Internationale Tage Ingelheim „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama“ ab 26. April 2026

Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama. Vom 26. April bis 5. Juli 2026, Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus François Lachenal-Platz 1, 55218 Ingelheim am Rhein. © Foto: Diether v. Goddenthow

An den Internationalen Tagen Ingelheim wird vom 26. April bis 5. Juli 2026 mit der Ausstellung „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama“ nach über 25 Jahren erstmals bundesweit wieder das innovative und faszinierende Schaffen des US-Amerikaners James McNeill Whistler (1834–1903) präsentiert, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Radierungen und Lithografien die künstlerische Grafik revolutionierte.
Gleichzeitig werden neue Fotoarbeiten des japanischen Künstlers Hiroyuki Masuyama gezeigt. Dabei handelt es sich um Montagen, in denen er das Heute und das Gestern übereinandergelegt und eingepasst hat, sozusagen als modernes Fenster mit Blick in die Vergangenheit. Mit Masuyama einen zeitgenössischen Künstler gefunden zu haben, der sich mit den Radierungen und Lithografien seines Vorgängers auseinandersetzt, sei ein Glücksgriff gewesen, schwärmt die Kuratorin Dr. Katharina Henkel, Leiterin der Internationalen Tage, beim Presserundgang.

Der US-Amerikaner und Wahl-Londoner James McNeill Whistler (1834–1903) gilt als einer der bekanntesten, innovativsten und einflussreichsten Künstler des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung präsentiert Radierungen und Lithografien, die er in London und Venedig schuf, sowie Blätter mit Darstellungen von Menschen aus seinem privaten und beruflichen Umfeld. Ausgesuchte Grafiken seiner Zeitgenossen dienen der kunsthistorischen Einordnung, und japanische Holzschnitte, die Whistlers Schaffen beeinflussten, flankieren einige seiner Werke.

Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama. Vom 26. April bis 5. Juli 2026, Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus François Lachenal-Platz 1, 55218 Ingelheim am Rhein. © Foto: Diether v. Goddenthow

Whistlers Wiederentdeckung in Deutschland
„Die letzten Ausstellungen zu Whistlers Grafiken fanden in Deutschland als Sammlungspräsentationen statt: 1985 im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, 1994 im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und 1999 in der Hamburger Kunsthalle. Letztere hält bundesweit die größte Sammlung mit insgesamt 154 Grafiken Whistlers – davon 68 Radierungen, 37 Lithografien sowie weitere 49 in einem Sammelband gebundene Radierungen von Platten, die der Künstler eigenhändig zerkratzte, weil er deren Motive verworfen hatte“, erläutert Kuratorin Dr. Katharina Henkel, Leiterin der Internationalen Tage, beim Presserundgang.
Aus diesem reichen Konvolut präsentiert die Ingelheimer Ausstellung „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama“ nun 67 Blätter des Künstlers. Zur Kontextualisierung sind ebenfalls aus dem Hamburger Bestand ergänzend ausgewählte Papierarbeiten einiger britischer, französischer und US-amerikanischer Zeitgenossen zu sehen, darunter Blätter von Seymour Haden, Frank Short, Édouard Manet, Camille Pissarro, Marcellin Desboutin oder Joseph Pennell. Diese lassen die wechselseitigen stilistischen Einflussnahmen nachvollziehen, so die Kuratorin.

Ausstellungs-Fokus: London und Venedig

Impression Raum Venedig der Ausstellung „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama – Internationale Tage Ingelheim vom 26. April bis 5. Juli 2026.© Foto: Diether v. Goddenthow

Im Fokus der Ausstellung stehen Whistlers Radierungen und Lithografien, die Ansichten von London und Venedig zeigen. Personendarstellungen aus seinem persönlichen Umfeld zeigen als dritten Themenbereich die einfühlsame Seite des als exzentrisch geltenden Künstlers. Die ausgestellte Motivvielfalt offenbart die Meisterschaft seiner ungewöhnlichen Techniken.
Whistlers Leben war geprägt von zahlreichen Reisen, die ihm immer wieder neue Motive boten und in grafischen Arbeiten direkt vor Ort festgehalten wurden. Nach seiner Übersiedelung als 21-Jähriger von der Ostküste der USA nach Paris ließ er sich 1859 in London nieder. Über seine Kunst erkundete er gleichsam die Stadt an der Themse und schuf bis Ende der 1890er Jahre zahlreiche Grafiken, die damals ungewöhnliche Ansichten des Flusses, seiner Uferzonen und Brücken, Schiffe und Hafenszenen sowie Menschen im Alltag zeigen.
Reisefreudig bis ein Jahr vor seinem Tod 1903 hielt sich Whistler immer wieder länger in verschiedenen europäischen Städten auf und war dadurch ein gut vernetzter Künstler. Nach einem Konkurs lebte und arbeitete er 1879/80 über ein Jahr lang in Venedig. Dort schuf er Radierungen von den Wasserseiten prächtiger Paläste und typisch venezianischen Brücken einerseits, vor allem aber Motive mit Durchgängen, Höfen oder Werkstätten jenseits der touristischen Attraktionen.

Hiroyuki Masuyama
Der japanische Künstler Hiroyuki Masuyama (*1968) wurde indes eingeladen, sich auf die Pfade Whistlers in London und Venedig zu begeben. Dort suchte er exakt die Standorte auf, von denen aus Whistler seine Grafiken fertigte, und schuf Fotoarbeiten, die die historischen und aktuellen Stadtansichten miteinander verschmelzen. Zum tieferen Verständnis von Masuyamas übergeordnetem Thema von Zeit, Raum und Veränderung bilden ältere Arbeiten im Untergeschoss den vierten Ausstellungsteil: mit äußerst beeindruckenden Lichtkästen, filigranen Papierarbeiten oder teils begehbaren Installationen.
Wie andere Künstler des Impressionismus sammelte auch Whistler japanische Holzschnitte. Die intensive Beschäftigung damit wird im Bildaufbau seiner eigenen Werke erkennbar. Ausgesuchte Beispiele namhafter japanischer Holzschnittkünstler wie Utagawa Hiroshige, Katsushika Hokusai oder Kitagawa Utamaro flankieren daher einzelne seiner Grafiken.

Masuyama Fotografien als Fenster in Whistlers vergangene Welt

Hiroyuki Masuyama hat in sein Foto von 2025 „after Whistler, Die venezianischen Palazzi“ Whistlers 1878 entstandenen Stich „Die venezianischen Palazzi“ (vorderes Bild) montiert. Hier fällt zudem auf, dass sich Venedig in 150 Jahren kaum verändert hat. © Foto: Diether v. Goddenthow

Dort fand Masuyama die Stellen, an denen Whistler seine Radierungen schuf, und nahm Fotografien der heutigen Situationen auf: Bauten, Fahrzeuge, Schiffe oder Menschen in zeitgenössischer Kleidung. In den neu entstandenen Arbeiten ist die aktuelle Ansicht dieser Orte über die historischen Grafiken Whistlers gelegt. Indem Masuyama mit dem Skalpell Bildbereiche aus seinen Fotografien herauslöste und diese mit Whistlers Ansichten hinterlegte sowie eine Glasplatte dazwischen einfügte, entsteht ein 3D-Effekt. So haben Betrachtende das Gefühl, durch ein modernes Foto direkt in die Vergangenheit eines „Whistler“-Motivs zu blicken. Diese „After-Whistler“-Montagen hat Masuyama in einer Auflage von jeweils fünf Exemplaren eigens für die Ausstellung als digitale Fotografien auf Papier angefertigt.
Masuyamas Fotomontagen ermöglichen eine Art „Heute-früher-Vergleich“ und offenbaren etwa, wie sich das Themse-Ufer in den vergangenen rund 150 Jahren entwickelt hat und wie vergleichsweise gering die Veränderungen in der Lagunenstadt Venedig ausfallen. Wie schon in früheren Werken visualisiert Masuyama hier erneut sein zentrales Thema, das sich seit 1997 durch sein künstlerisches Schaffen zieht: die Verbindung von Raum, Zeit und Veränderung.

Besonderheit: seitenverkehrte Ansichten

Hiroyuki Masuyamas Ansicht „after Whistler, Old Hungerford Bridge“ 2025 (li.) musste passend für die Hintergrundmontage von Whistlers Radierung „Old Hungerford Bridge“ 1861″ (r.) seitenverkehrt angelegt werden. © Foto: Diether v. Goddenthow

Eine Besonderheit ergibt sich aus Whistlers Technik: Da er seine Radierungen nicht – wie beim Kupferstich eigentlich üblich – seitenverkehrt anlegte, erscheinen die Drucke spiegelverkehrt. Entsprechend musste auch Masuyama seine Fotografien spiegeln, um sie mit den historischen Vorlagen zu kombinieren. Betrachtenden fällt dies beispielsweise bei Hiroyuki Masuyamas digitaler Montage „after Whistler, Old Hungerford Bridge, 1861/2025“ auf: So steht das 135 Meter hohe Riesenrad London Eye (auch Millennium Wheel genannt) am Südufer der Themse von dieser Perspektive aus seitenverkehrt.

Die Arbeiten beider Künstler sind eine Einladung zu einer „Reise“, in der sich Vergangenheit und Gegenwart immer wieder berühren, durchdringen, ergänzen und zu bedeutenden Zeitdokumenten verbinden.

Ausstellungs-Rundgang:

Mit der Lupe durch die Ausstellung: Kuratorin Dr. Katharina Henkel denkt auch an die praktische Seite der Kunstrezeption: Für eine genauere Betrachtung hat sie eigens Lupen anschaffen lassen, die sich Besucherinnen und Besucher an der Kasse für ihren Rundgang ausleihen können. So werden selbst feinste Details in den Arbeiten sichtbar. © Foto: Diether v. Goddenthow

Raum 1 – „London und Masuyama“
Der Rundgang beginnt – entgegen der üblichen Dramaturgie – nicht im Untergeschoss, sondern im Obergeschoss. Hier eröffnet sich der erste Teil der Ausstellung mit Radierungen und Lithografien aus London und Venedig.
James McNeill Whistler erkundete die Stadt an der Themse mit den Mitteln der Kunst und schuf bis zum Ende der 1890er Jahre eine Vielzahl grafischer Arbeiten. Im Zentrum stehen atmosphärische Ansichten des Flusses, seiner Ufer und Brücken, ergänzt durch Darstellungen von Schiffen, Hafenszenen und Menschen im Alltag. Seine Werke laden dazu ein, London aus einer ebenso präzisen wie poetischen Perspektive zu entdecken.

Impression Raum London der Ausstellung „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama – Internationale Tage Ingelheim vom 26. April bis 5. Juli 2026.© Foto: Diether v. Goddenthow

Raum 2 – „Masuyamas Flug von London nach Venedig“
Im zweiten Raum richtet sich der Blick in die Gegenwart: Im Mittelpunkt steht die monumentale Digitalcollage „London – Venice“, eine über acht Meter lange Arbeit, die während eines Flugs von London nach Venedig entstand.
Hiroyuki Masuyama fotografierte dabei alle 20 Sekunden durch das Flugzeugfenster und fügte die tausenden Einzelaufnahmen zu einer durchgehenden Bildlandschaft zusammen. Entstanden ist eine eindrucksvolle Lightbox, die den Flugweg gleichsam visuell nachvollziehbar macht – ein Panorama über den Wolken.
Gleichzeitig schlägt die Arbeit eine Brücke zu Whistler: Wie in dessen Werken des 19. Jahrhunderts werden auch hier London und Venedig als zentrale Bildmotive miteinander verbunden – jedoch aus einer zeitgenössischen, technisch erweiterten Perspektive.

Raum 3 – „Whistler in Venedig und Masuyama“
Dieser Raum widmet sich Whistlers Schaffen in Venedig und eröffnet zugleich den Dialog mit den Arbeiten Hiroyuki Masuyamas.
„Als Whistler 1879 von der Londoner Fine Art Society beauftragt wurde, zwölf Radierungen von Venedig anzufertigen, wurden aus den geplanten zwölf Wochen schließlich 14 hochproduktive Monate. Statt mit den gewünschten zwölf Radierungen kehrte er mit rund 50 sowie weiteren etwa 100 Pastellen zurück“, erläutert die Kunsthistorikerin.
Whistlers venezianische Arbeiten zeigen nicht nur die bekannten Ansichten der Lagunenstadt, sondern richten den Blick auch auf unscheinbarere Orte: auf stille Höfe, schmale Durchgänge und Werkstätten jenseits der touristischen Perspektive. Gerade diese ungewöhnlichen Motive verleihen seinem Werk eine besondere Intensität und Modernität.

Raum 4 – „Whistler und sein persönliches Umfeld“
Ergänzt werden die Themenräume zu London und Venedig durch einen Raum, der Whistlers persönlichem Umfeld gewidmet ist. Im Mittelpunkt stehen Darstellungen von Menschen, die ihm nahestanden – aus seinem privaten wie beruflichen Kreis.
Diese Porträts eröffnen einen weiteren Zugang zum Werk des Künstlers und zeigen eine einfühlsame, beinahe intime Seite des oft als exzentrisch beschriebenen Whistler. Zugleich verdeutlicht die Vielfalt der Motive seine außergewöhnliche technische Meisterschaft und Experimentierfreude.

Raum 5: Masuyamas Welten

Kuratorin Dr. Katharina Henkel © Foto: Diether v. Goddenthow

Zum tieferen Verständnis von Masuyamas Kunstschaffen bildet eine Gruppe älterer Arbeiten im Untergeschoss den vierten Ausstellungsteil. Gezeigt werden äußerst beeindruckende, teils begehbare Installationen, großformatige Lichtkästen sowie filigrane Arbeiten aus Papier. Sie alle verbindet die zentrale Idee, dass sich jeder Raum – ob klein wie ein Rasenstück oder groß wie das Universum – im Laufe der Zeit kontinuierlich, wenn auch unterschiedlich intensiv, verändert.
Wer das Untergeschoss betritt, erlebt eine Szenerie von beinahe surrealer Wirkung. Der Blick fällt zunächst geradeaus auf eine monumentale Lichtwand, bespannt mit einer Collage aus der reichen Bilderwelt Leonardo da Vincis. Gleichzeitig zieht rechterhand eine übermannshohe Kugel, die an ein Raumschiff erinnert, unweigerlich die Aufmerksamkeit auf sich.
Der besondere Reiz offenbart sich im Inneren dieser Kugel: Wer den nicht ganz einfachen Aufstieg wagt, wird mit einem eindrucksvollen Erlebnis belohnt. Rund 30.000 hauchdünne Glasfaserfäden erzeugen ein funkelndes Sternenfeld und lassen ein ganzes Universum entstehen.
Auch die weiteren Arbeiten entfalten eine starke Sogwirkung: Von der Decke schwebt ein feines Gebilde aus unzähligen Papierschichten, während an der Längsseite ein Lichtkunstwerk mit seiner mitreißenden Dynamik den Raum in Bewegung zu versetzen scheint. Durchweg jeder, der diesen Raum betrete sei einfach nur überwältigt, bestätigt die Kuratorin.

(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

Internationale Tage Ingelheim
Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama
26. April bis 5. Juli 2026
Vernissage: 25.04.26, 17 Uhr
Ort: Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus
François-Lachenal-Platz 1, 55218 Ingelheim am Rhein
www.internationale-tage.de

(auch direkt mit Bus 56 von Mainz aus bis Altes Rathaus erreichbar)

Ausstellungskatalog:

Zur Ausstellung ist ein wunderbarer Begleitkatalog entstanden, der weit über einen „bloßen“ Katalog hinausreicht: Von London nach Venedig. James Whistler und Hiroyuki Masuyama
Hg. Katharina Henkel. Katalog, Kunstforum Ingelheim 2026 Hirmer Verlag, 192 Seiten, 170 Abbildungen, gebunden
ISBN 978-3-9826124-3-0 (Museum) Preis: im Kunstforum Ingelheim 29,90 €,
ISBN 978-3-7774- 4723-0 (Verlag) im Buchhandel 45,00 €.

James Whistlers (1834–1903) stimmungsvolle Ansichten von London und Venedig aus den 1850er- bis 1890er-Jahren zeichnen sich durch ihre große Detailverliebtheit aus. Besonders spannend ist die Gegenüberstellung mit aktuellen Fotografien von Hiroyuki Masuyama (*1968), die an Whistlers ursprünglichen Standorten aufgenommen und teilweise als Fotomontagen mit dessen Radierungen kombiniert wurden.
Der Band bietet einen umfassenden Einblick in das grafische Werk Whistlers, dessen Faszination für japanische Holzschnitte sich nachhaltig in seinen Arbeiten niederschlug. Seine Blätter laden dazu ein, durch historische Stadtlandschaften zu flanieren.
Der vielgereiste Amerikaner war eng mit Camille Pissarro und Édouard Manet verbunden, auf die sein Werk ebenfalls Einfluss ausübte. Ergänzt wird diese kunsthistorische Perspektive durch die Arbeiten Masuyamas, der die Orte mit einem zeitlichen Abstand von rund 150 Jahren neu dokumentiert.