TANZ! – Wie die Kunst den flüchtigen Augenblick einfängt – ab 13. Nov 2026 in Mannheimer Kunsthalle

Jean Louis Forain, Le ballet, 1895, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen. Foto: Karen Blindow

Die Kunsthalle Mannheim widmet einer der ältesten Ausdrucksformen der Menschheit eine große Sonderausstellung: Ab dem 13. November 2026 zeigt „TANZ!“, wie Künstler über mehr als 150 Jahre hinweg Bewegung, Rhythmus und den tanzenden Körper in immer neuen künstlerischen Formen und Ausdrucksweisen erforscht haben.

Wie wird ein Augenblick zur Kunst, der im selben Moment schon wieder verschwindet? In diesem Spannungsfeld bewegt sich die neue Sonderausstellung „TANZ!“ in der Kunsthalle Mannheim. Sie spürt der Faszination einer Kunstform nach, die vom Augenblick lebt, und zeigt, wie bildende Künstler den Tanz aufgreifen, interpretieren und zum Ausgangspunkt für neue künstlerische Ideen machen.

Das von Johan Holten, dem ehemaligen Direktor der Kunsthalle Mannheim, entwickelte Ausstellungskonzept beleuchtet den lebendigen Austausch zwischen Bildender Kunst und Choreografie. Holten, der früher selbst als Tänzer an der Hamburgischen Staatsoper auf der Bühne stand, bringt dabei unterschiedliche künstlerische Perspektiven zusammen. Von der Moderne bis in die Gegenwart wird sichtbar, wie Künstler den tanzenden Körper immer wieder neu als Ausdruck von Freiheit, Identität und gesellschaftlichem Wandel interpretieren.

Die genreübergreifende und transhistorische Ausstellung versammelt Werke aus unterschiedlichen Epochen und Medien. Arbeiten unter anderem von Auguste Rodin, Oskar Schlemmer und Alexandra Exter treffen auf Werke von Isamu Noguchi, Yvonne Rainer, Haegue Yang, Isaac Chong Wai und Tino Sehgal. Gemeinsam eröffnen sie vielfältige Zugänge zu choreografierter Bewegung und laden dazu ein, die wechselnden Beziehungen zwischen Kunst, Tanz und Gesellschaft neu zu entdecken.

Bereits Edgar Degas beobachtete in der Pariser Oper Tänzerinnen bei Proben, beim Aufwärmen und auf der Bühne. Seine Darstellungen und Skulpturen machen den flüchtigen Moment zum Gegenstand der Kunst. Von diesen Beobachtungen ausgehend spannt „TANZ!“ einen Bogen über die internationale Avantgarde bis in die Gegenwart. Dabei wird deutlich, wie sich der künstlerische Blick auf den Tanz im Laufe der Zeit verändert hat: Stand zunächst vor allem die Darstellung des tanzenden Körpers im Mittelpunkt, entwickelte sich zunehmend eine Auseinandersetzung mit Bewegung, Rhythmus und Raum sowie mit dem Verhältnis zwischen Körper und Gesellschaft.

Vom modernen Tanz zum Gesamtkunstwerk

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den neuen Ausdrucksformen des modernen Tanzes. So ließ sich Ernst Ludwig Kirchner von der Tänzerin Gret Palucca inspirieren. Einen besonderen Meilenstein markiert Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“: 1922 verschmolzen darin Bühnenbild, Kostüme, Farbe, Form, Klang und Bewegung zu einem Gesamtkunstwerk. Zugleich spiegelte die Arbeit die zunehmende Mechanisierung der Lebenswelt wider.

In den 1960er-Jahren entstand in New York eine neue Allianz zwischen Tänzern und bildenden Künstlern. Zum Epizentrum dieser Entwicklung wurde der Keller der Judson Memorial Church. Hier arbeiteten Choreografen wie Yvonne Rainer, Simone Forti und Trisha Brown mit Künstlern wie Robert Morris und Robert Rauschenberg zusammen. Sie lösten den Tanz aus traditionellen Bühnenkonventionen und trugen ihn in den Alltag und den öffentlichen Raum. Damit veränderten sie nicht nur die Vorstellungen davon, was Tanz sein kann, sondern erweiterten zugleich die Möglichkeiten der bildenden Kunst.

Neue Arbeiten und internationale Positionen

Neben historischen Werken präsentiert die Kunsthalle Mannheim eigens für „TANZ!“ entstandene Arbeiten internationaler Künstler. Dazu gehören Neuproduktionen der Künstlerinnen Eva Helene Pade und Rajni Perera sowie die Performance-Installation „Songs to Protect Us“ (2026) von Isaac Chong Wai. Der Künstler setzt sich darin mit dem Körper in Systemen von Macht und Repression auseinander und eröffnet damit eine weitere Perspektive auf die gesellschaftliche und politische Dimension von Bewegung.

Zu einem besonderen Erlebnis wird Tino Sehgals Aufführung „This Entry“ (2023) im Atrium der Kunsthalle. Hier begegnen Besucher tänzerischen Bewegungen in ungewöhnlichen Zusammenhängen: beim Kunstradfahren, beim Spielen einer Geige oder in einer Abfolge von Freestyle-Fußball. Die Grenzen zwischen Tanz, Spiel und Choreografie verschwimmen. Aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen entwickelt sich ein Werk, das sich immer wieder neu erfindet.

Nach Präsentationen in Japan, Korea und den USA ist „This Entry“ erstmals in Deutschland zu erleben. Die Aufführung führt unmittelbar zu einer zentralen Frage der Ausstellung zurück: Wie lässt sich eine Bewegung künstlerisch erfassen, die ihrem Wesen nach flüchtig ist? Wie kann ein Augenblick festgehalten werden, ohne ihm seine Lebendigkeit zu nehmen? „TANZ!“ macht deutlich, dass die Antworten darauf so vielfältig sind wie die künstlerischen Positionen, die sich mit dem Tanz auseinandersetzen.

Künstlerische Vielfalt über mehr als 150 Jahre

Die Ausstellung vereint eine große Bandbreite internationaler künstlerischer Positionen. Gezeigt werden unter anderem Arbeiten von Emma Amos, Rudolf Belling, Antoine Bourdelle, Trisha Brown, Isaac Chong Wai, Edgar Degas, Noah Eshkol, Alexandra Exter, Jean-Louis Forain, William Forsythe, Simone Forti, Greta Freist, Lise Gujer, Katharina Heise, Camille Henrot, Ferdinand Hodler, Rebecca Horn, Pierre Huyghe, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Kolbe, Marie Laurencin, Robert Morris, Gabriel Moses, Vaslav Nijinsky, Isamu Noguchi, Chana Orloff, Eva Helene Pade, Fernand Pelez, Rajni Perera, Robert Rauschenberg, Ludwig Reutterer, Auguste Rodin, Oskar Schlemmer, Lavinia Schulz, Tino Sehgal, Milly Steger, Henri de Toulouse-Lautrec und Haegue Yang.

Die unterschiedlichen Werke und Medien eröffnen einen vielschichtigen Blick auf den Tanz als künstlerisches Ausdrucksmittel. Sie zeigen, wie sich die Auseinandersetzung mit dem bewegten Körper von der klassischen Darstellung über die avantgardistische Experimentierfreude bis hin zu zeitgenössischen Performances und interdisziplinären Inszenierungen entwickelt hat.

Umfassender Ausstellungskatalog

Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog im Verlag Hatje Cantz, herausgegeben von Johan Holten, Julia Katharina Thiemann und Dirk Luckow. Neben zahlreichen Abbildungen der ausgestellten künstlerischen Arbeiten enthält die Publikation Texte verschiedener Autoren, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Der Katalog wird im Museumsshop erhältlich sein.

Mit „TANZ!“ lädt die Kunsthalle Mannheim dazu ein, eine der ältesten Ausdrucksformen der Menschheit in ihrer künstlerischen Vielfalt neu zu entdecken – und sich auf die Suche nach dem besonderen Moment zu begeben, in dem Bewegung zur Kunst wird.

Kunsthalle Mannheim