
„Nicht nur eine Premiere, nein, es ist die erste museale Einzelausstellung Wolfgang Holleghas in Deutschland“, so Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Museums Reinhard Ernst, bei der Eröffnungsfeier am 12. März 2026. Musikalisch wurde die Veranstaltung vom Wiesbadener Knabenchor unter Leitung von Roman Twardy mit Bachkantaten umrahmt – eine Hommage an den Bachliebhaber Hollegha. Die Wiederentdeckung eines der international bedeutendsten abstrakten Maler Österreichs nach 1945 sei eine Sensation, ermöglicht durch die intensive Zusammenarbeit mit dem Universalmuseum Joanneum in Graz.
Zur Eröffnung reiste eine Delegation aus der Steiermark an, darunter Dr. Karlheinz Kornhäusl, Landesrat für Gesundheit, Pflege und Kultur, Daniel Hollegha, Sohn des Künstlers, sowie Günther Holler-Schuster, Kurator der Neuen Galerie Graz. Auch Fernsehkoch Johann Lafer, ebenfalls aus der Steiermark stammend, sprach ein Grußwort und steuerte kulinarische Highlights bei.

Die Präsentation ermöglicht die eindrucksvolle Wiederbegegnung des europäischen Meisters mit Jackson Pollock, Helen Frankenthaler, Morris Louis, Friedel Dzubas und weiteren US-amerikanischen Weggefährten. Bereits Ende der 1950er Jahre erlangte Hollegha große Anerkennung in New York – im Zentrum jener künstlerischen Avantgarde, die die Malerei nachhaltig veränderte. Gefördert von Clement Greenberg, dem einflussreichen US-amerikanischen Kunstkritiker, stellte er gemeinsam mit Protagonisten des Abstrakten Expressionismus aus, darunter Friedel Dzubas, Morris Louis und Jules Olitski.
Als besonderen Höhepunkt ermöglicht die Ausstellung die Gegenüberstellung von Holleghas Werk mit Arbeiten seiner amerikanischen Zeitgenossen. Die Sammlung Reinhard Ernst vereint ein einzigartiges Who’s who des Abstrakten Expressionismus. Besucher erleben eine berührende Wiederbegegnung des europäischen Meisters der Abstraktion mit seinen US-amerikanischen Weggefährten Jackson Pollock, Helen Frankenthaler, Friedel Dzubas, Morris Louis, Jules Olitski und Larry Poons – ein Dialog von historischer Tiefe.

Erstmalig gezeigt wird Jackson Pollocks ungewöhnliches Werk Eye-Scape aus dem Jahr 1952. Pollock wird hier als Wegbereiter der von Helen Frankenthaler zur Meisterschaft gebrachten Soak-and-Stain-Technik sichtbar. Mit scheinbar kalligrafischer Herangehensweise lässt er verdünnte Farbe auf die unbehandelte Leinwand tropfen. Markierungen, Flecken und Verläufe beschwören Totemtiere, Symbole aus der Folklore und Legenden indigener Völker herauf, für die sich Pollock seit seiner Kindheit begeisterte.
Wolfgang Hollegha wurde 1958 für Österreich mit dem Guggenheim Award ausgezeichnet – als jüngster Preisträger und zeitgleich mit Alberto Giacometti für die Schweiz und Mark Rothko für die USA. Trotz internationaler Erfolge entschied sich Hollegha bewusst gegen eine Karriere in den Kunstmetropolen. 1961 erwarb er einen Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert am Rechberg nördlich von Graz, den er nach eigenen Vorstellungen umbauen ließ. In dieser selbstgewählten Abgeschiedenheit entwickelte er über mehr als sechs Jahrzehnte ein radikal eigenständiges, oft monumentales Œuvre – konzentriert, kompromisslos und von außergewöhnlicher malerischer Intensität.
Die Wiesbadener Ausstellung Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau! feiert den Künstler als Meister der präzisen Verdichtung und Reduktion. Buchstäblich in der malerischen Durchdringung des Alltäglichen in seinem Wohnhaus und seinen Ateliers – als Motive dienten ihm etwa Kinderspielzeug, ein Korb oder Holzscheite – fand er zum leisen Gespräch zwischen Wirklichkeit und Abstraktion und damit einen unmittelbaren Zugang zu seinem Publikum.
Dr. Oliver Kornhoff unterstrich: „Es ist uns eine Herzensaufgabe, diesen bedeutenden Künstler ins Licht zu holen und ihm den Raum zu geben, den sein Werk verdient. In Wolfgang Hollegha erleben wir einen Maler, der unsere oft unscheinbare Welt in mitreißende Farbereignisse überführt. In den großzügigen, hellen Räumen des Museums Reinhard Ernst beginnen die Bilder zu atmen und entfalten ihre volle Strahlkraft. Mit dieser Deutschlandpremiere positioniert sich das Museum Reinhard Ernst erneut als Ort der Entdeckungen. Es lädt das Publikum ein, tief in die souveräne Abstraktion dieses europäischen Meisters einzutauchen.“

Günther Holler-Schuster, Kurator der Ausstellung Wolfgang Hollegha. Es gibt allerdings Unaussprechliches (4.4.–2.11.2025, Neue Galerie Graz), ergänzt: „Die Betrachtung der scheinbar unbedeutenden Gegenstände ist für den Künstler bereits ein erster Abstraktionsprozess. Es ist die Einheit von Licht und Farbe, das Spannungsverhältnis von Linearem und Flächigem, das plötzlich in Erscheinung tritt und dem Künstler den Weg weist. Damit erscheint es auch plausibel, dass es am Ende nicht wichtig ist, zu wissen, welcher Gegenstand als Auslöser diente.“
Lea Schäfer, Kuratorin der Ausstellung, ergänzt: „Schon der Titel – ein oft von Wolfgang Hollegha zitierter Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein – verweist auf den Kern seines Werkes: Es geht nicht um Erklärungen, nicht um Theorie, nicht um Analyse. Es geht ums Sehen. Und genau darin liegt die besondere Aktualität für unsere Gegenwart. Was können wir heute von Wolfgang Hollegha lernen? Vielleicht vor allem dies: sich Zeit zu nehmen, den eigenen Blick zu schulen – nicht die KI zu fragen, sondern den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.“

Daniel Hollegha, Sohn des Künstlers, erklärt: „Diese Ausstellung war ein großer Wunsch meines Vaters. An der Planung für die erste Station in Graz hat er bis zuletzt mitgewirkt. Ich freue mich sehr, dass seine großformatigen Arbeiten nun erstmals in einer Einzelausstellung in Deutschland gezeigt werden. Das Museum Reinhard Ernst ist dafür der beste Ort: Die Gemälde kommen in der besonderen Architektur von Fumihiko Maki hervorragend zur Geltung, und die Gegenüberstellung mit den amerikanischen Zeitgenossen ist bemerkenswert.“
Auf insgesamt 660 Quadratmetern präsentiert das Museum Reinhard Ernst 27 großformatige Arbeiten Wolfgang Holleghas aus sechs Jahrzehnten. Die Werkschau umfasst 23 Gemälde auf Leinwand sowie vier Arbeiten auf Papier. Das größte Werk, Mütze zwei Holzscheite (2002), misst 285 × 600 cm und beeindruckt durch seine rhythmische, tänzerische Geste.
Ausstellungsrundgang

Das Museum Reinhard Ernst präsentiert Wolfgang Holleghas gewaltige Bilderwelten in fünf Räumen, die jeweils unter einem Leitgedanken stehen:
Raum 1 – Denk nicht, schau!
Das Museum Reinhard Ernst lädt ein, „mit den Augen eines anderen zu sehen: nicht flüchtig, sondern genauer“. Besucher erfahren den zentralen Gedanken, der Holleghas Malerei bestimmt: Es geht ums Schauen, nicht ums Erklären. Hollegha selbst sagte: „Ich will den Gegenstand nicht zum Verschwinden bringen, sondern mit meinen Mitteln in Malerei verwandeln.“ Der Malprozess beginnt stets mit einem konkreten Motiv – etwa einem Holzscheit, Wollknäuel oder Korb. Aus der genauen Beobachtung entsteht Abstraktion; Zeichnen, Verarbeiten, Vergrößern und Verdichten sind Arbeitsschritte eines Malers, der aufmerksam tastend vorgeht.
Raum 2 – Raum für Malerei
Nach dem Tod seiner Ziehmutter konnte Hollegha dank einer Erbschaft auf dem Rechberg einen Bauernhof erwerben und so „Raum für Malerei“ schaffen. Später baute er ein rund 15 Meter hohes, lichtdurchflutetes Sommeratelier aus Holz, das wie ein Zelt wirkt. Dort entstanden großformatige Gemälde, die er erst von der Empore aus in ihrer Gesamtheit betrachten konnte. Das Winteratelier ist kleiner, beheizt und diente der Vorbereitung von Leinwänden und Arbeiten auf Papier. In dieser Abgeschiedenheit entwickelte Hollegha seine eigenständige Bildsprache. Das Museum Reinhard Ernst lädt ein, die enge Verbindung von Raum, Bewegung und Sehen nachzuvollziehen.
Raum 3 – Die Leinwand als Arena
Holleghas Malerei beginnt mit Bewegung. Das anfänglich konkrete Objekt wird in einen offenen Bildraum überführt. Der Körper des Künstlers wird zum Werkzeug, die Leinwand zur Arena. Verdünnte Farbe wird geschüttet, gerieben und wieder abgenommen – die Bewegung schreibt sich direkt in die Bildoberfläche ein. Das Museum Reinhard Ernst lädt ein, die körperliche Dimension des Schaffensprozesses und die Dynamik der Malerei zu erleben.

Raum 4 – Sehen. Bewegen. Verwandeln.
Ausgangspunkt ist stets das Motiv, oft unscheinbar und bar jeder Symbolik. Abstraktion entsteht aus der genauen Betrachtung des Konkreten. Zeichnungen dienen Hollegha als „Instrumentarium des Sehens“, um Schwünge zu üben und Bewegungen zu erfassen. Auf der Leinwand werden Ding und Bewegung eins, Sichtbares verwandelt sich in neue Wirklichkeit. Das Museum Reinhard Ernst lädt ein, die Metamorphose des Gegenstands in Farbe, Form und innerer Logik nachzuvollziehen.
Raum 5 – Begegnung mit amerikanischen Weggefährten
Der US-amerikanische Kritiker Clement Greenberg erkannte früh Holleghas Potenzial und wählte ihn 1959 für eine Ausstellung in New York aus. 1960 stand Hollegha in engem Austausch mit Friedel Dzubas, Helen Frankenthaler, Morris Louis, Kenneth Noland und Jules Olitski. Holleghas Werke beziehen sich auf die reale Welt und öffnen Tiefenräume, die abstrakt und subjektiv wirken. Trotz frühen internationalen Erfolgs entschied er sich bewusst für den Rückzug auf den Rechberg. Das Museum Reinhard Ernst lädt ein, Holleghas eigenständige Position im internationalen Dialog zwischen europäischem Blick und amerikanischer Farbfeldmalerei zu entdecken.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)
Informationen und Tickets: Museum Reinhard Ernst
Katalog
Der Ausstellungskatalog würdigt das Werk Wolfgang Holleghas und zeigt, wie Kunst in der Konzentration aufs Notwendigste tiefgehende Wirkung entfalten kann. Herausgegeben von Günther Holler-Schuster und der Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, mit Beiträgen von Oliver Kornhoff, Stephen Moonie, Peter Peer, Lea Schäfer und Renate Wiehager. Wienand Verlag, 2025, ISBN 978-3-86832-844-8, deutsch-englische Ausgabe, Hardcover 30,7 × 25,0 cm
