
Die Ausstellung widmet sich seinem Leben und Werk und zeigt zahlreiche Exponate wie Drehbücher, Fotos, Requisiten und Kostüme. Ein Highlight ist der von Wim Wenders selbst eingesprochene Audioguide. Außerdem hat Wenders eine immersive Installation gestaltet, die in seine Bildwelten eintauchen lässt. (v.li.) Isabelle Louise Bastian, Kuratorin der W.I.M.-Ausstellung , Marion Döring, Vorstand Wim Wenders Stiftung, Wim Wenders, Regisseur, Hella Wenders, Geschäftsführerinnen der Wim Wenders Stiftung, Hans-Peter Reichmann, Kurator der W.I.M.-Ausstellung und Christine Kopf, Künstlerische Direktorin des DFF © Foto Diether v. Goddenthow
Mit W.I.M. Im Lauf der Zeit widmet das DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum vom 11. März bis 18. Oktober 2026 einem der bedeutendsten deutschen Filmemacher eine umfassende Ausstellung. Wim Wenders, international gefeierter Regisseur, Produzent, Fotograf, Autor und bildender Künstler, prägt seit mehr als sechs Jahrzehnten die Film- und Kulturlandschaft weltweit. Die Frankfurter Schau knüpft an die Ausstellung W.I.M. Die Kunst des Sehens an, die anlässlich seines 80. Geburtstags 2025 gemeinsam mit der Bundeskunsthalle Bonn realisiert wurde, und setzt nun einen neuen inhaltlichen Schwerpunkt.
Die Ausstellung beleuchtet Leben und Werk eines Künstlers, der sich selbst in erster Linie als Reisender versteht — „Reisender zuerst, dann Regisseur oder Photograph“. Das Akronym „W.I.M.“ darf daher auch als „Wenders in Motion“ gelesen werden: Bewegung, Ortswechsel und das Unterwegssein bilden den roten Faden seines Schaffens.
Ein Künstler des Unterwegsseins
Wim Wenders zählt zu den zentralen Vertretern des Neuen Deutschen Films. Seine Werke erzählen häufig von suchenden Figuren, die sich in Bewegung befinden — unterwegs mit Zug, Auto, Motorrad, Schiff oder Flugzeug. Mit dieser Perspektive brachte Wenders das Road Movie ebenso wie Rockmusik und Einflüsse der US-amerikanischen Popkultur ins deutsche Kino und begeisterte bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren ein internationales Publikum.

Der Filmkritiker Wolfram Schütte beschrieb die Rolle Wenders’ innerhalb dieser Filmbewegung treffend: Wenn Alexander Kluge ihr Kopf gewesen sei, Werner Herzog ihr Wille, Volker Schlöndorff ihre Hände und Füße und Rainer Werner Fassbinder ihr Herz, dann sei Wim Wenders ihr Auge gewesen. Tatsächlich prägen eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und große Empathie seine Arbeiten — Eigenschaften, die sowohl Orte als auch innere Zustände seiner Figuren sichtbar machen.
Reisen ist dabei nicht nur Thema, sondern Methode. Oft steht am Anfang eines Films ein Ort: eine Landschaft, eine Stadt oder ein unscheinbarer Platz, der eine Geschichte hervorruft. Wenders arbeitet bevorzugt mit offenen dramaturgischen Strukturen, entlang einer Reiseroute, auf der sich der Film Schritt für Schritt entfaltet.
Inspirationen und künstlerische Entwicklung
Im eigens produzierten Audioguide begleitet Wim Wenders die Besucherinnen und Besucher persönlich durch die Ausstellung und erzählt von seiner Kindheit im zerstörten Nachkriegsdeutschland, seiner frühen Leidenschaft für Malerei und Film sowie von prägenden kulturellen Einflüssen — der Faszination für die USA ebenso wie seiner tiefen Verbindung zu Japan, inspiriert durch die Filme des Regisseurs Yasujirō Ozu.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Wenders’ künstlerischer Weg lange vor dem Kino begann. Zeichnungen, Aquarelle und Collagen aus den 1960er-Jahren zeigen den jungen Künstler auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache. Eine Collage des 23-jährigen Wenders erschien 1968 auf dem Umschlag der Suhrkamp-Erstausgabe von Peter Handkes Stück Kaspar — der erste publizierte Beleg seiner ursprünglich angestrebten Karriere als bildender Künstler.
Nach einem Aufenthalt in Paris, wo er als Assistent des Grafikers Johnny Friedlaender arbeitete und regelmäßig die Cinémathèque française besuchte, wurde Wenders an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin aufgenommen. Dort fand er das Medium, das Malerei und Bewegung miteinander verbinden konnte: das Kino als „Malerei mit anderen Mitteln“.
Filme, Musik und neue Bildformen

Wenders versteht sich als Künstler in permanenter Entwicklung. Seine Arbeit ist geprägt von Neugier auf neue Genres, technische Innovationen und interdisziplinäre Begegnungen mit Tanz, Architektur, Mode und Musik. Zahlreiche internationale Auszeichnungen spiegeln diese künstlerische Bandbreite wider, darunter die Goldene Palme in Cannes für Paris, Texas (1984) und Der Himmel über Berlin (1987) sowie eine Oscar®-Nominierung für Perfect Days (2023). Zuletzt erhielt er den European Lifetime Achievement Award der European Film Academy und war Präsident der internationalen Jury der Berlinale.
Eine besondere Rolle spielt dabei stets die Musik — ein Aspekt, der auch im parallel zur Ausstellung stattfindenden Festival Wim Wenders: Driven by Music in der Alten Oper Frankfurt im Mittelpunkt steht. Filmvorführungen mit Live-Musik, Gespräche und eine Lectureperformance eröffnen ein erweitertes Fenster in Wenders’ Universum aus Bild und Klang.
Die Ausstellung: Eine Reise durch Werk und Denken
W.I.M. Im Lauf der Zeit führt in elf thematischen Kapiteln durch Wenders’ künstlerisches Denken. Atmosphärisch gestaltete Räume widmen sich wiederkehrenden Motiven wie Road Movies, Engeln, Literatur, Musik, Amerika oder Japan. Filmsequenzen lassen sich über eine interaktive Jukebox abrufen und ermöglichen individuelle Wege durch das Werk.
Zahlreiche Exponate aus dem Archiv der Wim Wenders Stiftung — darunter Drehbuchentwürfe, Notizbücher, Korrespondenzen, Fotografien, Requisiten und Kostüme — werden durch Bestände des DFF ergänzt. Architekturentwürfe der Filmarchitektin Heidi Lüdi, Setfotografien sowie Interviews mit langjährigen Wegbegleiterinnen wie Kameramann Robby Müller, Editor Peter Przygodda oder den Schauspielerinnen Lisa Kreuzer und Rüdiger Vogler eröffnen Einblicke in die kollektiven Entstehungsprozesse seiner Filme.
Ein eigens eingerichtetes 3D-Kino präsentiert eine Kompilation aus Wenders’ stereoskopischen Arbeiten, während eine für Frankfurt entwickelte Film-Jukebox das Publikum interaktiv zu den Drehorten seiner Filme führt — eine filmische Reise durch Zeiten und Räume.
Immersive Wenders-Show

Im Zentrum der Ausstellung steht eine von Wim Wenders selbst konzipierte immersive Installation im zweiten Obergeschoss des Museums. In einem hexagonal angelegten Raum hat er auf mehreren Projektionsflächen Bild- und Klangwelten aus seinen wichtigsten Filmen zusammengeführt. Die Besucherinnen und Besucher sitzen in der Mitte und erleben die Szenen anders als im Kino: nicht aus einer festen Perspektive, sondern gleichzeitig aus mehreren Blickwinkeln — oder, wie Wenders es nennt, „kubistisch“. Die rund 30-minütige Projektion beginnt anschließend automatisch erneut.
Filmausschnitte sind hier zu einer räumlichen Erfahrung montiert. Sie erscheinen leicht zeitversetzt, werden teilweise durch bislang unverwendetes Material ergänzt und mit prägenden Musikstücken verbunden. So entsteht weniger eine klassische Videokunstinstallation als vielmehr ein begehbarer Überblick über Wenders’ filmisches Schaffen — eine Einladung, sich frei durch seine Bilder- und Klangwelt zu bewegen.
Frankfurt und Wim Wenders

Mit Frankfurt verbindet Wim Wenders eine jahrzehntelange Beziehung. Bereits in den 1970er-Jahren wurden seine frühen Filme im damaligen Kommunalen Kino gezeigt; zeitweise lebte er im Westend. Das Deutsche Filmmuseum präsentierte 1988 erstmals seine Fotografien der Motivsuche, und auch für Dreharbeiten nutzte Wenders wiederholt Orte rund um den Schaumainkai, etwa für die Anfangssequenz von Lisbon Story (1994).
Mit der Ausstellung kehrt der Regisseur nun nicht nur als Gast, sondern als aktiver Mitgestalter zurück: Er entwickelte die immersive Installation selbst und spricht den Audioguide persönlich ein.
Biographische Stationen Wim Wenders
Wim Wenders, geboren am 14. August 1945 in Düsseldorf, zählt zu den bedeutendsten deutschen Regisseuren, Drehbuchautoren und Fotografen des Neuen Deutschen Kinos. Sein künstlerischer Weg verlief keineswegs geradlinig: Erst über Umwege und eine entscheidende Ablehnung fand er zu jenem Medium, das ihn international bekannt machen sollte — dem Film.
Nach dem Abitur in Oberhausen begann Wenders zunächst ein Studium der Medizin und Philosophie, das ihn nach München, Freiburg und Düsseldorf führte. Doch schon nach vier Semestern brach er sein Studium ab, da er zunehmend nach einer künstlerischen Ausdrucksform suchte. 1966 zog er nach Paris mit dem Ziel, Malerei zu studieren. Die Bewerbung an einer Kunstschule wurde jedoch abgelehnt — ein Wendepunkt, der sich rückblickend als prägend für seine spätere Laufbahn erwies.

Während seines Aufenthalts in Paris widmete sich Wenders intensiv der Kunst und entdeckte zugleich seine Leidenschaft für das Kino. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland entschied er sich endgültig für den Film und studierte von 1967 bis 1970 an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Dort entwickelte er jene filmische Handschrift, die ihn bald zu einem zentralen Vertreter des Neuen Deutschen Films machte. 1971 gehörte er zu den Mitbegründern des Filmverlags der Autoren, einer wichtigen Institution für die künstlerische Unabhängigkeit deutscher Filmschaffender.
In den folgenden Jahren entstanden Filme, die heute zu den Klassikern des europäischen Autorenkinos zählen. Werke wie Alice in den Städten (1974), Der amerikanische Freund (1977), Paris, Texas (1984), der mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, sowie Der Himmel über Berlin (1987) machten Wenders international bekannt und prägten das Bild des deutschen Kinos im Ausland nachhaltig.
Neben seinen Spielfilmen erlangte Wenders auch mit Dokumentarfilmen große Anerkennung. Produktionen wie Buena Vista Social Club (1999) oder Pina (2011) zeigen sein besonderes Interesse an Musik, Tanz und künstlerischen Persönlichkeiten. Für seinen Film Perfect Days erhielt er 2024 eine Oscar-Nominierung als Bester internationaler Film.
Parallel zu seiner filmischen Arbeit engagierte sich Wenders intensiv in der Lehre. Von 1993 bis 2017 war er Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und unterrichtete zudem an der HFF München. 2012 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Donata Wenders die Wim Wenders Stiftung, die sich der Bewahrung, Restaurierung und Vermittlung seines filmischen Werks widmet sowie die Förderung junger Filmschaffender unterstützt.
So verbindet Wim Wenders bis heute künstlerische Praxis, filmhistorisches Bewusstsein und die Weitergabe von Erfahrung — als Filmemacher, Lehrer und Bewahrer eines internationalen Kinoerbes.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Begleitprogramm
Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Filmreihen, Vorträgen, Workshops, Führungen sowie einer Master Class mit Wim Wenders ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit seinem Werk.
Alle weiteren Details: https://www.dff.film/ausstellung/w-i-m-im-lauf-der-zeit/
