Maurizio Cattelan. NIGHT – Nacht der Gewissheiten? Preis der Nationalgalerie 2026 in der Neuen Nationalgalerie Berlin

© Foto: Jutta Ziegler

Ein Brandenburger Tor im Museum, ein kniender Hitler, Tausende präparierte Tauben unter der gläsernen Decke und ein Feuerlöscher mit der Asche eines Freundes: Maurizio Cattelan verwandelt die Neue Nationalgalerie in einen Ort zwischen Kirche, Denkmal und Erinnerungsraum. Mit NIGHT präsentiert das Berliner Museum die erste umfassende Einzelausstellung in Deutschland zum Werk des italienischen Künstlers, der mit dem Preis der Nationalgalerie 2026 ausgezeichnet wurde.

Für die von Mies van der Rohe entworfene Glashalle hat Cattelan zentrale historische Werke mit mehreren Neuproduktionen verbunden. Die Ausstellung kreist um Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben. Vertraute Bilder und Figuren werden subtil verändert, ihre Bedeutung gerät ins Wanken. Zwischen Ironie und Mehrdeutigkeit entfalten die Arbeiten einen Dialog mit der Architektur und den sich überlagernden Geschichten Berlins. Das Gebäude ist dabei nicht nur Hülle, sondern selbst Teil der Ausstellung.

Die Nacht als Zustand veränderter Wahrnehmung

Der Titel NIGHT beschreibt einen Zustand, in dem Gewissheiten brüchig werden. „Die Nacht ist nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie ist ein Zustand“, sagt Maurizio Cattelan. „Die Nacht setzt Gewissheiten außer Kraft. Die Dinge verschwinden nicht zwangsläufig – sie werden lediglich schwerer zu fassen. Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten. Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist.“

Maurizio Cattelan posiert für die Presse vor seinem Brandenburger Tor. © Foto: Jutta Ziegler

Den Auftakt bildet Purgatory (2026), das das Brandenburger Tor im verkleinerten Maßstab in die Glashalle versetzt. Aus seinem städtischen Kontext gelöst, erscheint das bekannte Denkmal als Ort des Übergangs, des Innehaltens und historischer Ambivalenzen.

Im Zentrum stehen Him (2001), eine kniende männliche Figur in Gebetshaltung, und Dawn (2007), eine weibliche Figur im Inneren einer Transportkiste. Beide Werke bilden eine vertikale Achse und bringen unterschiedliche Formen von Hingabe und Verletzlichkeit miteinander in Beziehung. Tausende präparierte Tauben, People (2026), an der Deckenkonstruktion machen die Glashalle zu einem Ort des gemeinsamen Beobachtens.

Die Anordnung verleiht dem Raum vorübergehend den Charakter einer Kirche. „Eine Kirche ist eine wunderbare Erfindung, weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht“, erklärt Cattelan. „Die Neue Nationalgalerie hat bereits etwas Ritualhaftes: ihre Größe, ihre Symmetrie, ihre Stille und ihre Distanz zum Alltag. Mich hat interessiert, diese Qualität ernst zu nehmen, ohne sie religiös werden zu lassen. Ich habe mir den Raum fast wie eine zeitgenössische Kirche vorgestellt: mit einem zentralen Kirchenschiff, Seitenschiffen und einer Abfolge von Präsenzen.“

Zwischen Denkmal und Erinnerung

Außerhalb der Glashalle setzt sich die Ausstellung auf dem Dach und der Museumsterrasse fort. Auf dem Dach steht Never (2003), eine animatronische Figur nach dem Protagonisten aus Günter Grass’ Roman Die Blechtrommel (1959). In unregelmäßigen Abständen schlägt sie ihre Trommel. Der Rhythmus bewegt sich zwischen Parade, Alarm, Trauermarsch und Zirkusattraktion. Das Trommeln wird zum Akt des Widerstands und zur Warnung vor politischer Gewalt und kollektivem Gedächtnisverlust.

Auf der Museumsterrasse liegt Scar (2026), ein gusseiserner Kanaldeckel mit den Titeln aller in der Ausstellung gezeigten Arbeiten. Losgelöst von den einzelnen Werken bilden die Worte eine eigene Konstellation. Zugleich verweist Scar auf die unter der Stadt liegenden Infrastrukturen, Geschichten und Erinnerungen. Die Narbe steht als bleibende Spur für ein vergangenes Ereignis.

Hitler als kniende Figur

Zu den bekanntesten und zugleich verstörendsten Arbeiten gehört Him (2001). Von hinten erscheint die kleine Skulptur zunächst als kniendes Kind mit gefalteten Händen. Erst beim Umschreiten wird erkennbar, dass es sich um Adolf Hitler handelt.

Cattelan entzieht dem Diktator die bekannten visuellen Zeichen von Macht und Ideologie. An die Stelle des uniformierten Machthabers tritt eine kniende Figur. In Berlin erhält das Werk eine zusätzliche Bedeutungsebene: Die Haltung kann auch an Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970 erinnern. Eine eindeutige Interpretation legt Cattelan jedoch nicht nahe. Die Bedeutung der Geste bleibt offen.

Macht, Tod und Verletzlichkeit

Eine Gruppe von Marmorarbeiten greift die Tradition italienischer Bildhauerei auf. All (2007) besteht aus neun lebensgroßen, verhüllten Körpern aus Carrara-Marmor, die nebeneinander auf dem Boden liegen. Die Körper sind sichtbar, ihre Identität bleibt verborgen. So entsteht ein horizontales Monument des Todes, das weder einzelne Personen noch eine Hierarchie erkennen lässt.

In Bones (2025) liegt ein monumentaler Adler aus weißem Marmor mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Boden. Das traditionelle Symbol von Staatshoheit, militärischer Autorität und imperialer Macht verliert seine heroische Haltung. Das Machtsymbol erscheint zu Fall gebracht und verletzlich. Ob der Adler ruht, verletzt oder tot ist, bleibt offen.

First (2025) zeigt ein von einem Eisennagel durchbohrtes Marmorei, das an der Wand befestigt ist. Die fragile Form verbindet sich mit einer Geste der Verletzung.

In Novecento (1997) hängt ein lebensgroßes präpariertes Pferd von der Decke. Das traditionell mit Kraft, Freiheit und militärischer Macht verbundene Tier wird in sein Gegenteil verkehrt. Der Titel verweist auf das 20. Jahrhundert, eine Epoche, die von Krieg, politischer Gewalt und Desillusionierung geprägt war.

Pentecost (2002) zeigt einen präparierten Esel vor einem schwer beladenen Holzkarren. Die ungleich verteilte Last hebt den Körper des Tieres an, das gesamte Gefüge steht kurz vor dem Zusammenbruch. Arbeit, Ausdauer und Überforderung werden hier miteinander verbunden. Der Titel verweist zugleich auf Pfingsten, das christliche Fest der Verwandlung.

Selbstporträts und das Scheitern

Wiederholt kehrt Cattelan zu Selbstporträts und dem Thema des Scheiterns zurück. Charlie Don’t Surf (1997) zeigt einen Jungen an einem Schreibpult, dessen Hände von Bleistiften durchbohrt sind. Die zunächst vertraute Schulsituation wird zum Bild institutioneller Autorität, von Bestrafung und der Angst vor dem Scheitern.

La rivoluzione siamo noi (2000) zeigt eine Miniaturfigur Cattelans in einem Anzug nach dem Vorbild von Joseph Beuys’ Filzanzug. Sie hängt bewegungslos an einem Kleiderständer in einer ehemaligen Garderobe von Mies van der Rohe.

In We (2010) liegen zwei nahezu identische Figuren Cattelans nebeneinander auf einem Bett. Das Selbstporträt wird verdoppelt und bewegt sich zwischen Nähe und Entfremdung.

Ein Wandtext erinnert in der Berliner Ausstellung auch an Maurizio Cattelans Aktion im Dezember 2019, als er seine Installation „Comedian“ – eine mit Klebeband an der Wand befestigte Banane – präsentierte. „Die Arbeit wurde zum globalen Medienphänomen und einem der meistdiskutierten Kunstwerke des 21. Jahrhunderts, da sie die Grenzen zwischen Konzeptkunst, Spektakel und Internetkultur sprengt“ (Wandtext). © Foto: Jutta Ziegler

Zeit, Tod und Erinnerung

Zwei Neuproduktionen beschäftigen sich mit Zeit, Tod und Erinnerung. After (2026) besteht aus einem sechs Meter langen Eisenrohr, in dessen Zentrum ein schlafender Hund liegt. In regelmäßigen Abständen wird das Rohr angeschlagen und erklingt wie eine Glocke.

Dust (2026) besteht aus einem handelsüblichen Feuerlöscher, der die eingeäscherten Überreste eines Freundes des Künstlers enthält. Ein Gegenstand, der gewöhnlich mit Notfall, Rettung und Schutz verbunden ist, wird zum Gefäß der Erinnerung.

Maurizio Cattelan und der Preis der Nationalgalerie

Maurizio Cattelan, geboren 1960 in Padua, zählt seit mehr als drei Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Sein Werk aus Skulpturen, Installationen und konzeptuellen Interventionen setzt sich mit Autorität, kollektivem Gedächtnis und gesellschaftlicher Macht auseinander.

Seine Arbeiten wurden weltweit gezeigt, unter anderem auf mehreren Biennalen von Venedig sowie in großen Einzelausstellungen im Solomon R. Guggenheim Museum, New York (All, 2011), und in der Monnaie de Paris (Not Afraid of Love, 2016). NIGHT markiert seine Rückkehr nach Berlin, zwanzig Jahre nachdem er 2006 die 4. Berlin Biennale mitkuratiert hat.

Der Preis der Nationalgalerie wurde im Jahr 2000 von den FREUNDEN der Nationalgalerie initiiert und hat sich in den vergangenen 25 Jahren als eine der bedeutendsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst etabliert. Mit seinem Umzug in die ikonische Glashalle der Neuen Nationalgalerie tritt der Preis 2026 in eine neue Phase ein. Er bietet Künstlern die einzigartige Gelegenheit, eine fokussierte und ambitionierte Präsentation zu realisieren.

Zur Jury des Preises der Nationalgalerie 2026 gehörten Emma Lavigne, Direktorin der Pinault Collection in Paris, Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler in Basel, sowie Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie. Neben den Jurymitgliedern waren auch die Kuratoren der Nationalgalerie sowie die Mitglieder der FREUNDE der Nationalgalerie nominierungsberechtigt.

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT wird kuratiert von Lisa Botti, Kuratorin an der Neuen Nationalgalerie, gemeinsam mit Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, in enger Zusammenarbeit mit Maurizio Cattelan.

(Neue Nationalgalerie – Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)

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