
Frankfurt am Main – Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat heute im Namen der Bundesregierung die 78. Frankfurter Buchmesse eröffnet. Ehrengast ist in diesem Jahr Tschechien, das sich unter dem Motto „Ein Land an der Küste“ als Sehnsuchtsort für literarische Entdeckungen präsentiert. Im Ehrengast-Pavillon erwartet die Besucher ein umfangreiches Programm mit Lesungen und Gesprächen. Insgesamt sind 75 tschechische Autorinnen und Autoren in Frankfurt zu Gast.

Bereits im Vorfeld der Eröffnung hatte Weimer eine neue literarische Auszeichnung angekündigt: Gemeinsam mit der Grimmelshausen-Gesellschaft soll künftig das „Literarische Wort des Jahres“ gekürt werden. Damit soll dem „Unwort des Jahres“ ein positives Pendant zur Seite gestellt werden.
„Ist es nicht an der Zeit, die einzigartigen Möglichkeiten der Sprache und Literatur zu feiern und dem Unwort des Jahres sein positives Pendant gegenüberzustellen?“, sagte Weimer. Gemeinsam mit einer Jury, die neben älterer Literatur auch Neuerscheinungen auf Sprachschöpfungen durchsuchen soll, wolle er das „Literarische Wort des Jahres“ küren – „ein Wort, das die Kraft der Veränderung in sich trägt“. Er sei zuversichtlich, dass es gemeinsam mit der Grimmelshausen-Gesellschaft und weiteren Partnern gelingen werde, im kommenden Jahr das erste „Literarische Wort des Jahres“ zu küren.
Weimer betonte zugleich die besondere literarische Verbindung zwischen Deutschland und Tschechien: „Deutschland und Tschechien verbindet eine wechselvolle literarische Freundschaft. Umso mehr freue ich mich, dass wir dieses Jahr im Ehrengast-Pavillon die Chance haben, in die facettenreiche Welt der tschechischen Literaturszene einzutauchen – geprägt von poetischer Sprache, Ironie und Gesellschaftskritik.“
Literatur schaffe Räume für Begegnung und Verständigung, so Weimer. „Hier, auf der Frankfurter Buchmesse, kommt die Welt zusammen, um die einzigartige Kraft und Schönheit des Wortes zu feiern und Menschen und Geschichten aus aller Welt zu verbinden.“
Damit ist bereits zum Auftakt ein zentrales Thema dieser Buchmesse gesetzt: Welche Kraft besitzt das geschriebene Wort in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisiert geführt werden, die Lesekompetenz sinkt und Künstliche Intelligenz immer stärker in die Produktion und Vermittlung von Texten eingreift?
„Der doppelte Raubzug der KI: erst die Bücher, dann das Denken“

Diese Frage stand auch im Zentrum der Rede von Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Bücher seien gerade in polarisierten Zeiten ein wichtiger Raum für andere Perspektiven und neue Gedanken. Doch die abnehmende Lesekompetenz und eine unzureichend regulierte KI, die genau diese Lücke ausnutze, beunruhigten die Buchbranche.
Guggolz formulierte seine Warnung zugespitzt: „Wenn die Politik jetzt nicht handelt, beraubt uns die KI nicht nur weiterhin millionenfach urheberrechtlich geschützter Werke, sondern langfristig auch unseres Denkens.“
Nach der jüngsten PISA-Studie kann ein Drittel der 15-Jährigen nicht ausreichend lesen. Zudem ging 2025 die Zahl der Buchkäufer bei den 10- bis 15-Jährigen um 30,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück.
„Wir können diese Entwicklung nicht schulterzuckend hinnehmen“, sagte Guggolz. Die rückläufige Lesekompetenz könne nicht vom Siegeszug der KI, die beliebig abrufbare Antworten liefere, kompensiert werden. Im Gegenteil: „Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort überhaupt nicht mehr überprüfen. Ihm oder ihr bleibt nur noch, diese vorgefertigte Antwort zu glauben.“
Lesen wird damit zu einer Schlüsselkompetenz auch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Wer Texte nicht mehr sicher verstehen, einordnen und kritisch hinterfragen kann, hat es schwer, zwischen einer plausiblen, aber möglicherweise falschen KI-Antwort und einer verlässlichen Information zu unterscheiden.
Maßnahmen gegen den Bildungsnotstand
Leseförderung und Medienkompetenz müssten deshalb als bildungspolitische Priorität verankert werden, fordert Guggolz. Über die Bildungspolitik hinaus – etwa in Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft – müsse erkannt werden, dass Lesen unabdingbare Voraussetzung für das gesamte Leben und die Teilhabe an einer lebendigen Gesellschaft sei.
Guggolz sprach sich für feste tägliche Lesezeiten in Schulen aus, wie sie das Konzept „Leseband“ vorsieht. Daneben müsse Medienkompetenz zum Pflichtfach werden. Kinder und Jugendliche sollten lernen, recherchierte Informationen und Meinungsbeiträge zu unterscheiden und mit Fake News sowie künstlich erzeugten Texten und Bildern umzugehen.
„Frankfurter Appell“ für klare Regeln bei KI
Zugleich kritisierte Guggolz, dass bei der Nutzung und Entwicklung von KI außereuropäische Konzerne die Bedingungen diktierten und dabei Fair Play und ethische Grundsätze über Bord würfen.
„KI-Unternehmen nutzen urheberrechtlich geschützte Werke ohne Einwilligung und Vergütung für das Training ihrer Systeme“, sagte der Börsenvereinsvorsteher. Weil klare gesetzliche Pflichten zur Ausweisung der Trainingsdaten fehlten, müssten Rechteinhaber selbst aufwendig nach Belegen suchen und ihre Ansprüche in kostspieligen Verfahren durchsetzen.
„Auch hier braucht es ein schnelles und entschiedenes Handeln der Politik.“
Anlässlich der Frankfurter Buchmesse veröffentlicht der Börsenverein deshalb den „Frankfurter Appell“ an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung. Bereits 120 Verlage zählen zu den Unterzeichnern.
Der Appell fordert Transparenz über die für KI-Trainings genutzten Werke, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts.
Damit verbindet die Buchbranche zwei Entwicklungen, die eng miteinander zusammenhängen: Zum einen werden die Werke von Autoren und Verlagen für das Training von KI-Systemen genutzt; zum anderen droht eine Gesellschaft, in der immer weniger Menschen sicher und sinnentnehmend lesen können, einen Teil ihrer Fähigkeit zum eigenständigen Denken und zur kritischen Prüfung von Informationen zu verlieren.
Timon Gremmels: Bücher machen Mut, über den „Höllenschlund“ zu springen

Auch Hessens Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels stellte bei der Eröffnung die gesellschaftliche Kraft der Literatur in den Mittelpunkt. Literatur helfe, Spaltungen zu überwinden, und mache Vielfalt sichtbar.
In seiner Rede verglich Gremmels den Kampf gegen die zunehmende Spaltung der Gesellschaft mit Astrid Lindgrens Roman „Ronja Räubertochter“. In der Geschichte freunden sich die Kinder zweier verfeindeter Familien an und springen über den Höllenschlund, der die gemeinsame Burg in zwei unversöhnliche Teile geteilt hat.
„Bücher eröffnen fantastische Welten und zeigen, dass es mehr als eine Art gibt, zu leben. Sie machen Mut, die eigenen Ängste zu überwinden“, sagte Gremmels.
Der Hessische Gemeinschaftsstand steht deshalb in diesem Jahr unter dem Motto „Hessen – Que(e)r gelesen“. Dort werde die Vielfalt in der Literatur und im Land sichtbar gemacht. Dies sei gerade in einer Zeit essentiell, „in der in anderen Ländern Bücher über queere Kinder, Rassismus oder Familien, die nicht dem traditionellen Bild entsprechen, aus Schulbibliotheken verschwinden“.
„Es gibt in diesem Land wieder eine starke politische Kraft, die vorgeben will, welche Lebensformen normal sind und welche nicht. Der Riss geht mitten durch unsere Gesellschaft, manchmal mitten durch Familien. Bücher machen Mut, über diesen Höllenschlund zu springen.“
Tschechien: „Ein Land an der Küste“

Tschechien steht als Ehrengast im Zentrum der diesjährigen Buchmesse. Das Motto „Ein Land an der Küste“ spielt mit einem literarischen Paradox: Tschechien besitzt keinen Zugang zum Meer – und verfügt doch über eine imaginäre Küste der Literatur.
Im Ehrengast-Pavillon können Besucher in die tschechische Literaturszene eintauchen. Lesungen und Gespräche stellen unterschiedliche literarische Stimmen vor. Insgesamt sind 75 tschechische Autorinnen und Autoren in Frankfurt zu Gast.
Das Programm reicht von Belletristik und Lyrik über Comics sowie Kinder- und Jugendliteratur bis zu Sachbuch und Theater. Dabei wird auch die besondere literarische Tradition des Landes sichtbar, die Weimer als von poetischer Sprache, Ironie und Gesellschaftskritik geprägt beschrieben hat.
So beginnt die Frankfurter Buchmesse 2026 mit einer auffälligen Konzentration auf die Kraft des Wortes: Weimer will ein „Literarisches Wort des Jahres“ auszeichnen, Guggolz warnt davor, dass KI zunächst die Bücher und langfristig das Denken berauben könnte, und Gremmels setzt Literatur gegen gesellschaftliche Spaltung. Tschechien wiederum lädt als Ehrengast dazu ein, eine literarische „Küste“ zu entdecken, die es geografisch gar nicht gibt.
Morgen eröffnet Gremmels den Hessischen Gemeinschaftsstand
Am Mittwoch, 7. Oktober, eröffnet Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels den Hessischen Gemeinschaftsstand „Literatur in Hessen“. Unter dem Motto „Hessen – que(e)r gelesen“ steht dort die Vielfalt der Literatur und unterschiedliche Lebensrealitäten im Mittelpunkt.
Der Gemeinschaftsstand D 87 in Halle 3.0 wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, dem Hessischen Literaturrat und dem Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels getragen. Er bietet literarischen Kulturinstitutionen und kleineren hessischen Verlagen einen Auftritt auf einer der wichtigsten Buchmessen der Welt.
Im Mittelpunkt stehen literarische Perspektiven auf unterschiedliche Lebensrealitäten und gesellschaftliche Vielfalt – darunter queere Lebensweisen, Migration, Herkunft und soziale Unterschiede. Der Hessische Gemeinschaftsstand bietet damit Raum für Geschichten und Themen, die in der Literatur lange wenig sichtbar waren, und lädt dazu ein, vertraute Perspektiven zu hinterfragen und neue zu entdecken.
Das gesamte Programm ist unter kunst.hessen.de/buchmessestand abrufbar.
Veranstaltungen für alle Besucher
Vom 9. bis zum 11. Oktober ist die Frankfurter Buchmesse für alle geöffnet. Am Stand „Literatur in Hessen“ (D 87, Halle 3.0) stehen unter anderem folgende Veranstaltungen auf dem Programm:
Freitag, 9. Oktober
11.30 Uhr: Thomas Sparr liest aus „Come Out – Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte“. Das Buch erzählt die Geschichte des Aufstands in der New Yorker Christopher Street und seiner Bedeutung für die queere Emanzipationsbewegung.
12 Uhr: Der Robert-Gernhardt-Preisträger Martin Piekar stellt seinen neuen Roman „Vom Fällen eines Stammbaums“ vor.
14 Uhr: Das 35-jährige Jubiläum des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen steht im Mittelpunkt. Ehemalige Preisträger blicken auf ihre Anfänge zurück, lesen aus ihren Siegertexten und geben Einblicke in ihre heutige literarische Arbeit.
Samstag, 10. Oktober
12 Uhr: Christine Koschmieder liest und spricht über „Ein Haus für mich“. Die Autorin war Stipendiatin des Hessischen Literaturstipendiums in Vilnius.
12.30 Uhr: „Lüders‘ Liste. Marie-Elisabeth Lüders im Kampf gegen den Nationalsozialismus“. Ludger Fittkau stellt seine Publikation über die Politikerin und Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth Lüders und ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor.
15 Uhr: „JOHNNY quer gelesen“ gibt als Speeddating einen Einblick in die Vielfalt der Literaturzeitschrift von gestern bis heute.
Sonntag, 11. Oktober
13 Uhr: Vorstellung der Preisträger des Horst-Bingel-Preises für Literatur 2026 und ihrer Werke.
14 Uhr: Die aus Tschechien stammende Lyrikerin Marie Iljašenko präsentiert ihren neuen Gedichtband „Menschen hören überhaupt nur sehr wenig“. Iljašenko ist ehemalige Stipendiatin des Hessischen Literaturstipendiums – ein besonderer Akzent vor dem Hintergrund des diesjährigen tschechischen Gastlandauftritts.
16.30 Uhr: Der tschechische Autor Petr Šesták stellt seinen Roman „Ausgebrannt“ vor. Auch Šesták war Stipendiat des Hessischen Literaturstipendiums.
Veranstaltungen für das Fachpublikum
Mittwoch, 7. Oktober
12 Uhr: Der tschechische Autor Pavel Novotný liest aus seinen Texten. Novotný ist Stipendiat des Hessischen Literaturstipendiums.
14.30 Uhr: Vorstellung der Gewinner des Hessischen Verlagspreises 2026. Die Frankfurter Verlagsanstalt erhält den Hauptpreis, die Büchergilde Gutenberg den Sonderpreis.
15.30 Uhr: „Endlicher Spaß. Zur Kunst des Übersetzens“ mit dem diesjährigen Johann-Heinrich-Voß-Preisträger für Übersetzung, Ulrich Blumenbach, und Daniel Göske von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Im Anschluss findet der Empfang des Hessischen Gemeinschaftsstands mit Minister Gremmels statt.
Donnerstag, 8. Oktober
11 Uhr: „Neue Stimmen der Vielfalt – Das Buntstift-Stipendium für queere Kinder- und Jugendliteratur“. Die Veranstaltung mit der Buntstift-Stipendiatin Natascha Schmitz und Minister Gremmels gibt Einblicke in die Entstehung des neuen Förderinstruments des Landes Hessen.
14 Uhr: Das Panel „Darf man das noch so schreiben? Kinderbücher im Spannungsfeld von Vielfalt und Tradition“ diskutiert mit der Verlegerin Sina Hauer, dem Autor Marcel Kahl und der Sensitivity Readerin Anna Mendel über die Darstellung unterschiedlicher Lebensrealitäten in Kinderbüchern, den Umgang mit älteren Texten und die Rolle des Sensitivity Readings im Entstehungsprozess von Literatur.
Die 78. Frankfurter Buchmesse beginnt damit unter einem Leitmotiv, das sich durch die unterschiedlichen Beiträge zieht: Was kann Literatur in einer Zeit leisten, in der gesellschaftliche Gräben tiefer werden, die Lesekompetenz abnimmt und Künstliche Intelligenz den Umgang mit Texten grundlegend verändert?
Die Antworten fallen unterschiedlich aus, treffen sich aber in einem Punkt: Bücher sollen Räume öffnen – für andere Perspektiven, für Vorstellungskraft, für Widerspruch und für das eigenständige Denken. Oder, wie Timon Gremmels es formulierte: „Bücher machen Mut, über diesen Höllenschlund zu springen.“
(Dokumentation – Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
