„Tapetenwechsel“ — Intervention von Bastian Muhr ab 27.02. – 28.06. im Museum Wiesbaden

Skulptur: Soltan Szekessy Knabe mit Taube und das Bild von Alexej von Jawlensky Stillleben mit Samowar vor der wandhohen Blümchentapete von Bastian Muhr in der Sonderausstellung: „Tapetenwechsel Intervention“ vom 27 Feb — 28 Jun 26 im Museum Wiesbaden. © Foto Diether v. Goddenthow

Ist die Tapete selbst Bild oder „nur“ (dekorativer) Hintergrund für etwas, das sich im Raum abspielt, etwa für ein Bild oder eine davor platzierte Skulptur? Oder ist die Tapete Teil der Architektur, in der sie sich befindet – oder alles zusammen? Bastian Muhr stellt uns vom 27. Februar bis 28. Juni 2026 im Museum Wiesbaden diese Fragen. Aber viel mehr als das. Indem er gemeinsam mit dem Wiesbadener Kuratorenteam ausgesuchte Werke, also Bilder, auf den Tapeten platziert oder Skulpturen davor in Position rückt, bringt er neue Ebenen ins Spiel. Wörtlich, also räumlich, aber auch im inhaltlichen Sinne, indem er mit seinen in neue Beziehungen gesetzten „Bildern“ den Betrachtenden neue Perspektiven der Betrachtung anbietet.

Dr. Jörg Daur, stellvertretender Direktor und Kustos für moderne und zeitgenössische Kunst am Museum Wiesbaden, führt in die Ausstellung ein. © Foto Diether v. Goddenthow

Indem er klassische Bilder auf seinen Tapeten positioniere, „bringt er neue Ebenen ins Spiel – wörtlich, also räumlich, ebenso wie inhaltlich, indem er Bezüge zwischen den ‚Bildern‘ schaffe“, so Jörg Daur, stellvertretender Direktor und Kustos für moderne und zeitgenössische Kunst am Museum Wiesbaden. Seit einigen Jahren beschäftige Muhr die Gestaltung von Tapeten. „Er entwirft Musterungen, die sich im Wandverlauf verändern: Motive werden durch einen Algorithmus zufällig auf der Fläche nebeneinander verteilt, oder die Form der Ornamente ändert sich kontinuierlich. Für ihn entsteht dabei eine Kombination aus gemustertem Hintergrund und komponiertem Wandbild. Die Arbeiten genau in diesem Zwischenbereich zu positionieren, empfindet er als besonders reizvoll“, so Daur.

Dr. Jörg Daur und Bastian Muhr vor der Tapete „Crivellis Gurken“ der Sonderausstellung: „Tapetenwechsel
Intervention“ vom 27 Feb — 28 Jun 26 im Museum Wiesbaden. © Foto Diether v. Goddenthow

Die Tapeten entstehen mithilfe einer „Tapetenmaschine“, einem Algorithmus, der den Verlauf des Musters bestimmt – linear oder per Zufall, indem festgelegte Elemente willkürlich aneinandergesetzt werden. Ähnlich wie in Muhrs Bleistiftzeichnungen, deren Struktur durch Auswürfeln – ganz analog per Hand – fortgeschrieben wird, tritt auch hier eine Komponente hinzu, die System und Zufall in einen Dialog setzt.

Im Eingriff in den Raum und in die Architektur, die dieser bietet, testet Bastian Muhr die Wahrnehmung der Betrachtenden. Wie schon bei seiner Bodenarbeit „Zickzack“ (2016 im Projektraum des Museums) entwerfen auch seine Tapeten eine lineare Struktur – eine Art Netz, das sich zwischen Wand und Raumkontinuum schiebt.

Mitten ins Blümchenmeer von Bastian Muhrs Blümchentapete wurde Benno Waldorfs Portrait Hannah Becker vom Rat gekonnt platziert. © Foto Diether v. Goddenthow

Bastian Muhr (*1981) lebt und arbeitet in Berlin. Er arbeitet mit unterschiedlichen Medien; sein Fokus liegt auf Zeichnung und Malerei. Regelmäßig realisiert er große ortsspezifische Arbeiten in der Architektur von Ausstellungsräumen oder im öffentlichen Raum. Von 2004 bis 2010 studierte er Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seitdem wurden seine Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien, der Slowakei und den USA gezeigt.

„Neupräsentation – Moderne und Zeitgenössische Kunst“

Impression der Ausstellung: Neupräsentation der Modernen und Zeitgenössischen Kunst vom 9 Feb 2026 — 28 Feb 2027 im Museum Wiesbaden. © Foto Diether v. Goddenthow

„Tapetenwechsel“ bedeutet aber auch Veränderung. So sei der Titel bewusst als Hinweis auf die vom 9. Februar 2026 bis 28. Februar 2027 gezeigte „Neupräsentation – Moderne und Zeitgenössische Kunst“ gewählt, von der Muhrs Ausstellung mit drei bespielten Räumen selbst Teil ist.
In der „Neupräsentation“ – mit Werken von Horst Antes über Jörg Immendorf bis Andy Warhol – geht es zentral um die Frage, was es für Betrachtende bedeutet, wenn Künstlerinnen und Künstler in der Moderne und zeitgenössischen Kunst die nahezu grenzenlose Gestaltungsfreiheit zur Umsetzung ihrer Gedanken oder Vorhaben nutzen – sei es in Malerei, Zeichnung, Skulptur oder Installation. Mit der Neupräsentation der Sammlung Moderne und Zeitgenössische Kunst nimmt das Museum Wiesbaden nicht nur Werke aus seinen Depots in den Blick, sondern möchte auch Denkwege eröffnen, indem es Museumshighlights und manch längst vergessenes Werk in neue Beziehungen setzt. Muhrs Großraumtapeten – seien sie als Hintergründe oder selbst Bild – laden bestens dazu ein, Sehgewohnheiten zu hinterfragen und das Verhältnis von Bild, Wand und Raum neu zu denken.

(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

Museum Wiesbaden