzt wird, erläutert Birte Kreft, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst:

Birte Kreft, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, hier mit Peter Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“ aus dem Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1972, unterstreicht, dass viele Bücher, die gezeigt werden, natürlich bei vielen Menschen Erinnerungen wecken. © Foto: Diether v. Goddenthow

„In den vergangenen 60 Jahren sind natürlich sehr viele Bücher in unserem Archiv zusammengekommen. Die Kuratoriumsmitglieder haben nun aus ihren jeweiligen Blickwinkeln versucht, eine Auswahl aus diesen sechs Jahrzehnten zu treffen. Ich finde, das ist sehr gut gelungen.

Die Ausstellung baut sich im Grunde so auf, dass unser Ausstellungsbüro, das Stuttgarter Büro Studio Tillack Knöll, ein modulares System entwickelt hat. Die Bücher werden in eigens dafür entwickelten Displays ganz unterschiedlich präsentiert. Das ist bei Büchern gar nicht so einfach, vor allem, wenn man sie wirklich zum Anfassen präsentieren möchte und nicht einfach nur unter Vitrinen zeigen will. Uns war es deshalb ganz wichtig, dass die Bücher angefasst werden können.

Wir haben uns für diesen Raum ein Konzept überlegt, bei dem man zunächst mit dem Blick auf die ersten Bücher aus den 1960er-Jahren kommt. Danach setzt sich die Ausstellung nicht ganz streng chronologisch über die 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre bis hin zu den ganz zeitgenössischen Büchern fort. Das letzte Buch, das in dieser Ausstellung präsentiert wird, ist aus dem Jahr 2025, also aus dem vergangenen Jahr.

Die Grundüberlegung ist, dass man einfach durch den Raum geht und die Bücher entdeckt. Vielleicht sieht man dabei einige, bei denen man sagt: ‚Ach, das habe ich auch im Buchregal stehen‘ oder ‚Das kenne ich noch‘ oder ‚Mit dem Gestalter habe ich schon einmal zusammengearbeitet.‘

Wir haben außerdem noch ein weiteres Konzept. Jedes Jahr veröffentlichen wir bei der Stiftung Buchkunst einen eigenen Katalog, in dem die 25 prämierten Bücher des Jahres vorgestellt werden – mit ganz unterschiedlichen Gestaltungsansätzen und jeweils einem Text sowie weiteren Informationen zu den Büchern. Wenn man sich hier für ein Buch interessiert, kann man in diesen Ausstellungskatalogen das jeweilige Jahr mit einem Lesezeichen finden und sich dort noch weitere Informationen heraussuchen. Wir haben die Ausstellung ganz bewusst nicht so didaktisch aufgebaut, dass bei jedem Buch alles erklärt wird.

Denn eigentlich geht es darum, die Bücher selbst zu entdecken und zu sehen, welche Entscheidungen bei ihrer Gestaltung getroffen wurden: Welches Material wird für den Einband verwendet? Gibt es eine Blindprägung oder eine Goldprägung? Wie fühlt sich das Papier an? Warum wurde diese Schriftart gewählt? Und welche Entscheidungen wurden für die Gestaltung des gesamten Buches getroffen?

Ein schönes Beispiel ist ein Buch von 1972, bei dem eine besondere Entscheidung für den Umschlag getroffen wurde. Es hat beispielsweise eine Klappe, auf der sich eine Landkarte befindet. Solche Bücher sind auch von der Stiftung Buchkunst prämiert worden.

Wir haben hier auch ein klassisches Schulbuch, ein Mathematikbuch. Wenn man sich solche Bücher heute anschaut, ist es natürlich toll, so etwas noch einmal zu sehen. Das bringt mich auch zu einem weiteren Buch, das sicherlich viele von Ihnen kennen: dem Diercke Weltatlas. Auch der muss gestaltet werden. Da gibt es Entscheidungen darüber, welches Papier verwendet wird, wie das Inhaltsverzeichnis aufgebaut ist und wie man Informationen besonders übersichtlich vermittelt.

Und wir haben natürlich auch Bücher dabei, die bei vielen Menschen Erinnerungen wecken. Ein gutes Beispiel ist ein Buch, das vielleicht viele noch aus ihrer Jugend kennen. Die Autorin hat es nicht nur geschrieben, sondern war auch an der Gestaltung beteiligt. Gerade das Cover ist natürlich wichtig, weil es ein Buch zunächst einmal attraktiv macht. Es ist gewissermaßen das Gesicht des Buches.

Ausgezeichnet werden keine Kunstbücher, sondern die Gestaltung von Gebrauchsbüchern. © Foto: Diether v. Goddenthow

Aber es ist eben auch nicht selbstverständlich, dass ein Verlag entscheidet, einen Leineneinband zu machen und ein bestimmtes Motiv darauf zu produzieren. Dabei geht es natürlich immer auch um Kosten und um die Frage, welche Entscheidungen man sich leisten kann. Und dann kommen Illustrationen hinzu – auch das findet man längst nicht in jedem Literaturbuch.

Solche Bücher sorgen bei unserer Jury im Wettbewerb ‚Die schönsten deutschen Bücher‘ natürlich immer für Begeisterung. Deshalb sieht man auch solche Beispiele hier in der Ausstellung.

Und vielleicht wollte ich immer wieder auch noch Bücher zeigen, die durch die Digitalisierung ein Stück weit aus unserem Alltag verschwunden sind. Auch das ist ein Zeichen ihrer Zeit. Solche Bücher wurden früher teilweise in hohen Auflagen produziert und waren selbstverständlich.

Wenn man dann noch ein Beispiel aus dem Jahr 2020 betrachtet, merkt man, wie sehr sich in den vergangenen 60 Jahren auch die Herstellung und die technischen Möglichkeiten verändert haben. Heute spielt beispielsweise das Thema Nachhaltigkeit eine viel größere Rolle. Auch daran kann man ablesen, wie sich Buchgestaltung und Buchproduktion über die Jahrzehnte verändert haben.“

Ein Veranstaltungsprogramm mit Gesprächen und Führungen begleitet die Ausstellung. Es greift historische Entwicklungen ebenso auf wie aktuelle und zukünftige Themen der Buchgestaltung – darunter die Auswirkungen der Digitalisierung und die Frage nach nachhaltigeren Produktionsweisen.

(Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)

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