Biennale im Schulterschluss mit Barock und Rokoko – Am 11.März 2026 startet die zweite Malta-Biennale

Die weitläufige Festungsanlage Cittadella mit der barocken Kathedrale Mariä Himmelfahrt ist eine bedeutende Sehenswürdigkeit auf der Insel Gozo und ein zentraler Austragungsort der jungen Malta-Biennale. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Die zweite Malta Biennale findet vom 11. März bis zum 29. Mai 2026 statt und steht unter dem Motto „CLEAN | CLEAR | CUT“. Unter der künstlerischen Leitung von Rosa Martínez verwandelt Heritage Malta historische Örtlichkeiten in Valletta, Vittoriosa und auf Gozo in Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst. Angeführt wird die Veranstaltung vom italienischen Künstler Maurizio Cattelan; mehr als 130 Künstlerinnen und Künstler aus 35 Nationen sind in insgesamt 27 Pavillons vertreten. Unsere Gastautorin und Kunstexpertin Dorothee Baer-Bogenschütz, unter anderem bekannt als langjährige Redakteurin der KUNSTZEITUNG und des Informationsdienst KUNST, hat sich auf Malta umgeschaut und ein paar starke Eindrücke mitgebracht.

Wie die Mittelmeerinsel Malta, wo Eschborn eine Partnerstadt hat, Gegenwartskunst und Kulturerbe vermählt

Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Auf allen Kontinenten sprießen sie aus dem Boden wie derzeit die Schneeglöckchen, und es gibt ständig mehr davon. Von Ostfriesland bis Downunder: Überall sind inzwischen Kunstbiennalen verwurzelt. Ob tief genug und für wie lange, steht auf einem anderen Stern. Manche lassen die Köpfe alsbald hängen.

Das zweite Lebensjahr zu erreichen, kann mitunter schon Grund zum Feiern sein: je nach Beschaffenheit von Boden und kulturellem Klima. Zum dritten Mal fand 2025 die Helsinki Biennale statt, zum zweiten Mal die Ostfriesland Biennale, auf Mallorca debütierte die Biennal B. Die Balearenperle will damit mehr Schöngeister anziehen und weniger Ballermänner, die Insel möchte ihr teils trübes Image übermalen und zugleich mehr Verantwortung zeigen. Mahnt die Biennal B doch, dass es keinen Planeten B gibt. Sie ist auch eine Antwort auf die Angst vieler Mallorquiner, vom Tourismus untergepflügt zu werden.

Seit den 1990er Jahren ist der Biennalen-Boom ungebrochen

Seit den 1990er Jahren ist der Biennalen-Boom ungebrochen. Weltweit wetteifern laut dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) „mehr als 300 zyklische Ausstellungsformate“. Größter Wettstreit der Nationen ist die Biennale Venedig: 2026 mit der 61. Ausgabe am Start (9. Mai–22. November).

25. Geburtstag feiert im März die Biennale of Sydney. Kurz zuvor erwartet Maltas junge Biennale (11. März – 29. Mai) internationale Aufmerksamkeit. Sie ist die einzige unter UNESCO-Schirmherrschaft, laut Sprecherin Lisa Gwen Chetcuti die „ambitionierteste unter den Newcomern“ und nicht zuletzt ein wichtiges neues Förderinstrument. „Malta hat keine gewachsene Szene“, so Chetcuti, „Galerien sind mehr Ladengeschäfte, es fehlen Kapazitäten und Ressourcen, um Kunstprojekte zu fördern und zu betreuen.“ Die Biennale füllt insofern eine Lücke. Bemerkenswert: Maltas Ansatz ist besonders einladend, im Grunde kann jeder teilnehmen. Selektion ist erst im zweiten Schritt Thema. Künstler bewerben sich direkt: Herzstück der Veranstaltung ist die Open-Call-Sektion, die diesmal 3.200 Bewerber anzog.

Das Nationale Kunstmuseum (MUŻA) wurde 2018 eröffnet als das jüngste staatliche Museum Maltas und ist das Headquarter der Malta-Biennale. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Lupenrein demokratische Schau

„Wir bieten eine lupenrein demokratische Schau“, so Russell Muscat von Heritage Malta. Initiator ist Mario Cutajar, Vorsitzender der Kulturerbe-Organisation. Insgesamt nehmen rund 130 Künstler teil. „Konzept und Format unterscheiden sich von anderen fundamental“, bekräftigt Muscat. Die Biennale-Kosten werden auf 2,4 Millionen Euro beziffert.

Die traditionellen Pavillons – in Venedig die ganz große Nummer bezogen auf nationale Selbstdarstellung sowie Außenwahrnehmung – sind auf Malta an zwei Händen abzuzählen.  2026 flankieren acht Nationalpavillons eine Reihe thematisch konzipierter Pavillons. Eine enge Verbindung zu Venedig besteht derweil dank einer Personalie. Rosa Martínez, eine der erfahrensten Biennalemacherinnen und bekannt unter anderem von der Venedig-Biennale, kuratiert Maltas zweite Biennale-Ausgabe. Selbst sie, offenbar großer Malta-Fan, hat sich beworben – und wurde mit Kusshand verpflichtet. Dass die Spanierin gezielt namhafte Künstler ansprechen konnte, mag die Beiträge von Etel Adnan oder der im Westjordanland geborenen Emily Jacir erklären. Sie dürften kaum dem Open Call gefolgt sein.

Ob Malta oder Malle: Biennalen sollen nun sogar Mittelmeerinseln befruchten, die vorrangig als Touristenziele gelten. Und den Besucherstrom kanalisieren helfen. Die Ganzjahresdestination Malta hatte zum einen im März noch Betten frei und möchte darüber hinaus ihre Schätze auf der Bucket List der nächsten touristischen Generation platzieren.

Die maltesische Biennale bespielt auch Orte aus der Steinzeit, hier die Megalithanlage Ġgantija auf Gozo. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Malta vermählt Gegenwartskunst mit Kulturerbe

„Malta vermählt die Gegenwartskunst mit dem Kulturerbe“, heißt die Parole. TNADDAF / TGHARRAF / TFERRAQ lautet das diesjährige Biennale-Motto, CLEAN / CLEAR / CUT. Das könnte sich intentional glatt auf die junge Veranstaltung selbst beziehen. Das Alte soll nicht untergehen, im Gegenteil. Doch will man jetzt einen Schnitt machen und demonstrieren, dass Malta nicht nur erinnerungswürdig ist als Flitterwochenziel der Königin von England und die Malteserritterromantik nicht bloß Souvenirhändler bereichert, sondern den Dialog mit der Gegenwart sucht.

Extrem schade freilich und fürs internationale Publikum unverständlich: Das atemberaubend in ein Fort komponierte und 2024 eröffnete Kunstmuseum MICAS ist kein Biennale-Schauplatz. Es gehört schlicht nicht zu Heritage Malta, wie etwa die spektakuläre Festung Cittadella oder die neolithische Megalithanlage Ġgantija auf Gozo, welche das Biennale-Label bekamen, neben Vallettas archäologischem Museum: eine Schatzkiste mit atemberaubenden Exponaten, doch seit Jahren der zeitgemäßen Präsentation der Schausammlung dringend bedürftig. Chetcuti fordert zurecht Tempo: „Wir sind barock-rokoko und können es uns nicht länger erlauben, insular zu sein.“

Die Biennale weckt manchen Ausstellungsort aus dem Dornröschenschlaf und ist Motor für die Aufwertung des Kulturerbes. Dazu gehören megalithische Tempel, die einen nie wieder loslassen: So viel erzählen sie über uns selbst.

Ferdinand von Hompesch wird mit einer Büste im Zentrum von Żabbar geehrt: der Stadt, die er nach sich selbst Città Hompesch nannte. © Foto Dorothee Baer-Bogenschütz

Eschborns Partnerstadt nannte der letzte Großmeister des Malteserordens nach sich selbst Città Hompesch

Und wann darf die seit 2010 mit Eschborn verpartnerte Stadt Żabbar, von Ferdinand von Hompesch (1744–1805) zur Città Hompesch erklärt, mitmachen? Dort steht eine staatliche Bronzebüste des Ordensritters aus rheinischem Uradel: Nicht nur die Briten haben Maltas Geschick wesentlich bestimmt, auch ein Deutscher.

Jedoch mit tragischem Ergebnis. Von Hompesch war der erste deutschstämmige Großmeister des Malteserordens und zugleich der allerletzte – seine Amtszeit der Anfang vom Ende: Napoleon übernahm. 2030 jährt sich die Ankunft der Ritter auf Malta zum 500. Mal. Spätestens dann sollte Eschborn ins Spiel kommen – und bei der vierten Malta-Biennale Flagge zeigen?

Malta Biennale 2026