
Heute Abend eröffneten Oberbürgermeister Gerd-Uwe Mende und Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), im Festsaal des Wiesbadener Rathauses während einer Feierstunde den morgigen 16. Patiententag im Rahmen des 132. Internistenkongresses.
In seiner Begrüßung betonte der Oberbürgermeister, dass der Patiententag außerordentlich wichtig sei – nicht nur, weil er einen Tag lang Vorträge und Gespräche mit Fachkräften aus Medizin, Beratung sowie Selbsthilfegruppen im Rathaus kostenfrei für jedermann anbiete, sondern „weil er eine Brücke zwischen dem Internistenkongress und der Stadtgesellschaft schlägt. Dieses verbindende Element wird besonders betont, denn es ist entscheidend, dass medizinisches Wissen auch bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommt und sie daran teilhaben können. Der Kongress gilt als ein Aushängeschild der Medizin in Wiesbaden, auf das man sehr stolz ist.“

Die DGIM-Präsidentin dankte der Stadt Wiesbaden für die Gastfreundschaft sowie allen Beteiligten, die zum Internistenkongress und insbesondere zum Patiententag beitragen. „Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürger über Neuerungen in der Inneren Medizin, über innovative Technologien und moderne Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Gleichzeitig steht der Dialog im Mittelpunkt: Es ist entscheidend zu erfahren, welche Fragen Menschen im Alltag bewegen – wie sie gesund bleiben können, wie sie mit Erkrankungen umgehen und welche Unterstützung sie benötigen. Diese Form des Austauschs stärkt die Gesundheitskompetenz und ist eine wesentliche Grundlage für die zukünftige Gestaltung der Medizin.“
Der DGIM-Kongress 2026 stehe unter dem Motto „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin“. Dieses Leitthema spiegele tiefgreifende Veränderungen wider: neue diagnostische Möglichkeiten, innovative Therapien, technische Fortschritte, die digitale Transformation sowie ein wachsender Fokus auf Prävention, Lebensqualität und interprofessionelle Zusammenarbeit, so Professorin Führer-Sakel. Europa sei im Jahr 2026 zu Gast beim Internistenkongress – ein bewusst grenzüberschreitender Ansatz, der notwendig sei, um die Innere Medizin nachhaltig weiterzuentwickeln, sagte die DGIM-Präsidentin.
Der Patiententag greift diese Entwicklungen auf und übersetzt sie in verständliche und alltagsnahe Informationen für Patientinnen und Patienten. Das Programm beleuchtet zentrale Fragen der modernen Inneren Medizin – von neuen Erkenntnissen zu Hormonen und Diabetestherapien über medizinische Versorgungsformen im Alter und bei seltenen Erkrankungen bis hin zu aktuellen Fortschritten in Diagnostik und Therapie. Besonders hervorgehoben wird die Bedeutung des persönlichen Dialogs, der neben wissenschaftlicher Evidenz auch die individuellen Lebensumstände der Menschen berücksichtigt.
Die unterschätzte positive Wirkung von Musik auf Körper und Seele

Höhepunkt der Eröffnung des Patiententages war der Festvortrag von Prof. a. D. Dr. med. Dipl.-Mus. Eckart Altenmüller von der Medizinischen Hochschule Hannover. In seinem Vortrag „Apollos Gabe: die positiven Wirkungen von Musik auf Körper und Seele durch Neurohormone und Neuroplastizität“ gelang es ihm, wissenschaftlich hochkomplexe hirnphysiologische und hormonelle Zusammenhänge komprimiert und zugleich laienverständlich darzustellen.
Eindrucksvoll zeigte er, wie wesentlich und wirksam Musik für unser Denken, unsere Emotionen, unser Lernen und für Gesundungsprozesse im Körper ist – und welche Rolle sie dabei auch für das Hormonsystem spielt. Musik, so Altenmüller, sei ein grundlegender Bestandteil des Menschseins; nur der Mensch sei in der Lage, gezielt an- und abschwellende Rhythmen zu erzeugen. Die Verarbeitung von Musik beanspruche das gesamte Gehirn – und verändere es ein Leben lang.
Besonders eindrücklich war eine von Altenmüller vorgestellte Studie: Sie zeigte, dass Menschen im Alter von 62 bis über 70 Jahren auch ohne vorherige Instrumentenerfahrung erfolgreich ein Instrument erlernen können. Nach sechs, zwölf und achtzehn Monaten wurden nicht nur musikalische Fortschritte festgestellt; hirnphysiologische Untersuchungen belegten zudem einen Zuwachs an grauer Substanz sowie eine verbesserte neuronale Vernetzung – insbesondere in der Klaviergruppe.
Es zeigte sich eine klare positive Korrelation zwischen aktivem Musizieren und dem Aufbau neuronaler Strukturen: Die Rekrutierung von Neuronen erfolgt innerhalb von Sekunden, die Bildung neuer Synapsen innerhalb von Minuten, das Wachstum von Dendriten innerhalb von Tagen und sogar die Zunahme von Nervenzellen innerhalb von Wochen. Darüber hinaus wurden auch die Interaktion mit Stützgewebe sowie die Durchblutung des Nervengewebes positiv beeinflusst.
Voraussetzung für solche Effekte sei jedoch, dass die Reize – wie beim Erlernen eines Instruments – komplex, relevant, regelmäßig und dauerhaft sind und nicht zur Routine oder Langeweile führen. Aufmerksamkeit und emotionale Aktivierung bewirken die Ausschüttung von Botenstoffen wie Adrenalin und Serotonin; Erfolgserlebnisse führen zusätzlich zur Freisetzung von Dopamin und Endorphinen, was Motivation und Lernfreude steigert. Begleitet von Oxytocin entsteht so ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Lebensfreude.
Neben diesen Effekten verbessert Musizieren nachweislich die Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistung, wirkt stressreduzierend und stärkt das Gehör sowie die Kommunikationsfähigkeit und emotionale Kompetenz. Insgesamt wurde die Befindlichkeit der Teilnehmenden deutlich positiv beeinflusst: Sie berichteten von weniger Schmerzen, besserer Gesundheit und mehr Lebensfreude.
Musik findet daher zunehmend auch therapeutische Anwendung, beispielsweise in der Behandlung von Schlaganfallpatientinnen und -patienten.
Leider gebe es viel zu wenig Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten, da die positive Wirkung von Musik auf Körper und Seele noch immer unterschätzt werde.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
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