„Geschichten über das Bauen“ – neue Dauerausstellung über Bau- und DAM-Geschichte in Frankfurt

“Geschichten über das Bauen” – das Deutsche Architekturmuseum eröffnete am 14. August 2026 seine neugestaltete Dauerausstellung. Diese startet rund 6.200 v. Chr. mit Hügelhäusern in Çatal Höyük (Türkei). „Das Diorama zeigt“, so ein Erklärtext, „die Siedlung um 6.200 v. Chr. am Übergang von der nomadischen zur sesshaften Lebensweise mit Tierzucht und Getreideanbau. Die Häuser stehen eng beieinander, sodass sie zu einem dichten räumlichen Komplex verschmelzen. Die Menschen gelangten über die Dächer zu ihren Wohnungen.“ © Foto: Diether v. Goddenthow

Mit der am 14. August 2026 eröffneten, neugestalteten Dauerausstellung „Geschichten über das Bauen“ im 2. Obergeschoss ist die Sanierung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt nach fünf Jahren abgeschlossen. Die neue Präsentation verbindet zwei Perspektiven: den Blick auf die Geschichte des Bauens und auf die Geschichte des DAM selbst.

Wer den Rundgang linksherum beginnt, begegnet zunächst zehn historischen Dioramen. Die in den 1980er-Jahren von Ivor und Sigrid Swain gestalteten dreidimensionalen Lebensbilder veranschaulichen prägende Beispiele der Siedlungs- und Architekturgeschichte – von der Vor- und Frühgeschichte bis in die 1980er-Jahre.

Die Ausstellung erzählt vom Wohnen und Arbeiten, von Macht und Gemeinschaft, von technischen Innovationen und verfügbaren Ressourcen. Sie zeigt, dass gebaute Umwelt von vielen Menschen hervorgebracht wird – und dass die Entscheidungen, die dabei getroffen werden, unser Zusammenleben langfristig prägen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Ergänzt wird die Neupräsentation durch ausgewählte Exponate aus rund 450 Ausstellungen des DAM. Modelle, Zeichnungen, Fotografien, Pläne und weitere Objekte aus der Sammlung lassen frühere Ausstellungen seit der Gründung des Museums 1984 Revue passieren. Zugleich machen sie sichtbar, mit welchen gesellschaftlichen, gestalterischen und ökologischen Fragen sich das DAM im Laufe seiner Geschichte auseinandergesetzt hat. Dieser Ausstellungsteil soll sich kontinuierlich verändern: Original-Exponate werden nicht länger als drei Monate präsentiert, sodass möglichst viele der bislang im Archiv schlummernden Schätze gezeigt und um Objekte aus neuen Ausstellungen ergänzt werden können.

Zehn Dioramen erzählen Baugeschichte

Die Auswahl der zehn aus ursprünglich 23 historischen Dioramen orientiert sich an vier übergeordneten Themensträngen: Siedeln und Infrastruktur, Architektur, Konstruktion und Baumaterial sowie Gesellschaft und Umwelt, erläutert Kuratorin Anne Scheinhardt. Historische Beispiele werden dabei mit gegenwärtigen Fragestellungen verbunden: „Wie passen sich Siedlungen an ihre Umgebung an? Wie prägen Verkehrswege und Infrastrukturen das Wachstum von Städten? Welche politischen und sozialen Verhältnisse spiegeln sich in Gebäuden wider? Und welche Auswirkungen haben Baustoffe und Bauweisen auf Klima, Landschaft und Ressourcen?“

Ausschlaggebend für die Auswahl waren Relevanz und wissenschaftliche Redlichkeit. So entfiel ausgerechnet der Nachbau der sogenannten „Urhütte“ aus der Zeit um 400.000 v. Chr. Damit war auch der bisherige, griffige Titel „Von der Urhütte zum Wolkenkratzer“ nicht mehr passend. Die Entscheidung fiel daher auf „Geschichten über das Bauen“.

Forum von Pompeji (Italien), 79 n. Chr. Gezeigt wird das Stadtzentrum von Pompeji im Jahr des verheerenden Vulkanausbruchs 79 n. Chr. 17 Jahre zuvor hatte ein Erdbeben schwere Schäden verursacht, so dass manche Gebäude mit Baugerüst gezeigt werden. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die zehn Dioramen ermöglichen einen besonderen und gerade auch für Kinder spannenden Blick auf die Stadt- und Architekturgeschichte. Die liebevoll und nach wissenschaftlichen Kriterien rekonstruierten Bauten und Lebensbilder lassen sich bei einem Rundgang chronologisch erleben:
1. Hügelhäuser in Çatal Höyük (Türkei), um 6.200 v. Chr.
2. Khafajah (Irak), um 2.700 v. Chr.
3. Burgberg in Mykene (Griechenland), um 1.300 v. Chr.
4. Forum von Pompeji (Italien), 79 n. Chr.
5. Gehöftgruppe bei Warendorf (Deutschland), um 800
6. Stadt und Burg Büdingen (Deutschland), um 1350 (1378)
7. Idealstadt Pienza (Italien), 1464
8. Residenzschloss und Neustadt Arolsen (Deutschland), um 1760
9. Frankfurt am Main, Siedlung Bruchfeldstraße (Deutschland), 1927
10. New York, Ausschnitt Manhattan / Grand Central Terminal (USA), um 1980
In ihren detailreichen räumlichen Darstellungen werden unterschiedliche Maßstäbe, Bauformen und Lebenswelten unmittelbar erfahrbar. Die Dioramen zeigen nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch Straßen, Plätze, Landschaften und Infrastrukturen – und damit das komplexe Zusammenspiel, aus dem gebaute Umwelt entsteht.

Die Geschichte des DAM

Die Präsentation ist nicht als abgeschlossene Erzählung angelegt: Neue Objekte und zukünftige Ausstellungen des DAM können das System fortlaufend ergänzen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der zweite Teil der Dauerausstellung richtet den Blick auf die Geschichte des DAM selbst, erläutert Direktor Peter Cachola Schmal. Seit seiner Eröffnung hat das Museum internationale Entwicklungen ebenso aufgegriffen wie die Architektur und Stadtentwicklung Frankfurts und der Region. Die ausgewählten Exponate erinnern „an wegweisende Ausstellungen und machen deutlich, wie sich die Debatten über Wohnen, Mobilität, Konstruktion, öffentliche Räume, soziale Verantwortung und nachhaltiges Bauen verändert haben. Zugleich zeigen sie, dass viele dieser Fragen bis heute aktuell geblieben sind“, so Schmal.

Eine „klare, zurückhaltende Ausstellungsarchitektur“ bringt die vielfältigen Inhalte miteinander in Beziehung. Ein farbliches Orientierungssystem macht thematische Verbindungen und Überschneidungen sichtbar und unterstützt die Besucher dabei, eigene Wege durch die Ausstellung zu finden. „Die Präsentation ist dabei bewusst nicht als abgeschlossene Erzählung angelegt: Neue Objekte und zukünftige Ausstellungen des DAM können das System fortlaufend ergänzen“, erläutert Kuratorin Anne Scheinhardt.

Die neugestaltete Dauerausstellung versteht Architektur dabei „nicht allein als Geschichte bedeutender Bauwerke“. Sie erzählt vom Wohnen und Arbeiten, von Macht und Gemeinschaft, von technischen Innovationen und verfügbaren Ressourcen. „Sie zeigt, dass gebaute Umwelt von vielen Menschen hervorgebracht wird – und dass die Entscheidungen, die dabei getroffen werden, unser Zusammenleben langfristig prägen“, betont Kuratorin Rebekka Kremershof.

Highlight »Hinter den Kulissen der London Slums um 1870«

Ergänzend zur Dauerausstellung des DAM wird das Diorama London Slums um 1870 (Atelier Ivor und Sigrid Swain, 1985) als Einzelobjekt und vollansichtig im Ausstellungsbereich Haus-im-Haus neu präsentiert. © Foto: Diether v. Goddenthow

Ergänzend zur Dauerausstellung des DAM wird ein elftes Diorama, ein rekonsttLebens London Slums um 1870 (Atelier Ivor und Sigrid Swain, 1985) als Einzelobjekt im Ausstellungsbereich Haus-im-Haus neu und erstmals von allen Seiten sichtbar präsentiert. Die unter der kuratorischen Leitung von Professor Ole W. Fischer entwickelte Ausstellung »Hinter den Kulissen der London Slums um 1870« zeigt die an potemkinsche Dörfer erinnernde illusionistische Konstruktion, die Entstehungsgeschichte des Dioramas sowie die Darstellung der Londoner Armenviertel während der Industrialisierung. Ergänzend sind historische Stiche, Archivdokumente und eine Schnittzeichnung zu sehen. Ein Spiegel ermöglicht zusätzliche Einblicke in die zahlreichen Details des Modells. Entwickelt wurde das Ausstellungskonzept von Studierenden der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die Kabinettausstellung ist mindestens ein Jahr im DAM zu sehen.

Allein dieses Diorama der „London Slums“ lohnt einen Besuch der neu konzipierten und auch für Kinder spannenden Dauerausstellung „Geschichten über das Bauen“.

Weitere Informationen DAM
Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main