
Am Samstagabend, dem 11. April 2026, wurde Wiesbaden einmal mehr zum kulturellen Hotspot des Rhein-Main-Gebiets: Punkt 18 Uhr eröffnete die 24. „Kurze Nacht der Galerien und Museen“ im Künstlerhaus 43 im Palasthotel am Kochbrunnenplatz – und schon der Auftakt zeigte, welche Strahlkraft diese Veranstaltung entfaltet. Eine lange Schlange vor dem Theater kündete vom enormen Besucherinteresse, während sich im Inneren das Haus bis in den Außenbereich hinein füllte.
Kulturdezernent Hendrik Schmehl eröffnete den Abend gemeinsam mit „Kurze-Nacht“-Organisator Gerhard Witzel, Theaterintendant Wolfgang Vielsack und Spielleiterin Susanne Müller. Für die musikalische Einstimmung sorgte der PopJazzChor Wiesbaden. Vielsack nutzte die Bühne für einen nachdenklichen Impuls: Man solle Kunst „nicht nur durch das Handy erleben“, sondern sich bewusst auf das unmittelbare Erlebnis einlassen. Zugleich machte er auf die schwierige Raumsituation des Theaters aufmerksam und bat um Unterstützung bei der Suche nach neuen Spielstätten. Zudem warb er für die Sommerfestspiele Wiesbaden auf der Burg Sonnenberg vom 14. Juni bis 12. Juli 2026.

Schmehl würdigte die Veranstaltung als „wunderbare Gelegenheit“, die Vielfalt der Wiesbadener Kulturszene kennenzulernen, und hob besonders das Engagement Witzels hervor, dem die inzwischen 24. Ausgabe der „Kurzen Nacht“ maßgeblich zu verdanken sei. Ebenso dankte er dem PopJazzChor unter Leitung von Clemens Schäfer sowie Rainer Wehner und den Fahrerinnen und Fahrern des „Rollenden Museums“. Rund 90 Oldtimer-Fahrzeuge verbanden die Stationen des Abends und machten den Weg von Ort zu Ort selbst zum Erlebnis – eine Zeitreise durch Design- und Automobilgeschichte, die auch im Kontext der World Design Capital 2026 besondere Akzente setzte.
Gerhard Witzel zeigte sich erfreut über den großen Zuspruch und betonte die Besonderheit des Wiesbadener Formats: freier Eintritt in alle teilnehmenden Häuser und kostenlose Mitfahrten in historischen Fahrzeugen. „Und seien Sie versichert: Nach der Nacht ist vor der Nacht – die 25. „Kurze Nacht der Galerien und Museen“ ist bereits in Planung.“, kündigte er mit Blick auf die bereits geplante Jubiläumsausgabe an.

Der Wiesbadener PopJazzChor, ein fester Publikumsmagnet der „Kurzen Nacht“ unter Leitung von Clemens Schäfer stimmte musikalisch ein. Gesucht würden „neue Männerstimmen, die unser Ensemble bereichern möchten“, warb Schäfer . https://www.pop-jazz-chor-wiesbaden.de/index.html
Wiesbadener Kunst-Parcour der Kurzen Nacht
Ab 19:00 Uhr starteten die Besucherinnen und Besucher vom Palasthotel oder von einer der fünf Haltestellen – am Landesmuseum, am Marktplatz, an der Staatskanzlei sowie in der Schumannstraße und Taunusstraße – in die „Kurze Nacht“ und erlebten deren beeindruckende Bandbreite künstlerischer Positionen.
ATELIER Andreas Orosz und Katharina Reschke

In der Nerostraße präsentierte das ATELIER Andreas Orosz und Katharina Reschke, Nerostraße 16, gegenständliche Malerei, neue Arbeiten von Studierenden der Klasse Prof. Andreas Orosz (Alanus Hochschule) sowie Werke aus den Nachlässen von Bernd Schwering und Ulrich Habermann. Die überwiegend hyperrealistischen Bilder begeisterten durch ihre ungewöhnlichen Perspektiven und malerische Präzision. Orosz selbst bemerkte ironisch, Realismus gelte als „Nische“ – eine, die jedoch offensichtlich hervorragend funktioniere. Als kleine Anekdote am Rande kam heraus, dass er einst den renommierten Phoenix-Kunstpreis nicht verliehen bekam mit der Begründung, „dass ich keine Entwicklungsfähigkeit habe.“ Das sei schon ein wenig verrückt gewesen, so Orosz ein wenig augenzwinkernd.
Walhalla-im-Exil

Nur wenige Schritte entfernt zeigte das Walhalla-im-Exil (Nerostraße 24) Arbeiten von Rieß, Edda König, David Arnold und NNIKA. Der freie interdisziplinäre Raum, gegründet von Sigrid Skoetz und Marie Zbikowska nach dem Auszug aus dem historischen Walhalla, bestätigte einmal mehr seinen Ruf als Experimentierfeld für innovative Kulturformate.
ILE 22, Pottery & Gallery
Ein Kontrastprogramm bot die ILE 22, Pottery & Gallery (Nerostraße 22), wo Gründerin Sabine Wittmann handgefertigte Keramikunikate präsentierte – von Vasen und Schalen bis zu den charakteristischen „Ile Iles“, „Fishes“ und „People“. Workshops gaben Einblicke in die handwerklichen Prozesse hinter den Arbeiten.
Photogalerie Wiesbaden

Trotz der bekannten räumlichen Enge gelang es der Photogalerie Wiesbaden (Nerostraße 46 / Ecke Röderstraße) erneut, einen hochkarätigen Querschnitt fotografischer Positionen zu zeigen, darunter Arbeiten von Astrid Haacke und Volker Haacke („Wiesbaden Impressionen 9“), Kathi Krechting sowie Klaus Schaaff mit seinem „Sleeveface“-Projekt.
Hermsen Goldschmiede
In der Taunusstraße Nr. 55 lockte die Hermsen Goldschmiede mit der Ausstellung „… + Frühling“, in der Ute Kathrin Beck, Natascha Frechen und Ludwig Menzel ihre Arbeiten präsentierten. An der gemeinsam mit „Das Zimmer“ organisierten Outdoor-Weinbar „GLYG“ herrschte reger Betrieb.

„Das Zimmer. Konzeptschneiderei“
Direkt nebenan setzte „Das Zimmer. Konzeptschneiderei“ auf Begegnung und Nachhaltigkeit – mit Maßanfertigung, Upcycling und künstlerischen Aktionen. Im Casa Nova Wiesbaden (Taunusstraße 37) lud hochwertiges Möbeldesign von Vitra, Hay und Arco dazu ein, bei Käse und Wein kurz zu verweilen und die ausgestellten Grafiken und Malereien entspannt auf sich wirken zu lassen.
Projektraum ARNO 1

Im Projektraum ARNO 1 (Wilhelmstraße 58) präsentierte der Metallbildhauer Ulrich Schreiber originelle Plastiken, darunter E-Roller-Skulpturen, die durchaus kontroverse Reaktionen hervorriefen.
Art Pop-up-Galerie
Im Regenschutz der Wilhelm-Arcade herrschte vor und in der – erstmals bei der „Kurzen Nacht“ geöffneten – Art Pop-up-Galerie (Wilhelmstraße 38) reger Betrieb. Gezeigt wurden hier Malerei und Skulptur von Tuncer Cakmakci, Elvira Heimann, Wolfgang Schaper, Nathali von Kretschmann, Farid Ismayilov und Reinhold Mehling.

mariArt-Galerie
Vis-à-vis präsentierte die mariArt-Galerie Arbeiten von Liv Jung König, deren Werke sich als zeitgenössische figurativ-abstrakte Kunst mit ausgeprägter Textur und nostalgischer Atmosphäre beschreiben lassen.
Von hier aus führte der Weg entweder Richtung Marktkirche und Dern’sches Gelände zum sam – Stadtmuseum am Markt mit der Sonderausstellung „Erzähl’ mir von Europa!“ oder Richtung südliche Innenstadt und Römertor.
RubrechtContemporary

Die etwas oberhalb vom Römertor gelegene Galerie RubrechtContemporary (Büdingenstraße 4–6) präsentierte mit „Balance“ spannende Positionen von Marie-Luise Gruhne. In seiner Laudatio hatte tags zuvor anlässlich der Vernissage Univ.-Prof. Dr. Matthias Müller, Professor für Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und frühe Neuzeit am Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die archetypischen und anthropologischen Dimensionen ihrer Arbeiten hervorgehoben, Diese monochromen großformatigen Werke stellten sich mit Formen wie Toren und Portalen als kollektiv unbewusste Symbole für Stabilität und Ruhe einer von wachsender Unsicherheit gekennzeichneten Welt künstlerisch entgegenstellen.
Ziel sei – frei nach dem Ansatz des Soziologen Hartmut Rosa –, dem Betrachter „Resonanzerfahrungen im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bereich sowie im Mensch-Natur-Verhältnis als eine unverzichtbare Voraussetzung für die Stabilisierung von Lebensräumen zu ermöglichen“, so der Laudator.
Kunst-Schaefer

Bei Kunst-Schaefer trafen die Nachtschwärmer auf die Ausstellung von Gabriele Mierzwa, der Meisterin des abstrakten Reliefs – Papier, Aquarell und Karton – sowie auf die Studioausstellung von Hans Nowak und Alvaro, den Meistern des Neoexpressionismus. Galerist Björn Lewalter und sein Team begrüßten die Gäste persönlich und stehen exemplarisch für die Verbindung von Kunsthandel, kuratorischer Arbeit und handwerklicher Tradition, so dass das ZDF sie schon mehrmals in der-Sendung Bares für Rares bei der Rahmung kostbarer Werke zeigte. Für das Gaumenwohl sorgte Winzerin Sabrina Becker vom Weingut Becker in Spiesheim.
Zurück auf der Wilhelmstraße, mit ihren Kunstmagneten wie dem Bellevue-Saal, dem Nassauischen Kunstverein, dem Museum Ernst sowie dem Museum Wiesbaden (bereits in der Friedrich-Ebert-Straße), herrschte auch zu fortgeschrittener Stunde noch ein fröhliches und lebendiges Treiben in und vor den Kunsttempeln.
Bellevue-Saal

Der Bellevue-Saal (Wilhelmstraße 32) zeigte die Ausstellung „NEE DIE IDEEN, ZU EHREN DES BLEISTIFTS“ mit Handzeichnungen von Jörg Ahrnt, Patrick Borchers, Karoline Bröckel, Jochem Hendricks, Linda Karshan, Maja Majer-Wallat, Thomas Müller, Eberhard Riedel, Sebastian Rug, Hanns Schimansky, Oliver Thie und Christian Weihrauch, kuratiert von Hans Bernhard Becker.
Nassauische Kunstverein (Wilhelmstraße 15)
Der Nassauische Kunstverein (Wilhelmstraße 15) präsentierte „Bewegte Ordnung. Vom Bedürfnis der Motive“ von Barbara Proschak, „A Worm in the Cherry“ von Lola Göller sowie Arbeiten des Fluxus-Stipendiaten 2025/26 Christian Naujok – begleitet von Klangkunst und Wein des VDP-Weinguts August Eser.
mre – Museum Reinhard Ernst

Großes Gedränge herrschte im mre – Museum Reinhard Ernst, dem markanten, von Fumihiko Maki entworfenen Bau, der auf rund 2.000 Quadratmetern Werke der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart zeigt. Hier startete der Abend mit einem Gespräch zwischen Unternehmer und Museums-Stifter Reinhard Ernst und dem Historiker und früheren Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers Stefan Schröder, der später auch sein Buch „Geniestreiche aus Wiesbaden“ vorstellte. Publikumsmagnet bis in die Nacht hinein war vor allem die Ausstellung „Denk nicht, schau!“ von Wolfgang Hollegha, einem der bedeutendsten Maler Österreichs (1929–2023) nach 1945, einem Meister der Verdichtung, der hiermit mit seinen riesigen vielfarbig-bunten Großformaten große Deutschlandpremiere feiert.
Museum Wiesbaden

Wohl am breitesten aufgestellt zeigte sich traditionell das Museum Wiesbaden mit einer beeindruckenden Vielzahl an Ausstellungen: „Feininger, Münter, Modersohn-Becker… Oder wie Kunst ins Museum kommt“, „Max und mini“, „Speerspitzen der Erinnerung – Studienausstellung“, „Unter Druck – Politische Plakate 1918–1933“, „Bastian Muhr – Tapetenwechsel“ sowie „Gift – Tödliche Gaben“. Ergänzt wurde das Angebot durch kulinarische Stationen wie das Museumscafé „Trüffel“ und ein Weinmobil auf der Treppe.
Auf zur 25. Kurzen Nacht 2027

Am Ende blieb die Erkenntnis: Selbst mit ausgeklügelter Strategie und Oldtimer-Shuttle ließ sich die enorme Vielfalt der „Kurzen Nacht“ kaum vollständig erfassen. Doch genau darin liegt ihr besonderer Reiz – ganz im Sinne von Gerhard Witzel: „Nach der Nacht ist vor der Nacht.“
(Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)
