Mit „Elmgreen & Dragset.Stillleben mit Gemüse“ Schnitzeljagd durch 700 Jahre Kunst im Städelmuseum ab 20. Mai 2026

6 ) 60 Minutes (Junge Waschmaschine) „Stillleben Gemüse elmgreen u dragset. © Foto: Diether v. Goddenthow

Vom 20. Mai 2026 bis zum 17. Januar 2027 verwandeln Elmgreen & Dragset das Städel Museum in ein faszinierendes Spiel aus Realität und Illusion. Die Ausstellung „Stillleben mit Gemüse“ präsentiert Skulpturen und Installationen des Künstlerduos, die mit der Architektur und der über 700 Jahre umfassenden Sammlung des Städel Museums in einen Dialog treten und neue Perspektiven eröffnen.

„Vom wem ist die? Die passt doch gar nicht hierher?“, fragt eine Dame in Raum 4 sichtlich irritiert beim Anblick eines bronzenen, schwarz patinierten, in sich gekehrten Jungen, der auf dem Sockel einer Waschmaschine sitzt – vis-à-vis zu Auguste Rodins ebenfalls introvertiert wirkender „Eva“ (1881). Erst der Hinweis darauf, dass es sich um die Skulptur „60 Minutes“ (2025) handelt – eine von zahlreichen zeitgenössischen Positionen des Künstlerduos Elmgreen & Dragset, die im Rahmen der Ausstellung „Stillleben mit Gemüse“ (20. Mai 2026 – 17. Januar 2027) im gesamten Städel Museum installiert wurden –, versöhnt die Besucherin wieder. Genau dieser „Aha-Effekt“ ist Programm: Zeitgenössische Arbeiten sollen an ungewöhnlichen Orten entdeckt werden, oftmals in einem beinahe surrealen Dialog mit den Werken der Städel-Sammlung. Zwei große Installationen innerhalb der Sammlung Gegenwartskunst bilden dabei den Kern der Präsentation, die sich mit Skulpturen und Interventionen der Künstler durch das gesamte Haus bis hinüber in die benachbarte Liebieghaus Skulpturensammlung entfaltet.

Auf zur Schnitzeljagd durch 700 Jahre Kunst

10 )The Examinier Fig 2 Stillleben Gemüse elmgreen u dragset. © Foto: Diether v. Goddenthow

Wer sich vom 20. Mai 2026 bis 17. Januar 2027 auf die Ausstellung „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“ im Frankfurter Städel einlässt, begibt sich auf eine amüsante Schnitzeljagd durch 700 Jahre Kunstgeschichte – auf eine Schatzsuche zwischen Alten Meistern und moderner Kunst ohnegleichen.

Für das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset, das weltweit zu den einflussreichsten und renommiertesten Positionen der zeitgenössischen Kunst zählt, ist „Stillleben mit Gemüse“ die erste große Museumsausstellung in Deutschland. Elmgreen & Dragset – Michael Elmgreen (*1961) und Ingar Dragset (*1969) – arbeiten seit Mitte der 1990er-Jahre in einem breiten Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen, das Installation, Performance und Architektur einschließt. Ihre Werke hinterfragen gewohnte räumliche Strukturen und laden öffentliche wie institutionelle Orte atmosphärisch auf. Mit „Stillleben mit Gemüse“ präsentieren sie Skulpturen und Installationen, die mit der Architektur und der über 700 Jahre umfassenden Sammlung des Städel Museums in einen vielschichtigen Dialog treten und neue Perspektiven eröffnen.

Elmgreen & Dragset arrangieren ihre figurativen Skulpturen so, dass das Publikum aktiv in das Erzählen von Geschichten einbezogen wird. Indem sie den Blick der Besucher lenken und verschieben, rücken sie alltägliche, leicht zu übersehende Momente in den Fokus und verwandeln diese in poetische Szenen, die gleichermaßen von Kritik wie von Humor geprägt sind. Mit ihrer durchdachten Präsentationsweise stellen die Künstler auf anschauliche statt didaktische Weise Fragen nach sozialen Strukturen sowie nach Verhaltensmustern, die in Konventionen und institutionellen Routinen verankert sind. Gleichzeitig untersuchen sie, wie Museen unsere Wahrnehmung von Kunstgeschichte prägen. Subtil unterlaufen Elmgreen & Dragset traditionelle Präsentationsformen und experimentieren mit den Regeln der Ausstellungsgestaltung.

 

Arbeit mit Archetypen

Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums, zeigte sich erfreut darüber, das Künstlerduo für diese ungewöhnliche Schau gewonnen zu haben. Die Arbeiten operierten, so Demandt, häufig mit Archetypen. Bereits seit drei oder vier Jahren habe das Städel das Glück, eine Arbeit des Duos im Skulpturengarten zu zeigen: einen Geier auf einem kahlen Baum mit dem Titel „Wenn ein Wanderer in einer Winternacht“. Diese Arbeit veranschauliche exemplarisch, was die Kunst von Elmgreen & Dragset ausmache.

„Die Arbeit operiert mit Archetypen: Der Geier ist der Vogel des Todes, ein Tier, das von Aas lebt und wartet, bis andere Kreaturen gestorben sind. Einerseits rührt er an Urängste und aktiviert archetypische Vorstellungen. Das Besondere an dieser Skulptur ist aber, dass der Geier uns anstarrt. Normalerweise sind wir diejenigen, die Kunst betrachten – nicht diejenigen, die von der Kunst betrachtet werden, geschweige denn aufgefressen.“

Dieses Wechselspiel zeichne die Kunst von Elmgreen & Dragset seit Jahren aus: die Erweiterung der Wahrnehmung von Kunst und ihre Ausdehnung in den Raum hinein. Bereits das Motiv der aktuellen Ausstellung verdeutliche dies: eine Skulptur von Elmgreen & Dragset beim Betrachten eines Gemäldes. Als er diese Arbeit erstmals installiert gesehen habe, habe er an den Ausspruch eines Kunsthistorikers denken müssen: „Skulptur ist das, was im Weg steht, wenn man versucht, ein Gemälde zu betrachten.“

Genau dieses Spannungsverhältnis aktivierten Elmgreen & Dragset mit der auf den ersten Blick einfachen Arbeit. Nicht mehr das Bild stehe im Mittelpunkt, sondern der Betrachter des Bildes, der zugleich den Blick versperre. Dabei handle es sich nicht um einen realen Menschen, sondern um dessen Abbild. Die Figur wirke durch ihre Dreidimensionalität und Lebensnähe unmittelbar real, entziehe sich durch ihre monochrome Gestaltung jedoch zugleich wieder der Wahrnehmung. Tatsächlich sei sie, so Demandt, aus Bronze gefertigt.

Beim Anblick des vor Goethes Porträt zeichnend auf dem Boden kauernden Jungen bemerkte ein Besucher irritiert: „Kinder dürften doch eigentlich gar nicht fotografiert werden.“ Die hyperrealistischen Skulpturen von Elmgreen & Dragset wirken – wie hier bei „The Drawing, Fig. 2“ – derart täuschend echt, dass viele Besucher zunächst gar nicht wahrhaben wollen, einer künstlichen Figur „auf den Leim gegangen“ zu sein. Bild zeigt: „The Drawing, Fig. 2“ – Impression aus der Ausstellung „Stillleben mit Gemüse“ von Elmgreen & Dragset. © Foto: Diether v. Goddenthow

Empathie-Schmerz

Auch Susanne Völker, Geschäftsführerin der Gemeinnützigen Kulturfonds Frankfurt RheinMain GmbH, unterstrich besonders die emotionale Dimension der Ausstellung. Die Arbeiten forderten das Empfinden des Publikums unmittelbar heraus. „Wenn Sie sich den Arbeiten nähern, wird teilweise regelrecht Ihr Empathie-Schmerz herausgefordert. Wenn mitten im Ausstellungsraum ein scheinbar zurückgelassenes Baby liegt, dann ist Ihr erster Gedanke nicht: „Oh, interessante Kunst.“ Der erste Gedanke ist ein ganz anderer. Und daraus entwickelt sich dann die Geschichte dieses Kunstwerks.“

„Oder wenn Sie in einer offensichtlich inszenierten und künstlerisch gestalteten Situation einen kleinen, scheinbar toten Vogel sehen – und wenn Sie dann ganz genau hinschauen, was Sie unbedingt tun sollten, erkennen Sie, dass dieser Vogel noch atmet. Auch dann ist Ihr erster Gedanke nicht der nach dem kunsthistorischen oder kuratorischen Kontext. Dieser kommt erst danach.“

Völker betonte, dass zunächst die eigene Empathie herausgefordert werde. Gerade darin liege die besondere Qualität der Ausstellung: Sie öffne das Haus auf eine neue Weise, indem sie zunächst eine unmittelbare Wahrnehmung ermögliche, bevor sich weitere Bedeutungsebenen erschlössen. Ähnlich verhalte es sich mit einer Installation, bei der Beine von der Decke hängen. Noch bevor die Situation vollständig erfasst werde, entstünden im Kopf der Besucher bereits eigene Geschichten und Bilder.

Als der Kulturfonds die Projektskizze erhalten habe, habe sie sich sofort über die Anfrage gefreut. Elmgreen & Dragset begleiteten die internationale Kunstwelt seit rund 30 Jahren mit bedeutenden Ausstellungen. Umso schöner sei es, dass ihnen nun das gesamte Haus für diese besondere Form der Kommunikation zur Verfügung gestellt werde.

„Wir leben in Zeiten, in denen sehr viel gesendet wird. Es wird unheimlich viel vermittelt, erklärt und angeboten. Diese Ausstellung aber hat zunächst zugehört. Sie hat sich die Räume angeschaut, die Kunstwerke aufgegriffen – alles steht in Bezug zur Sammlung.“

Elmgreen & Dragset hätten dem Städel „zugehört und zugesehen“ und anschließend auf überraschende, herausfordernde und zugleich humorvolle Weise interveniert. Gerade deshalb, so Völker, mache die Ausstellung auch großen Spaß.

Bei The Examiner, Fig. 2 (2023) stellt sich die Frage, wer im Museum eigentlich wen betrachtet. Die weiß lackierte Bronzefigur eines Mannes in Shorts richtet im Treppenhaus ihre Kamera auf Marc Chagalls Gemälde Commedia dell’arte (1958/59). © Foto: Diether v. Goddenthow

Der unpassende Titel „Stillleben“ ist Programm

Die Kuratorin Svenja Grosser, Leiterin der Sammlung Gegenwartskunst des Städel Museums, ging schließlich auf den auf den ersten Blick irritierend wirkenden Ausstellungstitel ein. „Stillleben mit Gemüse“ klinge zunächst erstaunlich unzeitgemäß und beinahe beiläufig. Doch genau in dieser Irritation liege ein zentraler Aspekt im Werk von Elmgreen & Dragset: das Spiel mit Erwartungen, vertrauten Kategorien und deren bewusster Verschiebung oder Auflösung.

Der Titel verweise zugleich auf ein Werk aus der Sammlung des Städel Museums – ein „Stillleben mit Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade“ von Cornelis de Heem aus dem Jahr 1658. Gleichzeitig breche er mit den Erwartungen an zeitgenössische Kunst, die man kaum unmittelbar mit dem Genre des Stilllebens verbinden würde.

Dennoch ziehe sich das Stillleben wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Viele Arbeiten griffen das Genre auf, transformierten es oder träten in einen engen Dialog mit ihm. Gerade dieses Spiel mit kunsthistorischen Bezügen bilde einen zentralen Ausgangspunkt im Schaffen der Künstler.

Folge man den Spuren der Ausstellung durch die Sammlung, entdecke man immer wieder überraschende Verbindungen. Bereits das barocke Stillleben habe nicht allein der Darstellung kostbarer Dinge gedient. Es habe Reichtum und gesellschaftlichen Status demonstriert und zugleich deren Vergänglichkeit oder moralische Fragwürdigkeit reflektiert. An diese Tradition knüpften Elmgreen & Dragset an: Auch sie inszenierten Oberflächen des Wohlstands. Hinter der ästhetischen Eleganz ihrer Arbeiten öffne sich jedoch zugleich ein kritischer Blick auf gesellschaftliche Strukturen und Sehnsüchte.

Im Zentrum der Ausstellung: die Großinstallationen „The Cloud“ und „Garden of Eden“

Großformatige Installationen The Cloud (2026) – im Foyer auf dem Weg zu den Gartenhallen. © Foto: Diether v. Goddenthow

Eine am Eingang erhältliche Begleitbroschüre hilft bei der Orientierung durch das Städel Museum. Der Rundgang beginnt idealerweise im Foyer des Tiefgeschosses der Sammlung Gegenwartskunst, wo Besucher unmittelbar auf die großformatigen Installationen „The Cloud“ (2026) sowie – im darunterliegenden Foyer der Gartenhallen – auf „Garden of Eden“ (2022) treffen. Beide Werke bilden gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung und thematisieren „einen Szenenwechsel alltäglicher Umgebungen zwischen Arbeit und Luxus, Ambition und Illusion“.

„The Cloud“ erinnert dabei zunächst eher an ein vorbereitetes Sponsorentreffen im Städel, an ein minimalistisch eingerichtetes Restaurant oder an eine elegante Flughafenlounge. An einem der Tische sitzt eine Frauenskulptur aus Silikon („The Conversation“, 2024). Auf ihrem Smartphone läuft ein Facetime-Anruf, in dem ihr Gesprächspartner von seiner Arbeit als Künstler und einer gescheiterten Liebesbeziehung erzählt. Sechs runde Gemälde aus den Serien „Sky Targets“ (2025/26) und „Flight Trackers“ (2025/26) schmücken die Wände der Installation. Die Bilder sind auf hochglanzpolierte Edelstahlplatten gemalt, deren spiegelnde Oberflächen einen subtilen Dialog mit John M. Armleders permanent installierter „Mosaic Mirror Wall Piece“ (1991–2012) eingehen. Persönliche Identität und Ortsgebundenheit scheinen sich in „The Cloud“ aufzulösen, sodass letztlich nur eine glatte, austauschbare Kulisse für gehobene Gastronomie bleibt – oder ein Ort, um gesehen zu werden, Selfies zu machen und den eigenen Besuch in den sozialen Medien zu dokumentieren.

Impression der Großinstallation: Garden of Eden (2022) © Foto: Diether v. Goddenthow-

Eine Etage tiefer präsentieren Elmgreen & Dragset im Eingangsbereich der Gartenhallen eine leere Bürolandschaft mit Reihen identischer Bürozellen, die den Raum streng symmetrisch strukturieren. Mit den verlassenen und beengten Arbeitsplätzen thematisiert „Garden of Eden“ die Strapazen zeitgenössischer Lohnarbeit, die von Monotonie und Anonymität geprägt ist, und deutet zugleich an, dass das Versprechen von sozialem Aufstieg und Fortschritt ein fragiles Konstrukt bleibt. Der endlose Kreislauf von Arbeit und Erholung wird in „Uncollected“ (2005) aufgegriffen: Ein Gepäcklaufband transportiert unter der Treppe eine einzelne Reisetasche in einer endlosen Schleife und verbindet so das obere und untere Stockwerk auch thematisch miteinander.

Beobachten und beobachtet werden

Die Skulpturen und Interventionen von Elmgreen & Dragset laden im gesamten Städel dazu ein, über die Rolle und das Verhalten von Museumsbesuchern nachzudenken. „The Visitor“ (2025) etwa, eine lebensgroße, weiß lackierte Bronze eines jungen Mannes, thematisiert den Akt des Betrachtens von Kunstwerken. In der Dauerausstellung der Alten Meister steht die Figur vor Cornelis de Heems Gemälde „Stillleben mit Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade“ (1658), das der Ausstellung ihren Titel gibt. Mit seiner nachdenklichen Haltung verweist „The Visitor“ auf ein idealisiertes Verständnis kontemplativen Sehens im Museum – eine Haltung, die von vielen Besuchern beinahe selbstverständlich übernommen wird.

Bei „The Examiner, Fig. 2“ (2023) stellt sich dagegen die Frage, wer im Museum eigentlich wen betrachtet. Die weiß lackierte Bronzefigur eines Mannes in Shorts richtet im Treppenhaus ihre Kamera auf Marc Chagalls „Commedia dell’arte“ (1958/59). Ob dabei andere Besucher in sein Sichtfeld geraten, bleibt offen – und genau daraus entsteht eine vielschichtige Situation gegenseitiger Beobachtung.

Auch der Geier der Arbeit „Si par une nuit d’hiver un voyageur“ (2017) im Städel-Garten nimmt die Besucher ins Visier und wird zugleich selbst betrachtet. Als wiederkehrendes Motiv im Werk von Elmgreen & Dragset bezeichnen die Künstler den Aasfresser seit 2012 als „The Critic“. Die Figur eröffnet neue Perspektiven auf Kunstbetrieb, Bewertung und Macht. Die Bronzeplastik gehört seit ihrem Ankauf durch das Städel Museum im Jahr 2020 dauerhaft zum Skulpturengarten.

Zu ausgewählten Zeiten taucht in der Dauerausstellung der Moderne zudem eine weitere Besucherin in Form einer Live-Performerin auf. Vor einem Muschel-Stillleben von Louis Eysen spricht sie über ihre persönliche Beziehung zu dem kleinformatigen Gemälde. Der Monolog, von Elmgreen & Dragset selbst verfasst, versteht sich als Hommage an jene Stammgäste des Museums, die zu einzelnen Werken der Sammlung eine besondere emotionale Bindung entwickelt haben.

Täuschend echt

12 )The Artist. Impression aus der Ausstellung „Stillleben mit Gemüse“ von Elmgreen & Dragset. © Foto: Diether v. Goddenthow

Die hyperrealistischen Skulpturen von Elmgreen & Dragset erweitern die Wahrnehmung um eine zusätzliche Ebene. „The Drawing, Fig. 2“ (2023) zitiert nach dem Prinzip täuschend echter Nachahmung – vergleichbar mit dem Trompe-l’œil in der Malerei – eine vertraute Szene aus dem Museumsalltag. Dargestellt ist ein kleiner Junge, der im Sammlungsbereich Kunst der Moderne vor Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins „Goethe in der römischen Campagna“ (1787) auf dem Boden sitzt und zeichnet.

Auch „Forgotten Baby“ (2005), ein scheinbar vergessenes Baby in einer Tragetasche, das vor Franz von Stucks „Pietà“ (1891) auf dem Parkett des Ausstellungsraums liegt, spielt mit der Wahrnehmung der Besucher und löst Irritation ebenso wie Unbehagen aus. Im Dialog mit dem Gemälde erzeugt die Skulptur des alleingelassenen Säuglings Assoziationen zur christlichen Ikonografie und erinnert sowohl an das Jesuskind als auch an die Geschichte des Moses, der als Findelkind aus dem Nil gerettet wurde.

Besuchern, die das Städel-Dach besichtigen, begegnet schließlich „The Artist“ (2026). Vor der Frankfurter Skyline hängt die Figur zwischen den Spindeltreppen von der Decke und scheint jeden Moment den Halt zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen.

Traditionelle Kunstgattungen neu gedacht

In den Sammlungsbereichen der Alten Meister und der Moderne finden sich darüber hinaus zahlreiche Arbeiten von Elmgreen & Dragset, die sich mit klassischen Kunstgattungen auseinandersetzen. Dazu gehört „Still Life (Bullfinch)“ (2024). Die Skulptur besteht aus einem Paar weiß lackierter Bronzehände, die neben Jean-Baptiste-Siméon Chardins „Stillleben mit Rebhuhn und Birne“ (1748) aus der Wand ragen und die Nachbildung eines kleinen Vogels halten. Der Fink ist mit einem Motor ausgestattet, der seinen reglos auf dem Rücken liegenden Körper pulsieren lässt – und so das traditionelle Stillleben buchstäblich in Bewegung versetzt.

Mit „60 Minutes“ (2025) unterwandern Elmgreen & Dragset die klassische Präsentationsweise von Skulpturen. Die schwarz patinierte Bronzeplastik zeigt einen gedankenverlorenen Jungen in Shorts, der nicht auf einem Sockel, sondern auf einer Waschmaschine sitzt. In unmittelbarer Nähe zu Auguste Rodins „Eva“ (1881), die ihren Körper schamhaft bedeckt, wirft die Arbeit Fragen nach Sehgewohnheiten im Umgang mit unbekleideten Figuren der Kunstgeschichte auf.

Auch die Gattung des Selbstporträts wird vom Künstlerduo dekonstruiert. „Portrait of the Artists“ (1999/2026) besteht lediglich aus zwei verblichenen Konturen an der Wand – Spuren vermeintlich ehemals dort hängender Künstlerporträts. Elmgreen & Dragset hinterfragen damit sowohl ihre eigene Rolle innerhalb ihrer künstlerischen Partnerschaft als auch die Bedingungen von Autorschaft und Selbstinszenierung in der zeitgenössischen Kunst, die das Selbstporträt zunehmend als konzeptuelle Fragestellung begreift.

Der digitale Raum

Neben dem physischen Raum spielt auch die digitale Welt in den Arbeiten von Elmgreen & Dragset eine zentrale Rolle. In der Dauerausstellung der Gegenwartskunst dreht sich ein Terrier auf einem Karussell, dessen schwarz-weiße Spirale kunsthistorische Bezüge herstellt – etwa zu Marcel Duchamps Rotoreliefs oder zur illusionistischen Op-Art der 1960er-Jahre. Der Titel „Social Media (Terrier)“ (2022) verweist auf die Mechanismen sozialer Netzwerke, deren Algorithmen eine permanente Suche nach Bestätigung, Orientierung und Aufmerksamkeit erzeugen – begleitet von Sehnsucht, Erschöpfung und Verunsicherung.

Die Folgen eines zunehmend digitalisierten Alltags sowie das heutige Verständnis von Realität, Interaktion und Gemeinschaft thematisiert schließlich die Skulptur „This Is How We Play Together, Fig. 3“ (2023). Sie zeigt einen Jungen mit VR-Headset, dessen Aufmerksamkeit vollständig auf eine virtuelle, für Außenstehende unsichtbare Simulation gerichtet ist. In der historischen Villa der Liebieghaus Skulpturensammlung bildet diese Arbeit zugleich den Abschluss der Ausstellung.

(Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)

Alle weiteren Information: Städel Museum Frankfurt.