132. DGIM- Internistenkongress diskutiert Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin u. deutschem Gesundheitswesen

Großer Ansturm auf den 132. DGIM Internistenkongress im Wiesbaden RMCC, der noch bis zum 21. April läuft. © Foto: Diether v. Goddenthow

Gestern startete im RheinMain CongressCenter der 132. Internistenkongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Noch bis zum 21. April 2026 tauschen sich bis zu 8.000 Medizinerinnen und Mediziner aus ganz Europa unter dem Leitgedanken „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten“ über den aktuellen Stand von Forschung und Medizintechnik sowie über den tiefgreifenden strukturellen Wandel in Medizin und im deutschen Gesundheitswesen aus. Dabei geht es im Kern auch um Fragen, wie Weiterbildung und Versorgungsstrukturen im europäischen Kontext weiterentwickelt werden können.

Das deutsche Gesundheitssystem sieht sich derzeit mit grundlegenden strukturellen Herausforderungen konfrontiert: Fachkräftemangel, demografischer Wandel, zunehmende Multimorbidität und kostenintensive Innovationen verändern die Anforderungen an die internistische Versorgung nachhaltig. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin rückt deshalb die europäische Zusammenarbeit stärker in den Fokus. Denn der notwendige Wandel betrifft nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa, wie auf der gestrigen Pressekonferenz der DGIM deutlich wurde.

DGIM-Pressekonferenz (v.li.) Dr. med. Irmengard Meyer, Sprecherin der JUNGEN DGIM und Assistenzärztin Innere Medizin, St. Bernward Krankenhaus Hildesheim, Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Jens Kleesiek Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin, Universitätsklinikum Essen und Universität Duisburg-Essen, Anne DGIM-Pressereferentin Katrin Döbler, Professorin Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel Vorsitzende der DGIM 2025/2026 und Präsidentin des 132. Internistenkongresses, Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen, sowie Professor Dr. med. Michael Stumvoll Direktor der Klinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie, Universitätsklinikum Leipzig und Sprecher des Exzellenzclusters Leipzig Center of Metabolism, Universität Leipzig. © Foto: Diether v. Goddenthow

Ein Blick in die Statistik der Bundesärztekammer zeigt, wie international die Ärzteschaft in Deutschland bereits heute aufgestellt ist: Mehr als 15 Prozent der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte besitzen eine ausländische Staatsangehörigkeit; die meisten von ihnen kommen aus anderen europäischen Ländern, aus Syrien und der Türkei. Gleichzeitig wird in den kommenden Jahren ein erheblicher Teil der heutigen Ärzteschaft altersbedingt ausscheiden. „Um die medizinische Versorgung zu sichern, sind wir nicht nur in der Pflege, sondern auch in der Ärzteschaft zunehmend auf internationale Mobilität angewiesen, wobei eine hochwertige und vergleichbare Weiterbildung sichergestellt werden muss“, sagt Dr. med. Irmengard Meyer, Sprecherin der „Jungen DGIM“.
Viele junge Ärztinnen und Ärzte sammeln im Rahmen ihrer Weiterbildung praktische Erfahrungen im Ausland und treffen dabei auf Strukturen, die sich von denen des deutschen Gesundheitswesens unterscheiden. „Der Blick über die eigenen Grenzen zeigt, wie zukunftsorientierte Weiterbildung zu erreichen ist“, sagt Meyer. In Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden sind strukturierte Rotationen zwischen Krankenhäusern unterschiedlicher Versorgungsstufen – etwa zwischen Häusern der Grundversorgung und Maximalversorgern – verbindlich geregelt und national einheitlich organisiert. Während sich Weiterbildungsinhalte in Deutschland bedingt durch den Föderalismus von Landesärztekammer zu Landesärztekammer unterscheiden können, gebe es dort national vergleichbare Vorgaben, berichtet Meyer. Hier könne sich Deutschland einiges abschauen.

Europäische Zusammenarbeit als Lernraum

Impression von der „Industrieausstellung“ © Foto: Diether v. Goddenthow

Gleichzeitig plädiert Irmengard Meyer dafür, die Inhalte und Abläufe der ärztlichen Weiterbildung in Europa deutlich stärker aufeinander abzustimmen. „Wenn Ärztinnen und Ärzte von Land zu Land wechseln, brauchen wir Weiterbildungsstrukturen, die vergleichbar sind“, sagt die „Junge DGIM“-Sprecherin.

Wie sich die Versorgung der Patientinnen und Patienten durch internationale Kooperationen verbessern lässt, zeigen europäische Leitlinienprojekte und länderübergreifende Netzwerke, etwa im Bereich seltener Erkrankungen. Auch in der Weiterbildung seien solche Austausche gewinnbringend. „Ärztinnen und Ärzte mit internationalen Erfahrungen bringen übergreifende Kompetenz, neue Perspektiven und ergänzende Behandlungsansätze mit.“ Eine Vernetzung vom Studium bis zur Facharztausbildung könne langfristig zu mehr beruflicher Zufriedenheit und zu einer besseren Versorgung führen. Um diesen Austausch zu fördern, setzt die „Junge DGIM“ verstärkt auf internationale Kooperationen – unter anderem durch die Zusammenarbeit mit der European Federation of Internal Medicine.

Europäische Modelle für gemeinsame Probleme

DGIM-Future in Halle Süd © Foto: Diether v. Goddenthow

„Die Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin, die wir derzeit durch neue Therapien, digitale Werkzeuge und veränderte Versorgungsbedarfe erleben, sollten wir nicht im nationalen Alleingang durchdenken, sondern auch offen für erfolgreiche Konzepte anderer Länder sein“, sagt Professorin Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel, Vorsitzende der DGIM 2025/2026 und Präsidentin des 132. Internistenkongresses.

Daher stärkt der Kongress durch die Beteiligung der EFIM, der österreichischen und der schweizerischen Fachgesellschaften sowie erstmals des Royal College of Physicians aus Großbritannien bewusst den europäischen Dialog: „Indem wir unseren Blickwinkel erweitern und auch über die uns bekannten nationalen Strukturen hinausdenken, erhalten wir wichtige neue Impulse für eine nachhaltige Neuausrichtung unseres Gesundheitswesens“, so Führer-Sakel. Unter anderem gelte es, die Prävention als zentralen Bestandteil eines modernen Gesundheitssystems zu verankern und den Erhalt von Gesundheit stärker in den Fokus zu nehmen. „Hier sind uns manche europäische Länder voraus.“

Als weitere Beispiele nennt die Kongresspräsidentin Datasharing, Interprofessionalität, klinische Studien und die Versorgung von Menschen mit seltenen Erkrankungen. „Die neuen Paradigmen und Chancen, die sich durch Digitalisierung, innovative Diagnostik- und Therapieverfahren sowie durch strukturelle Weiterentwicklungen ergeben, müssen wir verantwortungsvoll und ressourcenschonend zum Nutzen der Bevölkerung einsetzen. Dabei können uns europäische Modelle und eine stärkere Zusammenarbeit helfen“, so Führer-Sakel.

Paradigmenwechsel in der Medizin im Überblick

© Foto: Diether v. Goddenthow

Was auf dem Kongress immer wieder anklingt, lässt sich als umfassende Neuausrichtung von Medizin und Gesundheitssystem beschreiben. Unter „Paradigmenwechsel“ wird dabei kein schrittweiser Reformprozess verstanden, sondern ein grundlegender Wandel: Die Medizin befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Fortschritt allein genügt nicht mehr – entscheidend ist, welche Innovationen tatsächlich einen messbaren Nutzen bringen und gleichzeitig eine Versorgung ermöglichen, die wirksam, gerecht und bezahlbar bleibt.
Inhaltlich zeigt sich dieser Wandel in mehreren, eng miteinander verknüpften Verschiebungen. Die Medizin entfernt sich zunehmend von einer reinen „Reparaturlogik“ hin zu einer stärkeren Ausrichtung auf Prävention und den Erhalt von Gesundheit. Statt der isolierten Behandlung einzelner Erkrankungen rückt der ganzheitliche Blick auf Patientinnen und Patienten in den Vordergrund, insbesondere bei chronischen und mehrfachen Erkrankungen. Gleichzeitig verlagert sich die Versorgung strukturell: weg vom stationären Schwerpunkt hin zu stärker ambulant organisierten Modellen. Parallel dazu verändert die Digitalisierung – etwa durch datenbasierte Entscheidungen und Künstliche Intelligenz – die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten grundlegend. Auch die klassische Trennung zwischen Versorgungssektoren wird zunehmend zugunsten vernetzter, interprofessioneller Zusammenarbeit aufgelöst.

In der Summe entsteht damit ein neues Leitbild: Medizin als koordiniertes, datenbasiertes und präventiv ausgerichtetes System, das nicht mehr primär auf die Reaktion auf Krankheit ausgerichtet ist, sondern auf deren Vermeidung und die langfristige Steuerung von Versorgung.

Dieser Paradigmenwechsel ist zugleich eine gesundheitspolitische Herausforderung. Begrenzte Ressourcen treffen auf eine steigende Nachfrage – bedingt durch demografischen Wandel, zunehmende Multimorbidität und wachsende Erwartungen an medizinische Leistungen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit neuer Priorisierungen und Verteilungsentscheidungen. Die zentrale Frage lautet immer häufiger: Was ist sinnvoll finanzierbar – und für wen? Damit verschiebt sich die Perspektive grundlegend – weg von dem Anspruch, alles medizinisch Machbare anzubieten, hin zu einer stärker evidenzbasierten und priorisierten Versorgung.

Auch im Versorgungsalltag wird dieser Wandel konkret spürbar. Prävention und langfristige Begleitung gewinnen an Bedeutung, ebenso die enge Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen. Der Umgang mit Multimorbidität und steigender Komplexität erfordert neue Formen der Organisation. Dazu gehören auch veränderte Arbeitsmodelle: Aufgaben werden stärker im Team verteilt, Delegation gewinnt an Bedeutung, und die klassische Einzelpraxis wird zunehmend durch interprofessionelle Teamstrukturen ergänzt.

Zusammengefasst lässt sich der Paradigmenwechsel auf eine prägnante Formel bringen: Es geht um den Übergang von einer krankheitszentrierten, reaktiven Medizin hin zu einer präventiven, vernetzten und ressourcenbewussten Gesundheitsversorgung. Zugespitzt bedeutet das: Während früher vor allem Krankheit behandelt wurde, besteht das Ziel heute darin, Gesundheit zu erhalten, Versorgung aktiv zu steuern und Ressourcen verantwortungsvoll einzusetzen.

Dabei wird deutlich, dass dieser Wandel weit über die Medizin hinausgeht. Er betrifft die Finanzierung des Systems ebenso wie die Organisation der Versorgung zwischen ambulantem und stationärem Bereich, die Nutzung und Regulierung digitaler Technologien sowie die gesellschaftlichen Erwartungen an Gesundheit und Prävention.
Im Kern steht damit eine zentrale Herausforderung: Wie kann eine alternde und zunehmend komplexer werdende Bevölkerung künftig so versorgt werden, dass Qualität, Zugänglichkeit und Finanzierbarkeit gleichermaßen gesichert bleiben?

(DGIM / Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

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