DGIM-Internistenkongress 2026 in Wiesbaden erfolgreich beendet – Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin konkret erfahrbar gemacht

Impression DGIM Internistenkongress 2026 © Foto: Diether v. Goddenthow

Wiesbaden – Mit mehr als 8.500 Teilnehmenden vor Ort und online ist der 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zu Ende gegangen. Vier Tage lang diskutierten Ärztinnen und Ärzte unter dem Leitthema „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten“, wie sich Prävention, Diagnostik und Therapie angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, digitaler Technologien und wachsender Versorgungsanforderungen weiterentwickeln müssen. Teilnehmende aus 31 Nationen waren vertreten.

In 451 Sitzungen mit rund 1.300 Referierenden wurde deutlich: Die Innere Medizin entwickelt sich zunehmend von einer reaktiven hin zu einer vorausschauenden, differenzierten und stärker individualisierten Medizin. „Wir müssen uns aus unserer Komfortzone begeben – nicht angstgetrieben, sondern selbstbewusst und kraftvoll“, sagte Kongresspräsidentin Professorin Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel zum Abschluss. „Der Kongress hat gezeigt, wie viel Potenzial in diesem Wandel liegt – für eine präzisere, gerechtere und nachhaltigere Medizin.“

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Prävention, Personalisierung und neue Krankheitsmodelle
Im Zentrum des Kongresses standen Konzepte für eine frühere und gezieltere Prävention, individualisierte Therapieansätze sowie die Integration digitaler Technologien in den klinischen Alltag. Ein zentrales Thema war der Wandel im Krankheitsverständnis: Viele bislang als einheitlich betrachtete Erkrankungen erweisen sich zunehmend als biologisch heterogen.
Ein Beispiel ist das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom: Obwohl es zu den häufigsten Krebserkrankungen zählt, umfasst es zahlreiche genetisch definierte Subtypen, die gezielt behandelt werden können. „Je genauer wir in das Genom einer Erkrankung schauen, desto deutlicher wird ihre biologische Vielfalt“, erklärte Professor Dr. med. Andreas Neubauer, Sprecher der DGIM-Task-Force Humangenetik. „Darin liegt der Schlüssel für eine präzisere Therapie.“

Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf die Onkologie. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und chronisch-entzündlichen Erkrankungen werden genetische Faktoren zunehmend als entscheidend für Krankheitsverlauf und Therapieansprechen erkannt. Die molekulare Diagnostik und moderne bioinformatische Verfahren ermöglichen es, Erkrankungen in Subtypen mit jeweils eigenen pathophysiologischen Mechanismen zu differenzieren – ein zentraler Ansatz der Präzisionsmedizin.

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Seltene Erkrankungen als Schlüssel zur Volkskrankheit
Zugleich liefern seltene genetische Erkrankungen wichtige Hinweise für das Verständnis häufiger Krankheiten. So führte die Erforschung der Schilddrüsenhormonresistenz zur Entwicklung neuer Therapieansätze für die metabolische Dysfunktions-assoziierte Steatohepatitis (MASH). Der Wirkstoff Resmetirom, der gezielt den Schilddrüsenhormonrezeptor β aktiviert, ist ein Beispiel dafür, wie molekulare Erkenntnisse in konkrete Therapien übersetzt werden können.

Auch in anderen Bereichen zeigt sich dieser Zusammenhang: Genetische Varianten mit besonders niedrigen LDL-Cholesterinwerten führten zur Entdeckung zentraler Mechanismen im Fettstoffwechsel und zur Entwicklung der PCSK9-Inhibitoren, die heute eine wichtige Rolle in der kardiovaskulären Prävention spielen.

Adipositas neu gedacht: Stoffwechsel statt Körpergewicht
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Neubewertung der Adipositas. Neue Erkenntnisse zeigen, dass gesundheitliche Risiken nicht allein von der Fettmenge abhängen, sondern vor allem von der Fähigkeit des Körpers, Energie sicher zu speichern und zu verteilen.
„Entscheidend ist nicht nur, wie viel wir essen, sondern wie der Körper mit Energie umgeht“, sagte Professor Dr. med. Michael Stumvoll vom Universitätsklinikum Leipzig. Störungen dieser Regulation führen zu einer krankhaften Fettverteilung, etwa in der Leber, und begünstigen metabolische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes.
Adipositas wird damit zunehmend als systemische Erkrankung verstanden, bei der mehrere Organsysteme eng zusammenwirken. Auch Menschen mit normalem Körpergewicht können ein erhöhtes Risiko tragen, wenn metabolische Prozesse gestört sind. Für Prävention und Therapie bedeutet das: Statt ausschließlich auf Gewichtsreduktion zu fokussieren, rückt die individuelle Stoffwechselsituation stärker in den Mittelpunkt.

Künstliche Intelligenz verändert die Versorgung

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Ein weiterer zentraler Themenblock war der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in Klinik und Praxis. KI-Systeme unterstützen bereits heute bei der Dokumentation, analysieren große Datenmengen und tragen zur Individualisierung von Therapieentscheidungen bei.

„Digitale Systeme greifen zunehmend aktiv in klinische Prozesse ein – etwa indem sie Abläufe koordinieren oder Arztbriefe erstellen“, erklärte Professor Dr. Dr. med. Jens Kleesiek vom Universitätsklinikum Essen. Angesichts steigender Anforderungen und zunehmenden Fachkräftemangels wird KI zu einem zentralen Baustein der medizinischen Versorgung.

Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz sind hochwertige, strukturierte Daten, interoperable Standards sowie eine leistungsfähige technische Infrastruktur. Gleichzeitig bleibt die ärztliche Expertise entscheidend: „Wir brauchen Ärztinnen und Ärzte, die die Technologie verstehen und sinnvoll einsetzen“, so Kleesiek.

KI-Assistenzsysteme in Hausarztpraxen

Nicht nur in Kliniken, auch in Haus- und Facharztpraxen kommt Künstliche Intelligenz zunehmend zur Optimierung von Arbeitsabläufen zum Einsatz. Dazu zählen beispielsweise Sprachmodelle, die Sprechstundengespräche dokumentieren, strukturiert zusammenfassen und bei der Erstellung von Arztbriefen unterstützen – etwa über Systeme wie CGM Live-Dokumentation oder den Sprechstundenassistenten von Doctolib. Die ärztliche Rolle verlagert sich dabei stärker auf die fachliche Kontrolle. Der Zeitgewinn kann laut Expertenschätzungen bei 30 bis 50 Prozent liegen.

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Zunehmend verbreitet sind zudem KI-gestützte, mehrsprachige Telefonassistenten sowie Recall-Systeme, etwa integrierte All-in-one-Lösungen wie bei Doctolib. Ärztinnen und Ärzte müssen ihre Patientinnen und Patienten über den Einsatz von KI informieren; eine datenschutzrechtliche Einwilligung ist in der Regel jedoch nicht erforderlich. Eine Ausnahme besteht dann, wenn die erhobenen Daten nicht ausschließlich zur unmittelbaren Versorgung genutzt werden, sondern beispielsweise auch in das Training oder die Weiterentwicklung von KI-Systemen oder in Forschungsprojekte einfließen.

Darauf wies Dr. med. Irmgard Landgraf, Hausärztin, Lehrärztin der Charité im Fach Allgemeinmedizin sowie stellvertretende Vorsitzende des Hausärzteverbandes BDA, in ihrem Vortrag „KI in der Praxis hausärztlicher Internisten – eine Bestandsaufnahme“ hin.

Weitere potenzielle Einsatzfelder sieht Landgraf in der KI-gestützten Anamnese und Symptomprüfung, der Digitalisierung von Patientenaufnahmeprozessen, der KI-unterstützten Ersteinschätzung zur Patientensteuerung sowie in digitalen Wissensplattformen wie Amboss oder Deximed. Auch Systeme zur Früherkennung seltener und komplexer Erkrankungen, zur Risikostratifizierung und zur Unterstützung personalisierter Medizin gelten als vielversprechend.
Trotz aller technologischen Entwicklungen bleibt die ärztliche Verantwortung zentral: Die Diagnose wird weiterhin durch die Ärztin oder den Arzt gestellt – die Letztverantwortung liegt stets beim Menschen, beim Arzt.

Wandel der Versorgungsstrukturen
Neben medizinischen Innovationen wurde intensiv über strukturelle Veränderungen diskutiert. Themen wie Ambulantisierung, interprofessionelle Zusammenarbeit sowie der Umgang mit großen Datenmengen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Auch geschlechtersensible Medizin und die stärkere Integration der Pflege wurden als wichtige Zukunftsfelder hervorgehoben.
Der Wandel spiegelte sich auch in der Teilnehmerstruktur wider: Rund 80 Prozent der Teilnehmenden waren vor Ort in Wiesbaden, etwa 20 Prozent online zugeschaltet. Mit rund 900 Studierenden war der medizinische Nachwuchs stark vertreten.

Auszeichnungen und Ausblick 2027

Impression DGIM Internistenkongress 2026 © Foto: Diether v. Goddenthow

Die Leopold-Lichtwitz-Medaille, die höchste Auszeichnung der DGIM, wurde 2026 an den Nephrologen Prof. Dr. med. Jürgen Floege für sein Lebenswerk verliehen. Weitere Preise würdigten herausragende Leistungen in Forschung, Prävention und Medizinjournalismus. Zudem wurde die Digitale Gesundheitsanwendung „Axia“ mit dem Peter-Müller-Innovationspreis ausgezeichnet.
Der Internistenkongress 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, wie tiefgreifend sich die Innere Medizin im Wandel befindet – und dass dieser Wandel aktiv gestaltet werden kann.

„Gesund älter werden“
Mit Abschluss des Kongresses übernimmt Professorin Dr. med. Ursula Müller-Werdan den Vorsitz der DGIM. Das Leitthema des Internistenkongresses 2027 lautet: „Gesund älter werden“.

 

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

Weitere Informationen: DGIM