BRUEGEL. PRINTED – ab 18. Juni 2026 im Frankfurter Städel – Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung

Pieter Bruegels d. Ä. berühmter Kupferstich Die großen Fische fressen die kleinen von 1557 (Ausschnitt) zählt zu den insgesamt 60 Werken, die in der Ausstellung Bruegel Printed ab dem 18. Juni 2026 im Städel Museum Frankfurt zu entdecken sind. Das aus der Wiener Albertina entliehene Blatt gilt als eindringliche Gesellschafts- und Moralkritik. Es veranschaulicht ein bereits in der Antike bekanntes Sprichwort und prangert auf eindrucksvolle Weise Machtmissbrauch sowie soziale Ungerechtigkeit an. © Foto: Diether v. Goddenthow

Frankfurt am Main. 17.06.2026Pieter Bruegel der Ältere (1526/30–1569) zählt zu den bedeutendsten Künstlern der niederländischen Kunst des 16. Jahrhunderts. Seine Werke führen in eine faszinierende Bildwelt voller Humor, Fantasie und rätselhafter Motive. Heute vor allem als Maler bekannt, machte er sich zunächst als Entwerfer von Druckgrafiken einen Namen. Die Ausstellung „Bruegel. Printed“ im Städel Museum präsentiert rund 45 herausragende Druckgrafiken nach Zeichnungen Bruegels und zeigt ihn als außergewöhnlichen Bilderfinder und Erzähler. Seine Motive reichen von weiten Landschaften über religiöse und weltliche Allegorien bis hin zu Szenen des alltäglichen Lebens.
Bruegels Druckgrafiken entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Antwerpener Verleger Hieronymus Cock und dessen Frau Volcxken Diericx. Sie vermitteln einen lebendigen Eindruck von der einzigartigen Bildsprache des Künstlers, die genaue Beobachtung mit fantasievoller Erfindung verbindet. Ausgehend von seiner Begeisterung für die kleinteilig-grotesken Bildwelten des Hieronymus Bosch und seiner umfassenden Kenntnis traditioneller Bildmotive entwickelte Bruegel neue Darstellungsformen für vertraute Themen. Seine oft bewusst überzeichneten Kompositionen unterhalten ebenso wie sie zum Nachdenken anregen. Sie thematisieren menschliche Schwächen und gesellschaftliche Missstände, verweisen auf die Größe der Natur und richten zugleich den Blick auf das menschliche Miteinander. Dadurch eröffnen sie bis heute überraschend aktuelle Perspektiven auf grundlegende Fragen des Zusammenlebens und der Werteorientierung.

Ausstellungsimpression mit Pieter Bruegels d. Ä. „Die Versuchung des heiligen Antonius 1556“ © Foto: Diether v. Goddenthow

Ausgangspunkt der Ausstellung sind die Druckgrafiken Bruegels aus der eigenen Sammlung des Städel Museums, von denen rund 30 Werke gezeigt werden. Ergänzt werden sie durch Leihgaben der Albertina in Wien und der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Darüber hinaus umfasst die Präsentation zwei Gemälde von Pieter Brueghel dem Jüngeren sowie weitere Blätter aus dem bedeutenden Bestand niederländischer Druckgrafik des Städel Museums, darunter Arbeiten nach Frans Floris, Lambert Lombard und Raffael.

„Mit unserer Ausstellung zu Bruegels Druckgrafiken lenkt das Städel erneut die Aufmerksamkeit auf die außergewöhnlichen Schätze seiner Graphischen Sammlung“, sagte Prof. Dr. Jochen Sander, stellvertretender Direktor des Städel Museums, beim Presserundgang zur Ausstellung. Mit rund 100.000 Zeichnungen und Druckgrafiken vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart zähle die Sammlung zu den bedeutendsten ihrer Art in Deutschland. Die Ausstellung lade dazu ein, Bruegels vielschichtige Bildwelten voller erzählerischer Kraft, feiner Beobachtungen und überraschender Details zu entdecken.

Pieter Brueghel d. J.s Gemälde Tanz auf der Bauernhochzeit (auch Hochzeitstanz), entstanden um 1625, erfreute sich außerordentlicher Beliebtheit. Die Komposition war so gefragt, dass sie in der Werkstatt des Künstlers und von seinen Nachfolgern rund 101-mal wiederholt wurde. © Foto: Diether v. Goddenthow

„Bruegels Bildfindungen waren bereits zu seinen Lebzeiten außerordentlich gefragt“, betonte Astrid Reuter, Leiterin der Graphischen Sammlung bis 1800 am Städel Museum. Seine Werke hätten nicht nur der Unterhaltung gedient, sondern auch gelehrte Diskussionen angeregt. Ihr besonderer Reiz liege im Zusammenspiel von Naturbeobachtung, Erfindungsgabe und humorvoller Übersteigerung. Als fantasievolle Schöpfungen und zugleich kritische Reflexionen menschlicher Verhaltensweisen lüden sie bis heute zum Entdecken, Nachdenken und Schmunzeln ein.

Die Kapitel der Ausstellung
Die Ausstellung „Bruegel. Printed“ gliedert sich in fünf Themenbereiche. Sie beleuchtet Leben und Werk Pieter Bruegels d. Ä., stellt den Verleger Hieronymus Cock und dessen Verlag vor, widmet sich Bruegels Landschaftsdarstellungen sowie seinen Bildserien zu Tugenden und Lastern und schließt mit der Rezeption seines Werks in den folgenden Generationen.

Pieter Bruegel der Ältere
Obwohl Pieter Bruegel der Ältere bereits zu Lebzeiten hohes Ansehen genoss, sind über sein Leben nur wenige gesicherte Informationen überliefert. Weder Geburtsort noch Geburtsjahr lassen sich eindeutig bestimmen. Bekannt ist jedoch, dass er 1551 in die Antwerpener Malergilde aufgenommen wurde – ein wichtiger Schritt zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn. Kurz darauf unternahm er eine Reise nach Italien, wo er sich bis 1554 aufhielt. Erste Erfolge erzielte er als Entwurfszeichner für Druckgrafiken; der Malerei wandte er sich erst gegen Ende der 1550er-Jahre verstärkt zu. Nach seiner Hochzeit im Jahr 1563 zog Bruegel nach Brüssel, wo seine Söhne Pieter und Jan geboren wurden. Dort starb er 1569.

In Pieter Bruegels d. Ä. Werk Gerechtigkeit (Justicia), ca. 1559/60 wird die Notwendigkeit von Strafen hervorgehoben, insbesondere der grausamsten. Hier wird gequält, gefoltert und getötet. War es Kritik am Rechtssystem oder eine Bestätigung. © Foto: Diether v. Goddenthow

Sein Schaffen entstand vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Unter Kaiser Karl V., zugleich König von Spanien, erlebte Antwerpen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine wirtschaftliche Blütezeit, die von einem wachsenden Interesse an Kunst und Wissenschaft begleitet wurde. Zugleich verschärften sich die religiösen und politischen Spannungen zwischen den Niederlanden und der spanischen Herrschaft, die schließlich 1568 im Achtzigjährigen Krieg mündeten.
Die Darstellung der Geduld (Patientia) von 1557 gehört zu jenen Werken, in denen Bruegel diese Konflikte indirekt thematisiert. Zwischen den zahlreichen Einzelszenen finden sich Hinweise auf die Spannungen der Zeit, etwa eine brennende Kirche, eine riesige Vogelscheuche mit Kardinalshut, die in einem Ei gefangen ist, oder ein Mönch, der in einem baumartigen Gebilde sitzt.

Der Verlag des Hieronymus Cock
Bruegels Druckgrafiken wurden maßgeblich durch den Verleger Hieronymus Cock verbreitet. Der 1548 von Cock und seiner Frau Volcxken Diericx in Antwerpen gegründete Verlag „Aux Quatre Vents“ („Zu den vier Winden“) entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten und innovativsten Grafikunternehmen des 16. Jahrhunderts. Das Ehepaar etablierte ein neues Geschäftsmodell: Der Verlag vermittelte zwischen Künstlern und Stechern, finanzierte die Herstellung der Druckplatten und organisierte den europaweiten Vertrieb der Grafiken. Damit prägte er die Kunstproduktion seiner Zeit nachhaltig.

Das Verlagsprogramm umfasste antike, mythologische und religiöse Themen ebenso wie Landschaften, Genreszenen und Architekturansichten. Besonders gefragt waren Grafiken im Stil des Hieronymus Bosch. Auch Bruegel griff dessen Motive auf, etwa in dem 1557 entstandenen Blatt Die großen Fische fressen die kleinen, das eine bekannte Redewendung bildlich umsetzt und die Bereicherung der Mächtigen auf Kosten der Schwächeren thematisiert.

Darüber hinaus vertrieb der Verlag Reproduktionsgrafiken nach Werken italienischer Künstler wie Raffael und Michelangelo – eine bedeutende Neuerung in den Niederlanden. So trug etwa die hier gezeigte Wiedergabe von Raffaels Schule von Athen (1550), gestochen von Giorgio Ghisi, wesentlich zur Bekanntheit des Werkes nördlich der Alpen bei. Nach dem Tod Hieronymus Cocks im Jahr 1570 führte Volcxken Diericx den Verlag bis zu ihrem Tod im Jahr 1600 erfolgreich weiter.

Die Erfindung der Landschaft

Ausstellungsimpression. © Foto: Diether v. Goddenthow

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelte sich die Landschaftsdarstellung in den südlichen Niederlanden zu einem eigenständigen Kunstgenre. Pieter Bruegel der Ältere spielte dabei eine zentrale Rolle. Seine aus erhöhter Perspektive dargestellten Ansichten machen die Weite und Vielfalt der Natur selbst im kleinen Format erfahrbar. Sie gehen auf Eindrücke zurück, die er während seiner Alpenreise sammelte. Dennoch handelt es sich nicht um die Wiedergabe realer Orte. Vielmehr kombinierte Bruegel verschiedene Landschaftselemente zu idealen Gesamtansichten, die die Vielgestaltigkeit der göttlichen Schöpfung sichtbar machen.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Druckgrafik Der heilige Hieronymus in der Wildnis (um 1555). Während der Heilige seine Umgebung kaum wahrnimmt, macht sich links im Bild ein kleiner Wanderer auf, die gewaltige Landschaft zu erkunden.

Diablerien und Drolerien – Laster und Tugenden

Astrid Reuter, Leiterin der Graphischen Sammlung bis 1800, erläutert Pieter Breugels Werk „Nächstenliebe“ (Caritas)“ aus dem Bereich „Diablerien und Drolerien – Laster und Tugenden, © Foto: Diether v. Goddenthow

Zu den größten Erfolgen des Verlegers Hieronymus Cock zählen die Serien zu den Lastern und Tugenden. Die von Pieter Bruegel d. Ä. entworfenen und von Pieter van der Heyden sowie Philipp Galle gestochenen Blätter verbinden eine außergewöhnliche Detailfülle mit einer klaren Bildstruktur. Im Zentrum stehen Personifikationen von Tugenden oder Sünden, die durch Attribute, Symboltiere und Inschriften kenntlich gemacht werden. Ergänzende Szenen erweitern die Bedeutungsebenen der Darstellungen. Für die tief in der christlichen Tradition verwurzelten Themen entwickelte Bruegel eigenständige und innovative Bildlösungen. Da die Kompositionen oft vielschichtig und schwer zu entschlüsseln sind, geben erläuternde Texte am Blattrand zusätzliche Hinweise; sie stammen vermutlich vom Verleger selbst.

Bei den Lastern knüpft Bruegel an die fantastischen Bildwelten des Hieronymus Bosch an, während er die Tugenden in eine zeitgenössisch-flämische Lebenswelt überträgt. Der Kupferstich Mäßigkeit (Temperantia) (um 1560) zeigt die personifizierte Tugend mit einer Uhr auf dem Kopf, einem Zaumzeug und einer Brille in der Hand – Sinnbilder für Selbstbeherrschung und Maßhalten. Umgeben ist sie von den sieben freien Künsten, die ebenfalls Ausgewogenheit und Disziplin erfordern.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Darstellung eines Lasters ist der von Pieter van der Heyden gestochene Kupferstich Trägheit (Desidia) von 1558. Die Personifikation der Trägheit schläft auf einem Esel und stützt ihren Kopf auf ein Kissen, das von einem Dämon gehalten wird. Auch die übrigen Figuren erscheinen von Antriebslosigkeit geprägt: Eine Frau am Tisch kann sich kaum auf ihrem Stuhl halten, während ein Mann im Bett sogar zu träge ist, zum Essen aufzustehen.

„Bruegel-Boom“

Impression Breugel Room © Foto: Diether v. Goddenthow

Die außerordentliche Wertschätzung für Pieter Bruegel den Älteren zeigt sich in der Vielzahl von Wiederholungen, Variationen und Weiterentwicklungen seiner Werke. Einen wichtigen Ausgangspunkt für diese breite Rezeption bildeten neben seinen Gemälden insbesondere die Druckgrafiken, wie sie auch in der Ausstellung präsentiert werden. Besonders beliebt waren Darstellungen des bäuerlichen Lebens, die wesentlich zu seinem Ruf als „Bauern-Bruegel“ beitrugen.
Zur Verbreitung dieser Bildthemen trug vor allem sein Sohn Pieter Brueghel der Jüngere (1564–1638) bei, dessen Werke den Kompositionen des Vaters oft erstaunlich nahekommen. Große Popularität erlangte beispielsweise der Tanz auf der Bauernhochzeit, dessen dynamische Figuren, ausdrucksstarke Gesten und lebendige Farbigkeit die ausgelassene Stimmung des Festes eindrucksvoll vermitteln.
Auch Künstler wie Jan Brueghel der Ältere, Jan Mandyn und Lucas van Valckenborch knüpften an Bruegels Bildwelt an. Sie bedienten die große Nachfrage von Sammlern und Kunstliebhabern des frühen 17. Jahrhunderts – eine Begeisterung für Bruegels Kunst, die bis heute unter dem Begriff „Bruegel-Boom“ bekannt ist.

(Städel-Museum /Diether von Goddenthow)

Alle weiteren Information: Städel Museum Frankfurt.