Museum Wiesbaden erhält das Alexej von Jawlensky-Archiv und blickt auf ein fulminantes Jubiläumsjahr zurück

© Museum Wiesbaden Bernd Fickert

Von den Seidenfliegen des Künstlers bis hin zu seinen Reisepässen. Alexej von Jawlenskys Nachlass gibt Einblicke in das Leben des berühmten Expressionisten. Zum 200. Geburtstag des Museums Wiesbaden zieht das Jawlensky-Archiv von Locarno/Muralto nach Wiesbaden. Über 40 Jahre lang hat Angelica Jawlensky Bianconi, die Enkelin Jawlenskys Schriftstücke und geliebte Gegenstände ihres Großvaters bewahrt. Das „Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky“ steht unter der Leitung von Dr. Roman Zieglgänsberger, dem Kustos für Klassische Moderne und ab 2027 wird es in Teilen im Zuge einer großflächigen Neupräsentation der weltweit bedeutendsten Kollektion an Gemälden des Blaue-Reiter Künstlers dauerhaft ausgestellt werden.

Am 1. April 2025 feierte das Museum Wiesbaden, Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, seinen 200. Geburtstag. Allein im Jubiläumsmonat April besuchten rund 20.000 Gäste anlässlich der Feierlichkeiten und Jubiläumsausstellungen das Museum. Ein Publikumsliebling ist seitdem das Veranstaltungsformat MuWi Stars, welches Mittwochsmittags dazu einlädt, die Mittagspause mit einer Kurzführung zu Themen aus Kunst und Natur zu kombinieren. Neben großangelegten Projekten wie die Doppelausstellung „Honiggelb“ über die Biene in der Kunst und der Natur oder die Herbstausstellung der Moderne „Feininger, Münter, Modersohn-Becker…“, kleineren Präsentationen — von Sven Drühls zeitgenössischen Landschaftsinterpretationen bis hin zu Louise Nevelsons ‚Objets trouvées‘ — bereicherten das mediale Rampenlicht auf Friedrich Heysers Jugendstilgemälde „Ophelia“, welches durch Taylor Swifts Musikalbum „The Fate of Ophelia“ eine weltweite Öffentlichkeit gewann und die Vorstellung der Wettbewerbsergebnisse für den Erweiterungsbau des Museums den Herbst. Nun rundet der Neuzugang des Jawlensky-Archives das Jubiläumsjahr ab. Im Jahr 2021 wurde öffentlich angekündigt, dass in den nächsten fünf Jahren das Alexej von Jawlensky Archiv aus dem Tessin in der Schweiz in das Museum Wiesbaden überführt werden soll. Angelica Jawlensky Bianconi – Enkelin des russisch-deutschen, stets europäisch fühlenden Künstlers – hat dies wahr gemacht: Sie schenkte das von ihr 40 Jahre lang in Locarno/Muralto geleitete Jawlensky-Archiv dem Museum Wiesbaden.

Jubiläumsfeierlichkeiten: 200 Jahre Museum Wiesbaden © Foto: Diether v Goddenthow

Der für die europäische Kunstgeschichte außerordentlich bedeutsame expressionistische Maler Alexej von Jawlensky war 1941 in Wiesbaden gestorben, wo er 20 Jahre gelebt und gewirkt hatte. Sein Sohn Andreas Jawlensky pflegte ab 1955 – nach der Rückkehr aus einer zehn Jahre dauernden, traumatischen Kriegsgefangenschaft in Russland – das Werk seines Vaters und begann noch in Wiesbaden das Archiv aufzubauen. Aufgrund des Einmarsches der sowjetischen Armee in Ungarn am 4. November 1956 beschloss die Familie Jawlensky aus Angst, erneut in russische Gefangenschaft zu gelangen, nach Locarno in die neutrale Schweiz überzusiedeln. Nach dem Tod von Andreas Jawlensky im Jahr 1984 betreuten seine Frau Maria mit ihren beiden Töchtern Lucia und Angelica das Archiv. 1998 übernahm die Kunsthistorikerin Angelica Jawlensky Bianconi die alleinige Leitung des Archivs und richtete Anfang 2000 einen ehrenamtlich tätigen, wissenschaftlichen Beirat ein. Auf der Ausstellungseröffnung „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“ im Jahr 2021 verkündete sie, dem Museum Wiesbaden das Archiv in den nächsten fünf Jahren schenken zu wollen. Als sprechendes Signal übergab sie damals dem Museum die Einbürgerungsurkunde Alexej von Jawlenskys, der aus Angst vor den Nationalsozialisten 1934 deutscher Staatsbürger geworden ist. Im Oktober 2025 setzte sie ihre großzügige Ankündigung schließlich um: Das Archiv wurde mit 110 Umzugskartons in das Museum Wiesbaden überführt. Hier wird es als „Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky“ unter der Leitung von Dr. Roman Zieglgänsberger fortgeführt.

Das Archiv umfasst eine Vielzahl an Korrespondenzen mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern von Kandinsky bis Kerkovius, die „Lebenserinnerungen“ sowie für die Provenienzforschung wertvolle historische Gemäldelisten, Werkaufnahmen und Adressbücher. Des Weiteren werden darin neben einer umfangreichen kunsthistorischen Bibliothek originale Fotografien, Urkunden, Möbel oder Gegenstände bzw. Memorabilia des Künstlers bewahrt – darunter aussagekräftige Reisepässe, die in vielen Gemälden Jawlenskys auftauchenden Vasen oder die bunten Seidenfliegen des stets elegant auftretenden Künstlers. Zuletzt übergab Angelica Jawlensky Bianconi den gesamten Schmuck, den der Künstler seiner Frau Helene über die gemeinsamen Jahrzehnte geschenkt hatte, dem Museum Wiesbaden. Darunter das von Jawlensky 1927 eigenhändig ausgeführte Medaillon „Abstrakter Kopf – Zärtlichkeit“.

Spätes Geburtstagsgeschenk: Seit Wochen pilgern Scharen von Swifties zu dem über Nacht populär gewordenen Jugendstilgemälde „Ophelia“. Gestern kamen sogar rund 200 Fans auf einen Schlag, um am „Swiftie-Event“ zwischen 14 und 16 Uhr teilzunehmen und das Gemälde von Friedrich Heyser zu feiern, das die amerikanische Sängerin Taylor Swift in ihrem Musikvideo zu „The Fate of Ophelia“ verwendet. © Foto: Diether v Goddenthow

„Dass zur weltweit bedeutendsten Jawlensky-Sammlung nun auch der schriftliche Nachlass sowie das über 70 Jahre angewachsene Archiv im Museum Wiesbaden hinzugekommen ist“, freuen sich Direktor Dr. Andreas Henning und Kustos für Klassische Moderne Dr. Roman Zieglgänsberger, „dafür ist Angelica Jawlensky Bianconi der größte Dank auszusprechen. Damit ist das Museum endgültig das maßgebliche Forschungszentrum zur Kunst Alexej von Jawlenskys.“

2027 wird die Jawlensky-Sammlung im Museum Wiesbaden neu arrangiert, bei dieser Gelegenheit werden auch Teile des Archivs öffentlich einsehbar präsentiert und wissenschaftlich zugänglich gemacht werden.