Bewegte Ordnung. Vom Bedürfnis der Motive vom 27.2.26 – 28.6.26 im Nassauischen Kunstverein (NKV)

(v.r.) Künstlerin Barbara Poschak, Lotte Dinse, NKV-Direktorin, Jörg-Uwe Funk, Leiter des Kulturamtes Wiesbaden,sowie Rita Thies, Kulturdezernentin a.D., © Foto Diether v. Goddenthow

Der Nassauischer Kunstverein Wiesbaden präsentiert die erste umfassende Einzelausstellung von Barbara Proschak (*1984) in Deutschland. Die Schau bietet einen Überblick über ihr künstlerisches Schaffen der vergangenen fünfzehn Jahre und versammelt zugleich neue Arbeiten, die erstmals öffentlich zu sehen sind. Proschaks Werk zählt zu den eigenständigsten Positionen der zeitgenössischen Fotografie. Sie begreift Fotografie nicht als abgeschlossenes Einzelbild, sondern als offenen Denk- und Forschungsraum. Sammeln, Ordnen und Neu-Anordnen stehen im Zentrum ihrer Praxis: Aus tausenden fotografischen Notizen entstehen dichte Bildkonstellationen, in denen Körper, Natur, Atelier, Objekt und Bildraum miteinander in Beziehung treten. Dabei verbindet sie Fotografie mit Zeichnung, Glas, Objektarrangements und naturkundlichen Präsentationsformen.

Jörg-Uwe Funk, Leiter des Wiesbadener Kulturamtes, eröffnet im NKV Barbara Proschaks Ausstellung „Bewegte Bilder“ © Foto Diether v. Goddenthow

Barbara Proschak sei eine Künstlerin, deren künstlerische Positionen aktiv zur Sichtbarkeit und zur kritischen Diskussion neuer, bislang weniger bekannter Ansätze beitrügen, so Jörg Uwe Funk, Leiter des Wiesbadener Kulturamtes, in seiner Begrüßung. „Proschak zählt zu den herausragenden Positionen der zeitgenössischen Fotografie, weil sie das Medium konsequent erweitert und es nicht nur als bildgebendes Verfahren, sondern als forschende Praxis versteht. Trotz ihrer eigenständigen künstlerischen Stimme wurde ihr Werk in Deutschland bislang nicht in dieser Breite gezeigt. Die Ausstellung im Nassauischen Kunstverein schließt daher eine wesentliche Lücke, wofür wir sehr dankbar sind.“, so der Kulturamtsleiter, der im Sommer in den Ruhestand geht.

Jörg-Uwe Funk, Leiter des Kulturamtes Wiesbaden, © Foto Diether v. Goddenthow

Jörg Uwe Funk unterstrich, die Ausstellung von Barbara Proschak stehe beispielhaft für eine künstlerische Praxis, die unsere Gegenwart auf besondere Weise reflektiere. „Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit grundlegenden Fragen unserer Wahrnehmung und unseres Umgangs mit Bildern, die in einer zunehmend visuellen Welt von großer gesellschaftlicher Relevanz sind – und es immer mehr werden. Das fotografische Abbild wird hier nicht als fertige Aussage verstanden, sondern als offener Prozess, der zum Nachdenken, zum genauen Hinsehen und zur Entwicklung eines eigenen Standpunkts herausfordert.“
Gerade solche künstlerischen Positionen seien, so der Kulturamtsleiter, für eine lebendige Stadtgesellschaft von Bedeutung. Sie eröffneten neue Perspektiven, stellten Gewohnheiten infrage und lüden dazu ein, komplexe Zusammenhänge differenziert zu betrachten. Der Nassauischer Kunstverein Wiesbaden leiste mit dieser Ausstellung einen wichtigen Beitrag dazu, Wiesbaden als Ort des kulturellen Dialogs und der Auseinandersetzung mit aktuellen künstlerischen und gesellschaftlichen Themen zu stärken.

Lotte Dinse, Direktorin des Nassauischer Kunstverein Wiesbaden, sagte in ihrer Einführung, die Ausstellung zeige Arbeiten in sehr unterschiedlichen Stadien und Zuständen: „Einzelbilder und Serien, gerahmte und ungerahmte Werke sowie vorläufige und abgeschlossene Konstellationen. Diese Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit ist zentral, denn Barbara Proschak denkt Fotografie nicht vom fertigen Werk her, sondern vom Prozess aus. Bilder sind bei ihr keine Endpunkte, sondern Zwischenstände oder Ausgangspunkte. Fotografie erscheint hier nicht vorrangig als Abbild von Wirklichkeit, sondern als forschendes, bewegliches Medium.

Lotte Dinse, NKV-Direktorin. © Foto Heike v. Goddenthow

Barbara Proschak interessiere sich weniger für das einzelne Motiv, so Dinse, als für die Frage, unter welchen Bedingungen Fotografie überhaupt Bedeutung erzeuge. „Sie untersucht Fotografie als theoretisch und historisch aufgeladenes Medium und befragt immer wieder ihren Wirklichkeitsbezug. Obwohl das Wirklichkeitsversprechen der Fotografie – die Vorstellung, sie könne Realität objektiv abbilden – längst als konstruiert gilt, haftet es dem Medium bis heute an. Genau in dieser Spannung setzen Proschaks Arbeiten an. Sie machen erfahrbar, dass Sehen keine neutrale Tätigkeit ist, sondern eine Konstruktion im Zusammenspiel von Handlung, Material und Beobachtung“, unterstrich die NKV-Direktorin.

So steht im Mittelpunkt der Ausstellung die prozesshafte Arbeitsweise. Bilder werden geschichtet, verdeckt, verschoben, überzeichnet und neu kombiniert. In Vitrinentischen, Bildkästen und bearbeiteten Fotografien entfaltet sich ein bewusstes Spiel zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Bedeutung entsteht nicht im einzelnen Bild, sondern in Beziehungen, Zwischenräumen und Leerstellen. Die Ausstellung zeigt Fotografie als bewegliches, wandelbares und körperliches Medium – als offenes Bildsystem, das Wahrnehmung ebenso befragt wie den alltäglichen Umgang mit Bildern.

Nassauischer Kunstverein e.V.

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)