Eröffnet: „Shalom am Rhein. 1.000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz“ zum fünfjährigen UNESCO-Jubiläum im Mainzer Landesmuseum

Ab 15. Januar 2026 führt im Landesmuseum Mainz die neue Dauerausstellung „Shalom am Rhein“ durch über 1000 Jahre jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz – von den SchUM-Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz, die im Mittelalter das gesamte europäische Judentum prägten und heute UNESCO-Welterbe sind, bis in die Gegenwart. © Foto Diether v. Goddenthow

Die neue rheinland-pfälzische Landesausstellung „Shalom am Rhein. 1.000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz“ wurde am 14. Januar 2026 feierlich in der Steinhalle des Landesmuseums Mainz von Ministerpräsident Alexander Schweitzer gemeinsam mit Innenminister Michael Ebling, GDKE-Generaldirektorin Dr. Heike Otto und Museumsdirektorin Dr. Birgit Heide eröffnet.

Ministerpräsident Alexander Schweitzer sagte bei der Ausstellungseröffnung unter anderem: „„Die Eröffnung der neuen Ausstellung im Jahr des fünfjährigen UNESCO-Jubiläums von SchUM ist ein starkes und sichtbares Zeichen für die Bedeutung des jüdischen Erbes in Rheinland-Pfalz. Sie unterstreicht den gemeinsamen Anspruch des Landes, dieses einzigartige religiöse, kulturelle und intellektuelle Erbe dauerhaft zu vermitteln und zu bewahren. “ © Foto Diether v. Goddenthow

Ab dem 15. Januar führt die neue Dauer-Ausstellung durch tausend Jahre aschkenasisch-jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz – von den SchUM-Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz, die im Mittelalter das europäische Judentum maßgeblich prägten und heute UNESCO-Welterbe sind, bis in die Gegenwart.

Ausstellungs-Parcours in Form eines Davidsterns

Eine der Sternspitzen: rechts geht es zu „Auf das Leben – Jenseitsvorstellungen im Judentum“, links in den Ausstellungsbereich: „Engagieren“ – „Mit guten Taten die Welt gestalten“, „Gerechtigkeit üben“ und „Tikkun Olam – Die Reparatur der Welt“. © Foto Diether v. Goddenthow

Vom Aufbau her folgt die Ausstellung einem riesigen Davidstern, der die Besucher außen herum entlang eines großen Zeitstrahls – beginnend mit der Gründung des SchUM-Verbandes der drei Städte Mainz, Worms und Speyer – durch die Spuren jüdischen Lebens in Rheinland-Pfalz führt. Mit dem SchUM-Verband wurden gemeinsame Rechtssatzungen beschlossen, die das Leben der Jüdinnen und Juden in ihrer neuen Heimat regelten – und dies nicht nur für die drei Gemeinden, sondern für ganz Europa nördlich der Alpen, die bis ins 14. Jahrhundert hinein verbindlich waren. Diese Satzungen wurden von jüdischen Gelehrten niedergeschrieben, etwa von Rabbi Rabbi Maharil (siehe unten).

Ausstellungs-Themen von „Alles koscher?“ bis „Vertreibung“

Innenminister Michael Ebling und Museumsdirektorin Dr. Birgit Heide im Ausstellungsbereich Jüdische Feiertage, Lebensereignisse und Alles koscher, bei einer digitalen koscheren Menü-Auswahl. © Foto Diether v. Goddenthow

Im Inneren des Davidsterns werden Inhalte und Themen vertieft, darunter „Tradition und Erneuerung“, „Schutz und Ausgrenzung“, „Vertreibung aus der Stadt – das Landjudentum“, „Zeit der Moderne – Rückkehr in die Städte“, „Lebendige Zentren“, „Jüdische Erwerbswege: Handel, Handwerk, Wandel“, „Lernen als Pflicht und Lebensweg“, „Aufklärung und Bildung – die jüdische Haskala“, „Bücher bewahren: Wissen und Identität“, „Sprache verbindet“, „Ein Glaube, der den Alltag prägt“, „Synagoge – Ort der Versammlung und der Tora“, „Jüdische Feiertage“, „Lebensereignisse“, „Alles koscher?“, „Frauen in der Synagoge“, „Festkultur und Lebenszyklus“, „Auf das Leben – Jenseitsvorstellungen im Judentum“, „Zachor! – Erinnere dich!“, „Friedhöfe – Orte des Erinnerns und der Ewigkeit“ sowie viele weitere Facetten, etwa die Präsentation von Porträts herausragender jüdischer Persönlichkeiten, darunter vieler Frauen.

Ein breiter Zugang zu allen Facetten jüdischer Kultur

Wissenserwerb als göttlicher Auftrag. Ausstellungsimpression der neuen Dauerausstellung „Shalom am Rhein“ durch über 1000 Jahre jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz“ © Foto Diether v. Goddenthow

Die Themen sind alle leicht verständlich aufbereitet und gut visualisiert – mit historischen Aufnahmen und Bildern sowie steinernen Zeugnissen, darunter der älteste erhaltene jüdische Grabstein von 1049 n. Chr., der zu den rund 50 gezeigten Originalexponaten gehört. Das älteste Originalexponat, ein Tonfragment einer Menora aus dem 4. bis 5. Jahrhundert, eines jüdischen siebenarmigen Leuchters, stammt aus Trier und begrüßt die Besucher bereits vor dem Eingang zur Ausstellung.

Die Ausstellung eröffnet  einen breiten Zugang zu allen Facetten von jüdischer Kultur, jüdischen Bräuchen, Festen und Sprache, zu deren Spuren in der deutschen Alltagssprache, zu koscherem Essen und Trinken, zu Vorstellungen vom Jenseits sowie zur Bedeutung jüdischer Gelehrsamkeit „Wissenserwerb als göttlicher Auftrag und Lernpflicht“.

Fragen Sie KI-Rabbi Maharil!

KI-Avatar Maharil weiß auf alles eine Antwort. Der Maharil (1360 – 1427), Wirkungsorte Mainz und Worms, gilt als wichtigste Autorität für die religiösen Bräuche (Minhagim) der aschkenasischen Juden. Seine Lehren prägten nachhaltig das religiöse Leben in Deutschland, Osteuropa und später auch weltweit. © Foto Diether v. Goddenthow

Ein  Highlight und zugleich ein augenzwinkernder Gag ist die Installation eines KI-gestützten Avatars in Gestalt von Rabbi Maharil. Der Maharil, alias Rabbi Jakob ben Mose Moelin († 1427), mit Wirkstätten in Mainz und Worms, zählt zu den bedeutendsten Gestalten des aschkenasischen Judentums im Spätmittelalter. In einer Epoche von Pogromen, Vertreibungen und existenzieller Unsicherheit für jüdische Gemeinden bewahrte und ordnete der Maharil die überlieferten religiösen Bräuche (Minhagim) und verlieh ihnen verbindliche Kraft als tragende Säulen jüdischer Identität und religiöser Kontinuität.
In seinem bekanntesten Werk „Minhagei Maharil“ versammelte er Bräuche zu Gebet, Feiertagen, Fasttagen sowie zu Lebenszyklen wie Hochzeit und Trauer. Diese Sammlung wurde zu einer grundlegenden Referenz für das aschkenasische Judentum.
In der Ausstellung fungiert er quasi als Allwissender: Per Touchscreen an einem Fensterdisplay können Besucher ihm nahezu jede Frage stellen – etwa sogar zur Mainzer Fastnacht, wie Innenminister Ebling beim Presserundgang gleich erfolgreich testete.

Jüdisches Gelehten-Wissen von Rheinland-Pfalz aus in die ganze Welt

Digitale Medienstationen geben ergänzend detaillierte Auskünfte. © Foto Diether v. Goddenthow

In Rheinland-Pfalz wurden über Jahrhunderte hinweg Schüler aus ganz Europa ausgebildet, und hier entstanden moralische und rechtliche Grundlagen, die unsere Gesellschaft bis heute prägen. All diese Facetten – und die über tausendjährige, enge und untrennbare Verflechtung jüdischen Lebens mit der Geschichte Rheinland-Pfalz’ und darüber hinaus Deutschlands und Europas – macht die Ausstellung eindrucksvoll sichtbar. Mit ihrem konzeptionellen und gestalterischen Ansatz vermittelt sie Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens gleichermaßen fundiert wie anschaulich, und holt das Judentum aus der „Opferrolle“.

Ministerpräsident Schweitzer betonte bei der Eröffnung, die Schau ermögliche mit berührenden Objekten und eindrucksvollen Biografien neue Blicke auf das Miteinander von jüdischer und nichtjüdischer Gesellschaft. „Shalom am Rhein zeigt die Strahlkraft jüdischer Kultur, Wissenschaft und Religion, ebenso aber die Brüche durch Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung – und zugleich die Kraft des Neubeginns.“

Ausstellungsimpression der neuen Dauerausstellung „Shalom am Rhein“ durch über 1000 Jahre jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz“ © Foto Diether v. Goddenthow

Ausgangspunkt der Ausstellung ist – wie oben bereits genannt – das bedeutende jüdische Erbe der SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz, dessen Anerkennung als UNESCO-Welterbe sich 2026 zum fünften Mal jährt. Die Eröffnung im Jubiläumsjahr sei, so Schweitzer, ein starkes Zeichen für die Bedeutung dieses religiösen, kulturellen und intellektuellen Erbes, das das europäische Judentum nachhaltig geprägt habe und ein identitätsstiftender Teil der Landesgeschichte sei. Der bewusste Blick auf die hellen wie dunklen Kapitel dieser Geschichte stärke die Haltung für die Zukunft und verpflichte dazu, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. Sein Dank gelte allen, die sich für die Bewahrung dieses Erbes engagieren.

Ausstellungsimpression der neuen Dauerausstellung „Shalom am Rhein“ durch über 1000 Jahre jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz“ © Foto Diether v. Goddenthow

Auf über 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche spannt „Shalom am Rhein“ den Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart und zeigt, wie reich, vielfältig und zugleich verletzlich jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz über Jahrhunderte war und ist.

Der Grabstein des Jehuda ben Schne‘ or, Mainz 1049, ist der älteste erhaltene datierte Grabstein in Aschkenas. © Foto Diether v. Goddenthow

Innenminister Michael Ebling hob hervor, wie wichtig Orte der Vermittlung, Erinnerung und des Dialogs gerade heute seien. Die Ausstellung wird erstmals seit dem Auszug des Landtags wieder in der barocken Steinhalle des Landesmuseums gezeigt und erschließt diesen Raum neu für das kulturelle Erbe.

Erzählt wird die Geschichte jüdischer Gemeinden am Rhein als Geschichte von Wissen, religiöser Tradition und kultureller Innovation. Sichtbar wird, wie die SchUM-Gemeinden im Mittelalter zu einem geistigen Zentrum nördlich der Alpen wurden, mit Synagogen, Mikwen und Friedhöfen als steinernen Zeugnissen jüdischen Lebens. Zugleich thematisiert die Ausstellung die wiederkehrenden Zerstörungen sowie das Spannungsfeld zwischen Nähe, Teilhabe und Gewalt.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Landjudentum, das sich ab der frühen Neuzeit infolge von Vertreibungen aus vielen Städten entwickelte. In Dörfern, oft entlang von Rhein, Mosel, Nahe und Saar, prägten jüdische Familien über Jahrhunderte hinweg das regionale Leben – trotz hoher Schutzgelder, Einschränkungen und Berufsverbote.

GDKE-Generaldirektorin Dr. Heike Otto. © Foto Diether v. Goddenthow

Dr. Heike Otto und Dr. Birgit Heide betonten, dass jüdische Gemeinden vielfach als Minderheit innerhalb der Mehrheitsgesellschaft lebten, häufig gezwungen zur Anpassung und zugleich entschlossen, ihre eigenen Traditionen zu bewahren. Diese Balance zwischen Nähe und Eigenständigkeit habe den Gemeinschaften besondere Stärke verliehen. Sichtbar werde auch die bedeutende Rolle der Frauen, die früh Verantwortung in Familie, Religion und Handel übernahmen und damit ein bemerkenswertes Maß an Eigenständigkeit zeigten.
„Shalom am Rhein. 1.000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz“ ist ab dem 15. Januar 2026 über mehrere Jahre als Dauerausstellung im Landesmuseum Mainz zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Lesungen, Vorträgen und Workshops vertieft die Themen der Schau.

 

Weitere Informationen unter www.landesmuseum-mainz.de.
Die Ausstellung wurde von einem Team der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz und des Innenministeriums in Zusammenarbeit mit der Agentur für jüdische Kultur Altenburg & Graf sowie unter enger Einbindung weiterer Partner, darunter jüdische Gemeinden, kuratiert.