
Vom 21. bis 27. April 2026 verwandelt sich Wiesbaden erneut in einen zentralen Treffpunkt des mittel- und osteuropäischen Kinos: Das goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films feiert seine 26. Ausgabe – erstmals unter der Leitung von Rebecca Heiler. Veranstaltet vom DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, hat sich das Festival in mehr als einem Vierteljahrhundert zu einer der wichtigsten internationalen Plattformen für Filmkunst aus Mittel- und Osteuropa entwickelt.
Alljährlich bringt goEast nicht nur das regionale Publikum mit aktuellen Produktionen aus der Region in Berührung, sondern zieht bundesweit Besucher mit osteuropäischer Migrationsgeschichte sowie Fachpublikum aus der internationalen Filmbranche an. In einer geopolitisch weiterhin angespannten Lage versteht sich das Festival als Ort des Austauschs und der Auseinandersetzung – ästhetisch wie politisch. Neben Premieren, Filmgesprächen und Branchenveranstaltungen gehört auch die intensive filmhistorische Arbeit zum Profil: In Zusammenarbeit mit Archiven im In- und Ausland macht goEast das Filmerbe Mittel- und Osteuropas sichtbar. Sämtliche Reihen werden von ausgewiesenen Gastkuratoren und Filmexperten verantwortet.
Fokus 2026: Revolution!

Nach drei Jahren experimenteller Programmarbeit unter dem Leitbegriff „Cinema Archipelago“ setzt goEast 2026 einen klaren Schwerpunkt: „Revolution!“. Erstmals verbindet ein gemeinsames Motto nahezu alle Sektionen des Festivals – mit Ausnahme des Internationalen Wettbewerbs und des East-West Talent Lab.
Mittel- und Osteuropa sowie der postsowjetische Raum sind seit Jahrzehnten von Protestbewegungen und politischen Umbrüchen geprägt. Von den Befreiungskämpfen auf dem Balkan über die Russische Revolution, die Solidarność-Bewegung, die Friedliche und die Samtene Revolution bis hin zur Orangenen Revolution und der Revolution der Würde reicht das historische Panorama. Zugleich prägen aktuelle Proteste in Georgien, der Ukraine, Serbien, Bulgarien oder Litauen die Gegenwart. Wie ein Umsturz oder eine vom Volk getragene Revolte bewertet wird, hängt von Perspektive, Form (gewaltvoll oder gewaltfrei) und Ausgang ab. Gemeinsam ist den Revolutionen der Mut, Neues zu wagen, die Freude am Experiment, aber auch die Unsicherheit, die nach einem Umsturz entsteht. Wer füllt den neu gewonnenen Raum, wie geht man den ersten Schritt, nachdem „reiner Tisch“ gemacht wurde? Diesen Schwebezustand greift auch das diesjährige Festivalmotiv auf, gestaltet von der polnischen Künstlerin Zuza Banasińska, Gewinnerin des RheinMain Kurzfilmpreises 2025, die auch den diesjährigen Trailer realisierte.
Symposium: Filmische Strategien des Widerstands

Im Zentrum der inhaltlichen Vertiefung steht das von der Film- und Medienwissenschaftlerin Borjana Gaković kuratierte Symposium unter dem Titel „Filmische Strategien des Widerstands“. Die interdisziplinäre Plattform bringt Filmwissenschaftler, Filmschaffende und internationale Experten zusammen und richtet den Blick auf historische und gegenwärtige Ost-West-Konflikte sowie deren globale Auswirkungen.
In Vorträgen, Panels und Filmvorführungen werden politische, ästhetische und historische Formen widerständiger Filmpraxis untersucht. Die Ost-West-Beziehungen haben nicht nur die Weltpolitik im Kalten Krieg dominiert, sondern wirken bis heute fort. Das gegenwärtige Kräftemessen autokratischer Regime erhält neue Brisanz, während KI-gesteuerte Bilder soziale Netzwerke fluten, politische Komplexität reduzieren und Wahrnehmung beeinflussen. In dieser von Unsicherheit geprägten Gegenwart lädt das Symposium dazu ein, das Kino als Ort kollektiver Wissensproduktion und differenzierter Reflexion neu zu entdecken.
Als Symposiumskino dient traditionell das Murnau-Filmtheater, die Vorträge finden im Heimathafen im Alten Gericht statt. Unterstützt wird das Symposium von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von HessenFilm und Medien GmbH sowie der Landeshauptstadt Wiesbaden. Zu den Mitwirkenden zählen unter anderem Tara Najd Ahmadi, Christian Ferencz-Flatz, Timoteus Anggawan Kusno, Jan Eilhardt, Tobias Hering, Claus Löser, Ivan Velisavljević, Zsuzsa Zádori und Vika Leshchenko.
Das Filmprogramm spannt den Bogen von historischen Praktiken des Widerstands bis zu aktuellen Arbeiten. Die ungarischen Videomagazine Black Box treten in Dialog mit Klassikern wie The Year of the Cannibals von Liliana Cavani. Filme wie Berlin Unverkäuflich, Berlin, Videograms of a Revolution oder Brüder und Schwestern untersuchen filmische Ost-West-Beziehungen. Arbeiten aus Belarus, wie I Was Called to the Ball und Handbook, globale Zusammenhänge wie The Newborns und Coconut Head Generation. Weitere Beiträge widmen sich DDR, Serbien und der Ukraine.
Hommage an Andrzej Wajda

Ein besonderer Akzent liegt 2026 auf dem 100. Geburtstag des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda. Seine Biografie war vom Widerstand gegen Unterdrückung geprägt; seine Filme spiegeln politische Zäsuren des 20. Jahrhunderts. Werke wie Man of Iron erreichten Millionen Zuschauer, bevor sie 1981 verboten wurden. Gezeigt werden auch „Der Kanal“ und „Danton“.
Internationaler Wettbewerb

16 Deutschlandpremieren aus 2025 und 2026 konkurrieren um die Hauptpreise des Festivals: die mit 10.000 Euro dotierte Goldene Lilie für den Besten Film, den Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für Beste Regie, zwei Fipresci-Preise der internationalen Filmkritik sowie einen Dokumentarfilmpreis.
Kurzfilmwettbewerb goShorts – Revolutions per Minute

Der RheinMain Kurzfilmwettbewerb startet unter neuem Namen – goShorts – in die siebte Runde. Unter dem Titel „Revolutions per Minute“ stehen rebellische Kurzfilme im Mittelpunkt, die sich inhaltlich oder formal mit dem Kampf gegen den Status quo auseinandersetzen. Gezeigt werden Filme zu feministischen Kämpfen, demokratischen Bewegungen und subversiven Ansätzen gegen festgefahrene Vorstellungen von Film und Kunst.
Porträt: Ada Solomon
Erstmals porträtiert goEast eine Produzentin: Ada Solomon. Seit Beginn ihrer Karriere fördert sie junge Talente, von Radu Jude in seinen ersten Kurzfilmen bis zu Călin Peter Netzers Berlinale-Gewinner „Mutter & Sohn“ (2013). Als ausführende Produzentin von „Toni Erdmann“ (2016) und weiteren Filmen verortete sie Rumänien auf der europäischen Koproduktionskarte. Im begleitenden Werkstattgespräch werden ihre ästhetischen Entscheidungen, Produktionsrisiken und gesellschaftliche Wirkung diskutiert.
East-West Talent Lab
Noch bis zum 24. Februar können Nachwuchsfilmschaffende ihre dokumentarischen Projektideen einreichen. Das Talent Lab vernetzt junge Filmschaffende mit Produzenten, Redaktionen und Filmschaffenden aus Hessen und Deutschland. Neben Masterclasses, Workshops und Filmvorführungen werden zwei Preise vergeben: ein 3.500 Euro dotiertes Recherchestipendium zu Menschen- und Minderheitenrechten sowie der „Pitch the Doc“-Preis im Wert von 500 Euro.
Mit seinem klaren Fokus auf Revolution, der filmhistorischen Tiefe und dem starken Wettbewerb verspricht goEast 2026 eine Ausgabe, die politische Gegenwart, filmische Form und gesellschaftliche Debatten eindrucksvoll miteinander verbindet.
Infos: Filmfestival goEast
