
Das Museum Wiesbaden präsentiert in der fulminanten Schau „Jugendstil und Symbolismus. Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden“ vom 22. Mai 2026 bis zum 17. Januar 2027 eine selbst für Fachleute nahezu vergessene Seite des Jugendstils.
„Mit Lührig“, so Dr. Andreas Henning, Direktor des Museums Wiesbaden, „entdeckten wir zugleich einen monumentalen Maler und bedeutenden Freskenkünstler. Das Fresko war bis zum Ersten Weltkrieg eine zentrale Gattung der Kunst.“ Die einst in Dresden geschaffenen Wandbilder Georg Lührigs wurden jedoch 1945 vollständig zerstört. Selbst für den „gelernten Dresdner“ Henning blieb der Künstler trotz seiner fünfzehnjährigen Tätigkeit als Kurator für italienische Malerei an der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden lange unsichtbar: „Dort sind heute weißgetünchte Wände.“

Die Ausstellung rekonstruiert diese verlorenen Fresken erstmals umfassend – ermöglicht durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Nachlass Georg Lührigs. Zahlreiche Zeichnungen, Skizzen und Studien aus dem Nachlass, deren Erhaltungszustand sich als äußerst kritisch erwiesen hatte, mussten und konnten dank einer Förderung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie der Unterstützung durch die Kulturstiftung der Länder und dem Freundeskreis des Museums restauriert und zugleich in die Sammlung des Landesmuseums übernommen werden. „Wir danken allen Familienmitgliedern für das Vertrauen und die Großzügigkeit, mit der dieses Konvolut von über 30 Werken nun dauerhaft für die Öffentlichkeit erhalten werden kann“, bedankte sich der Museums Direktor.
Die zerstörten Dresdner Fresken erstmals wieder sichtbar

Auf Grundlage dieser Werke sowie historischer Fotografien und Quellen gelang die digitale Rekonstruktion der zerstörten Fresken. Maßgeblich hierfür war der Einsatz moderner digitaler Technik unter der Leitung von Simon Hoberg und Max Eckert von performance strategies sowie der hauseigenen wissenschaftlichen Volontärin Helene Kokenbrink. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelten sie virtuelle Rekonstruktionen, die in dieser Form einzigartig in der Kunstwelt sind und als integraler Bestandteil der Ausstellung in überwältigenden Wandprojektionen jene heute verlorenen Räume und Bildwelten erstmals in der Ausstellung „Jugendstil und Symbolismus. Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden“. wieder erfahrbar machen.

Auf Grundlage dieser Werke sowie historischer Fotografien und Quellen gelang die digitale Rekonstruktion der zerstörten Fresken. Maßgeblich hierfür war der Einsatz moderner digitaler Technik unter der Leitung von Simon Hoberg und Max Eckert von performance strategies sowie der hauseigenen wissenschaftlichen Volontärin Helene Kokenbrink. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelten sie virtuelle Rekonstruktionen, die in dieser Form einzigartig in der Kunstwelt sind und als integraler Bestandteil der Ausstellung in überwältigenden Wandprojektionen jene heute verlorenen Räume und Bildwelten erstmals in der Ausstellung „Jugendstil und Symbolismus. Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden“. wieder erfahrbar machen. Sie sind die Highlight der über 80 Arbeiten Georg Lührigs, ergänzt durch 20 Werke von Künstlerkollegen und zwei Mediastationen.
Die Wiederentdeckung und Sichtbarmachung der Fresken sind sensationell

„Diese Ausstellung schreibt deutsche Kunstgeschichte und Dresdner Stadtgeschichte“, schwärmt Kurator Dr. Peter Forster, Kustos für Alte Meister und Jugendstil des Museums Wiesbaden. Denn die Wiederentdeckung des einst gefeierten und dann in Vergessenheit geratenen Dresdner Zeichners, (Monumental-)Malers, Grafikers und Plakatgestalters Georg Lührig ist eine kunsthistorische Sensation und zugleich auch ein „Synonym für deutsche Kunstgeschichte, für den Jugendstil und den Symbolismus in ihrer ganz eigenen Ausprägung, in ihrer ganz eigenen Couleur“, so der Kurator.
Der Dresdner Jugendstil unterscheide sich, so Jugendstil-Experte Forster, substanziell von Berlin, insbesondere aber von München und Wien, „und trotzdem habe er sehr, sehr viele Anknüpfungspunkte“. Zusammen mit Künstlern wie Hans Unger, Sascha Schneider, Oskar Zwintscher und Richard Müller brachte Lührig Jugendstil und Symbolismus in eine eigenständige, geheimnisvolle Bildsprache, die im Museum Wiesbaden wiederentdeckt werden kann.
Wer mit dieser Grundhaltung in die Ausstellung hineingeht, unternimmt dies mit einer gewissen Erwartungshaltung: „Die Leute werden nicht enttäuscht werden. Die Ausstellung ist auf allen Ebenen überraschend“, verspricht Forster – und das mit Recht: Die Ausstellung ist einfach unglaublich.
Ausstellungsrundgang
Georg Lührig – ein Meister aus Dresden – Zum Kampf

Nach Biographiewand, Einblicken in Lührigs Frühwerk (erste Ausstellung mit 15 in Göttingen) und ausgesuchten Plakaten, darunter Franz von Stucks „Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911“, startet die Ausstellung im Giraffensaal mit Porträts von „Lührigs Frau“ und ihm selbst, jedoch eher unscheinbar, da überstrahlt von Sascha Schneiders zweieinhalb mal viereinhalb Meter großem, martialisch anmutendem Werk „Zum Kampf“. Eine kostümierte wilde Männerhorde aller Stände samt nacktem Knaben in Kampfpose scheint hier auf die Besucher zuzustürmen. Auf den ersten Blick recht missverständlich, sei es im Kern ein symbolisches Bild für die Aufbruchszeit der Dresdner Kunstszene infolge der Abspaltungen der Wiener Secession. Darauf verewigt sei die neue „Künstlerische Gruppierung“ in Dresden mit Richard Müller, Hans Unger, Oskar Zwintscher, Georg Lührig, Sascha Schneider und Georg Treu. „Das muss man vor Augen haben, damit man gleich spürt, worum es eigentlich geht“, erklärt der Kurator.
Zyklus Totentanz

Dank des Nachlasses war erstmals wieder ein Einblick in Lührigs Frühwerk möglich. Bereits mit 15 Jahren stellte er in Göttingen aus und fiel früh als brillanter Zeichner auf. Seine außergewöhnlichen Bleistift- und Kohlezeichnungen machten schnell deutlich, dass er zum Studium nach München gehen würde. Dort studierte er zunächst, kehrte jedoch 1891 – nicht zuletzt, weil München damals wie heute teuer war – wieder nach Göttingen zurück.
Nach seiner Rückkehr leistete er zunächst Militärdienst und begann anschließend mit dem „Totentanz“, der den eigentlichen Ausgangspunkt seines internationalen Aufsehens markiert. Diese Serie umfasst 15 großformatige Kohlezeichnungen, die auf mittelalterlichen Totentanzdarstellungen basieren und in die Gegenwart übertragen werden – eindringliche, teils geradezu überwältigende Bildfindungen.
Die Arbeiten wurden in Dresden gezeigt, wo sie auf große Resonanz stießen und ihm erheblichen Erfolg einbrachten und Lührig damit „auf einen Schlag“ in der Kunstszene bekannt machten, so dass er ab 1894 schließlich fest in die Dresdner Kunstszene aufgenommen wurde.
Umso bedeutender sind die fünf nun in Wiesbaden gezeigten Vorzeichnungen, die seine Auffassung eines ganz alltäglich auftretenden Todes eindrücklich verdeutlichen – ein Tod, der in der Kneipe oder beim Waldspaziergang erscheint und dessen bürgerliches Auftreten seine klappernden Gebeine nur vordergründig verbirgt. Sein feixender Schädel, so ließe sich zuspitzen, würde heute auch als Tattoo-Motiv funktionieren, so Forster.
Dresdner Künstlerszene

Zu dieser Zeit prallen in der Dresdner Künstlerszene zwei sehr unterschiedliche Pole aufeinander, was die damalige Situation so spannend machte. Künstler wie Oskar Zwintscher, der mit einem „Titelentwurf für die Zeitschrift Jugend“ (1910) vertreten ist und bereits 1916 sterben wird, ringen gemeinsam um Einfluss und Anerkennung innerhalb der Malklasse der Akademie. Sinnbildlich dafür steht Richard Müllers Gemälde „Die Malklasse“, dessen aufwendig restauriertes Skelettmotiv besonders eindrucksvoll das Thema von Werden und Vergehen veranschaulicht, erläutert Forster.
Diese Akademie sei neu errichtet worden, ebenso wie zahlreiche monumentale Bauten, die um die Jahrhundertwende in Dresden entstanden – in einer Phase großen wirtschaftlichen Aufschwungs und infolge der Eingemeindungen, durch die Dresden innerhalb kurzer Zeit um rund 80.000 Einwohner anwuchs. „Es war Geld vorhanden, und mit den neuen Gebäuden entstanden zahlreiche prestigeträchtige Aufträge. Um diese konkurrierten die Künstler mit großer Vehemenz.“
Jugendstil und Symbolismus – Der Mensch, wie Gott ihn schuf!
Dresden und die neue Künstlerszene waren vom lebensreformbewegten Zeitgeist „Zurück zur Natur!“ ergriffen. Jugendstil-Künstler wie Georg Lührig, befreiten die Menschen auf ihren Bildern von all dem von Tant und Tüll und zeigten sie so, wie Gott den Menschen schuf.

Ihre Kunst setzten sie als Gegenpositionen zu einem als zu rational, zu vernünftig und zu dekadent gewordenen Großstadtleben der Belle Époque. „Wir werden sehr viel Körperlichkeit in der Ausstellung sehen. Wir werden eigentlich nur Körper sehen. Wir sehen Landschaft und Körper, sowohl männliche wie weibliche, die sich dort meistens unbekleidet in diversen Positionen darbieten“, so Forster. Doch die Betrachter müssten sich klarmachen, dass „wir auch in Dresden um 1900 sind, an einem Ort, der sich intensiv mit Fragen der Hygiene, der Gesundheit und der Darstellung des menschlichen Körpers auseinandergesetzt hat“, erläutert der Kurator. Gerade im Umfeld der Hygiene-Ausstellung wird das besonders deutlich. Franz von Stuck, der Georg Lührig kennengelernt und ihm ein außergewöhnliches Talent attestiert hat, spielte dabei ebenso eine Rolle. Die beiden schätzten sich sehr. Lührig kommt in eine Zeit hinein, in der sich alles um Körperlichkeit dreht. Es gibt in Dresden ein stark ausgeprägtes Hygienebedürfnis – nicht nur im Hinblick auf Gesundheit und Körperpflege, sondern auch auf die Präsentation des Körpers selbst. Das müssen wir uns vor Augen halten. Auch Karl August Lingner, der sogenannte „Odol-König“, der 1892 das weltberühmte Mundwasser Odol erfand und damit das Deutsche Hygiene-Museum finanzierte, hatte zahlreiche Berührungspunkte mit Georg Lührig.

Zu besichtigen sind bedeutende Werke dieses neuen reformbewegte Jugendstil-Zeitgeistes im Bereich „Jugendstil und Symbolismus“. Bis auf Sascha Schneiders „Stehender Jüngling“ (1921) werden Damen gezeigt, „die hier in ihrer Nacktheit in bester Jugendstil-Manier weniger symbolistisch, sondern in einer jugendstilisch-arkadischen Klarheit sich in entsprechender Form darbieten“. Das habe natürlich auch etwas damit zu tun, wie der Jugendstil insgesamt aufgefasst wurde. Auch bei Lührig habe man Blumen, die Natur, die Nacktheit und Frauen, „aber die sind härter und gebrochener, die sind nicht so idealisiert und ästhetisiert, wie wir’s bei Hofmann finden“, klärt der Kurator auf. Dies wird beispielsweise ganz deutlich in Lührigs „Flora“ (1901); die Gesichtszüge sind hier realistischer, obgleich in der zeichnerisch-malerischen Ausführung sanfter. Auch Werke wie „Stehender Akt auf Steinen“, „Sitzender Akt mit wallendem Haar“ und „Liegender Akt“ zeigen diese typischen Merkmale des Dresdner Jugendstils mit weicherer Linienführung, fließenderen Pflanzenformen, symbolistisch aufgeladenen Stimmungen – oft mystisch oder traumhaft –, naturhafter Farbigkeit sowie stärker malerischen als geometrischen Gestaltungen (wie z. B. in Hofmanns „Niobiden“) und einer engen Verbindung von Kunst und Lebensreform.
Fresko Rübezahl
Einmalig und etwas ganz Besonderes ist Lührigs 1910 entstandene, übergroße Entwurfszeichnung des Freskos „Rübezahl“ in Originalgröße von 6 × 2,4 Metern. Das etwas skurril anmutende Motiv brachte er, so erfahren wir von einer Infotafel, nach der Freigabe innerhalb von nur 14 Tagen an der Außenwand der Mädchen-Volksschule in Dresden-Cotta an, die 1945 teilweise zerstört wurde und heute den Namen Gymnasium Dresden-Cotta trägt. Treffend schrieb der Dresdner Anzeiger zur Einweihung am 6. Juli 1910: »Mit groteskem Humor hat der Künstler den Berggeist des Riesengebirges dargestellt, wie er durch sein Gebiet dahinschreitet.«
Medientisch – Funktionsweise
Zwischen den Abschnitten „Am Rumänischen Hof“ und „Fantastische Landschaften“ befindet sich die Medienstation, die eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Ausstellung ermöglicht. Die Oberfläche des Medientischs, so erklärt die wissenschaftliche Volontärin der Digital Unit, Helene Kokenbrink, dient sowohl der Orientierung im Nachlass als auch als strukturierter Überblick über die acht Ausstellungskapitel und damit über die gesamte Ausstellung.
Die Inhalte sind chronologisch in acht Kapitel gegliedert – von den frühen Jugendjahren über die Münchner Zeit und die Akademieausbildung bis zur späten Schaffensphase in der Sächsischen Schweiz. Nach Auswahl einer Kategorie öffnen sich unterschiedliche Medientypen, darunter großformatige Werkgruppen sowie digital durchblätterbare Mappenwerke.

Letztere sind besonders hervorzuheben, da sie eng an museale Arbeitsweisen anknüpfen: Sie ermöglichen das Blättern, Vergrößern und vergleichende Nebeneinanderstellen einzelner Blätter und eröffnen so neue Perspektiven. Ergänzend bietet der Medientisch umfangreiche fotografische Werkdokumentationen, etwa auch zu im Zyklus „Totentanz“ nicht gezeigten Arbeiten.
Besonders deutlich wird der Mehrwert in der Verknüpfung mit den Ausstellungsräumen „Am Hof in Rumänien“ und „Symbolische Landschaften“. Im Kapitel „Zeit in Rumänien“ etwa dokumentieren zahlreiche Fotografien Landschaften und Landbevölkerung als Vorstudien und Arbeitsmaterial. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit den gezeigten Ölgemälden, wodurch sich fotografische Beobachtung und malerische Umsetzung unmittelbar vergleichen lassen.
Am Rumänischen Hofe – Schönburg-Waldenburger
Rumänien wird für Georg Lührig zum zentralen Sehnsuchtsort seines künstlerischen Schaffens. Bereits in Dresden, wo er seit 1894 lebt und arbeitet, knüpft er früh Kontakt zur Familie Schönburg-Waldenburg, dem rumänischen Herrscherhaus. 1896 reist er schließlich nach Rumänien und wirkt dort offiziell als Zeichenlehrer für die Kinder von Luzie von Schönburg-Waldenburg. Aus dieser Tätigkeit entwickelt sich eine enge, lebenslange Verbindung zur Familie.

Die Landschaften und Szenen Rumäniens, die Lührig dort erlebt, prägen sein Werk nachhaltig und sind in der Ausstellung umfassend vertreten. Auffällig ist dabei sein besonderer Blick: Er idealisiert die Motive nicht im klassischen Sinne, sondern verbindet eine intensive Farbigkeit, Stofflichkeit und Ornamentik mit einem stark realistischen Zugang. So entstehen Darstellungen wie das rumänische Bauernpaar oder Szenen mit Tieren, etwa Rinderherden in alltäglichen Situationen, die zugleich lebensnah und kompositorisch eindrucksvoll wirken.
Über die Vermittlung von Königin Elisabeth I., bekannt unter ihrem Künstlernamen Carmen Sylva, erhält Lührig zudem Zugang zu den Klöstern der Karpaten. Auch nach seiner Rückkehr nach Dresden bleibt die Verbindung zu der Familie Schönburg-Waldenburg bestehen: Ab 1922 ist er Mitglied der Waldenburger Tafelrunde von Günther Fürst von Schönburg-Waldenburg.
Symbolische Landschaften
In Rumänien entstanden auch zahlreiche Landschaftsbilder, darunter sein berühmter „Rumänischer Park“ (1900). Dessen Detailfülle und Genauigkeit reflektieren nicht nur „die atmosphärische Naturbeobachtung und Farbpalette, die Lührig auf seinen zahlreichen Reisen nach Rumänien (ab 1897) verfeinerte“, so Peter Forster, sondern geben auch eine Ahnung seiner in Moldau gewonnenen neuen künstlerischen Sicht, die aus den überwältigenden moldauischen Urlandschaften hervorging und dort selbst zum Bedeutungsträger der Darstellung wird.
Seit früher Zeit hatte Lührig zudem ein Faible für skurril-fantastische Motive. Diese fand er vorgebildet in der Natur, etwa in Baumstämmen und Ästen, oder er initiierte sie selbst in seinen Kompositionen. Wer genau hinschaut, entdeckt in Baumstämmen und -stümpfen koboldhafte Gesichter und surreal anmutende Erscheinungen. So scheinen im Gemälde „Moospolster“ von 1924 die – auch als Teppich lesbaren – Moose ein molluskenhaftes Eigenleben zu führen, in dem Realität und Fiktion ineinander greifen und eine magische Wirkung entfalten.
Max Pietschmann – Kampf ums Fresko

Ein bedeutender Konkurrent Georg Lührigs und zugleich Gründungsmitglied der sezessionistischen Bewegung sowie Gewinner des Großen Preises der Dresdner Kunstakademie war Max Pietschmann. Inspiriert von einer Italienreise an die Zyklopenküste Siziliens schuf er das monumentale, rund sechs Meter hohe Werk des aus Homers „Odyssee“ bekannten einäugigen Riesen Polyphem und übertrug die mythologische Figur in eine zeitgenössische Jugendstil-Sprache. Auch er bewarb sich wie Lührig intensiv um Aufträge zur Ausgestaltung monumentaler Fresken.

Unter den Künstlern herrschte dabei ein ausgeprägter Konkurrenzkampf, der von Neid, Rivalität und echter künstlerischer Auseinandersetzung geprägt war. 1904 wurde in der königlichen Staatskanzlei ein großer Auftrag ausgeschrieben: Zwei Wandfelder sollten mit Fresken gestaltet werden. In diesem Wettbewerb setzte sich zunächst kein eindeutiger Sieger durch, sodass es zu einem zweiten Durchgang kam, den Lührig für sich entscheiden konnte. Die Entwürfe dieses erbitterten Konkurrenz-Kampfes zählen neben der gigantischen Polyphem-Darstellung zu den weiteren Perlen der Ausstellung.
Work in Progress – Atelier und Fresko

Ein besonderes Highlight der Ausstellung sind die rekonstruierten ehemaligen Fresken aus dem Treppenhaus des ehemaligen Königlichen Kultusministeriums, der heutigen Staatskanzlei in Dresden: „Der Tag – Sieg des Lichts“ und „Die Nacht“. Sie werden über eine zweite Medienstation in ihrer ursprünglichen monumentalen Wirkung als großflächige Wandprojektionen wieder erfahrbar gemacht. Über eine interaktive Zeitleiste – von der Ausschreibung über die Entwicklung bis zur Zerstörung der Fresken im Jahr 1945 – können sich Besucher darüber hinaus informieren.
Die Rekonstruktionen basieren auf historischen Vorlagen und ermöglichen so eine Annäherung an die einstige räumliche und farbliche Wirkung im architektonischen Kontext. Ausgangspunkt, so Helene Kokenbrink, war eine Fotografie aus dem Nachlass der Erbengemeinschaft Lührig – die einzige erhaltene Gesamtaufnahme des Freskos „Der Tag“. Nach der Konvertierung des sepiafarbigen Bildes in Schwarzweiß wurde es hochskaliert und technisch überarbeitet, um eine belastbare Grundlage für die weitere Rekonstruktion zu schaffen. Anschließend erfolgte eine digitale Kolorierung sowie eine Annäherung an Lührigs ursprüngliche Malweise mithilfe KI-gestützter Verfahren. Entscheidend war dabei, dass ausschließlich digitalisierte Materialien aus dem Nachlass – darunter handschriftliche Notizen und zeitgenössische Presseberichte – als Referenz dienten.
Besonders komplex gestaltete sich die Rekonstruktion von „Die Nacht“, da keine Gesamtfotografie überliefert ist. Das Fresko musste zunächst aus Fragmenten und Bildresten in einer fotobasierten Montage rekonstruiert werden, bevor auch hier eine digitale Kolorierung und stilistische Annäherung erfolgen konnte.
Den Erfolg dieser im Ergebnis grandiosen Arbeit kann nun erstmals in der Ausstellung besichtigt werden.
Feuer Wasser Erde Luft und der Mensch als ihr Herr

Die letzte Ausstellungsstation zeigt Lührigs Entwurf „Feuer, Wasser, Erde, Luft und der Mensch als ihr Herr“ zu seinem letzten großen Monumentalauftrag von 1930 für ein 4,50 × 7 Meter großes Wandbild in der Aula der Dreikönigsschule in Dresden. Es zeigt den Kreislauf des Werdens und Vergehens gewissermaßen als Schlusspunkt seines gesamten Schaffens, in dem es – angefangen beim Zyklus „Totentanz“ – stets um den natürlichen Kreislauf der Erneuerung ging. Im Zentrum des Bildes, so erfahren wir von einer Infotafel, sitzt Mutter Erde, umgeben von den anderen personifizierten Elementen.
Zerstörtes Kulturgut wieder erfahrbar gemacht
Mit der Ausstellung leiste das Museum Wiesbaden einen wichtigen Beitrag dazu, „das Werk von Georg Lührig präsent zu halten und auch zerstörtes Kulturgut mithilfe virtueller Rekonstruktionen erfahrbar zu machen. Verlässliche, öffentlich verfügbare Kulturdaten sind eine zentrale Grundlage für Forschung und Wissenschaft – gerade auch mit Blick auf zukünftige digitale Anwendungen. Ich danke allen, die mit ihrem Einsatz und ihrer Unterstützung diese Ausstellung ermöglicht haben,“ sagte Staatsminister Timon Gremmels, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Katalog
Zur Ausstellung erschien der gleichnamige Katalog „Jugendstil und Symbolismus. Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden“ (herausgegeben von Peter Forster für das Museum Wiesbaden) beim Deutschen Kunstverlag, 255 Seiten, 45 € – Sonderpreis 34 € an der Museumskasse, ISBN 9783422803954), Eine kostenfreie Media-Tour in der MuWi-App begleitet die Schau.
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