
Die in diesen Tagen im arp museum Bahnhof Rolandseck eröffnete Ausstellung „Wirklich– Kunst und Realität 1400 – 1900“ widmet sich vom 29. März bis zum 6. September 2026 einer scheinbar einfachen, zugleich grundlegenden Frage: „Was ist eigentlich Wirklichkeit?“ Bilder zeigen selten nur das, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Sie spiegeln stets auch die Vorstellungen ihrer Entstehungszeit — religiöse Ideen, gesellschaftliche Werte, politische Absichten oder neue Perspektiven auf die Welt.
Anhand von 71 hochkarätigen Gemälden, Miniaturen, Skulpturen und Fotografien von 1400 bis 1900, vom mittelalterlichen „Kirchentheater“ bis zu „Spoerris Werk Faux Tableau Piège“, sind Besucher zu einer fulminanten Reise durch ganz unterschiedliche Facetten von „Realität“ aus kunstgeschichtlicher Perspektive eingeladen.

Dabei wendet sich die von Dr. Susanne Blöcker kuratierte Ausstellung „mit Vehemenz gegen die falsche Annahme, dass die „Wirklichkeit eigentlich nur noch im Auge des Betrachters liege“, so Dr. Julia Wallner, Direktorin Arp Museum Bahnhof Rolandseck. „Denn es ist nicht die Wirklichkeit, die im Auge des Betrachtens liegt, sondern es ist die Wahrnehmung der Wirklichkeit, die im Auge des Betrachters liegt“, so Wallner. Und das sei das, was auch heutige Schülerinnen und Schüler in Zeit von Fake-News und KI lernen müssten, nämlich „die Vertrauenswürdigkeit ihrer Quellen bewerten. Sie müssen lernen. eine wahre Aussage von einer falschen zu unterscheiden. Es geht weniger darum. in der Aufklärung Wissen anzuhäufen, sondern wirklich darum, zu verstehen, was wir sehen. Und ich glaube und ich bin überzeugt davon, dass wir als Museum dazu beitragen können“, so die ARP-Direktorin. Museen genießen laut der Studie „Das verborgene Kapital“ des Instituts für Museumsforschung ein besonders hohes Vertrauen als Ort verlässlicher Quellen. Und so dürfte die Ausstellung „Wirklich – Kunst und Realität 1400 – 1900“ insbesondere auch für Schüler eine wertvolle Einstiegshilfe über die Kunst in die Diskussion um Wahrheit und Wirklichkeit sein. Denn die Kunst bezieht sich eigentlich immer auf die wirkliche Welt bezieht. „Der große Unterschied der wirklichen Welt zu uns“ sei „in der Regel, dass die Kunst zweidimensional ist und die wirkliche Welt dreidimensional“, so Wallner. Das ist etwas, was ein Perspektivwechsel immer bedeute, und was natürlich nicht nur für die Betrachter, sondern auch immer die Herausforderung der Künstler ist..
Die Ausstellung „Wirklich“ gibt dafür umfangreiches Anschauungsmaterial und einfach auch „nur“ fantastische Kunst aus 5 Jahrhunderten.
Ausstellungsrundgang

Im ersten Raum, der unter dem Motto „Wer bin ich wirklich?“ steht, werden Besucher mit Johann Wolfgang von Goethes Zitat empfangen „Man sieht nur, was man weiß.“ Denn Wirklichkeit hinge auch davon ab, „wie und wo wir aufgewachsen sind, unter welchen kulturellen Bedingungen wir leben und aus welchem Kontext heraus wir die Welt wahrnehmen. Dieser Blick auf die Wirklichkeit verändert sich im Laufe der Jahrhunderte – und genau das zeigt die Ausstellung im Zeitraum von 1400 bis 1900.“, erläutert Kuratorin Dr. Susanne Blöcker beim Ausstellungsrundgang.
„Wir beginnen hier gewissermaßen bei uns selbst – in einem kleinen Kapitel über das Ich. In Zeiten von KI und täuschend echten Fakebildern wird die Inszenierung der eigenen Identität zu einem zentralen Thema: Welche Bilder sind glaubwürdig? Wen sehen wir tatsächlich in einem Porträt? Ist es wirklich die dargestellte Person – oder jemand anderes?“, so die Kuratorin
Die Inszenierung des „Ichs“

Doch Inszenierung, die bewusste Übertreibung, sei kein neues Phänomen. Auch historische Porträts zeigten bewusst gestaltete Selbstbilder, sagt Blöcker. Ein Beispiel ist der Earl of Sandwich, der sich in Perücke und Seidengewand als Mann von Welt inszeniert. Porträtiert vom Hofmaler des englischen Königs, zeigt er nicht nur, wer er ist, sondern vor allem, wer er sein möchte.
Dem gegenüber stehen Eremitenbilder des 17. Jahrhunderts: „Diese sich selbst verleugnenden Eremiten, die im 17. Jahrhundert, in Zeiten der Gegenreformation, als großes Vorbild für viele galten, stehen für Entindividualisierung und die Rücknahme des eigenen Ichs mit Blick auf eine überpersönliche Entität, egal welcher Art. Es ist in diesem Fall eben das Göttliche!“, vertieft Blöcker. Auch das sei eine Form der Inszenierung – die bewusste Abkehr vom eigenen Körper und von weltlichem Leben, wie sie bereits im frühen Christentum praktiziert wurde.
Am Ende bleibt vielen wie in Vanitas-Stillleben nur der Schädel – ein ernüchterndes Symbol der Vergänglichkeit. An dieser Wahrheit kommt letztlich niemand vorbei. Diese Werke erinnern daran, dass alles Irdische vergeht und mahnen zu Bescheidenheit und rechtzeitigen Reflexion über das eigene Leben.
Geborgenheit, die aus dem Glauben kommt

Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich zwei Skulpturen aus der Zeit um 1510, die ein Stifterehepaar des Spätmittelalters darstellen, tief verankert in der religiösen Glaubenswirklichkeit ihrer Epoche. Ursprünglich flankierten sie einen Altar und waren so positioniert, als dürften die Stifter dauerhaft neben ihm verweilen — gewissermaßen im fortwährenden Gebet um ihr Seelenheil, in der Hoffnung, möglichst rasch aus dem Fegefeuer erlöst zu werden.
Die Wirklichkeit dieser beiden Menschen war geprägt von der festen Überzeugung, unter dem Schutz jener Heiligen zu stehen, deren Namen sie trugen: Augustinus und Katharina. Diese Heiligen erscheinen ideell hinter ihnen und begleiten sie als schützende Fürsprecher. Für die Stifter waren sie keine bloßen symbolischen Figuren, sondern reale geistige Gegenwart.
So entwirft Blöcker die Lebensrealität zutiefst gläubiger Menschen des Spätmittelalters — eine Wirklichkeit, die aus heutiger Sicht fremd erscheinen mag, die für sie jedoch selbstverständlich und bewusst gewählt war.
Der Geisterfotograf
Eine echte Rarität der Ausstellung, gleich daneben, ist auch das leicht verwaschen wirkende Foto mit dem Titel „Nicht identifizierte Frau mit einem weiblichen Geist im Hintergrund“ (1869–1878) des berühmt-berüchtigten US-amerikanischen Geisterfotografen William H. Mumler. Im 19. Jahrhundert machte er sich die wachsende Gläubigkeit an höhere Mächte zunutze, indem er die damals neue Bildpraxis der sogenannten Geisterfotografie entwickelte.
Viele Menschen suchten im Spiritismus Halt — eine Bewegung, die als große Welle aus den USA auch nach Europa überschwappte. Sie gewann besonders vor und während des Ersten Weltkriegs an Bedeutung und erfasste zahlreiche Intellektuelle und Künstler. Selbst der Dichter Rainer Maria Rilke setzte sich intensiv mit spiritistischen Vorstellungen auseinander, ebenso wie Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, der versuchte, auf diese Weise Kontakt zu seinem im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn aufzunehmen.
Diese Sehnsucht machte sich Mumler gezielt zunutze. Durch das Übereinanderlegen mehrerer Fotografien erzeugte er scheinbare Erscheinungen Verstorbener und suggerierte den Anwesenden während spiritistischer Sitzungen, ihre verlorenen Angehörigen — die Tochter, das Kind oder andere geliebte Menschen — seien weiterhin gegenwärtig. Seine Bilder vermittelten den Eindruck, die Toten lebten in einer anderen Form fort und blieben den Hinterbliebenen nahe.
Damit erfüllte und missbrauchte Mumler ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Trost und Verbindung. Er erschuf Wirklichkeiten, die aus heutiger Sicht als fotografische Täuschungen gelten, die jedoch von vielen Zeitgenossen als wahr empfunden und geglaubt wurden.
Kirchentheater und andere „Wahrheits-Highlights“

Im Saal linkerhand dieses Entrees startet die Ausstellung chronologisch im Mittelalter mit vielen Highlights. Stellvertretend für die zig einzigartigen Exponate sei der „Himmelfahrtschristus“ erwähnt, der bei der Ostermesse an – für die Gläubigen nicht sichtbaren – Seilen in den Chorturm emporgezogen wurde, während gleichzeitig Blümchen von oben regneten und ein paar Engelchen aus Holz auch noch heruntergeflogen kamen. „Das war inszeniert, da hat man die Himmelfahrt erlebt, mit dem Ziel eben, den Glauben der Menschen lebendig zu halten und real werden zu lassen“, erzählt Dr. Blöcker.
Das Spiel mit der Täuschung
Aus heutiger Perspektive erscheinen Bilder des Mittelalters und der frühen Neuzeit häufig fremd. Zeitgenössische Betrachter verstanden sie jedoch grundlegend anders. Das Sichtbare war selten die eigentliche Aussage; nahezu jedes Bild besaß eine zweite Ebene — eine symbolische, moralische oder religiöse Bedeutung.
Stillleben etwa zeigen nicht nur Blumen oder Früchte. Sie verweisen auf Vergänglichkeit, auf moralische Entscheidungen oder auf religiöse Vorstellungen. Die damaligen Betrachter konnten diese Zeichen wie eine Bildsprache lesen. Was heute oft dekorativ wirkt, war einst voller Hinweise und Botschaften.
Im Kontext dieser religiösen Malerei des Mittelalters bis zum Spätmittelalter entstehen auch die ersten Stillleben. Das ist täuschend und will täuschend echt sein, besonders gut im Anna-Selbdritt-Werk des niederländischen Malers Meister Mansi-Magdalena von 1515, mit – ähnlich einer Zwiebel – mehreren Symbolebenen. Auf der Wirklichkeitsebene blicken Maria, ihre Mutter und das Enkelkind Jesus Christus den Betrachter an; man sieht ein an einer Kirsche knabberndes Vögelchen, einen aufgeschnittenen Apfel sowie einen täuschend echt wirkenden Rahmen. Auf symbolischer Ebene verweist der Apfel auf das Paradies, das Rot auf die Passion, als ob dort Christi Blut fließt. Dieser Apfel im Bild Anna Selbdritt verweist auf das Paradies, das ist der Paradiesapfel. Die Kirche, weil sie rot ist, verweist auf die Passion, als ob das Blut Christi dort fließt. In den düsteren Kirchen waren die Menschen von diesen annähernd dreidimensionalen Gemälden überwältigt.

Einen besonderen Schatz zeigt die Ausstellung auch mit Jan van Kessel d. Ä.s Ölgemälde „Tableau mit Insekten“, ca. 1660, in welchem sogar die Schatten der gemalten Insekten wiedergegeben werden, sodass die Menschen einstmals – als es weder Fotografie, TV noch Internet gab – tatsächlich ins Zweifeln kamen: „Krabbeln die wirklich über die Leinwand?“ „Ist das wirklich oder nicht?“ – das ist eben dieses Spiel mit der Täuschung, das man hier betreibt. „Ein kleines Bildchen, welches in sich hat!“, so die Kuratorin.
Rätselbilder und Gleichnisse
Im folgenden Ausstellungsbereich, rechter Raum, begegnen Besucher scheinbar alltäglichen Szenen des 17. Jahrhunderts: Menschen spielen, trinken oder zählen Geld. Auf den ersten Blick wirken diese Darstellungen vertraut und leicht verständlich. Doch auch sie besitzen eine verborgene Bedeutungsebene.
Ein Beispiel ist Hendrik ter Brugghens Darstellung einer Tricktrack spielenden Gruppe von 1627. Die Szene zeigt auf der Wirklichkeitsebene scheinbar Soldaten beim Zeitvertreib, verweist jedoch symbolisch auch auf die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn. Die moralische Botschaft lautet, dass Maßlosigkeit und fehlende Verantwortung zum Verlust führen können — eine Warnung, die bewusst in die Gegenwart des Künstlers übertragen wurde und die – zeitlos aktuell – auch für den heutigen Menschen gelten kann.

Ter Brugghen gehörte zu den sogenannten Caravaggisten. Nach Studien in Italien übernahm er die dramatische Lichtführung und die unmittelbare Nähe seines Vorbilds Caravaggio, wodurch die Szene besonders lebensnah wirkt und die Betrachter beinahe Teil des Geschehens werden.
Gleichnisbilder mit Hilfe von Enträtselbüchern verstehen
Dass Zeitgenossen solche versteckten symbolischen Bedeutungen und Gleichnisse wie in Ter Brugghen Tricktrack-Spieler-Bild entschlüsseln konnten, lag auch an sogenannten Enträtselbüchern. Künstler ließen ihre Werke durch Kupferstecher reproduzieren; die Drucke wurden gesammelt wie kleine Bilderbücher oder frühe Comics. Begleitende Verse erklärten die moralische oder religiöse Aussage der dargestellten Szenen. So wurde deutlich: Das Gezeigte war mehr als Alltag — es besaß eine zweite Bedeutungsebene, die entschlüsselt werden wollte.
Ähnlich funktioniert David Teniers’ Darstellung „Der Geiz“. Zu sehen ist eine alte Frau, die ihren Geldbeutel prüft. Zugleich verkörpert sie das Laster des Geizes. Im 17. Jahrhundert wurde diese Eigenschaft häufig dem Alter zugeschrieben — als Symbol für das Festhalten am Irdischen statt der Hinwendung zu geistigen Werten.
Die düstere und unbequeme Darstellung verstärkt die moralische Warnung. Auch solche Bilder wurden durch Rätselbücher erläutert und waren ihrem zeitgenössischen Publikum verständlich.

Wirkung bis ins 19. Jahrhundert
Diese Bildtraditionen wirkten bis ins 19. Jahrhundert nach, insbesondere bei den Malern der Düsseldorfer Schule. Ihre Historien- und Genrebilder greifen erzählerische Strategien des 17. Jahrhunderts erneut auf. Viele der ausgestellten Werke stammen aus der Sammlung Vollmer, einem wichtigen Leihgeber der Ausstellung, erläutert Dr. Bölcker.
Propaganda und „Fake News“
Bilder konnten jedoch nicht nur belehren, sondern auch täuschen. Ein Heerlagerbild von Philips Wouwerman zeigt den Dreißigjährigen Krieg als beinahe friedliches Zusammensein von Soldaten und Marketenderinnen — fast wie eine Picknickszene.
Heute ist bekannt, dass dieser Krieg zu den verheerendsten Katastrophen Europas gehörte. Das Bild entstand im Auftrag und sollte beruhigend wirken. Es präsentiert eine geschönte Wirklichkeit und kann als frühe Form visueller Propaganda verstanden werden. Bereits damals wurden Bilder eingesetzt, um Realität bewusst zu verzerren.
Der neue Realismus – Soziale Wirklichkeiten

Im 19. Jahrhundert verändert sich der Blick auf die Welt grundlegend. Nach der Revolution von 1848 und im Zuge der Industrialisierung entstehen neue gesellschaftliche Spannungen. Künstler wollen nun weniger symbolisieren oder idealisieren, sondern zeigen, was tatsächlich geschieht. Der Realismus entsteht.
Carl Wilhelm Hübners „Der Wucherer“ schildert die Ausbeutung einer Witwe und richtet sich unmittelbar an das soziale Gewissen der Betrachter. Auch Max Liebermann beobachtet gesellschaftliche Realität nüchtern und ohne Pathos, etwa im „Hof des Waisenhauses in Amsterdam“.d.
Angilbert Goebels monumentales Gemälde „Arme Leute“ von 1858 gehört zu den frühen deutschen realistischen Darstellungen. Eine alte Frau sitzt mit ihrem Enkel bettelnd vor einer Kirche — vermutlich Opfer der Landflucht infolge der Industrialisierung. Symbolik tritt hier zugunsten gesellschaftlicher Beobachtung zurück.
Eine bemerkenswerter Ausnahme findet sich bereits im späten 17. Jahrhundert: Jean Michelin zeigt in seiner Straßenszene eines Geflügelverkäufers das Pariser Alltagsleben ohne moralische Deutung oder satirische Überhöhung. Armut erscheint schlicht als beobachtete Realität — ruhig und ohne Urteil.
Romantik mit Humor

Parallel dazu entstehen im Biedermeier humorvolle Alltagsszenen. Johann Peter Hasenclevers „Die beiden Zeitungsleser“ zeigt Menschen in einem Leseclub, ein Zeichen wachsender Bildung seit der Aufklärung. Wer sich keine eigene Zeitung leisten konnte, las gemeinschaftlich und diskutierte politische Inhalte.
Zwischen den Lesern sitzt ein Hund, der scheinbar mitliest — ein augenzwinkerndes Detail. Hasenclever verbindet gesellschaftliche Beobachtung mit leiser Ironie und wurde deshalb gelegentlich als „Wilhelm Busch der Malerei“ bezeichnet.
Perspektivwechsel – Die Welt von oben

Den Abschluss in der Ausstellung bildet die malerische und fotografisch Verarbeitung des tiefgreifenden Wandeln des 19. Jahrhunderts: ein technologischer Perspektivwechsel auf vielen gesellschaftlichen Ebenen führt zu einem nie dagewesenen Perspektivenwechseln bei der menschlichen Wahrnehmung ihr Welt. Neue Erfindungen verändern den Blick auf die Welt, und erstmals wird die Geschwindigkeit der Moderne bewusst wahrgenommen.
Kaum ein anderer zeigt den Wandel des Zeitgeistes aufgrund neuer Möglichkeiten so klar wie dieFotografen Louis Jacques Mandé Daguerre und Nadar (Gasparad-Félix Tournachon): Nadar steigt mit einem Ballon über Paris auf und fertigt die ersten Luftaufnahmen an. Sein Ballon trug sogar eine Dunkelkammer an Bord; seine Frau Ernestine begleitete ihn in praktischer Männerkleidung — ein technisches und gesellschaftliches Abenteuer der Zeit.
Plötzlich wurde es möglich, die Welt von oben zu sehen. Diese neue Perspektive beeinflusste auch die Malerei. Junge Künstler, die später den Impressionismus prägen sollten, stellten erstmals im Atelier Nadars aus. Fotografen und Maler verfolgten nun ein gemeinsames Ziel: den flüchtigen Moment festzuhalten.

Gustave Caillebotte zeigt in seinen Pariser Dachlandschaften diesen neuen Blickwinkel. Die Malerei wirkt offener und spontaner; mitunter scheint sogar die Leinwand selbst sichtbar zu bleiben. Der Augenblick gewinnt Vorrang vor perfekter Ausarbeitung.
Die Ausstellung spannt damit einen Bogen von symbolischen Bildwelten über moralische Rätselbilder und politische Darstellungen bis hin zur unmittelbaren Beobachtung moderner Realität.
Fazit: Lernen „Wahrheiten“ infrage zu stellen und dies auszuhalten
„Die Ausstellung lädt dazu ein, Gewissheiten zu hinterfragen und sich auf die Vielschichtigkeit von Wirklichkeit einzulassen. Die gezeigten Kunstwerke erzählen nicht nur von einer Wahrheit. Sie stellen uns Rätsel, wollen in ihren komplexen Realitäten entblättert werden und lehren uns über unseren Horizont hinweg Wirklichkeit wahrzunehmen“, bringt es Kulturstaatssekretär Professor Dr. Jürgen Hardeck bei der Eröffnung auf den Punkt!

Deutlich wird: Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit oder eine Wahrheit. Wirklichkeit ist oftmals widersprüchlich. Sie entsteht stets im Zusammenspiel von Blick, Zeit und Interpretation — und verändert sich zudem kulturell mit jeder Epoche aufs Neue. Einst wie heute ist vom Menschen dabei ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz gefragt, um die Inkonsistenzen unterschiedlicher Wahrnehmung von Realitäten und Wahrheiten auszuhalten und nicht an dieser „Welt wachsender Unsicherheiten“ zu verzweifeln. Denn wie sagte schon der französische Philosoph Blaise Pascal: „Wahrheit diesseits der Pyrenäen ist Unwahrheit jenseits der Pyrenäen“.
Die Ausstellung ist sehr empfehlenswert, sollte jedoch mit Audioguide und/oder einer Führung besucht werden.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
