
Frankfurt – Für seinen außergewöhnlichen Einsatz zum Schutz der asiatischen Elefanten und für die Entwicklung nachhaltiger Lösungen im Konflikt zwischen Mensch und Wildtier ist der indische Ökologe und Naturschutzwissenschaftler Dr. Varun R. Goswami am Donnerstagabend in Frankfurt von der KfW-Stiftung mit dem erstmals verliehenen Hidden Heroes Award ausgezeichnet worden. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis tritt an die Stelle des bisherigen KfW-Bernhard-Grzimek-Preises und rückt Menschen in den Mittelpunkt, die mit ihrer herausragenden Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Schutz der biologischen Vielfalt leisten, dabei aber weitgehend außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung stehen.
Im Rahmen einer Feierstunde erläuterte Moderatorin Bärbel Schäfer die Neuausrichtung des Preises. Die Umbenennung zum Hidden Heroes Award stehe für eine Weiterentwicklung und eine stärkere Fokussierung auf jene „stillen Helden“, die mit ihrem Engagement nachhaltige Wirkung für Natur und Gesellschaft erzielen. Schäfer führte durch den Abend, musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Duo Jules & Florin.
Die Laudatio auf den Preisträger hielt der renommierte Wildtierbiologe und Artenschutzexperte Dr. Sugoto Roy, Co-Vorsitzender der IUCN SSC Cat Specialist Group. In einem Video, der Laudatio und dem anschließenden Talk „Jenseits des Konflikts: Ist ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Wildtier möglich?“ wurde die Arbeit Goswamis ausführlich vorgestellt.

Der Wissenschaftler gilt als einer der führenden Experten für asiatische Elefanten. Seit vielen Jahren erforscht er im Nordosten Indiens, wie die bedrohten Großsäuger auch in zunehmend von Menschen geprägten und fragmentierten Landschaften überleben können. Im Mittelpunkt stehen dabei die Lebensräume und Wanderbewegungen der Elefanten ebenso wie die Frage, wie Konflikte mit den dort lebenden Menschen dauerhaft verringert werden können.
Goswami verbindet wissenschaftliche Forschung mit praktischem Naturschutz. So entwickelte er moderne statistische Verfahren zur Bestandsaufnahme von Elefanten, die mit der individuellen fotografischen Identifikation der Tiere kombiniert werden. Damit konnte er unter anderem im Kaziranga-Nationalpark deutlich verlässlichere Populationsschätzungen erzielen. Zugleich untersucht er die Wanderkorridore der Tiere und Möglichkeiten, die Verbindung zwischen voneinander isolierten Waldgebieten zu erhalten oder wiederherzustellen – eine entscheidende Voraussetzung für das langfristige Überleben der Elefanten.
Besondere Bedeutung hat für ihn das Management von Mensch-Wildtier-Konflikten. Verlassen Elefanten ihre Schutzgebiete, kommt es immer wieder zu Ernteschäden, zerstörtem Eigentum und teilweise schweren Unfällen. Goswami setzt dabei nicht auf kurzfristige Symptombekämpfung, sondern untersucht die Ursachen und räumlich-zeitlichen Muster solcher Konflikte. Seine Forschung zeigt unter anderem, welchen Einfluss veränderte Niederschlagsmuster und die Nähe von Feldern zu Waldrändern auf das Risiko von Ernteplünderungen haben. Statt Tiere nach Konflikten lediglich umzusiedeln, entwickelt er langfristig angelegte Strategien, die sowohl den Schutz der Elefanten als auch die Sicherheit und Lebensgrundlage der Menschen berücksichtigen.
Ein wichtiger Baustein ist dabei die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden. Ob mit Dorfgemeinschaften oder Beschäftigten in Teeplantagen – Goswami bezieht die Menschen vor Ort unmittelbar in die Entwicklung von Schutzmaßnahmen ein. Dazu gehören unter anderem sichere Gemeinschaftsanlagen zur Lagerung von Vorräten, die Elefanten nicht anlocken, solarbetriebene Straßenbeleuchtung und weitere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung. So verbindet er Forschung und praktischen Naturschutz mit den Bedürfnissen der Menschen vor Ort.
Gerade im hügeligen Nordosten Indiens ist dieser gemeindebasierte Ansatz von besonderer Bedeutung, da sich große Teile der Wälder im Besitz lokaler indigener Gemeinschaften und nicht des Staates befinden. In Bundesstaaten wie Meghalaya und Nagaland unterstützt Goswami die Gemeinden dabei, die Naturschutzpotenziale ihrer Wälder zu nutzen und zugleich nachhaltige Formen des Ökotourismus zu entwickeln.

Seine Arbeit reicht dabei weit über die Feldforschung hinaus. Goswami ist Mitglied der IUCN Asian Elephant Specialist Group und als Mitherausgeber der renommierten Fachzeitschrift Biological Conservation auch international in der wissenschaftlichen Naturschutzarbeit engagiert.
„Wo sich die Wege von Menschen und Wildtieren kreuzen, entscheidet sich, ob ein dauerhaftes Zusammenleben möglich ist“, wurde bei der Veranstaltung deutlich. Goswamis wissenschaftliche Expertise, sein langjähriges Engagement und seine Fähigkeit, unterschiedliche Akteure für gemeinsame Lösungen zu gewinnen, leisten einen wichtigen Beitrag dazu, die Lebensräume der asiatischen Elefanten zu bewahren und zugleich die Sicherheit der Menschen zu erhöhen.

Der Hidden Heroes Award 2026 würdigt damit einen Naturschützer, der beispielhaft zeigt, dass erfolgreicher Artenschutz nicht allein im Schutz von Tieren besteht, sondern ebenso darin, Menschen in die Suche nach tragfähigen Lösungen einzubeziehen.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
