Erster Hessischer Verfassungspreis: Auszeichnung für Mai Thi Nguyen-Kim und Gunter Demnig

Wissenschaftsjournalismus gegen Desinformation und Stolpersteine als bleibendes Mahnmal: Landtagspräsidentin Astrid Wallmann zeichnet zwei herausragende Botschafter der Demokratie aus. (v.li.) Landtagspräsidentin Astrid Wallmann, Wissenschaftsjournalistin Dr Mai Thi Nguyen-Kim, Stolperstein-Künstler Gunter Demnig und Hessischer Ministerpräsident Boris Rhein. © Foto: Diether v. Goddenthow

Anlässlich des 80-jährigen Verfassungsjubiläums Hessens wurde am 28. Oktober 2026 erstmals im Wiesbadener Kurhaus während einer Feierstunde der von Landtagspräsidentin Astrid Wallmann gestiftete Verfassungspreis des Landes Hessen verliehen. Ausgezeichnet wurden die bekannte Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und der Stolperstein-Künstler Gunter Demnig für ihr herausragendes Engagement für die Demokratie. Sie sind die ersten Preisträger dieser neuen, undotierten Auszeichnung, die neben einer Urkunde aus einer Bronzeskulptur in Löwenform des weltbekannten Kasseler Bildhauers Stephan Balkenhol besteht. ZDF-Fernsehgarten-Moderatorin Andrea Kiewel führte durch den Festakt. Sängerin und Schauspielerin Yvonne Catterfeld sorgte für den musikalischen Rahmen, unter anderem mit den Liedern „Change“ und „Rock with You“ von Michael Jackson.

Für den musikalischen Rahmen sorgte Sängerin und Schauspielerin Yvonne Catterfeld. ZDF-Fernsehgarten-Moderatorin Andrea Kiewel führte durch den Abend. © Fotos: Diether v. Goddenthow

„Unsere Verfassung. Unsere Stimmen“

Ein Video-Intro mit dem Titel „Unsere Verfassung. Unsere Stimmen“ stimmte die über 250 Gäste aus Politik, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft inhaltlich auf den Abend ein. Die Hessische Verfassung, am 1. Dezember 1946 als Nachkriegsverfassung verabschiedet, ist die älteste noch in Kraft befindliche deutsche Landesverfassung.

© Hessischer Landtag, © Fotos Löwe Diether v. Goddenthow

Vermittelt durch Stimmen aus allen Schichten der Bevölkerung konnten sich die Gäste noch einmal die zentralen Freiheitsrechte vor Augen führen, die ihnen die hessische Verfassung garantiert: von der allgemeinen Handlungsfreiheit sowie dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit über die Freiheit der Person, die vor willkürlicher Verhaftung oder Freiheitsentzug schützt, die Freizügigkeit und die Unverletzlichkeit der Wohnung bis hin zur Glaubens-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

Dieser lebendige Rückblick verdeutlichte eindrucksvoll, wie tief verwurzelt diese fundamentalen Schutzrechte – die teilweise sogar dem späteren Grundgesetz vorausgingen – seit 1946 im Alltag und im demokratischen Bewusstsein der Menschen in Hessen sind. „Mit dem Verfassungspreis möchten wir an den Pioniergeist jener Parlamentsmitglieder anknüpfen, die damals eine Verfassung schufen, die bis heute gilt und die zugleich eine wichtige Grundlage für die Ausgestaltung des deutschen Grundgesetzes war“, erläuterte die Landtagspräsidentin.
Zugleich wurde spürbar, dass diese demokratischen Freiheitsrechte keineswegs selbstverständlich sind, sondern angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen immer wieder aufs Neue aktiv verteidigt und mit Leben gefüllt werden müssen.

Ganz in diesem Sinne wurde der Hessische Verfassungspreis geschaffen. Der offizielle Erlass über die Stiftung des Verfassungspreises des Landes Hessen sieht vor, Personen feierlich zu ehren, die als Vordenker und Wegbereiter wichtige Impulse für die Stärkung und Weiterentwicklung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, des Föderalismus, des Rechtsstaates oder des demokratischen Gemeinwesens gesetzt und sich dadurch in besonderer Weise um die Demokratie verdient gemacht haben.

Die ersten Preisträger: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und der Stolperstein-Künstler Gunter Demnig

Landtagspräsidentin Astrid Wallmann, hält die Laudatio auf die Preisträger. © Fotos: Diether v. Goddenthow

Mit ihrem Engagement haben sich die Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und der Stolperstein-Künstler Gunter Demnig in besonderer Weise um die Demokratie verdient gemacht. „Sie sind Vordenker auf ihrem jeweiligen Feld, die vorbildhaft den Geist der hessischen Verfassung in das Hier und Jetzt transportieren und damit an den Pioniergeist der Mütter und Väter der Landesverfassung anknüpfen“, sagte Landtagspräsidentin Astrid Wallmann. „Der neu gestiftete Verfassungspreis soll das lebendige Erbe der Verfassung in die Gegenwart und Zukunft überführen und diejenigen ehren, die unsere Demokratie stärken und weiterentwickeln.“

Nguyen-Kim – wirkungsvoll gegen Desinformation

Die insbesondere auch durch ihre populären TerraX-Wissenschaftssendungen bekannte Journalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim tritt Falschmeldungen und Desinformation wirkungsvoll entgegen, indem sie auf wissenschaftliche Expertise und verständliche Erklärungen in den neuen Medien setzt. Durch ihre innovative Art der Wissensvermittlung leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Vertrauens in Wissenschaft und Journalismus. Dies heißt es in der Würdigung zur Verleihung des Verfassungspreises.

Dr Mai Thi Nguyen-Kim. © Fotos: Diether v. Goddenthow

In ihrer Laudatio lobte die Parlamentspräsidentin die journalistische Arbeit von Dr. Mai Thi Nguyen-Kim in einer herausfordernden medialen Umgebung: „Angesichts von Falschmeldungen, Desinformation und KI-generierten Bildern fällt es zunehmend schwerer, Fakten von Behauptungen und Wahrheit von Lügen zu unterscheiden. Diese Entwicklung hat weitreichende gesellschaftliche und politische Folgen und gefährdet unsere Demokratie. Mit ihrer Arbeit als Wissenschaftsjournalistin wirkt Dr. Mai Thi Nguyen-Kim dieser Tendenz wirkungsvoll entgegen, indem sie auf wissenschaftliche Expertise, fundierte und verständliche Erklärungen für komplexe Zusammenhänge setzt.“ Durch ihre innovative Art der Wissensvermittlung belege sie eindrucksvoll, wie sich mit ansprechenden Inhalten positive Reichweite in den neuen Medien erzeugen lasse, um diese für zuversichtliche Visionen für die Gesellschaft zu nutzen.
Die 1987 geborene promovierte Chemikerin stammt von der Hessischen Bergstraße. Sie war zunächst an mehreren Universitäten in der Forschung aktiv, bevor sie in den Journalismus wechselte. Bei funk von ARD und ZDF erreichte sie mit preisgekrönten Formaten ein Millionenpublikum. Heute ist sie vor allem durch ihre Sendung „Maithink X“ bekannt.
Für ihre Arbeit wurde Nguyen-Kim bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und dem Grimme-Preis.

„Demnigs Stolpersteine sind ein bleibendes Mahnmal, das aufruft, hinzuschauen“

Mit Blick auf Preisträger Gunter Demnig betonte Astrid Wallmann den zentralen Stellenwert der Erinnerungskultur für Deutschland: „Das Erinnern bildet eine Brücke, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Was wir erinnern und wie wir es erinnern, prägt unser Selbstverständnis und unseren Blick auf die Welt und beeinflusst, welche Werte wir hochhalten und wie wir handeln. Der Künstler Gunter Demnig aktiviert diese Prozesse für das namentliche Gedenken: Seine Stolpersteine tragen die Namen der Opfer, holen sie aus der Anonymität und geben ihnen so ein Stück ihrer Identität zurück.“

Die Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur dürfe niemals an den Rand gedrängt werden, wie derzeit mancherorts gefordert werde – weder räumlich noch im übertragenen Sinne. Gunter Demnig habe mit der Erfindung der Stolpersteine die Räume für das Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur gesellschaftlich erweitert und das Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen im Bewusstsein der Menschen verankert. „Er hat ein bleibendes Mahnmal für die nachkommenden Generationen geschaffen, das dazu aufruft, hinzuschauen und zu handeln, wenn Unrecht im eigenen Umfeld geschieht.“

Demnig müsse sich und sein Projekt gegen viele politische Angriffe verteidigen, erklärte Wallmann. „Das jüngst in einer sächsischen Stadt vom dortigen Stadtrat mehrheitlich beschlossene Verbot zur Verlegung weiterer Stolpersteine ist ein Skandal, der viele Menschen in diesem Land, auch mich ganz persönlich, tief erschüttert hat.“

Seinen ersten Stolperstein verlegte Gunter Demnig 1992 in Köln, zunächst ohne behördliche Genehmigung. Es folgten Zehntausende weitere – bis heute. Allein in Frankfurt sollen diese Woche mehr als 100 neue Stolpersteine verlegt werden. In mehr als 30 europäischen Ländern liegen inzwischen Stolpersteine. Sie sind das Lebenswerk des gebürtigen Berliners, der mittlerweile in Alsfeld im Vogelsberg lebt.
europäischen Ländern liegen inzwischen Stolpersteine. Sie sind das Lebenswerk des gebürtigen Berliners, der mittlerweile in Alsfeld im Vogelsberg lebt.

Boris Rhein: „Demokratie braucht Vorbilder“

Boris Rhein, Hessischer Ministerpräsident. © Fotos: Diether v. Goddenthow

Ministerpräsident Boris Rhein sagte in seinem Grußwort: „Seit 80 Jahren bildet die Hessische Verfassung das Fundament unserer lebendigen Demokratie. Doch selbst das stabilste Fundament trägt nur dann, wenn es Menschen gibt, die es stärken und verteidigen. Es reicht nicht, Werte festzuschreiben. Sie müssen unsere Haltung und unser tägliches Handeln prägen.“ Denn Demokratie sei keine Selbstverständlichkeit und nicht auf Ewigkeit garantiert, sie müsse immer wieder neu verteidigt werden, so der Ministerpräsident, und er fügte  hinzu: „Jede Generation braucht Menschen, die für die Werte der Verfassung eintreten, Fakten gegen Desinformation verteidigen und die Erinnerung an die Vergangenheit wachhalten. Der neue Hessische Verfassungspreis würdigt diesen Einsatz für unsere Demokratie.“

Stimmen der Preisträger 2026
Die gebürtige Heppenheimerin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim sagte zur Auszeichnung: „Demokratie braucht eine gemeinsame Basis auf deren Grundlage Meinungsbildung und -austausch stattfinden. Wissenschaft und Forschung leisten daher einen essenziellen Beitrag für demokratische Gesellschaften. Ich freue mich sehr, dass der Verfassungspreis des Landes Hessen dies anerkennt und ein sichtbares Zeichen setzt.“

Gunter Demnig

Gunter Demnig empfand die Auszeichnung als große Freude, auch wenn der Grund für seine Arbeit ein äußerst trauriger sei. „Niemals habe ich zu Beginn der Stolpersteine 1996 mit einem so großen Interesse gerechnet. Ich bin von ein paar Hundert Steinen ausgegangen, nun sind es bereits 126.000. Jeder Stein bietet einen Ort der Erinnerung für die Angehörigen, die in der Regel keine Gräber haben, zu denen sie gehen können. Darüber hinaus bin ich dankbar, dass gerade junge Menschen durch die Stolpersteine einen ganz neuen, lebensnahen Bezug zur Geschichte erfahren können.“
Demnig berichtete, dass er nach dem Beschluss des Stadtrats von Heidenau, in der sächsischen Stadt künftig keine weiteren Stolpersteine mehr verlegen zu lassen, großen Zuspruch erfahren und Geldspenden erhalten habe. Zugleich sei die Nachfrage nach Stolpersteinen gestiegen – Heidenau habe damit also genau das Gegenteil dessen erreicht, was mit dem Beschluss möglicherweise beabsichtigt gewesen sei.
Auch das Argument, Stolpersteine im Gehweg seien keine angemessene Form des Gedenkens, weil Passanten sie mit Füßen träten, ließ Demnig nicht gelten. Im Gegenteil: Im Museum für Sepulkralkultur in Kassel habe man ihm erklärt, dass in Kirchenböden eingelassene Grabplatten, über die viele Menschen hinweggehen, in bestimmten historischen Zusammenhängen gerade als Ausdruck besonderer Ehrung verstanden worden seien.

Über den Verfassungspreis des Landes Hessen

Astrid Wallmann und der Künstler Stephan Balkenhol vor dessen speziell für den Verfassungspreis Hessen kreierten Löwen-Skulptur. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die erste Preisverleihung fand am Vorabend des Tages statt, an dem die Hessische Verfassung 1946 durch die damalige Landesversammlung beschlossen wurde. Künftig soll der Preis alle fünf Jahre jeweils zu einem runden oder halbrunden Jubiläum der Hessischen Verfassung vergeben werden. Gemäß dem zugrunde liegenden Stiftungserlass wird er „in der Regel jeweils zwei Personen des öffentlichen Lebens aus dem In- oder Ausland zuteilwerden, die sich als Vordenker und Wegbereiter um wichtige Impulse für die Stärkung und Weiterentwicklung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, des Föderalismus, des Rechtsstaates oder des demokratischen Gemeinwesens verdient gemacht haben“.

(HLT / Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)