Alexej von Jawlensky Bahnhof-Füssen im März 1905 Museum Wiesbaden Foto Museum Wiesbaden Bernd

Mit dem Erwerb „Bahnhof Füssen im März“ von Alexej von Jawlensky aus dem Jahr 1905 ist dem Museum Wiesbaden ein regelrechter Coup gelungen. Für gerade mal 350.000 Schweizer Franken – was viel Geld und dennoch auf dem internationalen Markt eher ein Schnäppchenpreis ist – gelang es dem Museum, mit diesem Schlüsselwerk des berühmten Malers eine wichtige Lücke der mittleren Schaffensperiode der weltweit größten, im Museum Wiesbaden beheimateten Jawlensky-Sammlung zu schließen. Gestern nun präsentierten Museumsdirektor Dr. Andreas Henning, Kulturstaatsminister Timon Gremmels und Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos Klassische Moderne, gemeinsam mit Dr. Josephine Karg von der Kulturstiftung der Länder sowie Eva Claudia Scholtz von der Hessischen Kulturstiftung Wiesbadens neues Highlight.

„Mit dem Ankauf des Gemäldes ‚Bahnhof Füssen im März‘ erweitert das Museum Wiesbaden seine herausragende Jawlensky-Sammlung um ein ganz wesentliches Werk, das aus einer Schaffensphase des Künstlers stammt, die bislang hier nicht vertreten war“, unterstrich Timon Gremmels, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur: „Ein Erwerb dieser Größenordnung ist in Zeiten, in denen die Haushaltslage so angespannt ist wie aktuell, alles andere als selbstverständlich. Dass dieses Werk dennoch in die Sammlung des Museums Wiesbaden aufgenommen werden kann, verdanken wir der Unterstützung von Stiftungen und privaten Spenden. Dieses Engagement zeigt eindrucksvoll: Die Bewahrung unseres kulturellen Erbes gelingt nur gemeinsam.“

„Bereits 2014 und zuletzt 2020 in der Ausstellung ‚Lebensmenschen‘, in der Jawlensky gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Marianne von Werefkin präsentiert wurde, war das Werk im Museum Wiesbaden zu sehen. Umso größer ist die Freude, dass es nun dauerhaft in die Sammlung aufgenommen werden konnte“, so der Museumsdirektor Dr. Henning. „Auf solch einem herausragenden Niveau sind Erwerbungen nur in gemeinsamer Anstrengung möglich. Wir danken gleichermaßen der Hessischen Kulturstiftung wie der Kulturstiftung der Länder, dass wir diesen Ankauf aus dem Nachlass des Künstlers realisieren konnten. Ein entscheidender Entwicklungsschritt im Werk Alexej von Jawlenskys kann somit dauerhaft der Öffentlichkeit vermittelt werden.“

. V.l.n.r.: Dr. Roman Zieglgänsberger (Museum Wiesbaden), Dr. Josephine Karg (Kulturstiftung der Länder), Staatsminister Timon Gremmels (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrats der Hessischen Kulturstiftung), Eva Claudia Scholtz (Hessische Kulturstiftung), Dr. Andreas Henning (Museum Wiesbaden) vor dem Gemälde „Bahnhof-Füssen im März“, 1905. © Foto: Diether v. Goddenthow

Das Gemälde wird künftig eine zentrale Rolle in der Neupräsentation der Sammlung unter dem Titel „Alexej von Jawlensky. Privat“ spielen, die im Herbst 2027 im Museum Wiesbaden eröffnet wird.

Dr. Josephine Karg, in Vertretung von Dr. Christine Regus, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, hob hervor, „dass Jawlensky Wiesbaden besonders verbunden war“ und sich seine künstlerische Entwicklung an der herausragenden Sammlung des Landesmuseums nachvollziehen lasse. „Mit ‚Bahnhof Füssen im März‘ gelangt nun ein Schlüsselwerk aus einer Umbruchphase in den Bestand. Damit wird das Museum Wiesbaden als zentraler Ort der Jawlensky-Forschung weiter gestärkt; mit der Erwerbung werden wichtige neue Möglichkeiten für die Erschließung von Werk und Nachlass eröffnet.“

Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung, ergänzte zum Engagement der Stiftung: „Wir freuen uns außerordentlich darüber, dass mit dem Erwerb von ‚Bahnhof Füssen im März‘ ein für die künstlerische Entwicklung Alexej von Jawlenskys derart bedeutendes Gemälde in dessen Wahlheimat Wiesbaden bewundert werden kann und eine Lücke in der herausragenden Sammlung seiner Kunst im hiesigen Museum schließt. Einen Beitrag hierzu zu leisten, war uns ein wichtiges Anliegen. Die Geschichte der Hessischen Kulturstiftung mit dem Museum Wiesbaden reicht bis 1988, dem Gründungsjahr der Stiftung, zurück. Seitdem konnten wir das Haus bei einer Vielzahl von Projekten unterstützen, wobei mit Blick auf Jawlensky besonders auf die Ankäufe der Gemälde ‚Heilandsgesicht: Ruhendes Licht‘ (1921, erworben 2006) und ‚Stillleben mit Samowar‘ (1901, erworben 2020) verwiesen sei. Unser sehr herzlicher Dank gilt dem Museum Wiesbaden, das uns durch Forschung, Ausstellungen und Kataloge, nicht zuletzt durch seine gezielte Ankaufspolitik, immer neue Facetten des Schaffens Alexej von Jawlenskys näherbringt.“

Dr. Roman Zieglgänsberger Kustos Klassische Moderne © Foto: Diether v. Goddenthow

Das Gemälde „Bahnhof Füssen im März“ markiere einen frühen, sehr entscheidenden Wendepunkt im Werk des Künstlers, erklärte Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos der Klassischen Moderne am Museum Wiesbaden, bei seiner Führung: „Hatte Jawlensky bis dahin in München zunächst die deutschen Spätimpressionisten Lovis Corinth, Max Liebermann oder Max Slevogt rezipiert, im Anschluss daran die französischen Pointillisten um Georges Seurat, muss er spätestens 1904 die Arbeiten Vincent van Goghs im Original gesehen haben. Kurz darauf, nämlich während seines Füssen-Aufenthaltes, ändert sich durch diese ‚Begegnung van Gogh‘ die Malerei Jawlenskys merklich: Der Pinselstrich wird rhythmischer, die Malweise flächiger, die Farben klarer. Einige der in Füssen entstandenen Bilder sind noch als impressionistisch zu bezeichnen, während andere bereits diese neue Auffassung zeigen. ‚Bahnhof Füssen im März‘ ist sehr wahrscheinlich aufgrund der im unteren Bilddrittel sich zurückziehenden Schneedecke am Ende des Aufenthalts entstanden, als der ‚Impuls van Gogh‘ kreativ verarbeitet war. Ab diesem Moment ist Jawlensky – der als einer der ersten deutschsprachigen Maler das Potenzial des Holländers für sich und seine Malerei zu nutzen wusste – auf dem Weg, einer der ersten deutschen Expressionisten zu werden. Dieser doppelte Markstein – nicht nur im Werk Jawlenskys, sondern auch für die deutsche Kunstgeschichte – kann jetzt im Sammlungsrundgang am Beispiel dieses besonderen Landschaftsbildes vermittelt werden.“

Entsprechend der Bedeutung des Frühwerks „Bahnhof Füssen im März, 1905“ wird dessen Stellenwert in der aktuellen Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker… Oder wie Kunst ins Museum kommt“ besonders hervorgehoben. Dies zeigt sich auch in der Hängung zwischen Wassily Kandinskys Gemälde „Rapallo – Castello und Kirche“ (1906) und Jawlenskys Werk „Oliven, Mauer, Wind“ (1906/07).

So können die Betrachterinnen und Betrachter Jawlenskys künstlerische Entwicklung vom Spätimpressionismus hin zu einem vom Stil Vincent van Goghs geprägten Expressionismus unmittelbar nachvollziehen.

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)