
„Für die besondere Fähigkeit, Geschichte verständlich zu machen, ohne sie zu vereinfachen“, ist der aus Funk und Fernsehen bekannte australische Historiker Christopher Clark am Sonntag, 10. Mai 2026 in der Paulskirche von Oberbürgermeister Mike Josef und Michael A. Gotthelf, Vorstandsvorsitzender der Ludwig-Börne-Stiftung, mit dem Ludwig-Börne-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Die Festansprache hielt Frank-Walter Steinmeier. Reinhard Müller, einziger Preisrichter und leitender FAZ-Redakteur hielt die Laudatio.
Clark hat wie kaum ein anderer mit seiner Perspektive von außen die großen europäischen Umbrüche erforscht: den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinem Bestseller Die Schlafwandler, die europäischen Revolutionen von 1848/49 in Frühling der Revolution sowie Aufstieg und Untergang Preußens in Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947. Der 1960 in Sydney geborene Clark gilt als einer der international profiliertesten Historiker seines Fachs und als Experte für preußische Geschichte. Er lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte an der University of Cambridge.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Clark durch seine vielbeachteten Veröffentlichungen bekannt, in denen er sich unter anderem mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs und europäischen Umbruchsphasen auseinandersetzt. Zudem moderierte er die ZDF-Dokureihen Deutschland-Saga und Europa-Saga. Für seine Verdienste um die deutsch-britischen Beziehungen wurde der in Großbritannien lebende Historiker 2015 von Elizabeth II zum Ritter geschlagen.
Ludwig Börne versuchte Phänomene wie Antisemitismus zu verstehen

Michael A. Gotthelf, Vorsitzender der Ludwig-Börne-Stiftung, warnte in seiner Begrüßung vor einer erstarkenden antisemitischen Volksfront, die versuche, „die Fortsetzung der Politik ihrer Großväter, ob national oder sozialistisch, zu legitimieren“. Komplettiert würde „die neue Volksfront der Antisemiten von einem Teil der von Deutschland Aufgenommenen in Frankfurt aus den muslimischen Ländern“, so Gotthelf, um die Frage zu stellen, wie wohl der Jude Ludwig Börne diese Entwicklung einst begleitet hätte – „wahrscheinlich mit spöttischen Kommentaren“, und er hätte wohl „gleichzeitig versucht, dieses Phänomen zu erklären“, so wie Börne in seinem Werk Schilderungen aus Paris (1822–1823) den damaligen deutschen Antisemitismus zu verstehen versuchte. Gotthelf zitierte: „Im untersten Geschosse wohnend, gedrückt von den sieben Stockwerken der höheren Stände, erleichtert es ihr ängstliches Gefühl, von Menschen zu sprechen, die noch tiefer als sie selbst, die im Keller wohnen. Keine Juden zu sein, tröstet [die Deutschen] über das Nichtvorhandensein von Bürgerrechten.“
Mike Josef lobte Clark, der es schaffe, Fenster in die Vergangenheit zu öffnen

„Geschichte ist komplex. Der Preisträger Prof. Sir Christopher Clark schafft es in seinen umfangreichen Werken, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen. Dabei wechselt er vom Weitwinkel zur Lupe, selbst kleine Ereignisse und Zeugnisse spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig werden die großen Linien nicht aus den Augen verloren: soziale Fragen, die öffentliche Meinung, die Rolle der Medien und Ordnungssysteme sowie Machtstrukturen“, sagte Oberbürgermeister Josef. Clark zeige dank seiner detaillierten Kenntnis der Geschichte Gegenmittel für die Probleme unserer Zeit auf. So fordere er für die Auseinandersetzung mit den europäischen Revolutionen von 1848 ein gemeinsames europäisches Erinnern. Der Oberbürgermeister ergänzte, dass das geplante Haus der Demokratie in Zusammenarbeit mit Land und Bund genau in diesem Sinne entstehe – als Raum für gelebte Demokratie, Erinnern und Debatte. „Ich danke dem Bundespräsidenten für seine unermüdliche Unterstützung für das Haus der Demokratie.“
Ein zweites Beispiel ist Ihr jüngstes Buch „Skandal in Königsberg“ über zwei Prediger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich in einem Strudel aus Gerüchten wiederfinden. Sie beschreiben wie immer detailliert den Ablauf einer Skandalisierung mit Fake News, Vorverurteilungen und Polarisierung und ziehen Schlüsse für unsere Zeit. Ich zitiere Sie aus einem Interview in der Frankfurter Rundschau aus dem Dezember 2025: „Ja, die Zeit vor 1914 war hochpolarisiert – innen wie außen. Die internationale Lage aber auch die Gesellschaften selbst waren tief gespalten. Allerdings war die Öffentlichkeit damals anders strukturiert: weniger feinkörnig fragmentiert als heute. Volksparteien hatten treue Anhängerschaften: […]. Die politische Landschaft war recht festgefügt
[… ]. Trotz aller Spannungen gab es eine Struktur, ein stabiles Koordinatensystem. Heute scheint die politische Landschaft dagegen völlig aufgelöst.“
Sie sprechen hier ein Phänomen der Gegenwart an: die Verunsicherung. Ihr multiperspektivischer Ansatz, die Geschichte zu betrachten unter Berücksichtigung der damaligen Bedingungen, ist die Grundlage für die Analyse der heutigen Zeit, sagte der Oberbürgermeister.

Festredner Frank Walter Steinmeier warb für das „Haus der Demokratie“
Bundespräsident Steinmeier sagte über den Preisträger, den er schon sehr lange kenne und „über alle Maßen“ schätze: „Er ist nicht nur einer der besten Kenner preußischer, deutscher und europäischer Geschichte. Er hat zudem die große Begabung, darüber so verständlich wie unterhaltsam, so pointiert wie ernsthaft schreiben zu können.“

Die Verleihung des Ludwig Börne-Preises sei nicht nur eine Ehrung „für Ihr wissenschaftliches Werk, sondern auch für Ihr waches Geschichtsbewusstsein“ unterstrich Steinmeier. Der Bundespräsident nahm die Preisverleihung außerdem zum Anlass, ein Plädoyer für die Zukunft der Paulskirche zu halten. Es sei an der Zeit, endlich einen weiteren Schritt für das künftige Haus der Demokratie voranzugehen. Es sollte jetzt eine gemeinsame Trägerstiftung von Bund, Land und Stadt Frankfurt geschaffen werden. „Wir sollten jetzt endlich verbindlich werden und einen Anfang machen“, sagte Steinmeier. „Für Frankfurt, für Hessen, für ganz Deutschland gilt: Die Paulskirche ist unser gemeinsames Erbe. Sie ist auch eine gemeinsame Verpflichtung, an die wir uns in Stadt, Land und Bund gemeinsam erinnern und der Verantwortung stellen sollten.“ Steinmeier wies zudem darauf hin, dass „wir die dunklen Seiten unserer Geschichte, die Verbrechen der Shoah, nicht verdrängen“ dürfen. Dass an sie erinnert werde, sei Mahnung für die Gegenwart. „Genauso wichtig aber ist es, immer wieder auch an das zu erinnern, was gelungen ist, was an Gutem versucht und erkämpft wurde, was als Vorbild für die Gegenwart wirksam sein kann“, betonte Steinmeier und sagte an den Preisträger gerichtet: „Mit diesem Preis soll nicht nur Ihr wissenschaftliches Werk geehrt werden, sondern auch Ihr waches Bewusstsein für mögliche Lehren aus der Geschichte.“
Clarks Blick auf Preußen – Laudatio von Reinhard Müller

Preisrichter Reinhard Müller würdigte Christopher Clark als „einen mitreißenden Erzähler von Geschichte, der uns unbefangen erklärt, wie wir wurden, was wir sind“, und erinnerte an den Wert preußischer Primärtugenden. In seiner Laudatio schätzte der leitende Redakteur der Frankfurter Allgemeine Zeitung vor allem die Herangehensweise des Geehrten, der „wirklich den anderen Blick“ habe. Clark nehme die europäische Dimension aus einer erweiterten Perspektive wahr „und hebt Schätze, die lange verborgen waren“, so Müller.
Der Laudator erinnerte an Clarks wichtige Wiederentdeckung Preußens, ganz aktuell auch in seinem Roman Skandal in Königsberg. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen von 2025, und zitierte Clarks „anderen Blick“ auf Preußen. Dieses Gebilde „Preußen“, das für Drill und Obrigkeit stand, aber auch für Verfolgung, die etwa Ludwig Börne am eigenen Leib erfahren habe, wurde von den Alliierten 1947 durch das Kontrollratsgesetz Nr. 46 aufgelöst. Sie betrachteten Preußen als eine Wurzel des deutschen Militarismus, der zu zwei Weltkriegen geführt habe.
Doch dieses Preußen, so sagte Reinhard Müller, „könne nämlich auch mit Freiheit, Toleranz und guter Ordnung in Verbindung gebracht werden“. Dafür stehe etwa der langjährige sozialdemokratische Ministerpräsident Otto Braun, der sogenannte „Rote Zar von Preußen“, der aus Preußen ein republikanisches Bollwerk habe machen wollen und zugleich dessen strukturelle Tugenden geschätzt habe. Müller zitierte dabei den Historiker Christopher Clark, der Otto Braun folgende preußische Eigenschaften zuschreibt: „Unstillbarer Arbeitseifer, sein Blick fürs Detail, seine Abneigung gegen jede Art von Selbstdarstellung und seine hohe Wertschätzung des Staatsdienstes.“
In diesem Zusammenhang erinnerte Müller an die Debatte über sogenannte Sekundärtugenden. Ein früherer SPD-Vorsitzender habe Helmut Schmidts Betonung von Pflichtgefühl kritisiert und erklärt, „mit diesen Sekundärtugenden könne man auch ein KZ betreiben“. Das möge zutreffen, sagte Müller, doch eine völlige Abkehr von solchen Tugenden halte er für gefährlich: Wenn „die Bahn nicht mehr fährt“, die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht mehr gewährleistet würden, die Wehrfähigkeit verloren gehe und kaum noch jemand bereit sei, dem Gemeinwohl zu dienen, dann entstehe ein Vakuum. Müller formulierte zugespitzt: „Dann kommen die an die Macht, die keine Primärtugenden haben.“

Den „preußischen Geist im guten Sinne“ brauche man auch heute noch, so Müller. Ideale ließen sich ohnehin nicht verbieten. Vieles Preußische habe Eingang in die deutsche Grundordnung gefunden – „bis hin zur Wehrpflicht“. Ebenso wichtig sei jedoch eine andere Pflicht geworden: das Gespür dafür, wann man nicht mehr gehorchen dürfe, wann man nicht mehr mitmachen könne, „weil Gehorsam keine Ehre bringt“.
Preußen stehe deshalb nicht nur für Disziplin und Pflichtbewusstsein, sondern auch für Widerstand gegen Unrecht. Es verkörpere ebenso ein „Bis hierhin und nicht weiter!“ – und wenn Konflikte weitergeführt würden, dann „nur auf zivilisierte Art“. Diese Haltung sei keineswegs von geografischer Größe oder Macht abhängig. Die Ukraine zeige das täglich, ebenso Dänemark. Haltung bemesse sich nicht an territorialer Größe, sondern an moralischer Standfestigkeit. So habe es in Preußen – einmalig in Europa – ein Recht auf Gehorsamsverweigerung gegeben, was zu dem geflügelten Satz geführt habe: „Dafür hat Sie Majestät zum Stabsoffizier gemacht, damit Sie wissen, wann Sie nicht mehr zu gehorchen haben!“
Dieser Gedanke habe früh Eingang in die deutsche Militärstrafgerichtsbarkeit gefunden – lange bevor Deutschland eine Demokratie geworden sei. Müller erinnerte daran: Wenn ein Befehl eine Straftat bedeute, dürfe er nicht befolgt werden.
Heute gebe es hoffentlich – anders als in der Weimarer Republik – genügend Demokraten, die hinter der Republik und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stünden. Gerade das sei „preußisch im besten Sinne“. Es wäre gut gewesen, fügte Müller hinzu, wenn auch Ludwig Börne bereits auf solche Staatsdiener getroffen wäre.
Für Börne galt: „Ich liebe nicht den Juden, nicht den Christen, weil Jude oder Christ: ich liebe sie nur, weil sie Menschen sind und zur Freiheit geboren. Freiheit sei die Seele meiner Feder, bis sie stumpf geworden ist oder meine Hand gelähmt“, zitierte der Laudator den Begründer des Feuilletons. Börne sei überzeugt gewesen: „Man kann eine Idee durch eine andere verdrängen, nur die der Freiheit nicht“, so Müller.
Clarks Dankesrede war eine Laudatio auf Börne

Für den Historiker Christopher Clark war es, wie er gleich zu Beginn seiner Dankesrede sagte, eine besondere Ehre, den nach Ludwig Börne benannten Ludwig-Börne-Preis entgegenzunehmen. Schon der Name des Publizisten und Schriftstellers selbst, aber auch die Reihe der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger verliehen dieser Auszeichnung ein besonderes Gewicht.
Im Zentrum von Clarks Rede stand Börnes Text Ferienreise eines deutschen Journalisten aus dem Jahr 1820 — ein Werk, das Clark nicht nur als literarisches Dokument, sondern als präzise politische Seismografie seiner Zeit deutete. Der Text beginne, so Clark, mit einer irritierenden und zugleich komischen Selbstbeschreibung. Börne erkläre sich selbst zum Hypochonder und offenbare seinen Lesern eine Reihe bizarrer Symptome: Er bilde sich ein, gläserne Hände zu besitzen, und fürchte, sich beim Schreiben die Finger zu zerbrechen; er könne die Zahl 13 nicht aussprechen, und er träume sogar von Napoleon Bonaparte, der von St. Helena entkommen sei und ihn vor dem Bockenheimer Tor in Frankfurt nach dem Weg zur Eschenheimer Gasse frage, um dort beten zu können.
Was zunächst wie eine seltsame Folge persönlicher Fieberträume erscheine, las Clark als „verschlüsselte Verweise auf die Gegenwart“, etwa Börnes Unfähigkeit, die Zahl 13 aussprechen zu können. Dies könnte eine Chiffre auf das Jahr 1813 sein, jene patriotische Mobilisierung während der Befreiungskriege gegen Napoleon, in deren Folge nicht nur Freiheitsbewegungen, sondern auch nationalistische und antisemitische Strömungen hervorgingen. „Denn die als Dreizehner bekannten jungen Männer, die sich freiwillig zum Kampf gegen Napoleon gemeldet hatten, waren in vielen Fällen zu politischen Aktivisten geworden.“

Bereits der preußische Militärphilosoph Carl von Clausewitz habe, so Clark, dieses Problem erkannt. „Die Kriege wären zwar vorbei, Napoleon wäre fest an sein Inselgefängnis St. Helena gekettet, und damit sei der Moment gekommen, in dem Frieden und Ordnung auf dem gesamten Kontinent hätten eigentlich einkehren müssen. Doch das Gegenteil sei eingetreten. Ein Geist fieberhafter Unruhe durchdringe das öffentliche Leben.“ Die Befreiungskriege hätten der deutschen Jugend ein Gefühl ihrer Macht vermittelt; die Freiwilligen hätten sich als Stellvertreter der deutschen Nation verstanden. „Damit hat Clausewitz das Problem der Freiwilligen benannt: Niemand hatte ihn gezwungen zu fechten, wer sollte ihn also zwingen, aufzuhören.“
Wie Börne allzu gut gewusst habe, so konstatierte Clark, „hegten viele dieser Patrioten gemischte Gefühle gegenüber den lieben deutschen Zeitgenossen, ob diese nun konvertiert waren oder nicht“. Um 1815 habe, zitierte Clark den Schriftsteller Saul Ascher, „viele gebildete Deutsche die ‚Germanomanie‘ erfasst“. „Der Fanatismus“, schrieb Ascher, „kennt keine Grenzen. Er blieb bei der Idee, die Juden in seinen geißelnden Höhlen zu lassen, nicht stehen. Kaum war Frankreichs Despotismus gebrochen, so gingen unsere Germanomanen noch weiter: Alles Fremdartige sollte von Deutschlands Boden entfernt werden.“
Börne sei zwar vom patriotischen Eifer im Kampf gegen Napoleon zunächst selbst mitgerissen worden, „kam jedoch später zu der Ansicht, dass der Patriotismus in die falsche Richtung gelenkt worden sei“, sagte Clark und setzte dies in Verbindung zu Börnes letztem Fiebertraum, „wo ein verirrter Napoleon den Träumer um Rat bittet, weil er sein Gebet in der Eschenheimer Gasse gerne verrichten möchte“.
Und „was könnte die Prekarität des Journalisten in einem Zeitalter der Zensoren, Überwachung sowie der Polarisierung der Meinung besser vermitteln als das Bild zerbrechender Hände?“, fragte Clark. Für den politischen Journalismus seien es gefährliche Jahre gewesen. Insbesondere nach der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue „im Namen Gottes und des deutschen Volkes“ durch den Theologiestudenten Karl Ludwig Sand im Jahr 1819 habe es „eine bundesweite, von Metternich in Wien koordinierte Aktion“ gegeben, „um die oppositionellen Netzwerke der Patrioten und Studenten sowie ihrer literarischen Förderer zu zerschlagen“. Börne sei 1819 nach Paris gereist und nach seiner Rückkehr nach Frankfurt Anfang 1820 verhaftet worden. Es war die Zeit der Karlsbader Beschlüsse, die Pressefreiheit und politische Opposition massiv einschränkten.
Doch sei man bei Börne weit entfernt von Jean-Jacques Rousseaus „einsamem Träumer“, sagte Clark. Denn durch seine „ausgeprägte Zeitgenossenschaft, seine Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment, sein Bestreben, die Strukturen des Tempos des Denkens einzufangen, sowie durch die Vielfalt unterschiedlicher Töne und Blickwinkel“ habe Börnes Schreibstil „eine der Vorlagen für den modernen Feuilletonjournalismus“ geschaffen. Es habe im 19. Jahrhundert Momente gegeben, „in denen Kritiker als Schiedsrichter der Gegenwart auftraten und eine Wissenschaft des Verstehens anwandten, deren Ziele nicht weniger ehrgeizig waren, und manchmal sogar mehr, als die der Werke, die sie untersuchten. Börne gehörte zu den Hauptgestaltern dieses Moments“, erläuterte Clark.
Börnes oftmals nervöser Wechsel zwischen Stimmungen und Perspektiven, die Vielfalt der Tonlagen und die kunstvolle Arbeit mit widersprüchlichen Fragmenten seien weit mehr als bloße Stilmittel gewesen. Börne schreibe einmal mit unmittelbarer Schärfe, dann wieder indirekt und verschlüsselt. Statt einen festen Standpunkt vorzugeben, lasse er unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander bestehen. Für Clark war dies Ausdruck einer besonderen Wahrnehmungsform, geprägt von den politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen seiner Zeit.
Börnes geträumte Begegnung mit Napoleon richte den Blick, so Clark, auf eine Welt, in der ein großer historischer Sieg zugleich den Keim einer schweren Niederlage in sich trug. Die Befreiung Europas von Napoleon führte vielerorts nicht zur Ausweitung politischer Freiheit, sondern zu neuer Restauration und Überwachung. Gerade deshalb wirke Börne heute erstaunlich gegenwärtig. Auch in unserer Zeit werde wieder gefragt, was aus jenem Triumph des Westens geworden sei, den Francis Fukuyama 1990 in seinem Essay über das „Ende der Geschichte“ beschrieben hatte.
So erschien Börne in Clarks Rede nicht nur als historische Figur aus einer vergangenen Epoche, sondern als sensibler, nervöser und selbstzweifelnder Beobachter politischer Krisen — als ein Autor, dessen Sprache und Herangehensweise, nämlich um die Hintergründe von Entwicklungen bemüht zu sein, bis heute lesbar wie ein Zeitgenosse sei.
Podiumsgespräch

Anschließend stellte sich Christopher Clark in einem Dreiergespräch den Fragen von Michael A. Gotthelf und Reinhard Müller. Dabei ging es um die Zukunft der Demokratie, den Nutzen historischen Wissens, die Kriege in der Welt und ihre Krisen sowie um den Nutzen von Geschichte. Einen Dritten Weltkrieg heraufziehen sehe Clark nicht, auch die Demokratie selbst sei nicht wirklich in Gefahr, sondern vielmehr ihre liberale Substanz: Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Pressefreiheit und Minderheitenschutz. Demokratische Verfahren allein garantierten noch keine liberale Ordnung. Mit Blick auf Donald Trump und Viktor Orbán warnte Clark vor der schleichenden Aushöhlung demokratischer Institutionen durch illiberale Bewegungen, die durchaus auf demokratischem Weg an die Macht gelangen könnten.
Auf die Frage nach dem Nutzen der Geschichte widersprach Clark der Vorstellung, Historiker könnten politische Gebrauchsanweisungen liefern. Geschichte sei keineswegs nutzlos — sie schule das Urteilsvermögen. Aber auch Historiker könnten nicht in die Zukunft sehen. Dazu griff Clark ein Bild des Dichters Samuel Taylor Coleridge auf: Wir säßen alle in einem Boot, dessen Laterne hinten hänge. Man sehe deshalb nur die Wellen, durch die man bereits gefahren sei, nicht aber jene, die vor einem lägen. Die Vergangenheit sei das einzige Licht, das wir hätten — doch es leuchte nicht nach vorn.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
siehe auch „Christopher Clark hält Festrede zu 75 Jahre Leibniz-Institut für Europäische Geschichte„
