Die Opelvillen widmen sich anlässlich der WDC erstmals Tätowierungen in der Gegenwartskunst

Ruth Marten, No. 91, aus der Serie »All about Eve«, 2025, Gouache auf Heliogravüre von 1923 © Ruth Marten, Courtesy der Van der Grinten Galerie

Anlässlich der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 widmen sich die Opelvillen vom 30. April bis 13. September 2026 als Partnerinstitution von MISHPOCHA. The Art of Collaboration des Jüdischen Museums Frankfurt dem Phänomen der Tätowierung. Tattoos sind allgegenwärtig – nicht nur beim Anblick von Menschen, denen wir begegnen, sondern auch in den Medien, in der Werbung, Literatur und Gegenwartskunst. In der Ausstellung Unter die Haut. Tattoos im Blick werden zum ersten Mal Kunstschaffende vorgestellt, die ihre künstlerische Praxis im Tattoo erweitern. Ob Papier, Leinwand, Druckplatte oder menschliche Haut – stets ist die Zeichnung der Ausgangspunkt. Linien, Striche und Formen werden im Stechen oder Perforieren übertragen. Mit rund 120 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Videos von dreizehn tätowierenden Künstlerinnen und Künstlern aus sieben Ländern bildet die Schau ein vielfältiges stilistisches und inhaltliches Spektrum ab.

Neben bekannten Namen der Tattoogeschichte wie Herbert Hoffmann (1919–2010), Ruth Marten (geboren 1949), Dr. Lakra (geb. 1972) oder Duke Riley (geb. 1972) sind zahlreiche bislang weniger bekannte Persönlichkeiten wie Rita Salt (geb. 1995), Michele Servadio (geb. 1986), Franziska Nast (geb. 1981), Itoyo Kinoshita (geb. 1978), David Schiesser (geb. 1989) oder Sarah Dubná (geb. 1993) zu entdecken. Sie werden in den Opelvillen jeweils mit einer repräsentativen Auswahl ihrer Arbeiten vorgestellt. Darüber hinaus werden VALIE EXPORT (geb. 1940) und Jan Zappner (geb. 1973) mit fotografischen Schlüsselwerken vertreten sein und die Künstlerin und Fotografin Sandra Mann (geb. 1970) wird eine ortsspezifische, partizipative Installation entwickeln.

Die von Dr. Beate Kemfert entwickelte Schau hat ihren Ausgangspunkt im fotografischen Nachlass von Herbert Hoffmann, der Tätowierer und Porträtfotograf war. Weiter liegt der Fokus auf aktuell tätowierenden Künstlerinnen und Künstlern, die eine Ausbildung an Kunstakademien absolvierten und Papier ebenso nutzen wie menschliche Haut. Von ihnen werden Leinwände, Zeichnungen, Fotografien oder Videos zu sehen sein. Neben diesen jungen, internationalen Positionen realisierte die New Yorker Tattoopionierin Ruth Marten, die sich seit der AIDS-Krise ausschließlich der Zeichnung widmet, eigens neue Arbeiten.

Tätowierungen sind ein weit verbreitetes Ausdrucksmittel, das Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund verbindet. Dies wollte schon Herbert Hoffmann in Hamburg zeigen. Nicht nur Seeleute und im Hafen Arbeitende kamen in seine »Älteste Tätowierstube«, sondern auch Akademikerinnen und Akademiker sowie Politiker und Hausfrauen. Herbert Hoffmann wurde zur Tattoolegende und zum Chronisten der besonderen Art. Über Jahrzehnte fotografierte er voller Passion tätowierte Menschen und schrieb ihre Lebensgeschichten auf. Eine breite Auswahl seiner bedeutenden Schwarz-Weiß-Fotografien ist Teil der Schau Unter die Haut, die nicht nur Tattoogeschichte dokumentiert, sondern auch einen Blick auf seine brillante Porträtfotografie öffnet.

Aktuell ist zu beobachten, dass im Tätowierungsprozess verschiedene Disziplinen miteinander verschmelzen und Mediengrenzen ausgelotet werden. Der in London lebende Künstler Michele Servadio begann beispielsweise 2014, künstlerische Praktiken wie Tätowieren, Musik und Performancekunst zu verbinden und entwickelte mit Body of Reverbs (B. O. R.) »New ceremonies for contemporary bodies«, eine Tattoo-Sound-Performance-Reihe, in der Tätowierer und Musiker kooperieren. Das Tätowieren wird zum Musizieren, der Körper zum Musikinstrument, indem die Vibrationen der Nadeln auf der Haut in Klänge umwandelt werden, die von einem Klangkünstler mit Synthesizern und Soundeffekten verstärkt werden. Das Ergebnis ist eine vielschichtige Komposition, mit der die Verbindung zwischen Körper, Klang und Raum eindringlich erfahrbar wird.

Der Multimedia-Künstler Alessandro Veneruso (geb. 1994) initiierte nach einer Teilnahme an einer »Body of Reverbs«-Performance von Michele Servadio das Artist-in-Residence-Programm Mapping Skins 2019 in Mailand. Mapping Skins war eine einwöchige Residenz für Tätowierende und sich für das Tätowieren interessierende Kunstschaffende aus den Bereichen Fotografie, Kunst, Performance oder Musik. Diese besondere Art des Zusammenlebens, des Austausches und des gemeinsam Kreativwerdens wurde 2020 und 2021 wiederholt. Die Künstlerresidenz Mapping Skins wurde zum Dreh- und Angelpunkt von Beziehungen zwischen Tätowierungen und zeitgenössischer Kunst, da zum ersten Mal diese Genres und Praktiken spielerisch miteinander verbunden wurden.

Die amerikanische Künstlerin Ruth Marten hatte in den 1970er-Jahren maßgeblich den Weg geebnet, Tätowieren als Kunstform wahrzunehmen. Zu einer Zeit, als in New York das Tätowieren illegal war, begann Marten als einzige Frau in dem Metier aktiv zu werden und wurde in New York innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten Underground-Tätowiererin. Da Marten aufgrund des Verbots nur im Privaten tätig war, wurde unter ihrer Nadel das Tätowieren zu einer inklusiven Performance. Zu ihrem Kundenkreis zählten sich emanzipierende Frauen, aber auch Homosexuelle aus dem Kreis der Befreiungsbewegung, der späteren Punk- und der Kunstszene. Ruth Martens wohl bekanntestes Tattoo war auf dem Rücken von Ethyl Eichelberger zu sehen, einem homosexuellen Schauspieler, der als Dragqueen auftrat. Ruth Marten war stets auf der Suche nach innovativen künstlerischen Ideen, die sie in ihre Tätowierungen einbringen konnte. 1980 schließlich stellte sie das Tätowieren wegen der AIDS-Krise ein und arbeitete von da an als Illustratorin. Durch die Überarbeitungen von alten Drucken oder Fotografien in Form von Zeichnungen und Collagen fand Ruth Marten zu einer eigenen künstlerischen Ausdruckswelt. Für die Opelvillen-Ausstellung Unter die Haut. Tattoos im Blick realisierte die New Yorker Tattoo-Pionierin eigens neue Arbeiten. Wieder greift die Künstlerin auf bereits vorhandenes Material und erweitert ihren Zyklus All about Eve um neue Facetten zur Geschichte der Tätowierung. Auf drei gefundene Aktdarstellungen von Pariser Tänzerinnen aus dem Jahr 1923 mit unterschiedlichen Gesten, Haltungen und Stellungen überträgt Marten die für sie maßgeblichen Tattoo-Bestrebungen: maritime Symboliken, indigene Einflüsse und florale Muster.

Bezüge zur Geschichte der Seefahrt stellt auch der amerikanische Künstler und Tätowierer Duke Riley her, der ein komplexes Werk, bestehend aus Installationen, Performances, Videos, Skulpturen, Zeichnungen und Tattoos, schafft. Es ist sein Ziel, durch die Gegenüberstellung von maritimer Volkskunst mit modernen Bezügen den Betrachtenden auf die katastrophalen Auswirkungen aufmerksam zu machen, die die heutige Industrie durch Einwegkunststoffe auf die Umwelt hat. Seine Serie Poly S. Tyrene Memorial Maritime Museum, 2025, besteht aus an Stränden aufgelesenen Fundstücken, mit denen Duke Riley die historische Scrimshaw-Handwerkskunst der ursprünglich von Seeleuten geritzten Tuschezeichnungen neu interpretiert. Der Begriff Scrimshaw stammt aus der Ära der Walfänger, die sich im 18. und 19. Jahrhundert mit der Verzierung von Walknochen und -zähnen auf Reisen und auch zu Land ihre freie Zeit vertrieben. Die einst für die Miniatur-Ritz- und Gravurtechnik üblichen Materialien ersetzt Riley durch weggeworfene Plastikbehälter, Waschmittelflaschen oder andere Abfälle.

Mit Fundstücken beschäftigt sich ebenfalls der mexikanische Künstler und Tätowierer Dr. Lakra (geboren 1972 als Jerónimo López Ramírez), der Flohmärkte und Buchläden auf der ganzen Welt nach Bildvorlagen durchstöbert, auf denen er zeichnen kann, darunter Vintagedrucke, Zeitschriften, Postkarten, Filmplakate und Fotografien. Diese oft politisch und kulturell aufgeladenen Materialien zeigen Porträts von Politikern, verführerische Bilder aus der Werbung oder mexikanische Popkulturfiguren. Auch ein aus Deutschland stammendes Vintageblatt fand Eingang in sein von Tätowierungen inspiriertes Œuvre. Seiner Zeichnung Ohne Titel (Fatalitas), 2007, liegt die Darstellung eines entblößten, männlichen Oberkörpers zugrunde, den der Künstler mit unzähligen Tätowierungen unterschiedlicher Herkunft übersät. Die Brandmarkung mit dem lateinischen Schriftzug »Fatalitas« auf der Stirn, der mit »Verhängnis« übersetzt werden kann, könnte auf ein Todesopfer verweisen, zumindest lassen die von Dr. Lakra ergänzten Körperbilder auf eine kriminelle Vergangenheit schließen. Doch wie bei anderen seiner Zeichnungen finden sich auch Referenzen zu traditionellen Tätowierungen anderer Kulturen, wie zum Beispiel der Maori. Stets passt der Künstler seine Signatur dem von ihm gewählten Tätowierstil an. Sein mitunter rebellischer Ansatz makabrer Eingriffe spiegelt sich in seinem Künstlername Dr. Lakra wider – »Doktor« ist ein Titel, der Respekt einflößt, während »lakra« im spanischen Slang für einen Delinquenten steht und eine Anspielung auf das Wort lacra ist, das mit Narbe oder Makel übersetzt werden kann.

Künstlerinnen und Tätowiererinnen wie Rita Salt (geb. 1995) oder Itoyo Kinoshita (geb. 1978) hingegen gehen eher ihren kindlichen Fantasien nach. Ob auf Haut oder anderen Malgründen wie Papier, stets mischen sie spielerisch verschiedene Elemente zu komplexen Erzählungen. Bevölkern mit persönlicher Handschrift gestaltete Motive – mittelalterliche Burgen, Fabelwesen oder märchenhafte Bilder – die Bildgründe von Salt, sind in den Tätowierungen und Papierarbeiten von Itoyo Kinoshita auch Referenzen zur kommerziellen Unterhaltungsbranche und Popkultur augenfällig. Die Japanerin wandelt Massenprodukte ebenso wie ihr zur Verfügung gestellte private Fotografien beispielsweise von Lieblingstieren in einem ihr eigenen Stil zu einfachen Formen in zunehmend leuchtenden Farben um. Ihre Papierarbeiten gleichen Wimmelbildern, zusammengesetzt aus einer Vielzahl an Einzelelementen. Um einen Einblick in die Vielfalt ihrer verwendeten Medien – Tätowierungen, Animationen, Keramik, Mosaike oder Installationen – geben zu können, fertigte die u. a. in New York lebende Rita Salt eigens für die Ausstellung eine neue Animation für einen kleinen Bildschirm von wenigen Zentimetern an, der von ihr auf einem handgefertigten Keramikrahmen befestigt wurde.

Mithilfe von Gesten des Stechens, Kratzens und Perforierens lotet die tschechische Künstlerin und Tätowiererin Sarah Dubná die Grenze zwischen Zerstörung und Heilung aus. Der Akt des Durchstechens der Haut ähnelt für Dubná einem Bienenstich: Er kann schmerzhaft und potenziell gefährlich, aber auch in der Lage sein, Heilungsprozesse auszulösen und das Körperbewusstsein zu vertiefen. Neben dem Heilungspotential spielen Wut und Aggression sowohl in ihrer Malerei als auch in ihren Tätowierungen eine zentrale Rolle. Auch die ausgestellten Leinwände veränderte Dubná – mal subtil, mal aggressiv – mit Vehemenz im schnellen Duktus, indem sie die textilen Oberflächen mit Tätowiernadeln stach, kratzte und perforierte.

Auch David Schiesser ist Künstler und Tätowierer. Sein primäres Medium ist die Linienzeichnung, die er nicht digital, sondern frei Hand ausführt. Konzentriert auf die reine Linie, lenkt der in Berlin lebende Schiesser seinen Stift auf Papieren in unterschiedlichen Formaten bis zu Panoramabildern mit zehn Metern Länge. Seine in die Länge gestreckten, im Raum installierten Zeichnungen fordern die Betrachtenden zur Bewegung auf. Erst durch ein Entlangschreiten am Streifen kann die Komplexität der narrativen Bildwelten erfasst werden. Das Wechselspiel von Zwei- und Dreidimensionalität nahm Schiesser bereits in den Stuhlobjekten Die 3 Achsen unserer Leiblichkeit, 2019 auf, indem er Hauttattoos zu Sitzmöbeln vergrößerte. Parallel arbeitet Schiesser an einer Internetseite, die 3D-Scans von Tätowierungen in eine Landschaft umwandelt und dabei Bezüge zu Open-World-Games herstellt. Für die Ausstellung Unter die Haut. Tattoos im Blick in den Opelvillen wandelt er https://peeledmaps.com in ein Video um.

An raumbezogenen, großen Dimensionen ist Franziska Nast ebenfalls interessiert, die als bildende Künstlerin, Designerin und Tätowiererin vielfältig tätig ist. Maßgeblich wurde die in Hamburg lebende Nast durch die Tattoolegende Herbert Hoffmann beeinflusst. Von ihm erlernte Nast 2007 in der Schweiz das Tätowieren. Heute tätowiert die Hoffmann-Schülerin selten menschliche Haut, vielmehr transformiert sie den Prozess und arbeitet auf Papier, Architekturelementen wie Wänden und Säulen und Urnen. Ihre enge Verbindung zu Hoffmann spiegelt Nast im Werk Fleischteil, 2026, wider, bestehend aus drei großen Papierobjekten, die sie als »Häute« versteht. Das Wandobjekt Maybe Paradise, 2024, basiert auf einer Palmenzeichnung von Franziska Nast und bildet zugleich ein fotografisches Motiv ab: Grundlage ist die Fotografie einer Selbsttätowierung. Die Künstlerin tätowierte sich eine Palme auf den eigenen Oberschenkel.

Bahnbrechend für einen geplanten und kontrollierten Akt einer feministisch motivierten Inschrift war die Künstlerin VALIE EXPORT, die zu den Pionierinnen der feministischen Kunstbewegung zählt. Am 2. Juli 1970 ließ sich die österreichische Avantgardistin in Frankfurt öffentlich auf einer Bühne ein provokantes Motiv unter die Haut stechen. Als vor über fünfzig Jahren Tattoos gesellschaftlich verrufen waren, gravierte der Tätowierer Horst Streckenbach ein rot-schwarzes Strumpfband auf den linken Oberschenkel von VALIE EXPORT ein – ein Fetisch für Männerfantasien. Radikal beabsichtigte die Künstlerin, den eigenen Körper schmerzhaft und dauerhaft mit einem Strumpfband zu markieren, um damit Funktionalisierung und soziale Rolle der Frau als Sexualobjekt zu entlarven sowie ihre gesellschaftliche Bestimmung durch den Mann zu reflektieren. Der Vorgang wurde vom Fotografen Günter Rambow festgehalten.

Der Bogen zur Ausstellung MISHPOCHA. The Art of Collaboration des Jüdischen Museums wird mit zwei Kunstschaffenden gespannt, die sowohl in der Frankfurter als auch in der Rüsselsheimer Schau gezeigt werden: Sandra Mann aus Frankfurt am Main und Jan Zappner aus Berlin werden in beiden Ausstellungen mit Werken vertreten sein. Vom Fotografen Zappner werden seine Porträts des in Köln lebenden Tätowierers Guil Zekri aus dem Jahr 2022 vorgestellt, die er für seine Werkreihe Mischpoche aufgenommen hatte. Die Künstlerin und Fotografin Sandra Mann wird für die Ausstellung in den Opelvillen eine raumbezogene Installation mit dem Titel Fraktalitäten, 2026, entwickeln, für die sie Menschen mit und ohne Tätowierungen fotografiert. Aus diesen zweidimensionalen Porträts entstehen im Anschluss dreidimensionale Skulpturen, die Teil der Präsentation sind.

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung:
Sarah Dubná (CZ, Prag) ● VALIE EXPORT (A, Wien) ● Herbert Hoffmann (DE, Hamburg) ● Itoyo Kinoshita (JP, Kyoto) ● Dr. Lakra (MX, Oaxaca) ● Franziska Nast (DE, Hamburg) ● Sandra Mann (DE, Frankfurt am Main) ● Ruth Marten (USA, New York) ● Duke Riley (USA, New York) ● Rita Salt (USA, Pawtucket & New York) ● David Schiesser (DE, Berlin) ● Michele Servadio (UK, London & IT) ● Alessandro Veneruso (DE, Berlin & IT) ● Jan Zappner (DE, Berlin)

(Die OpelvillenRheinMainKultur.de)