
„Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos!“, so könnte man den Tenor beim gestrigen Neujahrsempfang am 15. Januar 2026 in der IHK Wiesbaden beschreiben. Unter dem Motto „Starkmacher der Region“ forderte IHK-Präsident Jörg Brömer vor 400 applaudierenden Gästen aus Wirtschaft, Politik und Kultur entschlossenes Handeln der Politik.
Es war ein leidenschaftliches Plädoyer für ein politisches Umfeld, das Zusammenarbeit fördert, Reformen anschiebt und langfristige Unternehmensplanung ermöglicht: Das war die mit viel Zwischenapplaus bedachte Rede von Jörg Brömer. Der Präsident der IHK Wiesbaden setzte sich beim Neujahrsempfang 2026 kritisch sowohl mit der geopolitischen als auch mit der innenpolitischen Lage auseinander.
Das Motto des Abends: „Starkmacher der Region“. Die 400 geladenen Gäste – Unternehmer und Repräsentanten aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft – stimmten dem Fazit des Kammerpräsidenten gerne zu: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“
Die IHK für die Unternehmen, die Unternehmen für die Region
36.000 Mitgliedsunternehmen, „Starkmacher“, sind in der IHK zusammengeschlossen. Sie bieten rund 200.000 Menschen in der Region einen festen Arbeitsplatz und sorgen mit mehr als 500 Millionen Euro Gewerbesteuer für die Finanzierung von Städten und Gemeinden. Doch zwei Jahre der Rezession, ein Jahr des Nullwachstums und ein bundesweiter Rekord bei Unternehmensinsolvenzen erfordern politisches Handeln – mehr als die bislang „nur zögerlich“ auf den Weg gebrachten Entlastungen durch die Regierung, so Brömer.
Der IHK-Präsident rief zu tiefgreifenden Reformen und einer weitreichenden Neuordnung der Kommunalfinanzen auf und appellierte an die Politik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene: „Stärken Sie denen den Rücken, die sich für unsere Region stark machen.“
Wie die „Starkmacher“ aussehen, veranschaulichten kurze Videos. Diese stellten neun Unternehmen aus Wiesbaden, Hochheim und dem Rheingau-Taunus-Kreis vor. Vor ihnen – ob „digitalMACHER“, „mobilMACHER“ oder „sicherMACHER“ – lägen gigantische Herausforderungen, so IHK-Hauptgeschäftsführerin Sabine Meder im Begrüßungsgespräch mit Moderatorin und Journalistin Tanja Samrotzki und dem IHK-Präsidenten. Gerade in Zeiten geopolitischer Krisen müsse vor Ort geschaut werden, was durch Zusammenarbeit geschafft werden könne. Dabei könne sich die IHK Wiesbaden auf das große Engagement von über 1.000 Ehrenamtlichen verlassen. IHK-Präsident Brömer rief in diesem Zuge dazu auf, dass neben regionalem Engagement auch die passende Infrastruktur für eine resiliente Wirtschaft geschaffen werden müsse.
Bürgermeisterinnen auf der Bühne: Mehrwerte durch Vernetzung schaffen

In Anbetracht leerer Kassen wird Städten und Gemeinden viel Kreativität bei der Gestaltung des Haushaltsplans abverlangt. Davon berichteten sowohl die Bürgermeisterinnen von Niedernhausen und Aarbergen, Lucie Maier-Frutig und Marion Janßen, als auch Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Sandro Zehner, Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises, bei zwei Bühnengesprächen. Sie schilderten, wie sie der Diskrepanz zwischen den zunehmenden, vom Bund übertragenen Aufgaben und zugleich sinkenden Einnahmen mit Einfallsreichtum begegnen.
So strebt Lucie Maier-Frutig in Niedernhausen eine noch stärkere Vernetzung von Wirtschaft und Ehrenamt an und richtet dazu aktuell eine Koordinationsstelle ein. In Aarbergen fördert Marion Janßen in Zusammenarbeit mit der IHK unter anderem Schulprojekte, die das Nachwuchs-Potenzial im ländlichen Raum nutzen und für die Region bewahren sollen.
Im Bühnengespräch für starke Kommunen: Bürgermeister, Landrat, Landespolitik
Seitens des Landes wurde den Kommunen in Zeiten, „da die Welt aus den Fugen gerät“, eine immer wichtigere Rolle attestiert: Umut Sönmez, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum, sprach sich in der gemeinsamen Talkrunde mit Mende und Zehner bei aller Dringlichkeit der Problemlösung auch für deutlich mehr Selbstbewusstsein aus: „Wir sind immer noch ein wirtschaftlich verdammt starkes Land. Ein Großteil der Welt beneidet uns um unsere wirtschaftliche Stärke“, sagte er und erhielt Applaus von den Gästen, als er dafür plädierte, „uns nicht ständig selbst schlechtzureden“.

Für Mende, der die Kommunen als Bastionen der Demokratie bezeichnete, ist deren Handlungsfähigkeit gerade in instabilen Zeiten unabdingbar. Dazu gehörten die finanzielle Ausstattung für die vom Bund delegierten Aufgaben sowie entsprechende Rahmenbedingungen. „Die Kommunen sind die erste Anlaufstelle für die Bürgerinnen und Bürger. Wenn in der Kommune dann nichts funktioniert, führt das zu Politikverdrossenheit“, mahnte der Oberbürgermeister, der sich wie Landrat Zehner für eine strukturelle Neuordnung der kommunalen Finanzierung aussprach.
Zehner warnte vor Extremen gleich welchen Lagers, die keineswegs an einer Lösung von Problemen interessiert seien. In Anbetracht eines bundesweiten kommunalen Defizits von rund 32 Milliarden Euro im Jahr 2025 machte Zehner deutlich, dass die Kommunen auf Kredit lebten, und wünschte sich mehr Ehrlichkeit in der Debatte über die Frage „Was will und was kann der Staat sich leisten?“ sowie eine Abkehr von rein konsumtiven Ausgaben hin zu mehr Wirkungsorientierung.
Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass die „geopolitische Lage Auswirkungen auf uns alle hat“ (Sönmez). Im Interesse einer resilienten Demokratie sei es umso wichtiger, für Zukunftsfähigkeit zu sorgen.
IHK-Präsident Brömer: Mehr „Starkmacher“ und Reformen nötig

Dies wünschte sich auch IHK-Präsident Brömer, der sich bei den aktuellen Planungen zu Gewerbeflächen um die Zukunftsfähigkeit der heimischen Wirtschaft sorgt. So begrüße die IHK den Neubau des Bundeskriminalamtes im Ostfeld. Es sei jedoch „absurd und inakzeptabel“, dass dessen rund 40 Hektar auf die mit knapp 100 Hektar ohnehin knapp bemessene Gewerbefläche angerechnet werden sollten. Brömer forderte die Stadt ebenso wie die Regionalversammlung auf, den Unternehmen wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen. Nachholbedarf sieht der Präsident auch im Rheingau-Taunus-Kreis: Gewerbeerträge und Wirtschaftskraft lägen dort auch im Hessenvergleich deutlich unter dem Durchschnitt.
Um weitere dringend benötigte „Starkmacher“ zu gewinnen, mahnte Brömer deutlich einfachere und schnellere Unternehmensgründungen an. Das Ziel seien 24 Stunden – und keine ein bis zwei Wochen wie derzeit bei einfachen Gewerben oder gar drei bis sechs Wochen bei GmbHs. Potenzielle „Starkmacher“ seien die jungen Menschen, die bezahlbaren Wohnraum wie Azubi-Wohnheime sowie passgenaue Mobilitätsangebote benötigten. Mit Blick auf die Kommunalwahlen am 15. März, bei denen mehr denn je die richtigen Weichen gestellt werden müssten, lud Brömer zum Besuch des „Wahl-Checks der Wirtschaft“ am 3. März in der IHK Wiesbaden ein.
Dass mit der wiederholt beschworenen Gemeinsamkeit vieles erreicht werden könne, illustrierte Brömer an Beispielen wie dem Gründer-Hub im Alten Gericht, der heute weit über Wiesbaden hinaus ein Zeichen für Aufbruch und neue Ideen sei. Als erfolgreiche IHK-Maßnahmen führte er die Innenstadtinitiative „heimat shoppen“ und den Tag der Gewerbevereine an.
Hoffnung und Aufbruch versprachen sich der IHK-Präsident wie auch Staatssekretär Sönmez, Oberbürgermeister Mende und Landrat Zehner vom Kultur-Großprojekt World Design Capital 2026: Es soll unter Beweis stellen, wie sich die RheinMain-Region unter dem Motto „Design for Democracy“ neu erfindet und das Zusammenleben verbessert. Für die Gäste des IHK-Neujahrsempfangs 2026 allemal jede Menge Gesprächsstoff, der beim anschließenden Get-together beim (natürlich) regionalen Büfett vertieft wurde.
(IHK Wiesbaden /Diether v. Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Bilder Neujahrsempfang 2026 der IHK Wiesbaden
