Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis an Sven Regener verliehen – Auch der Sound eines Buches ist entscheidend

„Der Stadtschreiber von Mainz – das hat etwas, weil es absurd ist und deshalb genau richtig und angemessen. Das Absurde ist ja immer das Gute, wenn es um die Kunst geht“, so Seven Regener, Mainzer Stadtschreiber 2026 © Foto: Diether v. Goddenthow

Nun ist es offiziell: Sven Regener, Musiker und Autor („Herr Lehmann“ u. a.), wurde am 29. April 2026 im Mainzer Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) feierlich zum neuen Stadtschreiber von Mainz gekürt. Oberbürgermeister Nino Haase, ZDF-Programmdirektorin Nadine Bilke sowie „Johannes Gutenberg“ (Christoph Sünder) überreichten dem Ausnahmekünstler den mit 12.500 Euro dotierten Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis, der vom ZDF, von 3sat und der Landeshauptstadt Mainz vergeben wird.
Helge Malchow, Editor-at-Large beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, hielt eine fulminante Laudatio. Für die passende musikalische Umrahmung sorgte Maxy Shepard.

(v.li.) Laudator Helge Malchow, ZDF-Programmdirektorin Nadine Bilke, Preisträger Sven Regener, Oberbürgermeister Nino Haase und Johannes Gutenberg höchstpersönlich, dargestellt von Christoph Sünder. © Foto: Diether v. Goddenthow

Mit dem Stadtschreiberpreis verbunden sind ein Jahr Wohnrecht in der Stadtschreiberwohnung im Herzen der Mainzer Altstadt sowie das Angebot, gemeinsam mit dem ZDF und 3sat einen Film nach freier Themenwahl zu produzieren. Obwohl er terminlich stark eingebunden ist, möchte Regener während seiner „Amtszeit als Mainzer Stadtschreiber“ so oft wie möglich in der Stadtschreiberwohnung sein. Er habe versucht, „so viel in Mainz hinzukriegen, wie es nur geht“, und vielleicht komme ja noch etwas hinzu: „Ja, vielen Dank, ich nehme das Amt als Stadtschreiber von Mainz an.“

Maxy Shepard. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der neue Mainzer Stadtschreiber plant zudem ein Konzert mit Element of Crime, eine Vorlesung für Schüler und Studenten an der Mainzer Universität im September sowie eine Buchvorstellung am 10. Oktober im Mainzer Staatstheater mit einer Lesung aus seinem am 3. September erscheinenden Buch „Frankie und Freddie“. Dabei handelt es sich laut Helge Malchow um einen „Epochenroman“, in dem Regener die Brüder Frankie und Freddie Lehmann im West-Berlin der 1980er-Jahre begleitet.

Während der Frankfurter Buchmesse will Regener von Mainz aus die S-Bahn nach Frankfurt nehmen. Im Frühjahr 2027 soll sein Stadtschreiber-Filmprojekt gezeigt werden.

ZDF-Programmdirektorin Nadine Bilke, © Foto: Diether v. Goddenthow

Bei ihrer Begrüßung unterstrich ZDF-Programmdirektorin Nadine Bilke, dass es Sven Regener wichtig sei, „realistisch zu erzählen“. Er sei ein Autor, „dessen Werk uns zurückführt in frühere Zeiten, in eine Welt, die es so nicht mehr gibt, und der empathisch auf den Alltag seiner Helden blickt, auf ihre Suche, ihre Zweifel, Gefühle und unverhofften Wendungen“. Mainz gewinne mit Sven Regener einen „Autor von unverwechselbarer literarischer Stimme“, so Oberbürgermeister Nino Haase. Regener sei „bekannt dafür, mit großer Genauigkeit auf das Alltägliche zu schauen und die leisen Zwischentöne ernst zu nehmen, aus denen sich das Leben einer Stadt oft erst wirklich erschließt. Gerade diese Aufmerksamkeit für das scheinbar Unspektakuläre macht ihn in besonderer Weise für das Stadtschreiberamt geeignet. Für die Stadt Mainz ist seine Anwesenheit eine große Bereicherung – sowohl kulturell als auch menschlich“, unterstrich der Oberbürgermeister.

Ein herausragender Schriftsteller

Helge Malchow © Foto: Diether v. Goddenthow

In seiner famosen Laudatio gelang es Verleger Helge Malchow, Sven Regeners mittlerweile sieben Bände umfassendes Werk seines noch wachsenden Lebensromans perspektivisch für die Zuhörer einzigartig zu verdichten und so das Faszinosum seiner einzigartigen Sprache überspringen zu lassen. Wer Regeners Werke lese, „gerät durch seine meisterhaft komponierte Sprache in einen einzigartigen Sog, in einen Zustand der Überwältigung, Versunkenheit und Erleuchtung. Dieser Solitär der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist zugleich ein Epochenroman, ein Deutschland-, Berlin- und Kreuzbergroman, ein Gesellschaftsroman, ein Generationenroman, ein Bildungsroman und ein Roman über eine der letzten großen Revolutionen in der Gegenwartskunst. Sven Regener ist nicht nur ein großer Musiker, sondern ein herausragender Schriftsteller“, unterstrich Malchow.

Dank von Seven Regener 

Dank des Autors. © Foto: Diether v. Goddenthow

Der derart Geehrte, trotzig Tränen unterdrückend, des Dankes voll für die „schönen Worte, mich und meine Bücher und all das betreffend“, fand „bei all dem Lob heute Abend“ endlich die erlösende Antwort auf seine ihn, wie wohl bei „jedem Menschen in meiner Lage“ quälende Frage, ob „das jetzt ein Preis oder Job“ sei: „eine klare, wirkliche Antwort: Es ist ein Preis!“

Der Sound eines Buches sei ihm wichtig
Der Klang, das literarische Spiel, mache in der Literatur den entscheidenden Unterschied, ist Regener überzeugt. Er interessiere sich nicht für Bücher mit einem langweiligen Klang. „Ich glaube, dass – wie in der Musik – der Sound eine große Rolle spielt und nicht nur Tempo und Tonhöhe.“
Literatur sei Kunst und habe „wie jede Kunst, trotz aller möglichen Schlauheit in der Aussage oder der erzählten Geschichten, immer auch eine rätselhafte, zweideutige und geheimnisvolle Seite, die sich besonders auf der Ebene des Klangs, gewissermaßen auf der musikalischen Seite, abspielt – wobei dies natürlich bei dem einen stärker, bei dem anderen weniger stark ausgeprägt ist.“ Deutlich werde jedoch, dass diese Ebene weit stärker als oft angenommen darüber entscheide, wie wir Literatur zunächst aufnehmen und empfinden.
„Das literarische Spiel, der Sound, die Musik, der Klang und der Rhythmus der Sprache sind daher von elementarer Bedeutung. Jeder Literat hat eine Musik in seiner Prosa, von der Bühne ganz zu schweigen“, und das gelte selbst für solche Autoren, die eher eine trockene Linie pflegten. „Klang ist essenziell. Die lateinische Schrift ist – wie alle indoeuropäischen Schriften – auf den Klang bezogen, eng verwandt mit der Notenschrift und der Musik. Und der Klang der Sprache ist – so weit lehne ich mich einmal aus dem Fenster – mindestens ebenso sehr Träger von Bedeutung und Inhalt wie der Wortsinn“, unterstrich Regener.

Stadtschreiber vs. Romanautor

Sven Regener. © Foto: Diether v. Goddenthow

Und Stadtschreiber! Den Begriff „Stadtschreiber“ müsse man sich erst einmal „auf der Zunge zergehen lassen“. „Ich bin der Stadtschreiber!“ – das assoziiere „gleich all diese mittelalterlichen Bilder“, etwa „der Glöckner von Notre Dame, der Vogt von Sylt, der Rattenfänger von Hameln, die Bremer Stadtmusikanten“.

Aber „der Stadtschreiber von Mainz“ – das habe etwas, „weil es absurd ist und deshalb genau richtig und angemessen. Das Absurde ist ja immer das Gute, wenn es um die Kunst geht“, so Regener. Augenzwinkernd legte er noch einen drauf:
„Der Stadtschreiber von Mainz, das ist für Romanautoren und Dichter und Dramatiker, egal welchen Geschlechts, ein so starkes Gegenteil von dem, was sie eigentlich sollen, ein so harter Kontrast, dass es einen ganz wuschig und fröhlich macht, und ein bisschen ist es dann eben trotzdem ein Job, glaube ich, irgendwie eine Verpflichtung für ein ganzes Jahr“, die er gerne annehmen.

„Überhaupt Mainz: Ich liebe diese Stadt!“, rief er dem frenetisch applaudierenden Publikum zu. Er habe an Mainz „viele und nur gute Erinnerungen. Ohne Scheiß!“ In Mainz bekam er vor einigen Jahren die Zuckmayer-Medaille verliehen, „und jedes Jahr kommen deshalb noch 12 Flaschen Nackenheimer Riesling zu mir. So etwas verbindet.“ 1983 spielten wir schon in Mainz im KUZ, und ich kann mich noch gut daran erinnern, mit der Band Zatopek. Und und und! Alles aktuell auch auf Sven Regeners Homepage.

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)