
Am 21. April 2026 startet in der Wiesbadener Caligari Filmbühne die 26. Auflage von goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films und bringt mit 76 Filmen aus 40 Ländern großes Kino nach Wiesbaden und in weitere Spielstätten in Darmstadt, Mainz und Gießen. Gemeinsam mit Wiesbadens Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl, Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin Kulturfonds Frankfurt RheinMain, sowie Anna Schoeppe, Geschäftsführerin der Hessen Film und Medien GmbH, stellten gestern Rebecca Heiler, neue künstlerische Leiterin von goEast, und Christine Kopf, Künstlerische Direktorin des DFF, das umfangreiche Programm vor.
goEast wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen
DFF-Leiterin Christine Kopf unterstrich in ihrer Begrüßung, dass nicht nur der wunderschön renovierte Kinosaal neu sei, sondern auch die Leitung von goEast. „Ich bin wirklich sehr froh, dass wir mit Frau Heiler eine neue Begleiterin gefunden haben. Ich habe das Gefühl, wir haben eine sehr innovative, sympathische und dynamische Festivalleiterin gewonnen. Ich bin sicher, dass sich goEast unter deiner Leitung weiterhin hervorragend entwickeln wird!“, machte die DFF-Chefin ihr Mut. „Als ehemalige Leiterin – manche erinnern sich vielleicht – war ich vor einigen Jahren selbst in dieser Position, wenn auch nur für drei Ausgaben“, deshalb liege ihr das Festival „natürlich besonders am Herzen“. Es habe auch im gesamten Gefüge des DFF einen festen und wichtigen Platz. „Es steht exemplarisch für unseren Anspruch, Kultur als lebendigen transnationalen Dialog zu begreifen, und es steht für Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit. Für diese Rolle wird goEast auch in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Es zeigt, wie wichtig es ist, Kultur gemeinsam zu erleben, zu diskutieren und sich bewusst zu werden, wo wir stehen. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert bietet goEast dafür alljährlich einen Ort.“
goEast ist ein politisches Filmfestival

goEast-Leiterin Rebecca Heiler meinte, es sei zwar ihr erstes Jahr, und ein paar Dinge hätten sich verändert. So stelle etwa die Einführung „unseres neu ausgerufenen Fokusthemas in diesem Jahr einiges auf den Kopf, vom Festivalmotiv bis hin zur romantischen Auffassung von Revolution. Das Programm ist in diesem Jahr sehr mutig, und es gibt kleinere und größere Neuerungen. Ich bin dem gesamten Team, unseren Förderern, Sponsoren und Partnern sehr dankbar für das Engagement und die Unterstützung, denn nur so lässt sich ein solch anspruchsvolles Programm realisieren.“
„Aber eines hat sich nicht geändert: goEast ist ein politisches Filmfestival und findet leider weiterhin im Kontext globaler und regionaler Krisen und Kriege statt. Auch wenn es zwischendurch positive Nachrichten gibt, erleben wir weiterhin den Krieg in der Ukraine, autoritäre Entwicklungen und Protestbewegungen in vielen Ländern.“
Umso wichtiger sei es, „hinzuschauen, Themen zu setzen und in den Dialog zu treten. Für goEast ist es dabei ganz zentral, menschliche, empathische, kluge – manchmal auch romantische und fröhliche – Filme aus Mittel- und Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien hierher zu bringen: in dieses schöne Kino, in diese schöne Stadt, und sie dem Publikum zugänglich zu machen – als Begegnung mit Menschen durch Filmkunst.“
Programm-Überblick
Anschließend stellte Heiler das mit 76 Filmen und mehr als 100 Veranstaltungen umfangreiche Programm im Einzelnen nach Sektionen vor, wie „Internationaler Wettbewerb“, „Kurzfilmwettbewerb goShorts“, „Symposium“, „Porträt: Ada Solomon“, „East-West Talent Lab“ sowie das „Kaleidoskop“, die „Werkstattgespräche“ und die filmische Ehrung des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda zum 100. Geburtstag.
Internationaler Wettbewerb
16 Deutschlandpremieren aus den Jahren 2025 und 2026 konkurrieren um die Hauptpreise des Festivals – die mit 10.000 Euro dotierte Goldene Lilie für den besten Film, den Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für die beste Regie sowie zwei FIPRESCI-Preise der internationalen Filmkritik und einen Dokumentarfilmpreis.
Kurzfilmwettbewerb goShorts – Revolutions per Minute
Der RheinMain-Kurzfilmwettbewerb startet unter neuem Namen – goShorts – in die siebte Runde. Im Mittelpunkt stehen rebellische Kurzfilme, die sich inhaltlich oder formal mit dem Kampf gegen den Status quo auseinandersetzen. Unter dem Titel „Revolutions per Minute“ zeigt die Auswahl Filme zu feministischen Kämpfen, demokratischen Bewegungen oder subversiven Ansätzen gegen festgefahrene Vorstellungen von Film und Kunst.
Symposium – Filmische Strategien des Widerstands
Wie lassen sich Ost-West-Konflikte heute filmisch erzählen? Welche Bilder entstehen jenseits hegemonialer Narrative, digitaler Vereinfachungen und repressiver Kontrolle? Das goEast-Symposium 2026 begreift Kino als widerständigen Ort kollektiver Reflexion. Gezeigt werden Filme aus Ost, West und dazwischen, wie TAZEH NAFASHA / THE NEWBORNS (IRN 1979), Kurzfilme aus der DDR, kuratiert von Claus Löser, COCONUT HEAD GENERATION (NGA 2022) oder CAFÉ KUBA (COD 2024), die emanzipatorische Bewegungen dokumentieren, befragen und ästhetisch neu verhandeln.
Porträt: Ada Solomon

Erstmals porträtiert goEast mit Ada Solomon eine Produzentin. Mit einem genreübergreifenden Œuvre fördert sie seit Karrierebeginn junge Talente, darunter Radu Jude bei seinen ersten Kurzfilmen bis hin zu seinen großen Erfolgen sowie Călin Peter Netzers Berlinale-Gewinner MUTTER & SOHN (ROU 2013). Als ausführende Produzentin von TONI ERDMANN (DEU/AUT 2016) und anderen Filmen verortete sie Rumänien auf der Koproduktionskarte Europas. Im begleitenden Werkstattgespräch werden die Rolle von Produzent*innen, Solomons ästhetische Entscheidungen, Produktionsrisiken und die gesellschaftliche Wirkung ihrer Filme diskutiert.
East-West Talent Lab
Das East-West Talent Lab, das vom 24. bis 27. April in Wiesbaden stattfindet, hat sich in der internationalen Filmbranche fest etabliert. East-West-Talent-Lab-Alumni wurden bereits für den Europäischen Filmpreis nominiert oder sind mit ihren Filmen Teil großer Filmforen wie der Berlinale oder IDFA. Bei der sechzehnten Ausgabe des internationalen Koproduktionsforums „When East Meets West“ (WEMW) in Triest wurde gerade der beim East-West Talent Lab entstandene Dokumentarfilm SACRED SONGS (GEO 2026) ausgezeichnet. 2026 werden erneut zwei Preise vergeben: das mit 3.500 Euro dotierte Recherchestipendium für ein Dokumentarfilmprojekt zum Thema Menschen- und/oder Minderheitenrechte sowie der „Pitch the Doc“-Preis, ein Training zur Unterstützung der Projektentwicklung (im Wert von 500 Euro). Die Teilnehmenden erwartet an vier Tagen ein volles Programm, bestehend aus einer Masterclass, Workshops, Vernetzungsmöglichkeiten mit Fernsehredaktionen und Förderanstalten sowie Filmvorführungen.
Kaleidoskop
Die frühere Sektion Specials läuft ab 2026 unter neuem Namen. Filmvorführungen, Lesungen, Panels und weitere Veranstaltungen fügen sich zu einem vielschichtigen Programm zusammen – vergleichbar mit einem Kaleidoskop. Zu den Highlights zählen die Matinee, goKids mit Filmen für junges Publikum, „Sto lat!“ zum 100. Geburtstag von Andrzej Wajda, eine filmische Nahaufnahme Georgiens sowie die Anarcho Shorts.
Sto lat! Andrzej Wajda zum 100. Geburtstag
goEast widmet dem bedeutenden polnischen Regisseur Andrzej Wajda anlässlich seines 100. Geburtstages ein Programm mit Filmen, in denen politischer Widerstand das zentrale Thema ist, darunter Vorführungen der folgenden Werke: DER KANAL (POL 1957), MANN AUS EISEN (POL 1981) und DANTON (FRA/POL/DEU 1982).
goEast-Fokus Revolution
Nach drei Jahren experimenteller Programmarbeit unter dem Konzept des „Cinema Archipelago“ setzt goEast einen klaren thematischen Schwerpunkt: „Revolution!“. Das Motto prägt gleichzeitig die kommende Festivaledition und verbindet erstmals nahezu alle Sektionen unter einem gemeinsamen Fokus – davon ausgenommen sind der Internationale Wettbewerb und das East-West Talent Lab.
In sämtlichen anderen Programmbereichen – besonders im Symposium – werden Bezüge zum Thema Revolution deutlich. Mittel- und Osteuropa sowie der postsowjetische Raum sind seit Jahrzehnten von Protestbewegungen und politischen Umbrüchen geprägt, doch hat sich ein goEast-Symposium bislang noch nicht explizit diesem Themenkomplex gewidmet. Die Ausweitung des Fokus auf mehrere Programme setzt die in den vergangenen Jahren etablierte Tradition fort, sektionsübergreifende programmatische Linien im Begleitprogramm zu verfolgen.
Aber warum ausgerechnet „Revolution!“? Angesichts aktueller politischer Entwicklungen und anhaltender Protestbewegungen in Ländern wie Georgien, der Ukraine, Serbien, Bulgarien oder Litauen beleuchtet goEast 2026 das Phänomen „Revolution“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Blick ist dabei auch die reiche Revolutionsgeschichte Mittel- und Osteuropas, angefangen bei der Befreiung des Balkans von der osmanischen Herrschaft über die Russische Revolution, die Solidarność-Bewegung, die Friedliche Revolution, die Samtene Revolution, die Orangene Revolution bis hin zur Revolution der Würde. Wie ein Umsturzversuch oder eine vom Volk getragene Revolte interpretiert wird, hängt maßgeblich von ihrem Ausgang und der Perspektive der Betrachtenden ab. Schon jetzt darf man auf das qualitativ hochwertige Programm gespannt sein. Der Fokus wird durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain unterstützt.
Der Fokus auf Georgien
Die Festivalleiterin sagte, dass sie zum ersten Mal ein Fokusthema eingeführt habe; in diesem Jahr liege der Fokus auf Georgien: PRISONERS OF CONSCIENCE (Gewissensgefangene), mit einer Serie kurzer filmischer Porträts von elf Filmemacher*innen, die elf Menschen porträtieren, die in Georgien aus politischen Gründen inhaftiert sind. Die Filme reagierten auf die zunehmende Repression nach den umstrittenen Parlamentswahlen 2024 in Georgien, so Heiler. Das Projekt wurde von der Bewegung „Georgian Cinema Is Under Threat“ ins Leben gerufen, einem Zusammenschluss unabhängiger Filmschaffender. Der Fokus „Georgien“ passe genau zum diesjährigen Hauptmotto des goEast-Festivals „Revolution“.
Räume für Diskussionen schaffen
Die Geschäftsführerin der Hessen Film & Medien GmbH, Anna Schoeppe, sagte: „Uns ist dieses Festival sehr wichtig – gerade aus den bereits genannten Gründen. Es gibt eigentlich keine Zeit, in der es wichtiger wäre, Räume für Diskussionen zu schaffen, Menschen zusammenzubringen und Kino nicht nur im Kinosaal zu denken, sondern auch darüber hinaus – hinein in die Stadtgesellschaft und die regionale Filmbranche. Es geht darum, gemeinsam auch schwierige und komplexe Themen zu verhandeln. Das heißt natürlich nicht, dass die Filme nicht auch leicht und unterhaltsam sein dürfen.“
Austausch über sprachliche und politische Grenzen hinweg
Der Wiesbadener Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl bekräftigte, dass „heute wieder einmal deutlich geworden ist, dass goEast ein ganz besonderes Festival für Wiesbaden ist. Viele der Filme sehen wir hier überhaupt zum allerersten Mal in Deutschland – es gibt zahlreiche Deutschland-, Europa- und sogar Weltpremieren, wie Frau Heiler bereits ausgeführt hat. Das konfrontiert uns mit Erfahrungen, Perspektiven und Geschichten, die sonst gar nicht im Vordergrund stehen und die wir ohne dieses Festival oft gar nicht wahrnehmen würden.
Das ist eine große Leistung von goEast: Es ermöglicht Austausch über sprachliche, aber auch über politische Grenzen hinweg – und zwar mit einem klaren Fokus auf Osteuropa. Diese Perspektive halte ich für ungemein wichtig. Denn in Europa haben wir letztlich viel mehr gemeinsam, als uns trennt. Genau das sichtbar zu machen und zu verstehen, ist entscheidend.
Osteuropa ist ein wesentlicher Teil Europas und der Europäischen Union. Und ich bin überzeugt: Wir sind nur gemeinsam stark. Der Zugang zu dieser Region ist jedoch oft nicht einfach – es gibt sprachliche Hürden, viele kleinere Länder, und unser Blick richtet sich häufig eher auf Länder wie Frankreich oder Großbritannien. Das ist gewissermaßen ‚gesetzt‘. Umso wichtiger ist goEast, weil das Festival hier eine Art Lotsenfunktion übernimmt und diesen Zugang überhaupt erst eröffnet. Es ermöglicht ein tieferes Verständnis für diese Perspektiven.“
Scharnierfunktion des goEast-Festivals
Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, unterstrich die Scharnierfunktion des goEast-Festivals: „Das Motto ‚Revolution‘, das wir als Schwerpunktthema auch mit dem Kulturfonds fördern, ist eines, das uns – von der lokalen bis zur globalen Ebene – derzeit enorm beschäftigt und in Atem hält. Osteuropa hatte schon immer eine Art Scharnierfunktion zwischen Ost und West. Das wird jedoch oft vergessen, wenn der Blick vor allem nach Russland, in die USA oder nach China gerichtet ist. Dabei gerät die spannende, differenzierte und kleinteilige Vielfalt Osteuropas in globalen Debatten häufig zu kurz.
Umso schöner ist es, dass dieses Festival genau diesem Blick nach Osten eine Plattform bietet, unterschiedliche Positionen miteinander in Kontakt bringt und vernetzt – und damit ein facettenreiches Gesamtbild entstehen lässt.
Es wurden bereits einige Programmpunkte genannt. Der Begriff ‚Kaleidoskop‘ steht dabei ganz sinnbildlich für diese Vielfalt: Viele kleine Perspektiven fügen sich zu einem differenzierten Gesamtbild zusammen und eröffnen durch experimentelle Formate neue Blickwinkel. Das ist ein Programmteil, den wir sehr gern unterstützen.
Ebenso wichtig ist der Kurzfilmbereich, der noch einmal ganz andere Möglichkeiten bietet, mit künstlerischen Positionen zu arbeiten und gezielt starke Impulse zu setzen. Unter dem Titel ‚Revolution to Community‘ entsteht hier ein spannendes Programm mit einer bewusst doppeldeutigen Perspektive.
Auch Formate, die sich mit Strategien des Widerstands beschäftigen, treffen genau ins Zentrum des diesjährigen Themas: Es geht darum, unterschiedliche Stimmen aus erster Hand zu hören und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.“
Alle Filme und Details findet man über die Website „goEast“ sowie Downloads von „Programm-Heft“, „Katalog“, „goEast Symposium“ und „goEast Fokus“.
