
Am 10.04.2026 eröffnete die Galerie RubrechtContemporary in der Büdingenstraße 4–6 (https://www.rubrecht-contemporary.com/) mit einer Vernissage die Ausstellung „Balance“ von Marie-Luise Gruhne. Nach einer Begrüßung durch den Galeristen Leander Rubrecht führte Univ.-Prof. Dr. Matthias Müller von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, in das Werk der Künstlerin ein. Marie-Luise Gruhne erforscht und erarbeitet in ihren Arbeiten Rückbindungen an archaische beziehungsweise naturgesetzliche Strukturen als wirkendes Potenzial und sucht darüber hinaus das Innehalten in einer Zivilisation mit zunehmend schnellerer Bewegung und sich abwechselnden Strömungen.

Mit „Balance“ zeige Marie-Luise Gruhne eine spannende Auswahl ihrer auf „ein“ Portal oder einen Torbogen reduzierten monochromen Bildformate. Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Formbildungsprozesse sei, so der Laudator, „eine Grundform, die das Prinzip der Dauer und Stabilität über das menschliche Sein hinaushebt und als solches in seiner grundsätzlichen Arche widerspiegelt“. Gruhne verstehe sich nicht einfach nur „als eine Künstlerin des Moments, also der Aktualität, sondern durchaus als Teilhaberin einer bis in die Anfangszeit menschlicher Gemeinschaft zurückreichenden Auffassung künstlerischer Tätigkeit.“ Sei es eine Zeichnung, ein Gemälde, eine künstlerische Fotografie, eine Videoarbeit, eine Installation oder auch eine Skulptur, so Müller: Am Ende diene die Kunst damit doch einem tief sitzenden, auch anthropologischen, in die Zeit von 50.000 bis 60.000 Jahren vor unserer Zeit zurückreichenden Bedürfnis des Menschen, nämlich „der Flüchtigkeit, Vergänglichkeit, ja Sterblichkeit aller äußeren Erscheinungen, aber auch der tiefen Verunsicherung und Entwurzelung des Menschen in allen Zeiten zu begegnen“, was der Laudator mit einem Zitat untermauerte: „Ich, Marie-Luise Gruhne, suche nach etwas Dauerndem und finde es dort, wo es unserer Existenz als Bedingung zugrunde liegt. So fühle ich es in dem Moment, wenn tragende und lastende Kräfte sich so ergänzen, dass Stabilität entsteht, wenn also etwas im Gleichgewicht ist – sichtbar und fühlbar für mich.“ Die Form, die dieses Gleichgewicht und diese Stabilität der tragenden und lastenden Kräfte in geradezu kongenialer, also äußerst passender Weise zum Ausdruck bringe, so Müller, sei „ein Tor, ein Portal oder auch ein antikes Tempelportal, aber auch – und das ist für Dich ebenfalls wichtig – die Form jungsteinzeitlicher torartiger sog. Trilithen von Stonehenge oder der Tore in der präkolumbischen Ruinenstadt Tiwanaku“.
Für Gruhnes künstlerischen Ansatz sei im Kern der psychologische Moment entscheidend mit „dem eigentlichen Ziel der Ermöglichung von Resonanzerfahrung“, wie es „der an der Universität Jena lehrende Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bereich sowie im Mensch-Natur-Verhältnis als eine unverzichtbare Voraussetzung für die Stabilisierung von Lebensräumen einfordert“, zeigt Müller.

Das Tor, das sei wirklich so ein Lebensthema, so Marie-Luise Gruhne. Das sei „eine lange Geschichte“, die begann, als sie vor Jahren auf einen chinesischen Text gestoßen sei, in dem es 64 Hexagramme gab, die so aussahen wie das, was sie, was Sie dort auf dem Grünen sehen – das ist eines meiner ältesten Bilder. Als sie die Hexagramme sah, merkte sie, was diese mit ihr machten, dass sie in der von ihnen ausgehenden Ruhe etwas spürte … Das waren so die Anfänge – es ging ihr letztlich, wie schon der Laudator gesagt habe, um Archetypen, um kollektive unterbewusste Erfahrungen, wie sie Menschen seit jeher auf der ganzen Welt ähnlich machten, und das Tor wäre so ein Aspekt. „Ich bewege mich weniger im Bereich des Individuellen, sondern mehr im Bereich des kollektiven Unbewussten. Ich glaube, dass wir alle im Kern ähnlich sind und dass es vor allem die Sozialisierung ist, die uns voneinander entfernt.“ Und je weniger sie selbst gedanklich eingreife und je mehr sie sich in den Bereich des Unterbewussten begebe, desto mehr teile sich diese Kraft einer breiten Gruppe von Menschen mit“, so die Künstlerin.
„Balance“ läuft noch bis zum 5. Juni 2026.
(Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)
